3.
Es war Mitte September und Trina war bereits 6 Wochen von Kerima. Lisa blieb ihr Potential nicht verborgen und daher spannte sie Trina ganz und gar für sich ein. Ohne es zu ahnen, hatte sie so dafür gesorgt, dass Trina es unter gleichaltrigen Mitarbeitern und besonders bei Kim jetzt noch schwerer hatte: „Schmuddeltrulla ist der Liebling der Chefin. Zahnspangen und Geschmacklosigkeiten unter sich. Geht ihr auch gemeinsam zum Kieferorthopäden?" Mit Hannah und Timo verstand sie sich ganz gut, aber sowie Kim dazukam, war sie abgemeldet. In der Berufsschule hingegen lief es ganz gut: Sie hatte sich mit Connie, einem Mädchen aus ihrem Buchhaltungskurs, angefreundet.
Es war Trina-Abend, was bedeutete, dass Trina kochte und abwusch. Sie hatte den ganzen Abend ununterbrochen geredet und auch jetzt, beim Abwaschen war ihr Redefluss kaum zu stoppen. Rokko staunte nicht schlecht und hörte ihr deshalb besonders aufmerksam zu – es kam ja nicht oft vor, dass sie so unbeschwert plapperte. „Das kannst du dir nicht vorstellen!", beendete Trina ihren Bericht. Doch das konnte er sich vorstellen, er war dabei gewesen – er hatte Lisa Plenske in Aktion erlebt. In der Mittagspause war er zu Kerima Moda gegangen. Er hatte gerade einen Auftrag abgeschlossen und wollte Trina abholen, um dem Ganzen mit ihr zusammen ein würdevolles Ende zu geben – bei Pizza und Kirschsaft, dem Kowalski-Lieblingsschmaus. Als Fräulein Hofmann endlich fertig war, ihre Nägel zu perfektionieren, konnte er sich anmelden: „Ich bin Rokko Kowalski, ich möchte zu…" – „… zur Schmuddeltrulla. Ey, dann hat die ja doch nich halluziosiniert, als sie meinte sie hätte nen Bruder in der Werbebranche." – „Wie sprechen Sie denn von meiner Schwester?" Rokko wollte der blonden Frau noch einiges mehr sagen, als Lisa Plenske an ihm vorbeihuschte: „Sabrina, ich brauche einen Mediator, dringend." – „Bei deinem Gesicht würde ick den och brauchen." – „Ein Mediator ist ein… Vergiss es, überanstrenge dich damit nicht, ruf einfach in der Rechtsabteilung an und sag denen, sie sollen einen in mein Büro schicken." – „Kannste da nich selber anrufen?" – „Doch klar, aber dann bist du hier überflüssig." – „Und was ist mit Schmuddeltrulla? Auf die stehste doch so im Moment." – „Wann geht das eigentlich in deine Birne? Sie heißt Trina und sie hat gerade etwas Besseres zu tun. Also hör auf dir zu überlegen, wie du dich darum drücken kannst und ruf einfach da an." Lisa wollte gerade gehen, als sie sich noch einmal umdrehte: „Ach ja, wenn ich etwas anatomisch korrekt Geformtes und/oder Batteriebetriebenes kriege, kannst du deine Kündigungsurkunde bei mir abholen." Dann wandte sie sich an Rokko: „Sie wollen bestimmt zu Trina, oder? Ich schicke sie so schnell es geht raus, hier ist gerade wirklich viel los und sie ist eine echte Hilfe." Es erfüllte Rokko mit Stolz zu hören, dass seine kleine Schwester gute Arbeit leistete und ihre Chefin das zu würdigen wusste. „Am besten Sie setzen sich ans Catering, sonst läuft Sie hier noch jemand über den Haufen."
