4.
„Frau Plenske? Haben Sie mal eine Minute für mich?" – „Natürlich Trina, was führt Sie so früh zu mir?" Lisa war gerade erst bei Kerima angekommen und wühlte noch in ihrer Tasche, als Trina leise in ihr Büro gekommen war. Unsicher stand sie dort und wusste nicht, wie sie anfangen sollte: „Also… Sie wissen ja, dass ich… also dass mein Bruder und ich, also dass wir zusammen wohnen und… also, ich habe ihn gefragt, ob ich mit nach Tschechien fahren darf und… also ich darf, aber… also, er möchte Sie vorher… also vorher mit Ihnen sprechen." Trina spürte genau, wie sich ihre hektischen Flecken den Weg von der Stirn in den Ausschnitt und zurück bahnten. „Natürlich, Trina. Soll ich ihn anrufen oder möchte er vorbeikommen? Ich nehme mal an, anrufen ist besser, wir fahren ja übermorgen schon." – „Rokko… also sein Auftrag ist vorbei und er hat ein paar Tage Zeit, bevor er etwas Neues anfängt und ich glaube, er möchte Sie lieber persönlich…" Lisa warf einen Blick in ihren Terminkalender: „Was ist mit heute Nachmittag, 14 Uhr? Denken Sie, er hat da Zeit?" – „Danke, Frau Plenske. Ich sage ihm gleich Bescheid."
Um 14 Uhr klopfte es an Lisas Bürotür: „So, Herr Kowalski, immer hinein in die gute Stube", scherzte Inka, als sie Rokko in Lisas Büro führte. „Gibt's noch irgendwas, Chefin?", wandte sie sich an Lisa. „Nein, das war's erstmal. Guten Tag, Herr Kowalski." Lisa erhob sich kurz und gab Rokko die Hand. „Nehmen Sie doch Platz." Sie deutete auf einen Stuhl. „Also, am besten Sie fangen an." Rokko saß da und sah Lisa an – diese blauen Augen, als würde man ins Meer sehen. „Herr Kowalski? Was ist?" – „Äh, nichts, ich habe Sie mir nur irgendwie anders vorgestellt." – „Aber wir haben uns doch schon mal gesehen." – „Ja, ich weiß, aber Trinas Schilderungen nach, naja, sahen Sie in meiner Fantasie immer aus wie Yoda." – „Yoda aus Star Wars?" Rokko nickte und wurde sich in diesem Moment bewusst, was für einen Blödsinn er da redete. „Sie meinen: Klein, faltig und mit spitzen Ohren? Das ist nicht gerade schmeichelhaft." Lisa amüsierte sich köstlich. „Nee, eigentlich eher: Klein, still und unheimlich weise." – „Na, das klingt ja schon besser. Aber weise bin ich bestimmt nicht. Also, Sie wollten mit mir über Trina sprechen." – „Ja, genau. Sie wollen sie mit nach Tschechien nehmen?" – „Ja. Ihre Schwester hat gute Ideen zur Krisenbewältigung beigetragen und ich finde, das ist eine gute Chance für sie, zu lernen, dass dieses Unternehmen nicht nur aus schicken Stoffen und viel Buchhaltung besteht. So kann sie lernen, dass hinter jedem Mitarbeiter auch ein Individuum steht." Rokko war baff, langsam dämmerte ihm, warum Trina so begeistert von ihr war. „Wissen Sie, eigentlich geht es gar nicht um die Reise oder um den Unterrichtsausfall in der Berufsschule, sondern es geht um etwas Anderes." Rokko zögerte einen Augenblick, entschied sich dann aber, ehrlich zu sein. Er hatte ohnehin den Eindruck, dass Lisas blaue Augen direkt in seine Seele sehen konnten: „Trina ist noch nie länger von Zuhause weg gewesen. Sie war drei, als unsere Eltern starben und seitdem hat sie sich standhaft geweigert zu verreisen. Das ist sozusagen das erste Mal, dass sie zu mir kam und mich um meine Zustimmung gebeten hat. Ich habe Angst, dass sie sich vielleicht übernimmt und sich erst in Tschechien bewusst wird, dass