Kapitel 2
Überraschungen
Mit freundlichem, aber falschem Lächeln, tauschte Sakura die Sakeflasche auf dem Tisch aus. Gerade, als sie ihre Hand zurückziehen wollte, spürte sie einen Druck um ihr Gelenk. Verwundert blickte sie auf eine große, haarige, prankenartige Hand, unter der sich ihre milchige Haut noch weißer färbte.
"Hey Süße, hier geblieben! Du kannst mir einschenken, dafür bist du doch da."
Rote, hervorquellende Augen sahen sie gierig an. Sakura wich einen Schritt zurück und hörte sich schließlich selbst schreien, als sie auf den Schoss des Mannes gezogen wurde. Stinkender Alkoholatem mit mehr als einem Hauch von Fischgeruch, wurde ihr gegen das Gesicht geblasen.
"Bitte lassen sie mich, ich muss noch arbeiten."
Der fette Haarige lachte rau und umschlang ihre Hüfte.
"Tust du doch. Dafür bist du doch da."
Seine Hand hob ihr ein Porzellanschälchen unter die Nase. Mit zittrigen Fingern goss sie den heißen Reiswein ein und ließ auch die wandernde Hand über sich ergehen. Nichts wünschte sie sich jetzt mehr, als ein Kunai, um es in den schwabbeligen Leib zu stoßen.
Die getarnte Kunoichi quiekte auf, als sich die haarige Hand des Trinkers einen Weg unter den Stoff gebahnt hatte und nun ihr Knie tätschelte. Den Blick hatte er abgewannt und trank gelassen aus dem Schälchen.
Es reichte Sakura und mürrisch wollte sie aufstehen, wurde jedoch zurückgehalten. Der Griff um ihren Körper wurde härter.
"Hier geblieben!"
Das Mädchen verharrte einen Moment und begann um sich zu schlagen. Sie hatte genug Erfahrung, um sich mit einem einzigen Schlag für immer von diesem miesen, stinkenden Typen zu befreien.
Sie quiekte erneut, als ihr Handgelenk wieder gepackt wurde und sie diesmal nach vorn gezogen wurde. Ein Körper schob sich zwischen sie und dem Trinker.
"Lass die Frau in Ruhe!" zischte ein hochgewachsener Mann mit dunklem Teint.
Der Bärenmann brauchte eine Weile, um die Situation in seinem vernebelten Hirn zu erfassen. Langsam hob er den Kopf und blickte dem jüngeren ins kantige Gesicht. Seine Muskeln schienen sich erst zu überlegen, ob sie sich bewegen sollten, denn nur unkoordiniert und zögerlich verschoben sie sich zu einer grimmigen Maske.
"Was soll das?"
"Sie haben die Frau belästigt und das kann ich nicht gut heißen."
Die glasigen Augen blickten am massigen Körper vor ihnen vorbei zu Sakura, die neugierig dahinter hervorlugte.
"Was? Das ist doch nur ne Nutte. Dafür is die doch da. Ich bezahl ja auch dafür."
Sakura schluckte hart, streckte zaghaft ihren Finger hoch und hauchte schließlich:
"Kellnerin. Ich bin eine Kellnerin."
Ihr Protest ging unter. Der Retter, der niemand anderes war, als der Rausschmeißer des Hauses, schnappte sich Betrunkenen und "geleitete" ihn hinaus. Schimpfend stand der Dicke aus dem Straßenstaub auf und verschwand schließlich in der Menge.
"Danke Takuya", seufzte Sakura erleichtert und erntete dafür nur knappes Nicken.Der bullige Rausschmeißer setzte sich in Bewegung, um wieder in dem Gedränge der Tische zu verschwinden. Nur einen kurzen Moment verharrte er noch und seine schwarzen Augen blickten die Rosahaarige über die Schulter hinweg an."Du sollst dich bei Madame Ming melden."
Fest umklammerte Sakura das Tablett vor ihrer Brust. Dieser Satz ließ ihre Welt zusammenbrechen. Es hieß nie etwas Gutes, wenn die Besitzerin von Teehaus und anschließendem Bordell eines ihrer Mädchen zu sich rief. Im besten Fall, wurde sie in die Küche versetzt, im schlimmsten, würde sie ihren Kimono nur noch halb so oft waschen müssen, weil sie ihn eh kaum noch tragen würde.
