14.

„Stimmt das, Bernd?" Helga hatte ihrer Tochter und dem netten jungen Mann, den sie ein paar Mal bei Kerima gesehen hatte, genau zugehört. Aber Bernd sagte nichts, er sah betreten zu Boden. „Stimmt das, Bernd?" Helga erhob ihre Stimme und knallte das Tagebuch auf den Couchtisch. Es sah ihr nicht ähnlich, sich so gehen zu lassen. Ihre ganze Körperhaltung sagte nur eins: Ich bin wütend, sehr, sehr wütend. „Wir sind seit 30 Jahren zusammen, seit 26 Jahren verheiratet. Hättest du mir je davon erzählt?" – „Das kann nicht sein Helga, wirklich, das kann nicht sein. Die Doris hat mir doch damals geschrieben, dass unsere Nacht folgenlos geblieben ist." – „Darum geht es nicht, Bernd." Helga hatte Tränen in den Augen. „Es geht darum, dass du mir all die Jahre verschwiegen hast, dass du mich betrogen hast und dass ich es so erfahren muss." – „Aber das kann wirklich nicht sein. Ich habe keinen Sohn – nie gehabt und ich werde auch nie einen haben." Bruno und Lisa saßen etwas bedrippelt auf dem Sofa und sahen Bernd und Helga bei ihrem Streit zu. „Wieso? Wieso, frage ich dich. Wieso kann das nicht sein? Hattest du den Schlüssel zu deinem Keuschheitsgürtel verloren, oder was? Du hast mich betrogen und wenn das folgenlos geblieben wäre, dann wüsste ich heute noch nichts davon. Wie konntest du nur!" Helga war in Tränen ausgebrochen und die Treppe hinauf gerannt. „Helgamäuschen, nun warte doch. Ich kann dir das alles erklären." Bernd hatte sich erhoben, seinen Kindern einen bösen Blick zugeworfen und ging dann selbst die Treppe hinauf. „Ich glaube, ich gehe dann mal besser", wandte sich Bruno an Lisa. „Ja, vielleicht. Wir sehen uns ja morgen zum Meeting. Vergiss nicht, Rokko mitzubringen." Bruno grinste breit. „Ach nee, warum denn?" – „Weil er zusammen mit Mariella die Werbearbeit machen muss." – „Ach so, klar. Mehr nicht? Ich bin dein großer Bruder, du musst mir davon erzählen, damit ich deine Unschuld notfalls mit meinem Leben verteidigen kann." Dem neuen Plenske war überhaupt nicht bewusst, warum Lisa bei dem Wort „Unschuld" so rot geworden war, aber Lisa schoss nur ein Gedanke durch den Kopf: Man sieht es mir an, als ob es mir auf die Stirn geschrieben wäre. „Da…dafür kennen wir uns noch nicht lange genug. Meine Unschuld kannst du ja immer noch verteidigen, wenn sie ernsthaft in Gefahr ist", versuchte sie zu scherzen.

Als Lisa am nächsten Morgen zu Kerima kam, hingen ihr die Augenringe bis zu den Knien. Bernd und Helga hatten die halbe Nacht weiter gestritten, bis es Helga endgültig gereicht hatte: Sie hatte sich in ihrem Schlafzimmer eingesperrt, in einem Anflug von Wut und Raserei hatte sie Bernds Sachen aus dem Fenster geworfen und dabei immer wieder geschrieben: „Du Mistkerl, ich will dich nie, nie wieder sehen." Es hatte Lisa einige Überredungskunst gekostete, damit Helga sie ins Schlafzimmer ließ. Sie war erschöpft von ihrem Ausbruch und saß in Tränen aufgelöst auf dem Fußboden: „Wie konnte er nur? Ich habe ihn doch so geliebt und er mich, dachte ich. Und weißt du, was das schlimmste ist? Ich liebe deinen Vater und ich hätte ihm den Seitensprung wahrscheinlich auch verziehen, aber so, so kann ich doch nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen, als wäre nichts passiert. Dieser junge Mann, dieser Bruno, der arbeitet doch jetzt bei Kerima. Ich werde ihm dort begegnen und…und." Helga hatte den Rest der Nacht damit verbracht, sie zurecht zu spinnen, wie sie Bruno nun begegnen sollte. Es stand für sie fest: Sie würde es Bernd nicht so einfach machen. Er würde schon die ganz schweren Geschütze auffahren müssen, um sie wieder für sich zu gewinnen.

