8.
„Plenske." Lisa klang genervt, nein, sie war genervt. Ihr Telefon hatte an diesem Tag noch nicht einen momentlang stillgestanden. „Hier ist Rokko Kowalski und es freut mich, Ihre entzückende Stimme zu hören", kommentierte Rokko Lisas Tonfall. „Bitte, sagen Sie mir, dass Sie nicht anrufen, um mir zu sagen, dass Trina krank ist." – „Nein, sie ist in der Berufsschule. Sollten Sie das nicht wissen?" – „Gut, dann ist sie morgen wieder hier. Sie fehlt an allen Ecken und Enden. Aber egal, wieso beehren Sie mich dann mit diesem Anruf?" – „Ich habe mich gefragt, ob Sie ein gutes Tierheim kennen." – „Eins? Mehrere! Aber warum?" Rokko begann, Lisa zu erklären, was er vorhatte: Er wollte Trina den Wunsch nach einem Haustier erfüllen, aber es sollte eine Überraschung werden. „Okay, also heute ist es schlecht, hier ist die Hölle los, aber morgen könnte ich ein paar Stunden früher Schluss machen und Ihnen beim Aussuchen helfen. Hinterher könnte ich den Hasen mit zu mir nehmen und bis zum Tag X verstecken."
Am nächsten Tag wurde dieser Plan in die Tat umgesetzt und Lisa erwischte sich mehrmals dabei, wie sie mit den Gedanken zu Rokko abschweifte. Sie freute sich sehr auf das Treffen mit ihm und konnte nicht einmal sagen, warum. Rokko ging es kaum anders – er war viel zu früh am Tierheim und tigerte dort auf und ab. Als er Lisa erspähte, hätte er schwören können, dass sein Herz einen kleinen Sprung machte. Quatsch, mahnte er sich, sie tut das für Trina. Sie mag Trina. Die wenigsten Frauen, mit denen er zutun gehabt hatte, hatten sich mit Trina und der Rolle, die sie in seinem Leben spielte, anfreunden können. Sein Gedankengang wurde unterbrochen: „Hallo, Herr Kowalski." Diesmal war Lisa es, die zu einer kurzen Umarmung ansetzte. „Na dann kann's ja losgehen." Rokko summte kurz die Melodie von Mission Impossible, was Lisa ein breites Grinsen entlockte.
„Und warum mussten es noch mal zwei sein?" Rokko wusste nicht, was er davon halten sollte – Lisa hatte es tatsächlich geschafft, dass er zwei Zwerghasen genommen hatte. „Einer alleine wäre einsam. Trina arbeitet doch viel und dann könnten sie sich miteinander beschäftigen." – „Und wenn dieses Miteinanderbeschäftigen Hasenkinder zur Folge hat, dann müssen Sie uns aber dabei helfen, Besitzer für sie zu finden." Lisa war bei Rokkos Bemerkung rot geworden – so hatte sie das nun wirklich nicht gemeint. „Ähm, ja, aber dass sind ja zwei Weibchen, da passiert so etwas normalerweise nicht." – „Die Heimleiterin sagte, es KÖNNTEN zwei Weibchen sein, richtig sicher war sie sich nicht." – „Ähm ja. Also…wenn Sie noch Hilfe brauchen…also bei den Vorbereitungen für die Party…ich helfe Ihnen gerne", hörte Lisa sich zu ihrem eigenen Entsetzen laut sagen. Was ist denn mit dir los?, fragte sie sich. „An und für sich ist das nicht nötig. Auf peinliche Partyhüte und Girlanden verzichte ich Trina zuliebe. Ihre Freunde sind eingeladen und eine Torte habe ich bestellt." – „Eine Torte bestellt? Das geht doch nicht. Es ist ihr Geburtstag, da sollten Sie schon selber backen." – „Nun, ich habe ein gutes Verhältnis zu Trina und ich möchte das nicht mit einem meiner Backversuche gefährden." Rokko hatte sein schiefes Lächeln aufgesetzt und aus irgendeinem unerfindlichen Grund schoss Lisa das Wort „unwiderstehlich" durch den Kopf. „Das ist doch Unsinn. Es ist die Geste, die zählt." – „Okay. Steht Ihr Hilfsangebot diesbezüglich auch?" – „Natürlich."
