5.

Am Vortag hatte Rokko Trina zum Flughafen gebracht und kurz die Bekanntschaft von David und Mariella gemacht. Lisas Eltern waren auch da, um sich zu verabschieden, was ihr sichtlich unangenehm war. Nachdem die vier ins Flugzeug gestiegen waren, versicherte Helga ihm noch einmal, dass er wirklich anrufen könnte, wenn er das Bedürfnis hatte, aber bis jetzt war alles gut. Trina hatte nach der Ankunft kurz angerufen, um Bescheid zu sagen, dass sie gut angekommen war und dass die Verhandlungen mit den tschechischen Gewerkschaftern noch am Nachmittag beginnen würden. Sie war richtig aufgeregt, als würde sie sich darauf freuen.

Rokko hatte sich Brote geschmiert – extra dick mit Leberwurst und Käse, so wie er und Trina es gerne hatten – und setzte sich auf das Sofa. Trina bestand immer darauf, in Ruhe am Tisch zu essen und auf gar keinen Fall dabei fernzusehen, aber er mochte das ganz gerne, darum brezelte er sich ganz gemütlich auf das Sitzmöbel, drückte ein paar Tasten der Fernbedienung und staunte nicht schlecht bei dem, was er sah, als er endlich bei den Abendnachrichten ankam: „Live aus Liberec, vor der Hauptproduktionsstätte von Kerima Moda. Die Führungsetage kam am späten Vormittag hier an und begann sofort mit den Verhandlungen, die den Streik beenden sollen." Die Reportage zeigte Lisa, die Trina am Ellenbogen genommen hatte und durch die Masse von Reportern dirigierte: „Sagen Sie denen nichts. Die bekommen ein offizielles Statement, wenn es vorbei ist." Trina nickte. „Bitte, lassen Sie uns einfach nur unsere Arbeit machen", sprach David die Journalisten an. „Frau Plenske, im volksnahen casual style gekleidet, wollte keine Auskunft über ihre Pläne geben. Seit über 4 Stunden ist Kerimas Führungsspitze in den Verhandlungen mit den Streikführern hier vor Ort. Wir werden Sie natürlich auf dem Laufenden halten. Hier ist…" Den Rest hörte Rokko gar nicht mehr – das gab es einfach nicht: Seine kleine Schwester im Fernsehen und er hatte keine Videokassette, um diesen nahezu historischen Augenblick festzuhalten. In den nächsten Tagen lief der sonst kaum genutzte Fernseher im Kowalski-Haushalt ununterbrochen. Rokko sog förmlich jede Sendung über den Streik in sich auf. Er war entsetzt bei den Bildern, die gezeigt wurden: Einige Arbeiter hatten Hoffnung geschöpft, als die Mehrheitseignerin höchstpersönlich angereist war und wollten ihre Arbeit wieder aufnehmen. Es kam zu Handgreiflichkeiten zwischen den Streikenden und den Streikbrechern, es gab sogar mehrere Verletzte. Rokko ertappte sich immer wieder dabei, wie er an Lisa dachte und sich sicher war, dass nur sie es schaffen würde, die Situation zu entschärfen. Für ihn war das alles schrecklich aufregend – schon alleine, weil seine kleine Schwester da mittendrin war. „Nach 30 Stunden ununterbrochenen Verhandlungen tut sich hier in Liberec endlich etwas." Der Nachrichtensprecher zog wieder Rokkos ganze Aufmerksamkeit auf sich. Die Tür öffnete sich und ein offensichtlich erschöpfter David Seidel trat heraus. „Herr Seidel, zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?" – „Herr Seidel, eine Stellungnahme!" Die Presse hatte ihn eingekreist und er kam nicht umhin, etwas zu sagen: „Wir haben noch immer keine Übereinkunft." – „Was bedeutet das?" – „Nun, erst einmal nichts, denn Frau Plenske verhandelt weiter, allerdings alleine. Das bringt doch alles nichts." – „Heißt das, Sie stellen die Entscheidung Ihrer Chefin in Frage?" – „Nein, natürlich nicht, aber sie ist eine hoffnungslose Idealistin auf der Suche nach dem perfekten Kompromiss und bis sie den gefunden hat, wird noch einige Zeit vergehen." Damit bahnte sich David seinen Weg durch die Reporter und Kamerateams. Langsam wurde Rokko unruhig – in seinen Augen klang das nicht gut und Trina hatte er auch nicht gesehen. Hieß das, sie war noch da drin? 30 Stunden ohne Schlaf. Er mochte sich kaum vorstellen, wie es ihr ging. Er ging an seinen Schreibtisch und holte den Zettel, den Lisa ihm gegeben hatte, hervor, betrachtete ihn und fuhr mit dem Finger darüber. Er griff nach dem Hörer und wollte die Nummer wählen, ließ dann aber davon ab. Es war ja schon so spät und er kannte die Plenskes ja gar nicht. Als Glucke wollte er nun wirklich nicht dastehen. Trina war alt genug, sie konnte auf sich aufpassen und Lisas Wort hatte er auch.

