16.
In der S-Bahn nach Göberitz hatte Helga sich einen Fensterplatz gesucht und dachte über Brunos Worte nach. Wie Lisa sah sie zum Fenster hinaus und träumte vor sich hin. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er nicht nur der Sohn der „anderen Frau" war, sondern ein Mensch mit Gefühlen und Bedürfnissen. Er wollte seinen Vater kennen lernen und das konnte sie ihm doch nicht verwehren, nur weil sie in ihrer Eitelkeit gekränkt war. Dinge zwischen Bernd und ihr sollten Dinge zwischen Bernd und ihr bleiben und Dinge zwischen Bernd und Bruno waren andere Dinge – es musste einfach eine Gleichzeitigkeit geben. Mit dieser Erkenntnis stieg Helga aus der S-Bahn.
„Helgamäuschen, da bist du ja. Guck mal, ich habe für uns gekocht. Das Schnattchen kommt später. Wir können also in Ruhe reden." Bernd lief schon den ganzen Tag mit einer Mischung aus Leichenbittermiene und schuldbewusstem Dackelblick herum. Er wollte, dass seine Helga ihm verzeiht und er war bereit, alles dafür zu tun. „Bernd, setz dich mal." Helga deutete auf den Platz neben sich auf dem Sofa. „Ich habe heute deinen Sohn getroffen." Helga sah Bernd direkt in die Augen. „Ich habe keinen Sohn, wie oft denn noch?" – „Doch Bernd, das hast du, einen sehr netten, sehr direkten und ehrlichen Sohn. Du bist ihm 28 Jahre lang kein Vater gewesen und jetzt ist er da. Ich finde, du solltest ihm eine Chance geben." – „Wie kommt's denn?" Bernd war verwirrt – ausgerechnet Helga machte ihm diesen Vorschlag. Natürlich war ihm klar, dass er Brunos Vater sein könnte und Doris' Tagebuch war eindeutig. Wenn er ganz, ganz ehrlich zu sich war, dann war er schon ein bisschen neugierig auf den neuen Plenske. Ob er ihm ähnlich war? Optisch ja nur ein bisschen, aber das war ja auch nicht alles. Wie viel Erziehung wohl ausmacht? Ob er Lisa ähnlich war? Aber auf ihn zugehen? Niemals! Bruno war Zeuge seines Ausbruches gewesen – er konnte ihm doch nicht so unter die Augen treten. Was sollte er überhaupt sagen? Fragen über Fragen und die große Unsicherheit und ausgerechnet jetzt redete Helga ihm gut zu. Mit Friedrich hatte er bei der Arbeit darüber gesprochen – der hatte ja Erfahrung mit plötzlich auftauchenden unehelichen Söhnen. „Nun, er ist nicht Richard, oder? Ich sage dir, du solltest ihm eine Chance geben bevor es dafür zu spät ist. Richard hasst mich und er hat nie einen Hehl daraus gemacht. Wenn ich könnte, dann würde ich die Zeit zurückdrehen, um eine bessere Beziehung zu ihm aufzubauen." Naja, und Lisa, die brauchte er ja nun wirklich nicht um Rat fragen – sie hatte bereits Stellung bezogen. „Ich gehe ins Bett. Reden können wir morgen – auf neutralem Terrain. Ich schlage vor, wir treffen uns in meiner Mittagspause bei Kerima und dann darfst du mich zum Essen einladen." Ehe Bernd etwas sagen konnte, war Helga auch schon die Treppe hinaufgegangen.
Am nächsten Tag lief bei Kerima die Generalprobe für die Präsentation – es wurde langsam Zeit, in fünf Tagen sollte es soweit sein. Hugos kritischer Blick machte Bruno große Sorgen. „Félicitations. Bravo, Monsieur Lehmann, Ihre Schuhe sind ein nettes Accessoire zu meinen genialen Entwürfen." So kurz vor der wichtigsten Show vor Jahresende schwebte Hugo in ganz eigenen Sphären: Es hab auch keinen Grund, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, seine Kreationen waren einfach nur gut und die Schuhe, die Bruno entworfen und in harter Handarbeit gefertigt hatte, passten hervorragend dazu. Es war zwar einfach, Lisa zu beeindrucken, aber diesmal war sie schwer begeistert – auch Rokko war mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. „Eh bien, Champagner! Das muss gefeiert werden", rief Hugo Lisas Mutter zu, die sich sofort daran machte, Gläser zu befüllen. „Bringt das nicht Unglück?", flüsterte Lisa Mariella zu. „Du und dein Aberglaube. Es lockert zumindest die Stimmung", zwinkerte ihr diese mit einer Geste auf Rokko zu. „Na hoffentlich. Ähm, ich meine, hoffentlich bringt es kein… kein Unglück." Während die Kerima-Crew dort also stand und vorfeierte, ging die Fahrstuhltür auf und Bernd kam herein. Langsam gesellte er sich zum Catering und beobachtete mit Argusaugen wie Hugo Brunos Schuhe lobte. Ein bisschen stolz war er schon – eine erfolgreiche Tochter, ein erfolgreicher Sohn, nur seine Ehe lag im Argen und er kannte diesen Sohn noch nicht. Das musste sich dringend ändern. Heute würde er seine Ehe kitten und um diesen Bruno würde er sich später kümmern – 28 Jahre hatte er nichts von ihm gewusst, da machten ein paar Tage kaum einen Unterschied. „Bärchen, du bist aber früh dran. Ich brauche noch eine Minute bis ich hier weg kann." Helga hatte ihren Mann entdeckt und ihr war natürlich nicht entgangen, dass Bernd Bruno beobachtete. Sie würde es ansprechen, wenn sie gleich gemeinsam essen würden.
