Samstag: Bibel

Heute war es der Schmerz, der nach der Morphiumbox verlangte. Dumpf und pochend, stechend und konstant. Eine leere Dose Vicodin stand auf dem Wohnzimmertisch. Sie war schon leer, da war er noch nicht einmal aus dem Bett gekommen. Eine neue (aber jetzt angefangene Dose) befand sich in seinem festen, schwitzigen Klammergriff. Es half alles nichts. Seine Pläne für den Tag sahen anders aus: Raus aus der Stadt mit dem Motorrad, so weit wie möglich, Wind um die Nase, weg von allem. Doch im Moment war sein Bein nicht auf Ausflüge eingestellt. Nicht einmal auf Ausflüge ins Badezimmer.

Er rang innerlich mit sich. Die einzige zufrieden stellende Lösung für sein Bein war das Morphium. Doch selbst wenn der Schmerz dadurch erträglicher wird, so ist es doch wieder ein verlorener Tag. Ein Tag des auf dem Sofa Herumliegens, eingehüllt im sanften Morphiumschlaf. Eigentlich klang es verlockend, aber eine leise Stimme in der hinteren Ecke seines Hirns sagte ihm, dass er schon zu viele Tage verloren hatte. Entweder so oder anders, aber verloren ist verloren. Solche Tage kommen nie wieder.

Doch mit dem Schmerz war alles genauso verloren. Mühsam rappelte er sich vom Sofa auf und kniff vor Schmerzen die Augen zusammen. Er angelte seinen Stock vom Sofaende und ging in unendlich langsamen Schritten zum Regal. Sein ohnehin schon aus dem Takt geratener Gang, hatte mit Musik und Rhythmus in seinen Ohren jetzt gar nichts mehr zu tun. Nur mühsam öffnete er die Augen und wartete bis sein Blick nicht mehr so verschwommen war.

Hunderte von Büchern blickten ihm entgegen. Er hat sie alle gelesen, an die meisten erinnerte er sich, einige konnte er rezitieren. Der Anblick eines Bücherregals ließ sein Herz immer höher schlagen, schon als kleiner Junge, als er mit seiner Mutter das erste Mal die Bibliothek auf der Armeebasis besuchte, auf der sie damals gerade lebten. Sein Vater hielt nicht viel von Büchern. Die Liebe seines Sohnes für diese Objekte war ihm suspekt und er schrieb ihnen die bohrenden und vorlauten Fragen zu, die Greg als Kind dauernd stellte. Seiner Meinung nach konnte man das Leben nicht verstehen, auch wenn man alle Bücher dieser Welt gelesen hätte. "Das Leben lernt man im Kampf da draußen zu verstehen, nicht auf weißen Seiten", hörte House seinen Vater sagen. Er würde es ihm nie erzählen, aber vielleicht hatte er recht. Jetzt schien es ihm so, als hätten ihm all diese Bücher nichts gebracht.

Die Leiter war nicht allzu weit weg und er konnte sie langsam an die entsprechende Stelle des Regals hieven. Er lehnte seinen Kopf für ein paar Momente an das kühle Metall an und atmete tief ein und aus. An der kalten Oberfläche konnte er den Pulsschlag in seiner Schläfe spüren. Zu schnell, viel zu schnell. Das Morphium ganz oben zu deponieren, war das Beste in Zeiten, wenn er es vielleicht wollte, aber nicht wirklich brauchte. In Momenten wie jetzt, war es die wohl unglücklichste Lösung.

Langsam, ganz langsam und mit dem Versuch sein rechtes Bein so wenig wie möglich zu belasten, stieg er die ersten drei Stufen hinauf. Es dauerte ewig. Ewig war in Ordnung, solange er irgendwann bis nach oben kam bevor der Schmerz in aufgefressen hatte, aber er spürte, dass er eine weitere Stufe nicht schaffen würde. Er tastete ohne nach oben zu sehen das Regal ab, doch die erlösende Kiste konnte er nicht finden. Seinen Frust konnte nur noch ein heftiges Ausatmen signalisieren. Er würde eine weitere Stufe nach oben müssen um an die Box zu kommen. Er kniff die Augen zusammen und begann wieder schwer ein und aus zu atmen. In einem schnellen Ruck nahm er die nächste Stufe in Angriff und hoffte dabei die Kiste zu erwischen. Sie war direkt unter seinen Fingern und er konnte sie zu sich ziehen. Er verlor kurzzeitig das Gleichgewicht, konnte sich aber am Regal festhalten. Das Regal wackelte bedenklich und ein Buch, das mit der Kiste an die Kante gezogen wurde, fiel mit einem lauten Knall nach unten und blieb aufgeschlagen liegen.