„Seit 48 Stunden verhandelt Elisabeth Plenske nun mit ihren Mitarbeitern hier in Liberec. Vor wenigen Minuten war hier ein Geräusch zu hören, das wie ein Schuss klang. Schalten Sie nicht um, wir halten Sie auf dem Laufenden." Das durfte doch nicht wahr sein, da machten die doch tatsächlich Werbung!! Rokko konnte es nicht fassen. Und dann auch noch so unkreative!! Als das Bild wieder umschwenkte und wieder das Haupttor der Fabrik in Tschechien gezeigt wurde, bekam Rokko große Augen: Dort stand Trina, sie hielt einen Zettel in der Hand und las etwas vor: „Wenn Sie nun bitte den Weg für den Notarzt frei machen würden", waren die einzigen Worte, die live übertragen wurden. Danach gab es wieder nur das Gesicht des Journalisten: „Die Assistentin von Elisabeth Plenske informierte uns gerade in wenigen Worten, dass das von uns als Schuss kategorisierte Geräusch lediglich ein Stapel Wörterbücher war, den einer der Dolmetscher bei einem Schwächanfall umgeworfen hat. Zu einer Einigung ist man hier noch immer nicht gekommen. Laut Katarina Kowalski verhandelt Frau Plenske jetzt nur mit einem Dolmetscher weiter, sie soll sich des Weiteren auf einem guten Weg in Richtung Einigung befinden. Bleiben Sie dran…" Rokko grübelte hin und her: Seine Schwester hatte in ganzen Sätzen vor vielen fremden Menschen gesprochen und wusste, dass sie dabei im Fernsehen ist. Er strahlte vor Stolz – seine kleine Schwester, endlich bekam sie die Anerkennung, die ihr für ihre Leistungen zustand. Immer wieder tigerte er in der Wohnung auf und ab und hoffte, der Nachrichtensender würde noch andere Einzelheiten verraten, aber da wurden gerade die verschiedensten Promis durchdiskutiert. Letztlich griff er doch nach der Nummer der Plenskes und rief an: „Guten Tag, Herr Plenske, hier ist Rokko Kowalski. Ich rufe an, weil… ja genau, weil ich mir Sorgen um meine Schwester mache…ja, viel sagen die im Fernsehen nicht…" Das Gespräch zwischen Bernd und ihm ging hin und her und endete damit, dass Rokko sich in der S-Bahn nach Göberitz wieder fand: „Dann komm doch einfach her, Junge. Dann können wir uns gemeinsam Sorgen machen." Rokko verbrachte also den Abend auf dem Plenskeschen Sofa – zwischen Helga, die es mit ihren Bemutterungen etwas zu gut meinte, und Bernd, der immer wieder darüber schimpfte, warum Lisa keinen ordentlichen Job hatte wie alle anderen auch, dann müssten sie jetzt nicht diesen schrecklichen Nachrichten zuhören und darüber spekulieren, was wohl gerade in Tschechien passierte.

Bevor Rokko an diesem Abend ins Bett ging, musste er einfach die Spätnachrichten sehen. Den ganzen Abend hatte es keine neuen Meldungen gegeben – diesmal gab es Neuigkeiten: „Hier ist Johannes Krämer mit Neuigkeiten aus Liberec: Vor ungefähr 10 Minuten kam Elisabeth Plenske zusammen mit den örtlichen Vertretern aus dem Gebäude. Es ist eine Übereinkunft erzielt worden, aber hören wir Frau Plenske selbst." Die Kamera schwenkte und zeigte Lisa zusammen mit Trina, daneben die tschechischen Gewerkschaftsvertreter. Lisa sah schlecht aus, abgekämpft und ziemlich übermüdet, sie sagte nicht viel, verwies auf die offizielle Stellungnahme, die Mariella von Brahmberg-Seidel herausgeben würde und bedankte sich dann bei allen, die ihr in den letzten Stunden zur Seite gestanden hatten: „In aller erster Linie Katarina Kowalski, dem Dolmetscherteam – besonders Herrn Karl wünsche ich nach seinem Zusammenbruch gute Besserung…" Rokko ging ein bisschen näher an den Fernseher heran, um auch ja nichts zu verpassen. Trina wurde bei den Worten ihrer Chefin feuerrot und wieder keine Videokassette!, verfluchte Rokko sich selbst. Insgeheim hoffte er, Trina würde noch anrufen, aber das tat sie nicht. Sie würde wohl schlafen. In dieser Nacht lag Rokko noch lange wach. Er lag in seinem Bett und starrte an die Decke. Er dachte über den Abend bei Lisas Eltern nach – sie waren so nett zu ihm gewesen. Einmal mehr wurde ihm schmerzlich bewusst, wie sehr ihm seine Familie und die damit verbundene Wärme fehlte. Vermutlich hatte Lisa sie darum gebeten, versuchte er seine Gedanken zu ordnen und doch noch Schlaf zu bekommen.

