10.
Rokko Kowalski. Rok-ko Ko-wals-ki. Rok-ko-ko Wals-ki. Oh nein, so ein Versprecher durfte ihm nicht passieren – er wollte ja schließlich Erfolg haben. Guten Tag Herr Kowalski, ich bin… Nein, falscher Ansatz. Yo Alter, ich bin… Nee, zu flapsig. Bruno Lehmann war vor drei Tagen in Berlin aufgeschlagen. Sein Zuhause Kalehne hatte er zurückgelassen, um in der Hauptstadt nach seinem Vater zu suchen, aber diese Suche erwies sich als schwieriger als erwartet. Schuhmacher hatte er gelernt und zufällig erfahren, dass DAS Schuhunternehmen in Berlin eine Stelle zu besetzen hatte. Wenn das mit seinem Vater schon nicht so lief wie er sich das vorstellte, dann wollte er wenigstens erfolgreich in seinem Job sein. Bruno Lehmann wollte sich Bernd Plenske als erfolgreicher Schuhdesigner präsentieren, damit er stolz auf das Ergebnis seines Seitensprungs sein konnte. Bruno straffte sich den Rücken und trat in Rokkos Büro.
„Da setzen Sie mich aber ganz schön unter Druck", bemerkte Rokko. Der unkonventionelle, aber liebenswürdige junge Mann, der vor seinem – wieder nur zeitlich befristeten – Schreibtisch saß, hatte ihm gerade erklärt, dass er den Job nur behalten konnte, wenn seine Schuhe ein Erfolg würden. Ihr jetzt gemeinsamer Boss hatte Bruno an Rokko, den freien Werbefachmann, verwiesen und dessen Hirn arbeitete schon wieder auf Hochtouren. Wie würde man die Schuhe von diesem Lehmann wohl am besten positionieren können? „Also, wenn Sie vorhaben, dort sitzen zu bleiben und mich anzusehen bis mir eine Idee kommt, dann sollten Sie es sich richtig bequem machen, das kann nämlich eine Weile dauern." – „Sie halten meine Entwürfe für schlecht?" Bruno war verunsichert. Sicherlich hatte er das richtige handwerkliche Rüstzeug, aber das hier war Neuland. „Nein, natürlich nicht, aber ich bin ja keine wandelnde Ideenmaschine. Ich schlage Ihnen etwas vor: Die Umgebung hier ist zu steril für kreative Eingebungen. Was halten Sie davon, wenn wir ein bisschen rausgehen und uns beschnuppern? Gemeinsam fällt uns bestimmt etwas ein…"
Am Abend kam Rokko nach Hause und sein Kopf brummte. Dieser Bruno Lehmann war ein hoffnungsloser Idealist – fehlte nur noch, dass er glaubte, mit seinen Schuhen die Welt verbessern zu können. Zumindest könnte er die Schuhwelt verändern, wenn er sie mit seiner Tollpatschigkeit nicht in Schutt und Asche legte. Zu später Stunde kam Trina herein und sah ziemlich geschlaucht aus. „Warum hast du nicht angerufen? Ich hätte dich von Kerima abgeholt." – „Ich weiß, aber Timo… Ähm, Lisa hättest du sowieso nicht gesehen, die sitzt immer noch in einer Sitzung mit der Geschäftsführung." – „Um diese Zeit? Halt mal, sagtest du gerade Timo?" – „Ja, er hat mich zur S-Bahn gebracht." – „Das ist aber nett von ihm. Kein schmachtendes Lächeln, stimmt 'was nicht?" – „Ich bin einfach nur fix und alle. Die neue Kollektion liegt in den letzten Zügen und Hugo tyrannisiert seine Umwelt mit seinen Extrawürsten. Jetzt hat er doch tatsächlich den Vertrag mit dem Schuhlieferanten platzen lassen. Ich war den ganzen Tag mit Hannah unterwegs, um was Neues zu ‚scouten', wie es neudeutsch so schön heißt. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass Hugo nicht zufrieden zu stellen ist." – „Schuhe sagtest du, ja?" Rokko grinste, na wenn das mal nicht ein Wink des Schicksals war. Er würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können: Er würde diesem Lehmann zu einer eigenen Kollektion verhelfen und mit Lisa zusammenarbeiten können. Aber erstmal musste er Hugo Haas von Brunos Schuhen überzeugen. Entschlossen setzte er sich an seinen Schreibtisch und begann zu recherchieren: Wer war Hugo Haas? Wie sah sein Stil aus? Wie würde er ihn von den Lehmann'schen Schuhen überzeugen können? Als er alle Informationen hatte, begann er ein präsentables Konzept zu erarbeiten.
