11.

Richard von Brahmberg glaubt sich zu verhören. Wie machte diese modische Katastrophe das nur immer wieder? Erst schaffte sie es, den Streik zu beenden, der den Aktienkurs fast weit genug in den Keller getrieben hatte, damit „seine" Firma wieder ihm gehörte und jetzt, wo durch Hugos Divenhaftigkeit, die gesamte Präsentation in Gefahr war und er wieder so kurz davor stand, Kerima an sich reißen zu können, zauberte die Plenske einmal mehr eine Lösung aus dem Hut. Ein Jungtalent, ein neuer Designer von ShoeCool – das an sich war ja schon ein i-Tüpfelchen in jedem Lebenslauf… und in jedem Modemagazin. Der gepaart mit diesem Kowalski und die Kerima-Aktie würde in andere Galaxien steigen. Dann würde es Ewigkeiten dauern bis er wieder so kurz davor war, das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden. Sicherlich, er könnte abwarten, ob Hugo die Schuhe ablehnte, aber der war in letzter Zeit völlig unberechenbar geworden. Richard würde also selbst dafür sorgen müssen, dass das Schicksal den Weg einschlug, der ihm am gelegensten kam. Es kam ihm auch gelegen, dass er an diesem Morgen nicht gebraucht wurde, so hatte er genug Zeit, um seine Intrige zu spinnen. Lange hatte er Personalakten gewälzt und Sabrina zum neuesten Tratsch ausgehorcht. Was für ein niveauloses Naivchen, dachte er bei sich. Die junge Frau von Brahmberg machte sich vielleicht gut als Raumschmuck, aber den Mund sollte sie definitiv nicht öffnen. Manchmal, in den Minuten, in denen Richard „schwach" wurde, wie er es nannte, kam er sich ein bisschen schlecht vor, denn von Zeit zu Zeit hatte er den Eindruck, Sabrina würde ihn wirklich lieben. Ein Blick durch das eingelassene Glas in seiner Bürotür zeigte ihm, dass er jetzt unbemerkt durch das Foyer gehen konnte. Wenn er die richtigen Knöpfe drückte, dann würde hier bald die Hölle losbrechen und niemand würde sich noch für irgendwelche Jesuslatschen interessieren.

Es hatte nicht viel bedurft, um diese Intrige ins Rollen zu bringen – selbstzufrieden saß Richard am Catering und trank einen doppelten Espresso. Genüsslich schlürfte er ihn und beobachtete sie Szenerie. Das lief ja noch besser, als er gedacht hatte. Die Zahnspange und dieser Hanswurst, der sein Halbbruder war, standen in Hörweite oder viel mehr, sie waren laut genug, um sie zu hören ohne sie zu sehen. „David, einer muss da jetzt hoch gehen und mit dieser Frau reden. Oder willst du, dass sie springt?" – „Nein, aber dafür sind doch Polizei und Feuerwehr schon da – die bringen einen Dolmetscher und einen Psychologen mit und wuppen das schon." – „Im Delegieren bist du ganz groß, oder? Diesmal geht das aber nicht. Eine unserer Mitarbeiterinnen steht auf dem Dach und will springen. Du kannst doch nicht…" – „Sie ist nur eine einfache Näherin", unterbrach David Lisa und biss sich sofort auf die Lippe. Das hatte er nicht sagen wollen. Er wollte Lisa lediglich davon abbringen, selbst auf das Dach zu klettern und rettenden Engel zu spielen oder einen Platz in der ersten Reihe zu haben, wenn diese arme Irre sich doch für einen Flug entschied. „Gut, dann gehe ich eben alleine." Richard war zufrieden mit seiner Arbeit. Das Geplappere der Plenske war Grund genug, sich vom Dach zu stürzen und wenn das Sensibelchen daneben steht, dann wird sie hinterher völlig labil und formbar sein – würde er eben so zu seinem Ziel kommen, sollte ihm auch Recht sein.

„Wann hast du den denn das letzte Mal angehabt? Zu deiner Konfirmation?" Rokko deutete auf Brunos viel zu engen und zu kurzen Anzug. „Nein. Ich weiß nicht mehr, wann ich den das letzte Mal anhatte – ist schon eine Weile her." – „Ja, eindeutig vor deinem letzten Wachstumsschub. Wieso hast du dich eigentlich so aufgebretzelt?" – „Ich will doch einen guten Eindruck hinterlassen." – „Zumindest wird es ein bleibender Eindruck sein", kommentierte Rokko Brunos Nervosität. „Komm, ein bisschen Zeit haben wir noch. Wir gehen zu mir, da leihe ich dir einen von meinen Anzügen." – „Ob nun zu kurz oder zu bunt, da ist doch nun wirklich kein Unterschied." – „Ich habe auch den einen oder anderen angepassten Anzug, aber wer nicht will…" – „…doch, doch. Ich will. Du weißt schon, der erste Eindruck und so."