Mit langsamen, schleppenden Schritten, schlich das Mädchen zum Büro, im abgetrennten Bordell.
Madame
Ming war der Prototyp einer Puffmutter. Sie kannte dieses Gewerbe wie
kaum jemand anderes und rächte sich an jahrelanger Ausbeutung,
indem sie selber ausbeutete. Die Frau war der Typ Mutter, die ihre
Kinder mit harter Hand erzog und dafür ewige Loyalität
erwartete, während sie zu ihren Kunden ausschließlich mit
zuckersüßer Stimme sprach.
"Komm
rein, Herzchen!" forderte sie Sakura auf, als deren Silhouette
hinter der Papiertür erschien.
Fast
lautlos glitt die Tür zu Seite und Sakura rutschte auf ihren
Knien herein. Ihre ängstlichen Augen blickten erwartungsvoll zu
der älteren Frau in der Mitte des Raumes. Madame Ming baute
kleinere Münzstapel auf und strich sich dabei immer wieder eine
schwere Strähne rabenschwarzen Haares hinter das Ohr. Ihr
hellblauer Kimono mit den dunkelblauen Blüten, entblößte
ihre Schultern und den Brustansatz.
Erst jetzt
blickte sie auf. Sakura bemerkte sofort den weißen Puder und
die karminroten Lippen. Ming war nie ungeschminkt, ganz im Gegensatz
zu ihr.
"Komm
näher!"
Die
Bordellbesitzerin deutete auf eine kleine Reismatte vor dem niedrigen
Tisch. Zögerlich rutschte Sakura noch näher heran. Ihr Herz
klopfte wie wild.
"Du
wirst ab sofort auch in den Zimmern arbeiten müssen."
Und ihr
Herz blieb stehen. Das Grün ihrer Augen weitete sich schockiert.
"Bitte?"
Madame
Ming fesselte das Mädchen mit einem Blick.
"Du
hast schon verstanden. Heute kam eine Gruppe Stammkunden an. Sie
bezahlen sehr gut, aber leider sind alle Mädchen bereits
besetzt."
Vorsichtig
schob sie die Geldstapel zur Seite, setzte die Ellenbogen auf den
Tisch und verschränkte die Finger.
"Ich
habe dich aufgenommen, einen kleinen Straßenköter wie
dich. Nun bist du mir etwas schuldig."
Sakura
verzog eine Grimasse, während ihr Inneres tobte. Von wegen
Straßenköter. Sie war eine Kunoichi vom Rang eines
Chu-nin. Wenn sie nur die Möglichkeit hätte, würde sie
dieser Madame Ming schon zeigen was das bedeutete und dann würde
diese Vogelscheuche sich nie wieder wagen, auch nur eines ihrer
Mädchen wie Vieh zu verkaufen.
Mit
hängendem Kopf schlich Sakura den Gang zu den Schlafzimmern
entlang.
Die
anderen Mädchen waren tatsächlich beschäftigt. Wie
jeden Tag erfüllte Gekicher und Gekeuche die Atmosphäre.
Wenn sie jemals wieder nach Konoha zurückkehren sollte, würde
sie sich bei Tsunade für diese Tarnung revanchieren.
Eine Hand
legte sich auf Sakuras Schulter und laut quiekend presste sie sich
mit dem Rücken gegen die Wand. Erleichtert bemerkte sie, dass es
nur Ino war.
"Lass
mich raten? Madame Ming hat dich auch eingeteilt?"
Die
Blondine nickte und raubte Sakura damit noch ein Stück mehr
Hoffnung. Wie sollten sie da nur wieder herauskommen? Sie konnte sich
doch unmöglich einem fremden Mann hingeben. Es wäre doch
ihr erstes Mal und das kann doch nicht für so etwas verschwendet
werden.
Ino ließ
eine Hand in ihren lila Kimono gleiten und zog eine kleine Phiole mit
einer klaren Flüssigkeit hervor. Ohne Zögern drückte
sie diese in die Hand ihrer Freundin.
"Takuya
hat mir erzählt, dass die immer Sake bestellen. Schütte das
hinein und er wird sofort schlafen, wie ein Baby."
Dankbar
stieß Sakura etwas Luft hervor und nahm das kleine Fläschchen
entgegen. Kurz umarmte sie ihre blonde Freundin.
"Danke..."
Ino
lächelte knapp.
"Kein
Problem. Wir müssen ja zusammenhalten."