House schnaufte erleichtert und klemmte sich die Kiste unter den Arm. Beim mühseligen Abstieg klammerte er sich verzweifelt am Regal und an der Leiter fest, doch diesmal behielt er das Gleichgewicht. Völlig erschöpft ließ er sich auf dem Sofa nieder und öffnete mit zitternden Händen die Box in der seine Erlösung lag. Seine Hände machten ihm das Aufziehen der Spritze nicht leicht, aber er war geübt genug in solchen Situationen und konnte das Morphium injizieren, bevor der Schmerz in seinem Oberschenkel durch die Anstrengung auf der Leiter endgültig zu explodieren drohte. Schon nach kurzer Zeit trat Erleichterung ein und House ließ sich gegen die Rückenlehne des Sofas fallen. Die Farben, die er mit geschlossenen Augen sah, wurden wieder heller. Die dunklen Wolken verzogen sich. Einige Minuten später war er bereits in einer unbequemen Position auf dem Sofa eingeschlafen.

Erst Stunden später wachte er immer noch benommen, aber mit deutlich weniger Schmerzen auf. Nun war der Tag endgültig verloren; draußen war es bereits dunkel. Er machte die Lampe auf dem Beistelltisch an und versuchte sich mit zusammengekniffenen Augen an das Licht zu gewöhnen. Eigentlich war dieser Tag nur noch zum Fernsehen gut, dachte er sich und suchte seine Umgebung nach der Fernbedienung ab. Die Suche blieb erfolglos und er stand auf, um im gesamten Zimmer zu suchen. In den gewohnt humpelnden, aber immer noch sehr langsamen Schritten ging er durchs Zimmer. Schließlich entdeckte er die Fernbedienung auf einem Stapel alter Medizinjournale vor dem Bücherregal. Er ging hin, beugte sich nach unten und nahm sie, als sein Blick auf das Buch fiel, das direkt daneben auf dem Boden lag. Es war jenes Buch, das vom Regal gefallen war, als er nach dem Morphium fischte.

Er wusste gleich was es war, obwohl er sich eigentlich sicher war, dass er es gar nicht mehr besaß. Doch die Tatsache, dass es doch noch da war, war es gar nicht, die ihn verwunderte und erstaunte, sondern das was er sah als er noch näher heranging: Das Buch lag aufgeschlagen in dem Chaos auf dem Fußboden und die Überschrift der Seite verkündete "Das Buch Hiob".

Er hatte als Kind die Bibel mit seiner Mutter gelesen. Niemand in seiner Familie war streng gläubig, aber seine Mutter hielt es für eine gute Idee, ihn in der Bibel lesen zu lassen und so über Religion aufzuklären. Sie genoss es—ganz im Gegensatz zu seinem Vater—dass er ständig so viele Fragen stellte und alles genau wissen wollte. Oft war sie mit seinen Fragen überfordert, aber sie versuchte ihr Bestes zu geben. Sein verschmitztes Lächeln, wenn er etwas neues gelernt hatte, war ihr Lohn.

Das Buch Hiob war dem kleinen Greg immer ein Rätsel. So viel er auch darüber nachdachte, konnte er doch keine rationale Erklärung dafür finden. Warum sollte Gott einen guten Menschen so sehr strafen? Tief im Inneren machte ihm die Geschichte um Hiob und seine Familie auch ein bisschen Angst. Was wenn ihm auch so etwas passiert? Wenn Gott ihn auf die Probe stellen will.

House nahm die Bibel und ließ die Fernbedingung wieder fallen. Er ging zurück zum Sofa und versuchte eine einigermaßen bequeme Position für sein Bein zu finden. Dann begann er zu lesen. Er kannte die Geschichte, aber heute bekam sie für ihn eine ganz andere Bedeutung. Er versuchte den Gedanken an Parallelen zwischen Hiob und sich zu verdrängen, aber so ganz gelang es ihm nicht.

"Danach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag. Und Hiob sprach: Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! Jener Tag soll finster sein, und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen!"

Blödsinn.

"Denn was ich gefürchtet habe, ist über mich gekommen, und wovor mir graute, hat mich getroffen. Ich hatte keinen Frieden, keine Rast, keine Ruhe, da kam schon wieder ein Ungemach!"

Quatsch.

"Und der Herr gab Hiob doppelt soviel, wie er gehabt hatte."

Ach wirklich?

"Und Hiob starb alt und lebenssatt."

Als er das Buch zu Ende gelesen hatte, fragte sich House leise, ob er irgendwann auch zweimal so viel bekommen wird, wie ihm genommen wurde. Oder wenigstens irgendwas. Ein Leben ohne den Schmerz würde ihm schon reichen. Wahrscheinlich nicht. Hiob war wenigstens ein guter und frommer Mann. Er schlug das Buch zu und starrte ins Leere. Mit einem leisen Lachen ließ er das Buch auf den Boden fallen. Was für ein großer Quatsch. Das mit dem Glauben und ihm wird wohl doch nichts mehr, dachte er.

Aber netter Versuch von Gott.