7.

„Was ist denn mit dir los?" Trina legte das Buch, das ihre Aufmerksamkeit bisher in Anspruch genommen hatte, beiseite und sah ihren Bruder, der gerade… nun, hereingeschwebt würde wohl am ehesten seinen Eintritt in die Wohnung beschreiben… er war also hereingeschwebt. „Nichts, ich hatte halt einen schönen Abend. Du hättest auch einen schönen Abend haben können, aber du wolltest ja nicht." – „Wie oft denn noch: Frau Plenske hatte nur zwei Einladungen und da konnte sie ja schlecht die Azubine mitnehmen." – „Aber dein dich über alles liebender Bruder hätte…" – „…du weißt, dass ich das nicht möchte." – „Ja, ich weiß und ich kann dich ja auch irgendwie verstehen, aber dass du lieber hier sitzt und…" Rokko griff nach dem Buch und las den Titel „… ‚Früchte des Zorns' liest, statt dir von deinem Bruder eine Eintrittkarte für ein Modeevent, um die dich jeder beneiden würde, besorgen zu lassen, will mir trotzdem nicht in den Kopf." – „Ich hab's ja noch gar nicht ganz gelesen." – „Nicht? Oh, jetzt bin ich enttäuscht", neckte Rokko seine Schwester. „Nein, ich musste ja erst Popkorn machen." Rokko griff in die Schüssel mit den kläglichen Resten und schob sich eine Handvoll davon in den Mund, verzog dann aber sofort das Gesicht: „Igitt, das ist ja salzig. Das ist doch pervers. Aber jetzt mal ohne Jux und Dollerei, du kannst doch nicht jeden Abend hier sitzen und lesen. Du solltest dir ordentliche Hobbys zulegen, so wie andere Teenies auch." – „Und was wären das für Hobbys?" – „Bungeejumping, S-Bahn surfen, Koma saufen, illegale Autorennen…" – „Du würdest dich besser fühlen, wenn du wüsstest, dass ich auf dem Dach einer fahrenden S-Bahn stehe?" – „Siehst du, du weißt nicht mal, wie S-Bahn surfen richtig geht." Rokkos Ton war wieder scherzhafter geworden. „Nein, natürlich nicht. Jeder Erziehungsberechtigte wird mich darum beneiden, dass ich dich nie ausnüchtern, dir nie das Rauchen verbieten musste und dass ich nie einen Anruf aus irgendeinem Krankenhaus gekriegt habe, weil dir etwas zugestoßen ist und dafür bin ich auch wirklich dankbar, aber du wirst doch nächste Woche 20 und ich finde, wir sollten das feiern – also ne Party mit Gästen und Musik und Finger Food und so. Du könntest deine Freunde aus der Berufsschule und von Kerima einladen, Connie, Timo, Hannah, Lisa… äh Frau Plenske…" – „Du willst, dass ich meine Chefin zu meiner Geburtstagsparty einlade? Wäre sie dann mein Gast oder deiner?" – „Keine Gegenfragen. Du kannst natürlich einladen, wen du willst." – „Rokko, Rokko, du weichst mir ja aus", schmunzelte Trina und grinste in sich hinein. „Nein, tue ich nicht. Sie wäre natürlich dein Gast, ist ja auch dein Geburtstag." – „Hattest du ihretwegen einen schönen Abend?", versuchte Trina ihrem Bruder auf den Zahn zu fühlen. „Ähm ja. Ich hatte einen schönen Abend mit ihr, also rein geschäftlich sozusagen." – „Sozusagen. Wo ist denn deine Eloquenz hin?" – „Die ist da, wo sie immer ist. Nämlich da drin." Rokko deutete auf seine Brust. „Aha. Gut, dann bohre ich mal nicht weiter nach. Weißt du schon, was du mir schenken willst?" – „Das ist ja interessant, erst falsche Vermutungen anstellen und dann auch noch dreist werden." – „Ich habe keine Vermutungen angestellt und schon gar keine falschen. Aber ich hätte so gerne einen Hasen." – „Och Trina, nicht schon wieder die alte Leier. Den wünschst du dir jedes Jahr und du weißt doch, was mit dem letzten passiert ist." - „Tiere sterben, das ist nur natürlich. Er war alt, ein Opa unter den Hasen." – „Ja, aber du hast noch Wochen später geheult." – „Da war ich 10. Jetzt werde ich 20. Oh bitte, Rokko." – „Ich werde sehen, was sich tun lässt. Aber ich verspreche dir nichts. Und die Party?" – „Was soll damit sein?" – „Naja, willst du eine?" – „Nei…nein. Also höchstens im kleinen Kreis. Also du und ich." – „Das ist dann schon ein ziemlich kleiner Kreis. Weißt du was, ich übernehme das einfach, okay? Ich werde dir was Nettes und Kimfreies organisieren, was hältst du davon?" Trina wurde nun doch unsicher, eigentlich hätte sie ihren Geburtstag am liebsten gar nicht gefeiert und nicht einmal erwähnt, aber sie würde sich fügen – Rokko zuliebe…