Schon als er heute Morgen aufgewacht war, hatte er diese Schmerzen. Es war nicht der Schmerz, der nach der Morphiumkiste auf dem Regal verlangte. Nach vielen Jahren hatte er inzwischen auch herausgefunden, dass es ebenfalls nicht der Schmerz war, den man mit Vicodin bekämpfen konnte. Betäuben ja, aber irgendwie kam er immer wieder. Er war sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt ein Schmerz war oder etwas anderes. Alles was er wusste war, dass dieses drückende Gefühl in seiner Brust wieder da war. Ein Stechen, dass er nicht lokalisieren konnte. Kontrollieren konnte er es schon gar nicht. Es kam inzwischen nur noch etwa aller sechs Monate, aber selbst das war ihm zu viel. Es engte ihn ein und das Fehlen einer rationalen Erklärung machte es nicht besser.
Eines wusste er jedoch: Wann immer dieses Gefühl, dieser Schmerz kam, holte er die Holzkiste unter seinem Bett hervor. Eigentlich wusste er, dass es dadurch nur noch schlimmer wird, aber er konnte sich irgendwie auch nicht dagegen wehren und so ließ er es meistens geschehen. So auch heute. Er ging von der Küche ins Schlafzimmer, kniete sich hin und suchte nach der Kiste. Als seine Finger das geschnitzte Ornament auf der Oberfläche ertasteten, verstärkte sich das Drücken und Kribbeln in seiner Brust noch einmal. Er zog die Kiste hervor, wischte mit dem Hemdsärmel den Staub vom Deckel und setzte sich langsam aufs Bett. Er atmete tief ein.
Etwa zehn Minuten lang starrte er die Kiste einfach nur an. Sein Großvater hatte sie ihm geschenkt, als er noch ein kleiner Junge war. Sie bedeutete ihm damals viel, denn es passten all seine Sachen hinein, die er gern hatte: der schwarze Stein vom Strand, der aussah wie ein Herz; die Muschel, die das Rauschen des Meeres eingefangen hatte (sein Vater behauptete das wäre Unsinn); die Steinschleuder; Postkarten von den Orten an denen er schon war; ein Modellauto; viele kleine Baseball-Sammelkarten; und jede Menge andere Gegenstände. Durch die häufigen Umzüge waren ihm diese kleinen Dinge viel wichtiger geworden als die großen, die er ohnehin meist irgendwo zurücklassen musste. Er nannte sie "meine Geheimniskiste".
Heute schlummerten andere Geheimnisse in der alten Kiste aus dem dunklen Holz, dessen Oberfläche sich kühl und doch so vertraut anfühlte. Die Steine, Muscheln und Sammelkarten waren lange weg. Doch genauso wie diese Dinge ein Teil seiner Vergangenheit waren, so war auch der jetzige Inhalt ein Teil davon. Langsam öffnete er die Kiste an dem Messingverschluss, der erstaunlicherweise nie kaputt gegangen war. Er schob den Deckel mit einem leisen Knarren nach oben und schon wurde der Schmerz wieder schlimmer. Ganz oben lag ein Foto, dessen Ecken umgeknickt waren. Die Farben waren etwas verblichen, doch auch das ließ keinen Zweifel daran aufkommen, was auf dem Bild zu sehen war.
Stacy hatte blaue Farbe im Gesicht und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Er saß daneben, mit seinem gewohnten, widerwilligen Gesichtsausdruck, der zu sagen schien: "Was mach ich hier bloß?" Sein Arm war ungelenk um ihre Schultern gewunden und selbst jetzt, mehr als zwölf Jahre später, kam dieses peinlich berührte Gefühl von damals wieder in ihm auf. Der schlechte Versuch eines Lächelns war auf seinem Gesicht abgebildet. Für die Ewigkeit.
Er hatte zugestimmt bei dem Paintball-Turnier mitzumachen, damit er unter seinen Kollegen nicht wieder als misanthropischer Spielverderber galt. Außerdem war er so zwei Stunden Clinic-Dienst losgeworden, was der eigentliche Grund für seine Teilnahme war. Das Spiel stellte sich dann aber als lustiger als gedacht heraus und trotz seiner Abneigung gegen jede Form von Krieg und das Militär, das er immer nur mit seinem Vater verband, fand er doch Gefallen daran das gegnerische Team mit Farbkugeln zu beschießen. Das bevorzugte Objekt in seiner Schusslinie hatte er schnell ausgemacht: die gut aussehende Brünette aus der Rechtsabteilung des Krankenhauses.
Nach dem Turnier stellten sich Gespräche ohne Waffe in der Hand als etwas schwieriger hinaus. Zumindest für ihn. Er fand sie nett, konnte das aber irgendwie nicht zeigen. Später wird sie es schon noch gemerkt haben, dachte er jetzt. Dieses Später gab es auch in der Kiste—unter dem Foto ganz oben. Andere Bilder (das aus der Fotobox vom Jahrmarkt war sein liebstes); Post-it-Notizen mit unsinnigen Liebeserklärungen, die einst am Kühlschrank hafteten; eine Postkarte von Stacy aus Tokio mit den Worten 'Jede Menge Spaß hier!' und halbnackten japanischen Schulmädchen auf der Vorderseite; zwei Flugtickets nach Paris, die nie eingelöst wurden; ein silberner Ring (er hatte immer bestritten, dass es auch nur im geringsten so etwas wie ein Verlobungsring war).
Warum hatte er es überhaupt aufgehoben? Jeder der ihn kannte (oder es zumindest glaubte), hätte ihn nie für die Art sentimentalen Menschen gehalten, der so etwas behält und es in eine Kiste unterm Bett stopft. Verbrennen hätte besser gepasst. Aber er hat es nicht geschafft. Auch dann nicht als der Schmerz—das Stechen—noch viel größer war und ihn sehr viel häufiger überkam. Doch auch heute kam er nicht weit in der Kiste und musste sie wieder zumachen bevor er die Dinge ganz unten erreicht hatte. Lautlos verschwand sie unterm Bett, wo sie herkam und hoffentlich für die nächsten Monate bleiben würde. Auch wenn er sie lieber nie wieder hervorholen würde, gab ihm ihre Existenz unter dem Bett eine gewisse Sicherheit. Und wenn es nur eine Bestätigung dafür war, dass es tatsächlich passiert ist. Dass es diese Zeit des Glücks wirklich gab.
Wenn er doch nur diesen Schmerz in seiner Brust erklären könnte.