„Stell dir vor, sie hat mich genial genannt. Sie ist zufrieden mit meiner Arbeit, sagt sie", Trina riss Rokko aus dem Film in seinem Kopf. „Am Nachmittag saß sie mit den beiden Geschäftsführern und der PR-Managerin zur Krisensitzung in ihrem Büro und ich habe Kaffee für alle gebracht und…" vor lauter Nervosität Lisas Kaffee über den gesamten Schreibtisch geschüttet. „Können Sie denn nicht aufpassen? Ich verstehe nicht, wieso du jemand so Ungeschickten in die Nähe deines Schreibtisches lässt", David war sichtlich genervt. „Höchst wahrscheinlich nicht aus den gleichen Gründen, warum ich Kaffee über deinen Schreibtisch schütten durfte. Kein Grund zur Aufregung, Trina, es gibt kaum eine Flüssigkeit, mit der diese Schreibtischplatte noch keinen Kontakt hatte." Lisa griff in eine Schublade und holte eine Rolle Küchenpapier hervor, um die Pfütze aufzuwischen. „Und wie wollen Sie jetzt weiter vorgehen? Der Streik sorgt dafür, dass der Kurs ins Bodenlose fällt und genug Finanzmittel, um gegenzukaufen haben Sie auch nicht", warf Richard ein. „Als erstes wird Mariella eine Stellungnahme rausgeben, dass wir nicht wissen, wie es zu diesen Gerüchten gekommen ist, dass wir nicht vorhaben, jemanden zu entlassen, dass wir alles im Griff haben und uns darum kümmern und so." Lisa sah Mariella an und war insgeheim froh, dass David sie im Februar geheiratet hat. Bei dem Gedanken, dass Davids Verhalten ihr nach der Übernahme nicht die Augen geöffnet hätte und dass sie vielleicht immer noch heimlich hoffen würde, er könnte sie eines Tages lieben, wurde ihr ganz anders. Nachdem es ihr gelungen war, Kerima zu übernehmen, war David vorübergehend zu einem echten Kotzbrocken mutiert. Er hatte sich aufgeführt, als wäre er der König der Welt, das war Lisa schon ziemlich unangenehm aufgefallen. Erst ihre Entscheidung, ihn und Richard zu gleichrangigen Geschäftsführern zu machen, hatte seinen Höhenflug gestoppt. Dann begann Richard allerdings um die Gunst seines Vaters zu werben und das heile Familienleben mit Sabrina aufzubauen und David fühlte sich herausgefordert und setzte zum Wettrüsten an. Er schreckte nicht einmal davor zurück, Mariella übereilt zu einer Ehe zu nötigen. Da fiel es Lisa wie Schuppen von den Augen: Sie liebte nicht David Seidel, sie liebte die Idee, die sie von ihm hatte, die Person, die sie sich in ihrer Fantasie ausgemalt hatte. „Diese Person gibt es irgendwo und das Schicksal sorgt schon dafür, dass ihr zueinander findet", hatte Jürgen ihr damals gesagt und sie klammerte sich an diesen Gedanken. In den ersten Wochen der Ehe hatte sie David und Mariella beobachtet und wurde sich immer sicherer: Sie wollte einen Mann, der sie liebte, der ihr Geborgenheit und Sicherheit gab und keinen, der sie mit teuren und extravaganten Geschenken überhäufte. Ein Gutes hatte die Eheschließung dann doch: Seit dem Polterabend war sie mit Mariella per du: „Sie sind ja Davids zweite Trauzeugin und Sie sind ihm eine gute Freundin gewesen, hoffentlich bringt er das in die Ehe mit ein", hatte Mariella ihr gesagt, bevor sie Brüderschaft getrunken haben, sonst würde Lisa Mariella jetzt mit von Brahmberg-Seidel ansprechen müssen und das war in so hektischen Zeiten wie diesen durchaus ein Zungenbrecher. „Und wie steht es mit dem Finanzproblem?", unterbrach Richard ihre Gedanken. „Es gibt die Möglichkeit der reziproken Beleihung von Beteiligungen zwischen Kerima und B-Style." Richard schien zu zweifeln. „Wenn Sie es so anstellen, dass die Geldgeber nichts von den Transaktionen…" Als Trina acht Paar Augen auf sich gerichtet fühlte, wurde ihr bewusst, dass sie laut gesprochen hatte und sie brach sofort ab. Wie peinlich, sie sollte doch eigentlich schon gar nicht mehr hier sein. „Was dann Trina? Sprechen Sie weiter", ermutigte Lisa sie. Ihre Wangen glühten ganz aufgeregt: „Dann können Sie bis zu vier Millionen Euro machen. Sie müssten allerdings…" David fiel ihr ins Wort: „Du willst doch nicht auf dieser Hirngespinste deiner Azubine hören?" – „Nun sei doch mal still, Bruderherz und lass sie ausreden. Größerer Käse als bei dir kann ja kaum rauskommen." Lisa war überrascht – dass Richard gegen David war, war ja nichts Neues, aber dass er auch nicht gegen sie war, war ungewöhnlich. Lisa nickte Trina ermutigend zu. Als sie mit ihren Ausführungen fertig war, fragte Lisa sie: „Klingt so, als hätten Sie das schon einmal gemacht." – „Ähm ja, in einem Börsenplanspiel in der Schule." – „In einem Börsenplanspiel, ich fasse es nicht." David war sichtlich ungehalten, während Richard sich ein Stück Papier genommen hatte und darauf rumkritzelte: „Das könnte in der Tat funktionieren." – „Gut, Trina, Sie können den Tisch dort haben." Lisa deutete auf den Tisch in der Ecke ihres Büros: „Ich hätte dann doch gerne im Blick, wenn Sie das durchführen." – „Ich…ich soll…?" – „Natürlich, es war Ihre Idee. Ich stehe Ihnen natürlich zur Seite, aber Sie werden alle wichtigen Schritte durchführen."