„Na hoffentlich sind die nicht meinetwegen da", kommentierte Bruno die Tatsache, dass der Verkehr um das Kerima-Gebäude herum abgesperrt war und das Gebäude selbst von Feuerwehrautos und Journalisten umzingelt war. Rokko erspähte Trina, die mit einem der Polizisten sprach, sofort. „Trina, was ist denn hier los?", sprach er sie an, als der Polizist wieder nach dem Megaphon griff, um Anweisungen zu erteilen. „Rokko, was machst du denn hier?" – „Ich habe einen Termin mit Frau Plenske." – „Ja, der verzögert sich. Sie steht da oben…", Trina deutete in Richtung Dach „…und…" – „Das ist Lisa Plenske?", unterbrach Bruno sie. „Sie will sich dort runterstürzen?!" Brunos Gedanken überschlugen sich – das Pech verfolgte ihn aber wirklich: Da stand er so kurz davor, seine Halbschwester kennen zu lernen und dann wollte die sich von einem Hochhausdach stürzen. „Nein, das ist eine Näherin, ihr Name ist Ekaterina Podkopayeva. Sie will springen. Frau Plenske ist die blonde Frau, die hinter ihr steht und von Zeit zu Zeit mal über den Rand äugt. Wenn ihr mich fragt, hat sie Höhenangst." – „Frau Plenske oder diese Podkodingsda?" – „Frau Plenske." – „Und warum überlässt sie das nicht den Psychologen?", mischte sich Rokko sichtlich besorgt in das Gespräch ein. „Du kennst sie doch – Kontakt zur Basis und so. Sie hat sich nicht davon abbringen lassen."

Derweil auf dem Dach:

„Ihnen ist doch bewusst, dass der Boden 18 Stockwerke unter uns ist und dass es ziemlich schmerzhaft sein könnte, wenn Sie unten aufschlagen." Was redest du denn da, Lisa? So wirst du sie bestimmt nicht davon abhalten, zu springen. Was hast du dir überhaupt dabei gedacht, hier heraufzukommen? David hatte vielleicht Recht. Das sollten vielleicht doch Psychologen machen. „Ch-Halt. Niccht weitergehen. Dort stehen bleiben." Okay, sie ist eindeutig osteuropäischer Herkunft – Lisa versuchte sachlich zu bleiben, um selbst nicht panisch zu werden. Sie blieb stehen und sah die Frau an. Sie war mittleren Alters, klein und schmächtig. Sie trug ihr dunkelblondes Haar in einem Knoten am Hinterkopf. „Ich bin Lisa. Wer sind Sie?" – „Katia. Eigentlich Ekaterina, aber alle sagen Katia." – „Gut, darf ich auch Katia sagen? Katia, wo kommen Sie her?" – „Aus Beslan in Russland." – „Katia, warum wollen Sie springen? Es gibt doch andere Möglichkeiten, wenn Sie Hilfe brauchen…" – „Hilfe zu spät. Mann Hausmeister in Schule. Kinder dort auch gehen. Dann Angriff – alle tot. Hier." Sie zog ein Foto aus ihrer Hosentasche und hielt es Lisa hin. „Ich muss aber zu Ihnen rüberkommen, wenn ich es mir ansehen soll." – „Ja, kommen, kommen." Lisa machte die paar Schritte zu ihr und warf einen Blick über den Mauervorsprung. Oh Gott, war das hoch. „Süße Kinder." Was sollte sie sagen? „Icch, alleine nach Berlin. Familie aus Dorf hier, sagen komm nach Berlin, hier Arbeit, hier besser Leben, hier vergessen. Icch hier seit…" Sie zeigte 8 mit den Fingern. „…Wochen. Icch gut nähen, icch gerne nähen. Icch brauche Arbeit. Verwandte noch in Beslan. Icch schicke Geld. Dann kommt Mann mit Bart, sagen icch gucken für andere Arbeit, weil Kerima nicht gut. Entlassungen nach Präsentation." Katia begann herzzerreißend zu weinen, so dass Lisa auch gleich Tränen in die Augen stiegen. Ein Teil ihrer Tränen waren aber Wuttränen. Mann mit Bart. Das musste Richard gewesen sein – dieser Mistkerl. Wenn man ihn nicht ständig beobachtete und beschäftigte. „Aber das ist nicht wahr. Niemand wird entlassen." – „Woher wissen?" – „Weil ich diese Entscheidungen treffe." – „Du Chef hier?" – „Ja, und ich verspreche Ihnen, Katia, niemand wird Sie entlassen." Und wenn es doch zum Äußersten kommen sollte – und bei momentanem Stand der Präsentation konnte man ja nicht wissen – dann helfe ich Ihnen dabei, etwas Neues zu finden, fügte sie in Gedanken hinzu. „Nur sagen, damit icch nicht springt." Katia war nicht überzeugt davon, dass Lisa die Wahrheit sagte. „Nun spring doch schon endlich. Ich will endlich weiterfahren", rief einer der Passanten von unten. Den kurzen Moment, den Katia unaufmerksam war, nutzte Lisa geistesgegenwärtig, griff nach ihrem Arm und riss sie zurück hinter die Brüstung. Bei dem Sturz auf den Boden schlug sie sich zwar die Knie und die Ellenbogen auf, aber sie spürte den Schmerz gar nicht. Neben ihr lag eine verzweifelte Frau, die bitterlich weinte. Lisa konnte nicht anders, sie musste sie in den Arm nehmen. „Pscht, alles wird gut. Das verspreche ich."

