2.
Trina stand noch eine ganze Weile hilflos vor dem Fahrstuhl und wartete auf ihren Bruder. Sie konnte ja nicht ahnen, dass 14 Etagen unter ihr etwas passiert war, das Lisa Plenske wie ein großes und sehr unwahrscheinliches Déjà-vu vorkam: Sie war mit einem jungen Mann zusammengestoßen und hatte dabei ihre Akten fallen gelassen. „Oh, tut mir leid. Ich war so in Gedanken", entschuldigte sich der dunkelhaarige Mann bei ihr. „Ich habe nämlich einen Termin bei Kerima Moda und bin schon ziemlich spät dran." Lisa hatte sich gebückt, um die aus den Akten heraus gefallenen Papiere aufzuheben. Wie oft muss das noch passieren, bevor sie sich endlich angewöhnte, Dinge ordentlich abzuheften? Kurz musterte sie den Mann aus dem Augenwinkel und bemerkte die offensichtliche Ähnlichkeit mit der neuen Azubine. „Wie gut, dass Sie Kerima jetzt gefunden haben." Mit der freien Hand deutete sie in Richtung Eingang. „Sie werden dort schon sehnsüchtig erwartet. Lassen Sie mal, ich kann das alleine aufheben." – „Sicher?" – „Sicher. Strafe für's nicht abheften muss sein, oder?" Lisa sah Rokko hinterher und ertappte sich dabei, wie sie dachte: An dieser Stelle und mit genauso einem Zusammenstoß habe ich mich in David verliebt, schallt sich aber gleich wieder für diesen Gedanken. Statistisch gesehen, passiert so etwas so gut wie nie. Lisa lächelte, Blödsinn! Nicht einmal ihr würde das zweimal passieren. Sie raffte ihre Sachen zusammen und machte sich auf den Weg zu Jürgen – wenn sie heute noch etwas arbeiten wollte, dann konnte nur er ihr helfen.
„Und du bist dir sicher, dass du nichts Flüssiges hineingeschüttet hast?" – „Jaaaa." – „Ja, du bist dir sicher oder ja, du hast etwas reingeschüttet?" – „Ja, ich bin mir sicher. Also Jürgen, glaubst du wirklich, ich würde mit meinem Laptop zu dir kommen, wenn mir etwas Derartiges passiert wäre?" – „Hast du ihn vielleicht 'runtergeworfen?" – „Nein, auch nicht." Jürgen untersuchte den Computer immer noch fachmännisch: „Ist der Akku vielleicht alle?" – „Jetzt schlägt es aber 13! Nein, der Akku ist nicht alle. Ich hatte ihn den ganzen Tag an der Steckdose." – „Auch, als heute Nachmittag der Strom ausgefallen ist?" – „Jaaaa, auch da." – „Dann hat er vermutlich das gleiche Problem wie meine Tiefkühltruhe." – „Du meinst, statt Eis ist Matsch drin?" – „So 'was in der Art. Passt du kurz auf den Kiosk auf? Ich nehme ihn mit in mein Hinterzimmer. Jürgen der Exorzist Decker wird sich um den kleinen Quälgeist kümmern." Grinsend ging Jürgen durch die Hintertür.