Aus dem Mittagessen wurde ein langer Spaziergang an der Spree – am späten Nachmittag war alles gesagt. „Okay, Bernd Plenske, einen Wunsch habe ich jetzt aber frei", fordernd sah Helga ihren Mann an. „Alles, was du willst, Mäuschen, alles, was du willst." – „Es ist doch bald Weihnachten und ich will, dass Bruno mit uns feiert – also, wenn er nicht nach Kalehne fahren will, natürlich." Bernd wusste nicht, was er von den Plänen seiner Frau halten sollte, aber er hatte ihr versprochen, dass sie einen Wunsch freihatte und nun konnte er keinen Rückzieher mehr machen." – „Gut, wenn er nicht nach Kalehne will, kann er mit uns feiern. Aber ich gehe zu ihm und lade ihn ein."
Helga war nach Hause gefahren und Bernd hatte sich auf den Weg zu Kerima gemacht. Dort hatte er Bruno geradeso noch erwischt. Nervös war er, sehr nervös, aber Bruno machte es ihm leicht: „Also mir wäre nach einem Bier, aber nicht in so einer schnieken Schicki-Micki-Bar hier in Mitte, sondern eher in einer ordentlichen Kneipe. Gesagt, getan. Bis in die späte Nacht hinein unterhielten sie sich über Brunos Kindheit, die Schule, die Ausbildung, den Auftrag für Kerima, über die Frauen im Allgemeinen und Brunos Eroberungen im Speziellen. Beide empfanden den Abend als locker und entspannt – ja, es war nicht das typische Vater-Sohn-Verhältnis, das sie hatten, aber das konnte man nach einem Abend auch nicht erwarten. Ihre Gespräche ließen eher auf eine Männerfreundschaft schließen, eine Männerfreundschaft, die es schon lange gab. Keiner der umstehenden Gäste hätte vermutet, dass Bruno und Bernd sich zum ersten Mal so locker und ungezwungen miteinander unterhielten. Zu später Stunde fiel Bruno ein, dass er in seiner WG Abwaschdienst hatte. Nachdem er fest bei ShoeCool angefangen hatte, hatte Bruno sich auf die Suche nach einer Unterkunft gemacht. Glücklicherweise war bei Franz und Otto, zwei Kollegen aus dem Produktionsbereich, ein Zimmer frei geworden und so war er dort eingezogen. Besser als die Jugendherberge war es allemal und die zwei waren schon lustig. Sie waren auf der gleichen Wellenlänge und teilten eine große Leidenschaft: Schuhe. Auf jeden Fall teilten sie sich die Hausarbeit und die zwei waren mutig genug, Bruno ihr Geschirr anzuvertrauen. Aber um sich um den Abwasch kümmern zu können, musste er jetzt langsam los. Gerade als er sich verabschieden wollte, nahm Bernd seinen ganzen Mut zusammen: „Sag mal, fährst du an Weihnachten eigentlich nach Kalehne?" – „Nein, ich wollte hier in Berlin bleiben und…" Ja, was und? Mit Franz und Otto rumhängen? Ja, vermutlich. Das war auf jeden Fall besser, als Weihnachten mit Herrn Lehmann. „Also, wenn du hier in Berlin bist… Also, die Helga und ich, also wir… und das Schnattchen… also die Lisa… also die Lisa auch, wir… wir würden uns freuen, wenn du Weihnachten mit uns feiern würdest… also jetzt, wo du zur Familie gehörst, sozusagen…" Bernd wusste nicht, wann er das letzte Mal so gestottert hatte… Aber Brunos glückliches Lächeln machte alles wieder wett: „Ehrlich, jetzt?" – „Ja, ehrlich. Du bist ein knorke Sohn und ich muss dich doch noch besser kennen lernen." – „Ich mochte Weihnachten nie, aber jetzt freue ich mich riesig drauf."
Währenddessen saßen Lisa und David mit versteinerten Mienen über einen Brief von Dr. Schäfer, dem von Brahmberg'schen Familienanwalt. Es war eine einstweilige Verfügung, die es Richard ermöglichte ab sofort wieder zu arbeiten – er würde wieder volles Mitspracherecht bei der Präsentation haben. Schon am nächsten Tag würde er wieder in seinem Büro sitzen dürfen und Intrigen spinnen. „Und man kann gar nichts dagegen tun?" Lisa sah David hoffnungsvoll an. „Nee, ich habe schon mit unserer Rechtsabteilung gesprochen – keine Chance. Wir müssen hoffen, dass diese Näherin bald aus dem Krankenhaus entlassen wird und eine Aussage machen kann, erst dann können wir Richards Abwahl beim Vorstand durchdrücken." Lisa nickte: „So ein Mist! Wenn es wenigstens nach der Show wäre, aber so…" – „Dann müssen wir ihn eben ununterbrochen beobachten, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt." Wieder nickte Lisa. „Gut, dann sehen wir uns morgen."
