15.

Pünktlich um 12 Uhr saßen Lisa und Rokko beim Mittagessen. Trina stand ein bisschen abseits und freute sich, dass ihr Bruder und Frau Plenske sich offensichtlich gut amüsierten, aber wie sollte sie sich jetzt verhalten? Ja, sie hatte Hunger, aber sie konnte oder vielmehr wollte sich nicht dazu setzen, da hätte sie sich nur wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt, aber irgendwo alleine sitzen, fand sie auch doof. Leider war Timo außer Haus, der hätte ihr bestimmt Gesellschaft geleistet. „Hey, was hältst du von Rollentausch?" unterbrach eine Stimme ihre Gedanken. Vor ihr Stand Bruno Lehmann. Trina wurde sofort rot, sie kannte ihn nur ein bisschen und sie wusste nicht, was sein Vorschlag zu bedeuten hatte. „Naja, der Kowalski-Bruder isst mit der Plenske-Schwester. Also kann die Kowalski-Schwester auch mit dem Plenske-Bruder essen. Außer du hast schon 'was Besseres vor?" In Kalehne war Bruno für seinen Charme berüchtigt, aber hier in Berlin musste er seine Grenzen erst einmal austesten. Die junge Frau mit den wilden dunklen Haaren, die vor ihm stand, war von seinem Vorschlag sichtlich peinlich berührt, räusperte sich dann aber, um zu sagen: „Oh, ja, natürlich. Das wäre sehr schön." Na bitte. Galant reichte Bruno ihr seinen Arm, den sie lachend ergriff. Gemeinsam steuerten sie einen Tisch hinter dem Catering an. „Hey, dürfen wir uns zu euch setzen?", fragte Bruno Rokko und Lisa, als er bereits saß. Trina hätte sich am liebsten mit der Hand an die Stirn geschlagen – genau das hatte sie verhindern wollen. „Natürlich." Sowohl Rokko als auch Lisa lächelten ihn an, aber insgeheim hätten sie wohl beide lieber „nein" gesagt. „So, hier." Helga hatte sich sofort daran gemacht, zwei Teller mit ihrem Frikassee zu befüllen und stellte einen Trina hin, den zweiten hingegen knallte sie mehr auf den Tisch, so dass es fast vom Teller gerutscht wäre. „Und für Sie auch." Ihr Ton war alles andere als freundlich und Bruno sah ihr etwas verletzt hinterher. „2. Akt, 1. Szene", kommentierte Lisa. „Mach dir nichts draus. Sie braucht Zeit." – „Und wer sagt mir, dass sie mein Essen nicht vergiftet hat?" Rokko griff nach seiner Gabel und piekste ein Stück Hühnerfleisch von Brunos Teller auf und schob es sich in den Mund: „Nein, schmeckt ganz prima." – „Ich warte lieber noch, ob du nicht doch tot vom Stuhl rutschst." – „Herr Kowalski, möchten Sie vielleicht noch Nachschlag?" Helga hatte die Szene beobachtet und wollte natürlich nicht, dass dieser freundliche, aber ziemlich schräge Vogel, der ihre Lisa so herzlich zum Lachen brachte, hungern musste. Ehe Rokko es sich versah, hatte Helga ihm auch schon den Teller weggenommen und randvoll gemacht. Rokko staunte nicht schlecht – wo sollte er denn das alles hinessen? „Siehst du, Rokko, ich sage es ja immer, dein seltsamer Humor wird früher oder später bestraft." Trina konnte nicht mehr vor lachen – das Gesicht, das ihr Bruder in diesem Moment zog, war aber auch zu komisch. Tapfer aß Rokko unter den erstaunten Blicken seiner Tischnachbarn den Teller leer: „So, ich rolle dann mal in das Büro von Mariella zurück und sehe zu, wie wir die Schuhe und die Kleider medienwirksam unter einen Hut bringen."

„Sag mal, Mama, was sollte das denn gerade?" Lisa war an den Tresen gegangen, hinter dem Helga wie eine Wilde werkelte. Abwartend sah sie ihre Mutter an. „Ich dachte, der Herr Kowalski könnte es vertragen", sagte Helga ohne aufzusehen. „Das meine ich nicht. Ich meine, wieso warst du so mies zu Bruno?" Helga war betreten. „Was erwartet ihr denn alle von mir? Dass ich ihn mit offenen Armen empfange? Er ist immerhin der uneheliche Sohn deines Vaters." – „Weißt du, Mama, du hast alles Recht dieser Welt auf Papa sauer zu sein, aber Bruno, der kann ja nun für gar nichts. Der ist nicht gefragt worden, ob er gerne das Ergebnis dieses ‚Ausrutschers' sein möchte. Aber er möchte seinen Vater kennen lernen und darauf hat er wohl ein Recht, oder? Du solltest ihm eine faire Chance geben, denn er ist ziemlich nett."

