13.

Lisa Plenske. Li-sa Plens-ke. Gut, an ihrer Tür stand Elisabeth, aber wie eine Elisabeth sah sie ja nun wirklich nicht aus – zu jung, zu wenig pastellfarbene Kleidung. „Du musst mit ihr reden und je früher, desto besser. Du scheinst ihr doch ganz sympathisch zu sein. Sie wird dich schon nicht gleich vierteilen, wenn du mit ihr sprichst", hatte Rokko ihm geraten. Naja, und wo er gerade da war… Das erneute Meeting für die Präsentation war gut gelaufen und Lisa bester Dinge. Also, wieso nicht? War das vielleicht doch eher eine von den Sachen, für die man extra wiederkommt und sie nicht erledigt, wenn man gerade da war? Immer wieder spielte Bruno eventuelle Szenerien in seinem Kopf durch. Wie würde er es ihr sagen? Wie würde sie reagieren? Was würde danach passieren? Seine Beine waren auf einmal schwer wie Blei – weglaufen ging also nicht. Er atmete ein paar Mal tief durch: So Bruno Lehmann-Plenske, auf in den Kampf. Ohne zu klopfen riss er die Tür auf: „Lisa, ich muss dir etwas Wichtiges sagen!" Lisa saß hinter ihrem Schreibtisch und war in ihre Papiere vertieft, ganz entgeistert sah sie auf, sagte aber nichts. „Ich habe mir hundert Mal überlegt, wie und wann ich dir das sage, aber irgendwie gibt es dafür keine richtige Variante und noch viel weniger einen richtigen Zeitpunkt. Also hier die Holzhammermethode: Ich bin dein Bruder und du bist meine Schwester." Lisa machte große Augen, glaubte aber Bruno würde scherzen: „Das hab ich heute schon mal gehört – am Bahnhof, aber ich musste im Gegenzug einen Wachturm nehmen." – „Das ist aber kein Scherz und ich bin kein Sektenmitglied. Ich bin Bernd Plenskes unehelicher Sohn." Brunos Gesichtsausdruck war todernst, als er ihr das Tagebuch seiner Mutter reichte. Lisa las die Zeilen immer und immer wieder: „Es gibt also keinen Zweifel. Weiß mein… also… unser Vater von dir?" – „Nein. Ich wollte ihn kennen lernen, aber das Schicksal war schneller." – „Schicksal, he? Du bist ein echter Plenske, so viel steht fest, außer uns spricht niemand so viel vom Schicksal. Und angemessen reagieren tun wir auch nicht. Tut mir leid, du hast dir sicher eine andere Reaktion erhofft." Lisa stand auf, ging um den Tisch herum und nahm Bruno kurz in den Arm. „Naja, das ist besser, als die Variante, in der du mit einem Locher nach mir geworfen hast." – „Die Variante?!" – „Ja, Kopfkino, du weißt schon." Peinliches Schweigen kam auf. „Ich wollte ja schon immer einen großen Bruder", räusperte sich Lisa. „Aber du wolltest nie in der Situation sein, deine Eltern über dessen Existenz aufklären zu müssen." Lisa nickte. „Wie soll es denn jetzt weitergehen?", hakte Bruno nach. Nach einigem Überlegen machte Lisa folgenden Vorschlag: „Morgen, da geht Papa zum Skat. Ich nehme dich mit nach Hause und du lernst schon mal meine Mutter kennen. Papa kommt gegen 21 Uhr und dann sagen wir es ihnen. Mama wird dich dann schon ein bisschen gerne haben und dann…" – „Das könnte nach hinten losgehen." – „Ja, aber du hast selbst gesagt, dass es keinen richtigen Zeitpunkt dafür gibt. Außerdem wuppen wir gerade die Präsentation gemeinsam, dagegen ist alles andere ein Klacks." Hoffe ich doch, fügte Lisa in Gedanken hinzu. Richtig sicher, wie ihre Mutter diese Neuigkeit aufnehmen würde, war sie sich nicht. Ein kurzer Blick auf die Daten in Frau Lehmanns Tagebuch hatte ihr gezeigt, dass Bernd und Helga schon zusammen waren, als Bruno „entstanden" war.