Heißer
Dampf behinderte die Sicht. Ein junges Mädchen mit nackten
Beinen, flitzte über die nassen Fliesen und sammelte nasse
Handtücher auf. Die Männer im großen Becken ließen
sich dadurch nicht stören. Angeregt unterhielten sie sich,
zumindest einige von ihnen. Die Gruppe bestand aus Konoha-Anbu, von
denen die meisten gerade erst dazu ernannt wurden.
Einer von
ihnen stieß das Hirn der Truppe an.
"Und?
Wirst du wieder die ganze Nacht im Teehaus verbringen und Shogi
spielen?"
Der
Angesprochene, dessen Haare zu einem hohen, buschigen Zopf gebunden
waren, verdrehte nur die Augen.
"Es
ist zumindest sinnvoller als das was ihr vorhabt."
Der
dickliche Braunhaarige neben ihm grinste breit.
"Deswegen
und weil Ino dich sonst umbringt."
Die jungen
Männer lachten laut, bis auf einen. In der Ecke zerschnitten
schwarze Augen den Nebel des heißen Wassers. Ebenholzschwarze
Haare fielen in ein weiches, fast frauliches Gesicht.
Uchiha
Sasuke beobachtete das Verhalten seiner drei Teamkameraden mit
Skepsis. Ihm war derartig lautes Verhalten zuwider. Das hatte er
schon als Kind nicht bei Naruto gemocht und seit dem Vorfall mit
Orochimaru war er noch introvertierter geworden. Menschliche Nähe
war ihm unheimlich, deswegen schätzte er Orte wie diesen.
"Dann
lasst uns mal gehen", verkündete ein junger Mann mit
Tätowierungen im Gesicht und braunem, struppigen Haar.
"Unsere
liebe Madame Ming darf ja schließlich nicht verhungern, weil
das Geld ausbleibt."
Inuzuka
Kiba grinste dreckig und fing sich von allen Seiten genervte Blicke
ein.
Nervös
schritt Sakura in ihrem kleinen Zimmer auf und ab und knetete dabei
die Hände. Neben ihrer Matte stand ein rundes Tablett mit zwei
Flaschen Sake und einem Schälchen zum Trinken. Das junge Mädchen
seufzte. Wie er wohl aussehen würde? Sicher groß und dich
mit üblem Mundgeruch, wie die Hälfte hier.
Oder
klein, abgemagert und mit Frettchengesicht, wie die andere Hälfte.
Ihr wurde
übel bei dem Gedanken daran.
Sie zuckte
zusammen, als lautes Gelächter und Schritte auf dem Flur
hallten. Sie waren da, zu dritt. Eine Tür wurde aufgeschoben und
der Erste verschwand. Das Gelächter verstummte. Vier Füße
gingen weiter. Eine weitere Tür, ganz nah, rutschte zur Seite.
Es war Inos Zimmer. Die letzten Schritte kamen immer näher und
verstummten schließlich vor ihrer dünnen Holztür.
Sakura erstarrte auf ihrem Platz. Bedächtig glitt die Tür
zu Seite.
Fassungslos
starrte Ino auf ihren Kunden, der sie nicht einmal angesehen hatte,
stattdessen war er sofort auf das Essen gestürzt das im Zimmer
stand. Die Blondine hatte sich schon gewundert weshalb hier ein
halbes Büfett aufgebaut worden war, aber nun erklärte sich
alles.Sie
räusperte sich lautstark und erntete endlich die Aufmerksamkeit
des Braunhaarigen mit dem Gewichtsproblem. Seine Augen weiteten sich,
allerdings hinderte es ihn nicht daran, weiterhin zu kauen.
"Hallo
Choji!"
Das
Mädchen lächelte fröhlich, wartete einen Moment und
hielt sich schließlich die Ohren zu, als ihr alter Freund sie
fassungslos mit Fragen bombardierte.
Sakura
hielt die Luft an, als ihr Kunde eintrat, an ihr vorbeiging und
sofort begann sich auszuziehen. Er beachtete den Sake nicht einmal,
dabei hatte sie alles von Inos Betäubungsmittel hinein
geschüttet. Was nützte das Zeug, wenn er es nicht trank?
Leicht
panisch sah sie auf den Rücken des Mannes. Er war noch sehr
jung, etwa ihr Alter, mit sehr blasser Haut und glänzendem,
schwarzen Haar. Ein wenig erinnerte er die Rosahaarige an Sasuke. Ja,
genau Sasuke. Vielleicht würden Gedanken an ihn alles etwas
besser machen? Ein Versuch war es zumindest wert.