„Zugriff, Zugriff", schnauzte der Einsatzleiter am Boden. Im Nullkommanichts war das Dach voll mit Polizisten und Sanitätern. Katia wurde vom Notarzt in die Psychiatrie eingewiesen, um sie dort unter Beobachtung zu haben. Einer der Sanitäter kümmerte sich um Lisas Verletzungen, während ein Polizist sie befragte. Erst jetzt merkte sie langsam, in welcher Gefahr sie sich befunden hatte und zeigte Anzeichen eines Schocks. „Wo bringen Sie sie hin?" wandte Lisa sich an den Notarzt. „Kann ich sie dort besuchen?" – „Ja, aber erst in ein paar Tagen."

Nach ewigen Befragungen und einem harten Kampf durch die Masse von Journalisten betrat Lisa Plenske das Foyer von Kerima Moda. Die gesamte Belegschaft hatte sich vor dem Fernseher, auf dem normalerweise die Börsenkurse bewundert werden konnten, versammelt und hatte ihre Heldentat verfolgt. Richard entdeckte sie zuerst und befand die Flucht nach Vorne für den einzigen Weg, sein Gesicht zu wahren. „Frau Plenske, da sind Sie ja. Wir waren schon in Sorge. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?" – „Ich habe drei Worte für Sie: In mein Büro! Halt, ich habe noch ein viertes: Sofort!!" Auf Lisas Stirn hatte sich eine Zornfalte gebildet. „Aber…" – „Machen Sie mich nicht wütend. In mein Büro und zwar unverzüglich, sonst passiert ein Unglück."

Was Lisa genau mit Richard besprach, konnte niemand hören, auch wenn sie sich alle noch so große Mühe gaben und noch größere Ohren machten. Immer wieder hört man, wie Lisa ihre Stimme erhob. „Ich kann Sie nicht entlassen und das wissen Sie. Aber ich kann Sie suspendieren und das tue ich. Nach Weihnachten tagt der Vorstand, um zu entscheiden, was aus Ihnen und Ihrer Position in dieser Firma wird. Bis dahin will ich Sie hier nicht sehen. Ich weiß nicht, was Sie sich dabei gedacht haben, aber diesmal sind Sie zu weit gegangen." – „Sie glauben dieser kleinen Näherin mehr als mir?" – „Ja, das tue ich und ich hoffe doch sehr, dass der Vorstand das auch tut. Und jetzt machen Sie, dass Sie mir aus den Augen kommen!"

Nachdem Lisa sich einigermaßen beruhigt hatte, ging sie zum Catering. „Kann ich bitte eine Cola haben, Mama?" bat sie Helga. „Natürlich Mäuschen, natürlich. Ist denn alles in Ordnung mit dir?" Helga war sichtlich besorgt um ihr Mäuschen. „Ja, alles in Ordnung." Lisa konnte einen bohrenden Blick auf sich spüren. Sie drehte sich ein wenig und sah Bruno direkt in die Augen. Den jungen Mann kannte sie nicht, aber plötzlich fiel es ihr wieder ein: Sie hatte doch vor Stunden einen Termin mit Rokko Kowalski gehabt wegen der Schuhe. Oh nein. „Trina?!", rief sie und sah sich suchend nach ihrer Azubine um. „Ja, Frau Plenske?" Sofort war Trina übereifrig zur Stelle. „Ihr Bruder ist bestimmt wieder weg, oder?" – „Nein, er hilft Frau von Brahmberg-Seidel dabei, die Journalisten zu beruhigen. Das dort…", Trina deutete auf den jungen Mann mit dem bohrenden Blick „… ist übrigens Bruno Lehmann. Von ihm stammen die Entwürfe, über die Rokko mit Ihnen reden wollte." – „Lisa Plenske, freut mich", reichte Lisa Bruno die Hand. Das ist sie also. Live und leibhaftig. So fühlt sich das also an, wenn man seiner Halbschwester das erste Mal gegenübersteht. Seit er wusste, dass Bernd Plenske sein leiblicher Vater war und er angefangen hatte, über die Plenskes zu recherchieren, hatte Bruno sich diesen Moment tausende Male vorgestellt, aber jetzt saß er da wie der letzte Trottel und brachte kein Wort heraus. Als er sich vorbeugte, um schließlich doch Lisas Hand zu ergreifen, stieß er seinen Kakao um, der prompt in Lisas Schoss landete. Pikiert betrachtete Lisa die braune Pfütze, die nun ihren hellen Rock verzierte und fing dann an herzlich zu lachen. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, wir sind verwandt – so was passiert doch sonst nur mir."