Am nächsten Morgen rief Rokko zuerst Lisa an: „Plenske." Rokko spürte wie sein Herz einen Hüpfer machte – ja, er freute sich definitiv, Lisas Stimme zu hören. „Hallo?!" Er sollte sich nicht so lange freuen. „Ähm, guten Morgen. Hier ist Rokko Kowalski. Ich habe von Ihrem Schuhproblem gehört." Die letzte Nacht war anstrengend gewesen und Lisa hatte fast nonstop gearbeitet. Sie war einfach nur müde und verstand nicht, was Rokko ihr damit sagen wollte. Sie sah zu ihren Füßen herunter und begutachtete ihre Schuhe. Was war denn damit? „Mit meinen Schuhen ist doch alles in Ordnung", sagte sie sichtlich verwirrt. „Ich meinte auch eher Kerimas Schuhproblem." – „Ach so." Lisa kam sich in diesem Moment so unglaublich dämlich vor. „Und? Wollen Sie mich deswegen bemitleiden?", versuchte sie ihre Unsicherheit zu überspielen. Insgeheim war sie froh, dass sie saß und dass Rokko nur am Telefon war – irgendetwas sagte ihr, dass ihre Knie sie nicht hätten halten können, wenn er sie mit seinen braunen Augen angesehen hätte. „Nein, ich habe die Lösung für Sie." Lisa hörte ihm aufmerksam zu und meinte dann: „Vielleicht wissen Sie ja, dass Hugo Haas eine wahre Diva ist – nicht einmal seine Frau dringt in dieser heißen Phase zu ihm durch. Ich kann das also nicht entscheiden – nicht am Telefon und nicht ohne Hugos Zustimmung, ich will ja nicht in Ungnade fallen, wenn Sie verstehen. Ich schlage Ihnen vor, dass Sie mit diesem Nachwuchstalent morgen Nachmittag, sagen wir so gegen 15 Uhr zu Kerima kommen. Ich motiviere Hugo, sich die Entwürfe einmal anzusehen und dann…" Ja, was dann? Könnten wir ja noch was trinken oder essen gehen, Kino oder so, schoss es Lisa durch den Kopf. Sie spürte, wie sie bei diesem Gedanken rot wurde. Auch Rokko glaubte zu hören, dass diesem „und dann" nichts Geschäftliches folgen sollte. „… und dann sehen wir weiter.", vervollständigtes er Lisas Satz. „Ja, genau. Also, bis morgen." – „Ja, bis morgen." Na das flutschte doch hervorragend. Kurze Zeit später ging die Tür zu seinem temporären Büro auf – es war Bruno: „Und?" fragte er ungeduldig. „Unter Druck kann ich gar nicht", meinte Roko gespielt ernst und genoss den Anflug von Panik auf Brunos Gesicht. „Darum hab ich den Druck mal aus der ganzen Situation gelassen. Wir haben morgen einen Termin bei Kerima Moda. Die brauchen Schuhe für ihre neue Kollektion und stehen ziemlich unter Zeitdruck, weil deren Präsentation in der Woche vor Weihnachten ist." – „Aber das ist ja schon in zwei Wochen." – „Ich weiß und wenn deine Schuhe diesen Hugo Haas überzeugen, dann wird Frau Plenske uns dafür ewig dankbar sein. Eine bessere Publicity kannst du dir gar nicht wünschen. Bruno Lehmanns Kreationen retten Kerima-Show in letzter Minute." Rokko begann sich die unterschiedlichsten Szenarien auszumalen und was es alles zu tun gab, um Bruno dann am Schuhhimmel zu halten. „Frau Plenske?" – „Ja, Lisa Plenske, sie ist die Mehrheitseignerin. Du hast bestimmt schon mal von ihr gelesen." Bruno war verwirrt und gleichzeitig außer sich vor Freude. Er hatte Kalehne unter widrigen Umständen verlassen müssen – seiner Meinung nach war er nicht schuld an allem, was ihm vorgeworfen wurde, aber er hatte schon viel Mist gebaut. Dann kam er nach Berlin und stolperte gleich ins nächste Abenteuer. Gut, dass er Rokko kennen gelernt hatte – ihr „Beschnuppern" hatte bei einem Bier am Abend geendet und nach nur einem halben Tag und ein paar Ideen, die ins Nichts geführt hatten, waren sie beim Du. Und jetzt würde sein neuer Freund ihm unwissendlich dabei helfen, seinen Vater kennen zu lernen. Morgen würde er also seine Halbschwester treffen – hoffentlich war sie nett und würde ihm bei der Kontaktaufnahme mit Bernd helfen. „Du musst dir keine Gedanken machen. Frau Plenske ist sehr nett, sehr warmherzig und liebenswert." Bruno zog die Augenbrauen hoch – war dieser so selbstbewusste und eloquente Mann gerade ein wenig rot geworden? „Du kennst sie wohl ziemlich gut?" – „Sie ist die Chefin meiner Schwester und wir haben schon zusammen…" – „Ach nee, sie schuldet dir die Art von Gefallen?" Bruno grinste dreckig. „Nein, wir haben gemeinsam das Geburtstagsgeschenk für meine Schwester ausgesucht und sie hat Trina einen Kuchen gebacken, aber in die Details weihe ich dich ein, wenn wir uns besser kennen." Bruno lachte herzlich. „Aber du kommst morgen schon mit, oder?" – „Na klar, guck mal, das habe ich bisher zusammengestellt." Rokko begann, Bruno auf das morgige Meeting vorzubereiten.