Als Lisa zurück in ihr Büro kam, wartete Trina dort schon auf sie. „Ich habe die Zahlen des letzten Quartals für das Meeting mit den Kleinanlegern zusammengestellt. Hier die Verkaufszahlen geordnet nach Datum, das hier geordnet nach Zielgruppen, dann Produktionskosten, Preisentwicklungen…" Lisa warf einen Blick auf die Papiere: „Gute Arbeit, Trina." Auf einmal ging ihre Bürotür auf: „Frau Plenske, können wir mal kurz stören?" Es war Rokko. „Bitte, heute ist hier eh Tag der offenen Tür." Dann wandte sie sich wieder an Trina: „Denken Sie, Sie können das Meeting alleine abhalten? Die Tabellen haben Sie ja schon zusammengestellt und bräuchten Sie eigentlich nur noch präsentieren." – „I-ich?" Trina sah verunsichert von Lisa zu Rokko, dann zu Mariella und wieder zu Lisa. „Wenn Sie nicht möchten oder sich das nicht zutrauen, dann ist das okay, dann sollten Sie ‚nein' sagen, aber wenn Sie ‚ja' sagen, dann bedeutet es auch ‚ja', also kein Zurück mehr, wenn Sie verstehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Sie das gut machen werden." Trina begann übers ganze Gesicht zu strahlen: „Okay, ich mache es. Aber Sie kommen doch später nach, oder?" Lisa nickte und gab Trina die Papiere zurück. Breit grinsend ging sie an Rokko vorbei, der mit einem Handzeichen andeutete, dass er sehr stolz auf sie war. „So, Herr Kowalski, was gibt es denn nun so Dringendes, dass keine Zeit für das Anklopfen verschwendet werden konnte?"

Lisa, Rokko und Mariella brüteten noch über Einzelheiten der Präsentation, als Bruno sich in den Feierabend verabschiedete. Im Fahrstuhl traf er auf Helga, die er freundlich grüsste, die für ihn wiederum nur einen bösen Blick übrig hatte. Der Weg nach unten war unendlich lang und die Stille unerträglich, als Bruno sich plötzlich räusperte: „Ich kann ja verstehen, dass Sie verletzt sind und dass Sie Zeit brauchen, aber…" – „Nichts aber, junger Mann. Sich einfach so an meine Tochter heranschleichen, um sich dann in unser Familienleben zu drängen." – „Nun machen Sie aber mal halblang. Ich habe mich weder an Lisa herangeschlichen, noch habe ich mich in Ihr Familienleben gedrängt. Ich sage Ihnen etwas: Dass ich zu ShoeCool kam, das war Zufall oder Fügung oder so und dass Rokko meine Schuhe bei Kerima platzieren wollte, damit hatte ich nichts zu tun. Ich wusste ja nicht mal, dass Lisa hier der Boss ist. Aber Kerima ist meine Chance, verstehen Sie? Das ist meine Chance endlich mal etwas richtig zu machen. Ich möchte meine Arbeit machen, gut machen. Hier zählen alle auf mich – der Herr Haas, der glaubt sogar an mich. Hier bin ich endlich mal nicht der Versager vom Dienst. Ich will doch nur ein einziges Mal, dass jemand stolz auf mich ist. Ein einziges Mal wollte ich alles richtig machen und das ist dann doch in die Hose gegangen. Glauben Sie wirklich, ich wollte, dass mein richtiger Vater und Sie, dass Sie sich streiten? Nein, bestimmt nicht. Ich weiß nicht, was für eine Reaktion ich erwartet habe… Ich weiß nur, ich wollte meinen Vater kennen lernen. Der Herr Lehmann, der war nie ein Vater für mich und dass hat er mich immer spüren lassen und mein richtiger Vater, der will bestimmt auch nichts von mir wissen, weil ich der Grund dafür bin, dass seine Frau nicht mit ihm redet. Aber ich habe doch ein Recht darauf meine Familie kennen zu lernen. Und Sie müssen eine tolle Familie sein, weil die Lisa so großartig ist und…" Bruno wusste nicht, was er noch hätte sagen können, viel mehr war ihm dieser Ausbruch peinlich. Als der Fahrstuhl endlich hielt, sprang er sofort hinaus, ohne zu merken, dass sie noch gar nicht im Erdgeschoss waren. Zurück blieb eine mehr als perplexe Helga, die das Gehörte erst einmal verarbeiten musste.