6.
Schuhe, Schu-he, Absatz-schuhe, Slip-per, San-dalen, Flip-Flops, Haus-pusch-en, Lauf-ler-ner… Rokko saß an seinem Schreibtisch und zerbrach sich den Kopf über seinen neuen Auftrag. Trina war seit ein paar Tagen aus Tschechien zurück und er konnte sich endlich auf darauf konzentrieren, dieser Firma zu einer guten Werbekampagne zu verhelfen – leider wollte ihm nichts Brauchbares einfallen. Sein neuer Chef hatte ihm die Entwürfe als „Inspirationshilfe" gegeben und Rokko hatte sie zu diesem Zweck an die Wand in seinem Arbeitszimmer geheftet – nur gerade jetzt empfand er sie mehr wie eine Mahnung: Lass dir etwas einfallen und zwar dalli. Dalli, das war's… eher Dali. Rokko zückte einen Stift und begann zu zeichnen. Wenn er so versunken in seine Arbeit war, dann merkte er gar nicht, wie die Zeit verging, ob es draußen hell oder schon dunkel war, ob es klingelte, welches Lied im Radio lief, rein gar nichts. Erst das laute Knallen der Eingangstür, gefolgt von Getrampel auf der Treppe und einem weiteren Türknallen riss ihn aus seiner „kreativen Trance".
Vorsichtig betrat er Trinas Zimmer. Warum er dabei vorsichtig war, wusste er auch nicht, sie war nicht der Typ, der mit Gegenständen warf, wenn sie wütend war, obwohl er sich das manchmal wünschte. Ihm schien es einfacher mit einem richtigen „Ausraster" umzugehen, als sie jedes Mal aus ihren Schneckenhaus herauszuquatschen, um zu erfahren, was passiert war. „Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?" – „Keine Laus, eine zickige Firmengründertochter." Trina und Kim waren bei Kerima aneinander geraten. Laut Kim bekam „Schmuddeltrulla" viel zu viele Aufgaben zugewiesen und fühlte sich benachteiligt. Lisa hatte sich bei ihrer Forderung nach einer anspruchsvolleren Aufgabe dazu hinreißen lassen, ihr zu sagen, dass das ohne Schulabschluss und ordentliche Ausbildung nicht möglich sei. Kims Trotz war geweckt: „Ich bin die Tochter eines der Firmengründer und du hast dich hier genauso reinschmarotzt wie Schmuddeltrulla. Ich werde den Vorstand einberufen, um durchzudrücken, dass ich auch eine wichtige Aufgabe kriege." – „Oh Kim, mach dich doch nicht lächerlich." Selbst David war es irgendwann zu bunt geworden und dass er lachte, machte Kim nur noch wütender. „Okay, hör zu, es gibt schon eine wichtige Aufgabe, die ich dir geben könnte, aber du musst sofort ja sagen und wenn du erstmal ja gesagt hast, gibt es kein Zurück mehr." Lisas Augen funkelten verschwörerisch. „Los, spuck es schon aus. Ich nehme alles, was besser ist als diese dusselige Praktikantinnenstelle." – „Gut, dann bist du jetzt Assistentin." – „Wie geil ist das denn? Und wessen Assistentin?" – „Sabrinas." Die hatte sich am Vormittag noch bei Max beschwert, dass sie eine bräuchte und jetzt, wo die Modenschausaison vor der Tür stand, würde ihr Hilfe in der Tat gut tun. Rokko kannte Kim zwar nicht, konnte sich aber gut vorstellen, dass ihre Begeisterung darüber, dass sie so geleimt wurden war, nicht sehr groß war und an Trina hatte sich ihr Frust entladen. Die lag nun wiederum auf ihrem Bett und heulte – vor Wut oder vor Gnatz? „Also, wenn du mich fragst, ist diese Kim nur neidisch auf dich." – „Neidisch?" Das konnte sich Trina nun gar nicht vorstellen - normalerweise war sie für die Leute nur der Fußabtreter und sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, aus welchen Gründen. „Naja, du machst deinen Job gut und Frau Plenske vertraut dir, vielleicht will diese Kim das auch." – „Oder sie kriegt nur nicht mehr die Aufmerksamkeit, die sie gewohnt ist." – „Na bitte, du lächelst ja schon wieder."
