12.

„Es tut mir leid, dass Herr Haas schon gegangen ist." – „Vielleicht sollten Sie auch nach Hause gehen, Frau Plenske." Auf Rokko machte Lisa zwar einen gefassten Eindruck, trotzdem hielt er es für besser, wenn sie ein bisschen Zeit bekam, das alles zu verarbeiten. Lisa blätterte immer noch in Brunos Mappe – seine Schuhentwürfe gefielen ihr, die würde sie auch tragen. „Und Sie sind…" – „Bruno Lehmann." – „Ähm, ja, das sagten Sie schon. Eigentlich wollte ich wissen, ob Sie sich sicher sind, dass Sie das hier bis zu unserem Präsentationstermin umgesetzt kriegen." – „Ja natürlich. Mein Meister in Kalehne, also Meister Pöhnke, der sagte immer: Junge, du kannst jedes Ziel erreichen, wenn du nur willst." Rokko war verwundert: Bruno war ja wie ausgewechselt, in einem Moment komplett dicht und kaum ansprechbar und im nächsten Moment sprach er mit Lisa, als würden sie sich ewig kennen. „Ich würde vorschlagen, Sie lassen die Entwürfe hier und kommen morgen noch einmal wieder. Ich werde David…ähm…Herrn Seidel bitten, einmal mit Hugo zu sprechen, die haben einen ganz guten Draht zueinander." Lisa legte die Mappe in ihre Ablage: „Frau Plenske, Sie bluten ja." Rokko war aufgestanden, holte ein Taschentuch hervor und tupfte damit Lisas rechten Ellenbogen ab. Oh mein Gott – diese Berührung. Ich falle bestimmt gleich in Ohnmacht. Das kann ich doch nicht zulassen. „Ähm, danke." Lisa nahm Rokko das Taschentuch ab und drückte es selbst auf ihren Ellenbogen. Bruno hatte die Szene genau beobachtet und wenn ihn sein Gespür nicht komplett verlassen hatte, dann gab es zwischen seiner Halbschwester, die immer noch nichts von diesem Glück wusste, und seinem neuen Freund eine Anziehung. He, na das wird ja lustig. „Sie könnten es einfach auf Ihrem Rock abschmieren, wenn's dann trocken ist, dann hat's die gleiche Farbe wie der Kakao und dann sieht's so aus, als sollte es so sein." – „Danke, Herr Lehmann, ich werde darüber nachdenken." Lisa wusste nicht genau, was sie von diesem Bruno Lehmann denn nun halten sollte. Irgendwie war er ihr sympathisch – so auf die Jürgen-Weise. Sie hätte nicht in Worte fassen können, was sie für oder vielmehr ihm gegenüber empfand.

„Sag mal, Bruno, was war denn mit dir gerade los?", löcherte Rokko ihn, als sie den Erfolg ihrer „Mission" in der Tiki-Bar analysieren wollten. „Was soll denn mit mir gewesen sein? Man steht seiner Halbschwester ja nicht jeden Tag das erste Mal gegenüber." Rokkos Augen wurden groß. „Wie jetzt Halbschwester? Lisa ist…? Weiß sie es?" – „Pass auf, ich schlage dir einen Deal vor: Ich erzähle dir von meinem Verhältnis zu Lisa Plenske und du sagst mir, warum sie eine Gänsehaut so groß wie Hundezitzen gekriegt hat, als du ihr an den Arm gefasst hast."

„Luke, noch ein Bier. So, Frauen und Biere stößt man unten an. Auf deinen Erfolg bei Lisa Plenske und auf meinen Erfolg im Schuhgeschäft", Bruno war schon ein bisschen angetrunken, als alles gesagt war. „Ich finde, du solltest nicht zu lange warten, um bei den Plenskes mit der Wahrheit rauszurücken. Die sind schon ziemlich nett." – „Du kennst meinen Vater?" – „Ja. Ich war bei ihm und Lisas Mutter, als der Streik in Tschechien war. Wirklich nette Leute, sehr bodenständig, sehr authentisch." – „Jetzt sag mir mal, wie ein Mensch authentisch sein kann." – „Na echt eben, die verstellen sich nicht oder verstecken sich hinter irgendeiner Fassade."

Der nächste Tag war für Bruno die Hölle auf Erden. In seinem Schädel schien jemand nach Öl zu bohren und Hugos lautstarke und extravagante Änderungswünsche, die schon ein kleines bisschen schikanös waren, machten es noch schlimmer. „Gut, wenn Sie sich dann einig sind, dann gehen Sie beide bitte zu Frau Plenske, die regelt das Vertragliche mit Ihnen." Damit hatte sich David auch schon verabschiedet – ein wichtiger Termin, vermutlich ein wichtiger, langbeiniger, kurzberockter, blonder Termin. Hinter vorgehaltener Hand wusste jeder, was „wichtige Termine" aus Davids Mund zu bedeuten hatten – nur die arme Trina hatte keinen Schimmer.

„Trina, Sie sehen ja aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen", sprach Lisa sie an, als sie ihr den Vertrag zum Kopieren gab. Bruno und Rokko drehten sich zu ihr um und Rokko musste besorgt feststellen, dass seine Schwester ziemlich blass war. „Ich habe da etwas gesehen, also das wollte ich so was von gar nicht sehen. Ich wollte zu Herrn Seidel wegen der Post und da war da diese Frau und sie…" – „Etwa Mariella?" – „Nein, eben nicht." – „Und ich dachte schon, wir müssten uns Sorgen machen." Lisa spürte die fragenden Blicke der Anwesenden auf sich: „Naja, er ist nun mal ein Jäger – nicht, dass ich das gutheißen würde, bestimmt nicht, aber ich habe mir lange genug den Mund fusselig geredet. Wenn Mariella das toleriert, ist das ihre Angelegenheit." Ganz offensichtlich war Lisa Plenske über David Seidel hinweg. Momente wie dieser machten ihr wieder bewusst, dass es ihr nicht anders ergangen wäre als der armen Mariella und insgeheim war sie froh, sehr froh, dass es nie soweit gekommen war. Verstohlen sah sie zu Rokko. Ob er seine Partnerin wohl betrügen würde? Das wollte sie sich lieber nicht vorstellen – sie musste ja jetzt mit ihm arbeiten und solche Gedanken würden nur dafür sorgen, dass sie sich genauso dusselig wie bei David anstellen würde. Immer öfter hatte sie in letzter Zeit an Rokko gedacht und versucht, herauszufinden, was sie eigentlich für ihn fühlte – ihre Gedanken drehten sich aber nur im Kreis. Jetzt, wo er mit im Kerima-Boot saß – zumindest für eine Weile – würde sie vielleicht die Chance erhalten, ihn näher kennen zu lernen und ihre Gefühle genau zu kategorisieren. Kategorisieren? Kann man das? Jürgen in die Freundschaftsschublade. Mama und Papa in die Familienschublade. Und Rokko? In welche Schublade mit ihm?