9.
Der Beginn von Trinas Party war etwas krampfig. Das änderte sich aber in dem Moment, als ihre Freundin Connie zur Tür hereinkam! Das, was Trina zu wenig redete, redete Connie definitiv zuviel. Trina war begeistert von den zwei Zwerghasen, die sie von Rokko bekommen hatte und freute sich sehr über das dazupassende Zubehör, das Lisa ihr geschenkt hatte. Große Bewunderung für ihre Designer- und Nähfähigkeiten erhielt Hannah, die Trina eine Tasche überreichte, die nach ihren Worten: groß genug und trotzdem stylish genug war, um sowohl bei Kerima als auch in der Berufsschule zum Einsatz kommen zu lassen. Mit hochroten Ohren hatte Timo der ebenso rot angelaufenen Trina ein Armband geschenkt. Mehr als amüsiert hatte Rokko die Szenerie beobachtet und sich gefragt, ob Trina mit ihrer Anspielung auf seine angebliche Verliebtheit nur kaschieren wollte, dass ihr Kerimas Runner doch besser gefiel als sie zugeben wollte. „Meine Güte, seid ihr verkrampft", sprach Connie aus, was Rokko dachte. „Los, nun mach doch endlich mein Geschenk auf, dann gibt's endlich Kuchen." Connies Geschenk war eigentlich nur ein flacher Umschlag, den Trina voller Neugier aufmachte: „Ferien auf dem Bauernhof deiner Eltern – jederzeit einlösbar. Oh Connie, danke." In diesem Moment wurde Lisa klar, an wen diese Connie sie erinnerte – an Yvonne. Ja, so jemanden brauchte Trina in ihrem Leben, jemanden, der ehrlich und direkt und trotzdem liebenswürdig war.
Danach wollte sich die Feiergesellschaft über den Kuchen hermachen. Trina hatte Hemmungen die schöne Lok anzuschneiden. „Nun mach schon, ich habe Frau Plenske genau dabei zugesehen. Ich denke, ich kriege es hin, dir irgendwann 'mal wieder eine zu backen", ermutigte Rokko seine zögerliche Schwester.
„Ich kann mittlerweile hundert Wörter die Minute tippen", verkündete Connie gerade, als Lisa zu Rokko in die Küche kam und ihm beim Auffüllen der Schüsseln mit Knabberzeugs helfen wollte. „Und sprechen kann ich 200 die Minute", kommentierte Rokko ihre Worte. Lisa musste lachen: „Ja, von ihrer Plapperei kann einem schon schwindelig werden, aber wenigstens hält sie die Party so in Gang."
Lisa verabschiedete sich als Erste und Rokko brachte sie noch zur Tür. Anscheinend unbeobachtet von den anderen Gästen umarmte er Lisa – etwas länger als beabsichtigt – und dankte ihr noch einmal für ihre Hilfe. „Bis bald", verabschiedete sich Lisa und Rokko ertappte sich einmal mehr dabei, wie er sich wünschte, dass dieses Bald möglichst schnell kommen würde. Auf ihrem Weg zur S-Bahn analysierte Lisa das Gefühl, das sie bei Rokkos Umarmung durchfahren hatte. Waren das die berühmten Schmetterlinge? Vielleicht hatte sie auch einfach nur zuviel durcheinander gegessen. Genau, das musste es sein. Und warum noch mal ließ sie die Erinnerung an diese Umarmung dann nicht los? Sie wurde doch ständig umarmt – von ihren Eltern, von Jürgen, von Yvonne und auch von David und darüber dachte sie doch auch nicht so lange nach.
Timo ging als Letzter und Rokko zog sich schmunzelnd, aber diskret zurück, als Trina ihn zur Tür brachte: „Danke, dass du gekommen bist", hörte er sie noch sagen. Nach angemessener Zeit kam Rokko zurück ins Wohnzimmer und fand seine verzückte Schwester auf dem Sofa, wo sie lag und einen der Hasen auf dem Bauch zu sitzen hatte und ihn streichelte. „Und? Sag schon, hat er dich geküsst?" – „Ja. Auf die Wange." Irgendwie war Rokko enttäuscht – auf die Wange, aber dass Trina davon so verzückt war, fand er niedlich. „Du Rokko?" – „Ja." – „Weißt du noch, als wir uns geschworen haben, dass wir uns nie etwas verheimlichen?" – „Ja, natürlich." – „Ich habe den Eindruck, du verheimlichst mir etwas." – „Und das wäre?" – „Das frage ich dich! Ich sage nur Lisa Plenske." Trina war nicht sauer oder verletzt, sie kam sich nur unheimlich clever vor, ihren Bruder so auszuhorchen. Normalerweise war er es, der es verstand, seinen Mitmenschen Geheimnisse zu entlocken. „Was soll mit ihr sein? Sie hat mir bei den Vorbereitungen geholfen." – „Das hätte jeder Partydienst auch und da würdest du bestimmt nicht so dümmlich grinsen." – „Sie ist nett." – „Das ist die Bäckereiverkäuferin um die Ecke auch und von dort kommst du nie schwebend zurück." – „Trina, was soll denn das?" Rokko versuchte das Gefühl, in die Enge getrieben worden zu sein, zu ignorieren. „Ich habe gesehen, wie du sie zum Abschied umarmt hast und das war definitiv nicht reinfreundschaftlich. Du weißt, Liebesdinge sind nicht meine Stärke und wenn es mir auffällt, dann merken andere es auch. Rokko, ich will doch nur nicht wieder der Grund sein, warum du dein Glück nicht findest, verstehst du? Ich mag Lisa auch und wenn da zwischen euch etwas läuft, dann kannst du mir das ruhig sagen." – „Trina, du bist nicht der Grund, warum ich mein Liebesglück noch nicht gefunden habe und das weißt du. Die Richtige war halt noch nicht dabei. Und was Lisa betrifft, ich mag sie, sehr sogar, wenn du es so genau wissen willst, aber ich kenne sie zuwenig, damit da etwas ‚laufen' könnte." – „Klingt nach einem Leider…" – „Ja, vielleicht. Aber erzähl mir mal lieber von diesem Timo. Wer ist er? Was macht er? Hast du ihn gerne? Muss ich dich bald zum Altar führen?" Rokko hatte sich das zweite Kaninchen genommen und begann es zu streicheln. Er dachte einen Moment an den Nachmittag im Tierheim: „Das hier ist doch niedlich", hatte Lisa bemerkt, aber so richtig hingesehen hatte er nicht, Lisas fast kindliche Begeisterung für die Tiere fand er um einiges niedlicher. „Okay, aber wenn du es dir eingestehen kannst, bin ich die Erste, die es erfährt, ja?" – „Großes Indianerehrenwort. Und jetzt erzähl mir schon von diesem Timo."