Das Telefon riss ihn letztlich aus dem bisschen Schlaf, den er bekommen hatte: „Guten Morgen, Rokko. Hier ist Trina." – „Hast du eine Ahnung wie spät es ist?", knurrte er unzufrieden. „Ja, halb 10 und ich wollte nur sagen, ich bin in drei Stunden wieder in Berlin. Ich habe dir ja soviel zu erzählen, das war alles so aufregend. Hast du etwas darüber im Fernsehen gesehen?" Trina war schon wieder so enthusiastisch, dass Rokkos schlechte Laune gleich verflog. „Ja, und ich hab vor allem dich gesehen. Ich freue mich, wenn du wieder da bist, dann kannst du mir alles erzählen. Ich hab dich lieb, Kleines." – „Ich dich auch. Bis später."

„Warten Sie, Frau Plenske. Ich brauche noch ein Mitbringsel für Rokko." Trina war im Flughafengebäude vor einem Souvenirshop stehen geblieben und betrachtete die Dinge, die es dort zu kaufen hab. „Das hier? Oder das?" Sie konnte sich einfach nicht entscheiden und auch Lisas Versuch, sie zu beraten schlug fehl. „Okay, Trina, machen Sie die Augen zu und greifen Sie nach dem erstbesten Gegenstand, sonst verpassen wir noch unseren Flug." Es amüsierte Lisa, dass Trina sich genauso schwer tat, Geschenke für ihre Lieben zu finden wie sie selbst. Letztlich nahm Trina einen Bierkrug mit der Skyline von Prag darauf. Lisa hatte das gleiche für ihren Vater genommen – ein Grund mehr für Trina, sich dafür zu entscheiden.

„Rokkoooooo!!!" Trina war kaum ins Flughafengebäude getreten, als sie Rokko auch schon entdeckt hatte und sich sofort in seine Arme warf. „Hallo, Frau Plenske", grüsste er die Chefin seiner Schwester und nahm sie kurz in den Arm. Was tust du denn da?, fragte er sich. Es kam ihm so natürlich vor und wenn Trina mit irgendeiner anderen Freundin weggefahren wäre, hätte er das wohl auch getan. Lisa war auch überrascht, normalerweise war ihr diese Art von „körperlicher Annährung" eher unangenehm, aber das hier fühlte sich doch gar nicht schlecht an. „Hallo, Herr Kowalski", grüsste sie zurück. „Sie sehen sehr müde aus", bemerkte er. „Danke und Sie beneidenswert ausgeschlafen." Wenn sie wüsste... Gut, er hatte etwas geschlafen und im Vergleich zu ihr, konnte man das durchaus als „ausgeschlafen" durchgehen lassen. „Komm, Schnatti, lass uns nach Hause fahren", unterbrach Bernd den Smalltalk. „Vielleicht sollten Sie nicht durch den Hauptausgang rausgehen." Lisa sah Rokko fragend an: „Da sind doch nicht etwa diese Pressehaie?" – „Ich fürchte schon und das ist ein wahres Haifischbecken." – „Wo ist eigentlich das Seidelhemd?", fragte Bernd „Friedrich will, dass ich ihn und das Fräulein Mariella nach Hause fahre." – „Die sind noch ein paar Tage in Prag, romantischer Urlaub und so. A propos Urlaub: Trina, ich will Sie mindestens zwei Tage nicht bei Kerima sehen, okay? Schlafen Sie sich richtig aus, ja?" – „Wenn ich mich richtig ausgeschlafen habe, sind die zwei Tage um", grinste Trina zurück. Rokko war verwirrt: War das seine Schwester, die da so locker sprach? Diese Frau Plenske hatte ja ein richtiges Wunder vollbracht. Hoffentlich hielt ihr guter Einfluss noch eine Weile an, dachte er bei sich.