Langsam
kam sie näher und berührte den Mann flüchtig am
Schulterblatt. Die Haut war kühl und weich. Skeptisch wanderten
ihre Augen seinen gut gebauten Körper hinauf und blieben am
Nacken hängen. Ein rötlicher Fleck zeichnete sich dort ab,
etwa handtellergroß. Sakura blinzelte mehrmals. Es waren die
Überreste eines Siegels, eines ihr bekannten Siegels.
"Sa...",
setzte sie an und wurde sofort von ihm unterbrochen.
"Zieh
dich aus!" befahl er kalt, ohne sie anzusehen. "Ich habe
nicht viel Zeit."
Sakura war
baff. Mit heruntergeklapptem Kinn und aufgerissenen Augen starrte sie
den Mann ihrer Träume, seit sie denken kann, an. Das war
wirklich die Höhe. Er war nicht viel besser, als Madame Ming,
viel eher noch schlimmer.
Für
was hielt er Huren eigentlich? Für Tiere, denen es nichts
ausmachte, wenn man nur einfach drüberrutschte? Würde er
sich etwa auch so verhalten, wenn er mal in einer Beziehung steckt?
Was hatte
sie ihn früher angehimmelt und ihn für den größten,
besten, tollsten gehalten. Und nun zerplatzten alle romantischen
Träume mit einem Mal.
"Sasuke?"
fragte sie barsch und erreichte, dass er sich halbnackt umdrehte.
Seine
schwarzen Augen glitten ihren Körper auf und ab, während
sein Hirn die Informationen verarbeitete. Er schluckte hart und lief
ein wenig rot an.
"Sa-sakura?"
"Weiß
Shikamaru, was du so in deiner Freizeit treibst?"
Durchdringend
blickte Choji seine alte Freundin an und kaute dabei ohne Unterlass
auf einem Stück Fleisch. Ino seufzte.
"Das
ist nicht meine Freizeit. Ich arbeite hier."
Seine
Augen wanderten an ihrem Körper auf und ab.
"Sehe
ich. Verdienst du gut?"
Das
Mädchen hatte das Bedürfnis, den Kopf solange auf den
Holzboden zu schlagen, bis sie nichts mehr spürte. Das durfte
doch nicht wahr sein. Ausgerechnet der beste Freund ihres Freundes
hielt sie für eine Prostituierte. Sehr viel schlimmer konnte es
nun auch nicht mehr kommen.
Sasuke
hatte sich wieder beruhigt und saß nun dem rosahaarigen Mädchen
gegenüber. Sein Blick war kalt und jagte ihr eine Gänsehaut
den Rücken hinauf. Es herrschte eine bedrückende
Atmosphäre."Zahlt
Tsunade dir nicht genug?"Überrascht
riss Sakura die Augen auf. Sasuke hielt sie doch nicht etwa wirklich
dafür? Kannte er sie wirklich so schlecht? Und noch mehr
romantische Träume zerplatzten.
"Sei
nicht albern! Ich bin natürlich wegen einer Mission hier."
"Ah."
Wie sie
diesen Laut hasste. Es bedeutete, dass Sasuke ihr entweder nicht
glaubte oder ihre Geschichte für zu übertrieben hielt. Und
noch schlimmer war sein Blick dazu.
"Tut
mir leid, dass ich dir deinen Spaß vermasselt habe",
zischte sie bissig.
Der junge
Anbu hob eine Braue und blickte das hübsche Mädchen
abschätzend an.
"Ich
habe bezahlt- nicht? Also verlange ich auch die Gegenleistung dafür."
Eisiges
Schweigen setzte ein. Fassungslos starrte Sakura ihren Schwarm an.
Heute war wirklich nicht der beste Tag für ihre romantischen
Fantasien. Es musste
sich nur noch herausstellen, was für diese tödlicher war:
die Tatsache, dass der Angebetete für Sex bezahlte, dass er die
Bordellmädchen nicht gerade als Menschen ansah oder dass er es
anscheinend auch mit ihr machen würde.
Sakura
dachte kurz nach. Schließlich lächelte sie zuckersüß,
während ihr Innerstes bitterböse grinste.
"Etwas
Sake vielleicht? Du siehst durstig aus."