sie sich zuviel zumutet." Lisa war betreten, sie hatte sich nicht wirklich Gedanken gemacht, warum Trina bei ihrem Bruder und nicht bei ihren Eltern lebte. „Darf ich fragen, wie…" – „Bei einem Autounfall." Rokko sah ihn wieder vor sich, den Tag, an dem seine Eltern spät dran waren und hektisch alles zusammen suchten, was sie mit in ihre kleine Firma nehmen wollten. „Rokko, bringst du Trina bitte in den Kindergarten? Wir sind schon so spät dran", hatte seine Mutter ihn gebeten und er hatte gemault: „Wieso ich? Ihr braucht die kleine Nervensäge doch nur vor dem Kindergarten raussetzen." – „Rokko, das ist keine Bitte, das ist eine Anweisung. Bring sie einfach hin, es liegt doch eh auf deinem Weg zur Schule." Wieder sah Rokko die Kreuzung vor sich, die ihr Zuhause vom Kindergarten trennte. An jenem Morgen waren dort – sehr zu Trinas Begeisterung – mehrere Feuerwehrautos, überall war Löschschaum und man barg gerade die Leiche ihrer Mutter aus dem völlig zerstörten Auto. Später hatte Rokko erfahren, dass der fast unversehrte LKW-Fahrer die Ampel übersehen hatte, aber das machte es nicht besser – seine Eltern waren tot und er und Trina ganz alleine. Seine Großmutter hatte sie zu sich genommen, wie sooft, wenn ihre Eltern auf Dienstreise waren, aber diesmal blieben sie 7 Jahre. Rokko war gerade in Trinas Alter, als ihre Oma einen Schlaganfall hatte. Sie stand in der Küche und wollte Frühstück machen, als sie von einem Moment auf den anderen in sich zusammensackte – der Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen. Lange musste er um das Sorgerecht für Trina kämpfen und deshalb würde sie für ihn vermutlich immer das kleine, hilfsbedürftige Mädchen bleiben. Darum sprach er auch jetzt mit Lisa, die sich ziemlich zusammenreißen musste, um nicht in Tränen auszubrechen. „Also, Sie wissen, wir fahren wegen des Streiks dorthin und das kann unter Umständen ganz schnell gehen, unter Umständen aber auch ein paar Tage dauern. Ich verspreche Ihnen, ich habe ein Auge auf Trina. Hier." Sie reichte ihm einen Zettel. „Das ist meine private Telefonnummer, dort erreichen Sie meine Familie. Wenn Sie in Trinas Abwesenheit ein ungutes Gefühl überkommt oder wenn die Berichterstattung hier mal wieder alles ins Unermessliche übertreibt, dann kriegen Sie dort Infos aus erster Hand." Lisa lächelte den besorgten Rokko an – so einen großen Bruder hätte sie auch immer gerne gehabt. „Leider kann ich Ihnen nicht sagen, dass alles ganz ungefährlich ist und wir nur einen Ausflug machen, immerhin dauert dieser Streik schon ein paar Tage und die Situation ist sehr angespannt, aber ich würde Ihre Schwester bestimmt nicht mitnehmen wollen, wenn ich sie dort nicht brauchen würde. Sie ist ein ganz tolles Mädchen und sie macht ihren Job wirklich gut. Mit der Berufsschule ist auch alles geklärt. Ihre Freundin Connie schreibt für sie mit." Rokko spürte seine Erleichterung und steckte den Zettel in seine Hemdtasche. „Vielen Dank, Frau Plenske. Wann und wo geht es denn nun aber eigentlich los?", fragte er möglichst locker, um sich nicht zu sehr anmerken zu lassen, wie gerührt er von ihrer Geste mit der Telefonnummer war und wie sehr er sich über ihre Worte freute. „Wir fliegen übermorgen früh um 8 Uhr von Tegel nach Prag, von dort aus geht es mit dem Zug nach Liberec. Dort ist das bestreikte Werk…"