„Und? Wie war dein erster Tag? Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen! Was musstest du alles machen? Sind die auch nett zu dir? Hast du schon Freunde gefunden?" – „Schön war's. Ich habe kopiert und Tabellen für Frau Plenske getippt. Ja… und nett sind auch alle. Und Freunde finde ich bestimmt auch bald. Das war mein erster Tag, es geht nicht alles auf einmal, weißt du." Trina wollte nicht, dass Rokko sich Sorgen machte, darum verschwieg sie ihm die Schmuddeltrulla-Angelegenheit. Sie vertraute Lisa in dieser Beziehung, sie wollte ihr einfach glauben, dass sie nicht wieder die Person sein würde, auf der alle rumhackten. „Und diese Frau Plenske ist deine Chefin?" – „Ja, und sie ist toll, sie ist genial, sie rechnet das alles im Kopf und sie hat mir so viele Aufgaben übertragen und sie ist nett. Ich glaube, ich kann viel von ihr lernen." – „Das ist ja auch der Sinn einer Ausbildung", schmunzelte Rokko. Seine kleine Schwester war ja richtig begeistert von ihrer Chefin. Sie strahlte förmlich, das war ein gutes Zeichen. Rokko fühlte sich erleichtert. Er hatte immer noch ein schlechtes Gewissen, weil er Trina nach Berlin gebracht hatte und es ihr hier so schwer gemacht wurde. Aber es ging aber nun einmal nicht anders: Arbeit gab es nur hier für ihn und er brauchte Arbeit, um für sie beide sorgen zu können. Trina hatte tapfer die Hänseleien ihrer neuen Mitschüler ertragen und er wusste, wie sehr sie darunter litt. Deshalb war er jetzt umso glücklicher, dass es ihr bei Kerima offensichtlich gut gefiel. „Lass uns noch kurz da rein gehen, ich hätte gerne noch eine Zeitung, okay? Danach gehört der Abend dir."
„Ich habe es gefunden. Es ist ein Wackelkontakt. Keine große Sache, das reparier ich dir gleich", rief Jürgen durch die Tür seines Hinterzimmers, als Rokko und Trina den Kiosk betraten. Lisa stand mit dem Rücken zur Tür und konnte die zwei nicht sehen. „Ich warte besser draußen, ja?" Ehe Rokko etwas erwidern konnte, hatte seine kleine Schwester sich fast fluchtartig nach draußen begeben. Dass sie aber auch so menschenscheu sein musste... Von wem sie das wohl hatte? Mehr Gedanken konnte Rokko sich nicht machen, denn als er seine Zeitung bezahlen wollte, sah er der jungen Frau von eben in die Augen: „So schnell sieht man sich wieder", scherzte er. „Ja, so schnell geht das manchmal", errötete Lisa. Er musste schmunzeln… als würde ihm Trina in blond gegenüber stehen. „Und hier, ein Eis, leicht angetaut, als Geschenk des Hauses." Jürgens Tiefkühltruhe hatte nach dem Stromausfall am Nachmittag keinen Mucks mehr gesagt und solange das Eis nicht völliger Matsch war, verschenkte er es an seine Kunden. „Ich denke dabei nur an die armen Kinder in Afrika. Bei dem Gedanken kommt es mir wie Verschwendung vor, das alles wegzuwerfen", hatte Jürgen auf jeden fragenden Blick geantwortet, aber Lisa verkniff sich diesen Kommentar lieber. „Schönen Abend noch", wünschte Jürgen, als er in seinen Kiosk kam und den letzten Kunden des Tages gerade noch von hinten sah.
„So, das hast du jetzt davon: Ich habe ein Eis geschenkt gekriegt, weil ich so mutig war, in diesen bösen, bösen Kiosk zu gehen. Und ich teile bestimmt nicht mit dir – es ist nämlich Schokolade mit Schokoüberzug." – „Ich will dein Eis ja gar nicht." – „Aber du willst mir sagen, warum du auf dem Absatz kehrt gemacht hast." – „Weil meine Chefin da saß." – „Die blonde Frau ist deine Chefin? Da musst du dich irren." – „Doch. Du sagst doch immer, dass Äußerlichkeiten nicht wichtig sind." – „Davon bin ich auch fest überzeugt, aber die Mehrheitseignerin von Kerima Moda verkauft nach Feierabend bestimmt keine Zeitungen und verschenkt dazu Eis. Du sagtest doch, sie sei nett. Wieso bist du dann nicht mit 'reingekommen und hast Hallo gesagt?" – „Weil du du bist und ich ich bin." – „Das ist natürlich ein guter Grund." – „Was für einen Film wollen wir denn nun eigentlich sehen?" Gut, wenn Trina ablenken wollte, dann würde Rokko es ihr diesmal durchgehen lassen. Es hatte sowieso keinen Sinn mit ihr reden zu wollen, wenn sie es nicht wollte. Er würde dann eh nichts von ihr erfahren.