Trinas Geburtstag fiel auf einen Freitag. Lisa hatte sich den halben Tag frei genommen, um die Hasen zu Rokko zu bringen und ihm bei den Vorbereitungen zu helfen. „Oh, Sie benutzen das freiheitsliebende Mehl, das sofort aus der Tüte springt, wenn man sie öffnet", kommentierte Lisa Rokkos Erscheinung amüsiert, als er ihr die Tür öffnete. „So ähnlich. Ich traue mich gar nicht, die Tüte mit dem Zucker zu öffnen." Er griff sich ein bisschen verschämt in den Nacken: „Ich brauche wirklich dringend Ihre Hilfe." Gesagt getan – Rokko staunte nicht schlecht, als Lisa aus den zwei kastenförmigen Kuchen mit viel Schokoglasur, Smarties und Zuckerwatte eine Lok zauberte. „Das ist mal ein ausgefallener Geburtstagskuchen", würdigte er das Gesamtkunstwerk. Lisa wischte sich mit einer Hand über die Wange: „So, was gibt es noch zu tun?" Rokko musste lächeln, vorsichtig fuhr er ihr mit dem Finger über die Wange und wischte die Schokolade weg. Lisa spürte, wie diese kurze Berührung eine Gänsehaut am ganzen Körper bei ihr auslöste. Konnte das sein? Nein, konnte es nicht, schimpfte sie mit sich selbst. Er wollte dir nur behilflich sein und die Nerven unter der Gesichtshaut sind sehr empfindlich und überhaupt und generell, sie wollte sich doch nicht wieder in jemanden verlieben, den sie nicht kannte – so wie es ihr damals mit David ergangen war. Sie wollte nicht wieder irgendwann aus einem Traum erwachen, weil Prince Charming sich als weniger Prince und noch weniger Charming erwies. „Wenn Sie so versessen aufs Helfen sind, dann könnten wir schon die Brötchen schmieren."
„Wissen Sie, manchmal mache ich mir ein bisschen Sorgen um Trina", durchbrach Rokko die Stille in der Küche. Lisa sah von dem Brötchen auf, das sie gerade mit Radieschen verzierte und bedachte ihn mit einem fragenden Blick. „Ich hab mit Mühe und Not 5 Gäste zusammen gekriegt – Sie und mich eingeschlossen." – „Naja, lieber fünf wahre Freunde als 20, auf die man sich nicht verlassen kann." Rokko wirkte nachdenklich. „Schon richtig, aber mit ihrer Zurückhaltung bringt sie sich noch um die Möglichkeit ein paar flüchtige Bekannte zu haben." Lisa nickte. „Ich glaube, Ihre Sorge ist unbegründet. Kerima ist, was das betrifft, eine gute Schule." – „Klingt, als würden Sie aus Erfahrung sprechen." Lisa überlegte, sollte sie ihm wirklich so viel von sich verraten? Vielleicht würde sie auch etwas über ihn erfahren und dann… Okay, Augen zu und durch. „Wissen Sie, Trina und ich, wir sind uns in dieser Angelegenheit sehr ähnlich." Rokko sagte nichts, er wollte einfach nur hören, was sie zu sagen hatte. „Bei Kerima geht man gnadenlos unter, wenn man sich nicht ein dickes Fell und scharfe Krallen zulegt und Trina macht das viel besser als ich damals." Wieder sah Rokko sie nur an und nickte dann verstehend. „Was haben Sie anders gemacht?" Lisa musste lachen, dieser Kowalski ist ja wirklich hartnäckig. „Ich habe mich unsterblich in meinen damaligen Chef verliebt." Rokko schüttelte sich kurz. Hatten Lisas Worte seinem Herzen gerade einen Stich versetzt? „Sind Sie es immer noch?" Herzlichen Glückwunsch, du Sadomasochist! „Ähm… nein, Gott sei Dank nicht." – „Wieso Gott sei Dank? Hat er sich als irrer Psychopath entpuppt?", Rokko versuchte witzig zu sein. „So ähnlich. Er hat sich in allererster Linie nicht als das entpuppt, was ich mir erwartet oder ausgemalt hatte. Aber Schluss damit, Sie wollen sich doch nur ums Schmieren drücken."