In den darauf folgenden Tagen sahen sich Rokko und Trina so gut wie gar nicht – bei Kerima gab es viel zu tun und auch Rokko war gut mit der Vorbereitung der Schuhpräsentation beschäftigt. Anfang Oktober war es dann soweit: Rokkos Ideen wurden in die Tat umgesetzt und alles, was Rang und Namen hatte, war zur „Ultimate Shoe Show" gekommen. Lisa musste in den sauren Apfel beißen und mit Richard dorthin gehen. Eigentlich hätte sie lieber einen der „Kreativen" mitgenommen, aber keiner von denen sah die Notwendigkeit, dieser relativ neuen und noch unbekannten Schuhmarke eine Chance zu geben – außer Richard, was Lisas Misstrauen nur noch mehr schürte, er war einfach zu nett und zuvorkommend zu ihr, irgendetwas musste da im Busch sein. Rokko warf einen kurzen Blick durch den Vorhang, um zu sehen, wie voll es war und wer alles da war. Sofort erspähte er Lisa und diesen ihm unbekannten Mann. Wer das wohl war? Wenn das ihr Lebensgefährte war, dann hatte sie einen ziemlich schlechten Männergeschmack. Was denkst du denn da?, mahnte Rokko sich selbst. Immerhin war es gut, dass die Mehrheitseignerin eines so wichtigen Modeunternehmens da war. Wenn man sie für unsere Schuhe gewinnen könnte, dann wäre das ein Erfolgsgarant. Als die Show begann, suchte sich Rokko einen Platz, von dem aus er die meisten Kritiker und bedeutungsvollen Gäste sehen konnte. Immer wieder viel sein Blick auf Lisa, der Richard von Zeit zu Zeit etwas zuflüsterte. Wieso übt sie nur so eine Faszination auf mich aus?, fragte Rokko sich immer wieder. Ihre Begeisterung war fast ansteckend, obwohl er soweit weg saß.
Als die Show vorbei war und die Gäste zu einem kleinen Umtrunk geladen wurden, erwischte Rokko sich dabei, wie er hoffte, Lisa würde sich den nicht entgehen lassen, dann gäbe es wenigstens eine Person, mit der er auf gleicher Wellenlänge war. Er machte seine Runde durch den Raum: Ein bisschen Smalltalk hier, ein paar Fragen beantworten da und dann entdeckte er Lisa. Sie stand hinter einer der Dekopalmen und beobachtete das Treiben. Als er näher kam, um sie zu begrüßen, war sie gerade dabei, den viel zu alkohollastigen Drink, den Richard ihr besorgt hatte, in den Blumenkübel zu gießen – nur leider traf sie den nicht, weil er hinter ihr stand, sie traf vielmehr Rokkos Schoß. „Also, Frau Plenske, Sie sollten sich erst einmal davon überzeugen, ob ich Ihre Abkühlung auch wirklich nötig habe." Er grinste sie frech an, während sie puterrot anlief: „Oh mein Gott, Herr Kowalski, das tut mir schrecklich leid." Sie griff nach einer Serviette und ging auf ihn zu, aber dann wurde ihr klar, dass sie die von ihr angerichtete Sauerei schlecht selbst wegwischen konnte, immerhin war es sein Schoß. Ach du meine Güte, da hast du wohl den Fettnapf des Jahres erwischt, dachte sie bei sich, als Rokko nach der Serviette griff und das gröbste trocknete. „Wenigstens ist die Hose schwarz, so sieht es nicht so aus, als hätte ich eingemacht", versuchte er ihr die Scham zu nehmen. „Was war denn mit dem Drink, dass er es verdient hat, in den Blumenkübel geschüttet zu werden?" – „Ähm, zuviel Alkohol und die falsche Begleitung." – „Wie jetzt, die falsche Begleitung?" – „Naja, ich wäre lieber nüchtern, wenn ich mich schon den ganzen Abend mit Richard rumschlagen muss." – „Wo ist Ihr Lebensgefährte denn?" – „Richard, mein Lebensgefährte? Oh je, was für eine alptraumhafte Vorstellung. Er ist Kerimas zweiter Geschäftsführer." – „Klingt nicht so, als ob Sie ihn mögen würden…" – „Ich schätze seine Qualitäten als Geschäftsmann, aber wenn wir dieses Fallen-lassen-Vertrauensspiel spielen würden, dann bräuchte ich schon einige Anläufe, bis ich mich auch nur ansatzweise fallen lassen könnte." Was folgte, war ein unverkrampftes Gespräch, bei dem Rokko Lisa immer wieder zum Lachen brachte. Als sie ihre Brille abnahm, um sich die Tränen, die sie gelacht hatte, wegzuwischen, war Rokko erstaunt, ihre Augen waren ohne die dicken Brillengläser noch viel größer und blauer. Eine hübsche Frau und so herzlich, dachte er bei sich, verwarf den Gedanken aber ganz schnell wieder. „So, ich muss dann mal." Lisa sah sich um. „Ich muss es nur schaffen, mich von Richard zu verabschieden und ihm gleichzeitig die Idee ausreden, mich nach Hause fahren zu wollen." – „Wieso? Das wäre um die Zeit doch ganz gut. Ist ja schon ziemlich weit zu Ihnen." Er ist der erste, der nicht fragt, warum ich in meinem Alter noch Zuhause wohne… „Ehrlich gesagt, möchte ich nach Sonnenuntergang nicht alleine mit Richard sein." – „Wieso, kriegt er dann spitze Zähne und sein Sakko verwandelt sich in einen flugfähigen Umhang?" – „Genau und er ist allergisch auf Knoblauch und wenn er in einen Spiegel guckt, gibt es dort nichts zu sehen. Machen Sie ruhig Ihre Witze…" – „Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Seit mindestens einer halben Stunde interessiert sich niemand mehr für die Werbestrategie. Ich muss auch zur S-Bahn-Station. Wir könnten ja gemeinsam gehen." – „Das ist doch mal ein nettes Angebot, sehr gerne."