Trina war fertig mit dem Abwasch und setzte sich zu Rokko auf das Sofa: „Und da ist noch etwas…" – „Was? Du hast das ganze Firmenkapital verloren und unsere Haftpflichtversicherung will nicht dafür aufkommen?" Er versuchte witzig zu sein, weil er Trinas Blick einfach nicht deuten konnte. „Ich habe dir doch von dem Streik in dem Werk in Tschechien erzählt?" – „Ja, jeden Tag seit er angefangen hat. Und?" – „Frau Plenske will mit Herrn Seidel und Frau von Brahmberg-Seidel hinfahren und sie will…, dass ich… also dass ich mitkomme." Trina strahlte. Rokko konnte sich nicht erinnern, wann er sie das letzte Mal hatte so strahlen sehen. „Und du willst mit?" – „Oh ja, bitte, Rokko!" Trinas große braune Augen wurden noch größer und glänzten ganz aufgeregt. Sie sah wieder aus wie die kleine Dreijährige, die seine kalte Hand genommen hatte, als sie am Grab ihrer Eltern standen – da war er gerade mal 12: „Rokko, wieso weinst du? Mama und Papa bringen uns doch immer etwas Schönes von ihren Reisen mit." – „Ja, kleine Trina, ich weiß, aber diesmal kommen sie nicht wieder." – „Dann verreisen sie ganz weit weg, oder? Wieder für die Arbeit?" – „Nein, Trina, nicht für die Arbeit, aber sehr weit weg." – „Wenn sie anrufen, dann können wir ihnen sagen, dass sie uns fehlen und dann kommen sie bestimmt ganz schnell wieder." In diesem Moment hatte er sie hoch genommen und fest an sich gedrückt. Er hatte hart schlucken müssen, bevor er weitersprechen konnte: „Trina, sie werden nicht anrufen." – „Nicht anrufen und nicht wiederkommen? Rokko, was wird dann mit uns?" – „Du hast immer noch mich und ich werde auf dich aufpassen." Seit dem Tod ihrer Eltern hatte Trina sich standhaft geweigert zu verreisen und hatte bis in die frühe Pubertät Szenen gemacht, wenn jemand verreisen wollte. Trina neigte seit dem tödlichen Unfall ihrer Eltern dazu, sich sofort zu sorgen, wenn jemand nicht pünktlich war, deshalb war er an ihrem ersten Arbeitstag auch so kopflos, als er es nicht rechtzeitig zu Kerima geschafft hatte. „Und du willst wirklich mitfahren?", er musste sich noch einmal vergewissern, dass er sie richtig verstanden hat. „Ja. Frau Plenske sagt, ich könnte dort viel lernen und Erfahrungen sammeln. Sie sagt, sie glaubt an mich und… ja, ich möchte mit. Du darfst nicht ‚nein' sagen, bitte." Wie hatte diese Frau Plenske das wohl gemacht? Seine Trina war ja völlig hin und weg. So hatte er sie so gut wie nie erlebt. „Ich muss sie kennen lernen." Oh, schoss es Trina durch den Kopf. Richtig, eine Freundin hatte er lange nicht gehabt. Die meisten der Frauen, die er in den letzten Jahren mit nach Hause gebracht hatte, hatten am nächsten Morgen: „Ich rufe dich an." gesagt und hatten dann nicht wieder angerufen. Das letzte Mal, dass er eine feste Freundin hatte – Katja mit den roten Haaren und den Sommersprossen –, war schon fast vier Jahre her und sie hatte ihn vor die Wahl gestellt: Trina oder sie. Und Rokko hatte keine Sekunde gezögert und sich für seine kleine Schwester entschieden. Seitdem hatte er keine Frau mehr in sein Leben gelassen. Trina wusste, wie sehr sich Rokko nach Liebe sehnte, nach der Liebe, die ihm seine Schwester nicht geben konnte, dass er von einer eigenen kleinen Familie träumte und sie wünschte ihm so sehr, endlich mal an die Richtige zu geraten. Diese Frau Plenske würde schon gut zu ihm passen, so jemanden hatte sie sich immer an Rokkos Seite gewünscht – sie würde bestimmt eine gute Schwägerin abgeben. Trina spürte, wie sie bei diesem Gedanken errötete. „Nicht so, wie du denkst." Trina wurde noch röter, wenn das überhaupt noch ging. Manchmal hatte sie das Gefühl, Rokko konnte Gedanken lesen. „Du bist zwar schon 19 und kannst das alleine entscheiden, aber ich wüsste trotzdem ganz gerne, mit wem du fährst und wohin genau, wie sich deine Chefin das vorstellt und was mit der Berufsschule wird."