„Und, wie kommst du mit Herrn Kowalski klar?", fragte Lisa Mariella, als sie sich einen starken Kaffee machte. „Er ist ein Anarchist." – „Besser als überhaupt keine Vorstellungen." Mariella verzog das Gesicht: „Du solltest auch ein wenig Platz für Wasser in deiner Tasse lassen. Hast du wieder durchgearbeitet oder warum muss er extra-extra-extra-stark sein?" – „Ich habe auch ein Privatleben und da läuft gerade ein Melodrama in 5 Akten." – „Frau von Brahmberg-Seidel da sind Sie ja! Man könnte meinen, Sie sind auf der Flucht vor mir. Ich dachte, wir nutzen die Zeit, in der Herr Haas und Bruno sich bezüglich der Änderungswünsche zerfleischen und befassen uns noch einmal mit der Gästeliste." Mariella rollte mit den Augen, dieser Chaot war vielleicht lästig. „Guten Morgen, Herr Kowalski", grüsste Lisa ihn und zu Mariellas Erstaunen wurde Rokko ganz handzahm und lächelte – für ihren Geschmack ein bisschen zu – debil. „Danke, dass Sie Bruno gut zugeredet haben." – „Das meinen Sie doch jetzt ironisch, oder? Ich habe schon gehört, dass die Familienzusammenführung nicht ganz so harmonisch war." – „Nein, das meine ich ganz ernst. Je früher meine Eltern es erfahren, desto früher versöhnen sie sich auch wieder. Wir konnten ja nicht erwarten, dass sie Bruno sofort um den Hals fallen, oder? Mal etwas anderes: Sind Sie unter Mittag noch hier?" – „Äh, ja. Wieso?" – „Ich dachte, naja, vielleicht… könnten wir…naja…zusammen…also…Mittagessen und Sie erzählen mir, wieweit Sie mit den Pressemappen sind." – „Ein Geschäftsessen, sozusagen." – „Nee, nicht ganz so förmlich." – „Und idealer Weise ohne meine Anwesenheit", warf Mariella amüsiert ein. Lisa Plenske bei dem Versuch, ein Date zu bekommen – Mariella kicherte in sich hinein: Wie süß. „Heute Mittag gibt's Frikassee und Reis. Wenn euch das nicht passt, müsst ihr auswärts essen." Helga war vom Großmarkt zurück und ziemlich schlechter Laune. „Ich finde, Frikassee klingt gut. Dann lassen Sie uns mal schnell arbeiten, Frau von Brahmberg-Seidel, denn dann komme ich schneller zu meinem Date mit Frau Plenske." Lisa wurde feuerrot, als Rokko sich breit grinsend davon machte. „Darüber reden wir später noch, Lisa. Geht doch nicht, dass du mir diesen Chaoten auf's Auge drückst, wenn du viel lieber selbst mit ihm arbeiten würdest." Zwinkernd folgte Mariella dem „Chaoten" in ihr Büro und ließ eine perplexe Lisa zurück. Was war denn nun schon wieder nicht richtig? Sie wollte doch nur mit ihm zu Mittag essen und erfahren, wie die Kampagne so lief. Die geschäftlichen Ziele überwogen eindeutig – nur ein klitzekleiner Hintergedanke… nämlich nicht alleine essen zu müssen. Jetzt rechtfertige ich mich schon vor mir selbst, dachte Lisa bevor auch sie sich in ihr Büro zurückzog.