17.
Der Tag der Präsentation war gekommen und Lisa und Bruno waren gleichermaßen nervös. Für Kerima stand viel auf dem Spiel und für Bruno war es die langersehnte Chance zu beweisen, was in ihm steckte. Gemeinsam mit Rokko und Trina saßen die Plenske-Geschwister im Präsentationsraum und beobachteten das hektische Treiben. Langsam füllte sich der Raum mit Gästen, aber Lisas ganze Aufmerksamkeit galt Richard – der saß nämlich ganz friedlich in der ersten Reihe auf der anderen Seite vom Laufsteg und lächelte freundlich. Überhaupt war er wie ausgewechselt: Ohne Widerworte hatte er jede noch so stupide Aufgabe erfüllt, die man ihm übertrug und auch mit David hatte er anstandslos zusammengearbeitet. Auch wenn sich die böse Ahnung, dass etwas im Busch war, sich nicht verdrängen ließ, war Lisa mehr als froh, dass Richard sich den Präsentationsplänen nicht in den Weg gestellt hatte. „Frau Plenske?" Britta Haas stand vor ihr. „Mein Mann möchte, dass Sie zu ihm kommen." Fragend sah Lisa sie an: „Das hat er so gesagt?" – „Nein, eigentlich sagte er, schick mir einen von diesen unkreativen, spröden Zahlenschiebern, aber nicht Richard und da dachte ich zuerst…" Britta brach mitten im Satz ab – Lisa war zwar nicht die typische karrieregeile Businessfrau, aber sie war immer noch ihre Chefin und sie konnte doch nicht wirklich aussprechen, was sie wirklich dachte. „…an mich?! Wie schmeichelhaft", schmunzelte Lisa. „Ich geh mal gucken, was er will."
Als Lisa von ihrer Motivationsmission zurückkam, hatte die Show schon begonnen. „Und, wie läuft's?", flüsterte sie Rokko zu. „Zwei abgebrochene Absätze, ein zerrissenes Kleid, ansonsten alles im grünen Bereich." Rokkos Gesichtsausdruck zeigte ihr, dass er nur Spaß machte. „Sie haben bestimmt nichts dagegen, wenn ich später lache. Das ist wirklich die falsche Situation, um solche Scherze zu machen."
Die Show war hervorragend gelaufen und Hugo und Bruno erhielten sogar stehende Ovationen. Nach dem üblichen Fotografier-Interview-Prozedere wurde ausgiebig gefeiert – bis in die frühen Morgenstunden. Da man aber nicht nur trinken, sich selbst loben und quatschen kann, hatte Luke entschieden, die Tanzfläche in der Tiki-Bar zu eröffnen, was von den „Modefuzzis" dankbar angenommen wurde. Lisa und Mariella saßen noch an der Bar und unterhielten sich, als Rokko dazukam: „Frau Plenske, würden Sie mir vielleicht diesen Tanz schenken?" Na aber sicher doch – ohne Schleife und Schnörkel schenkte Lisa Rokko diesen Tanz. Auf dem Weg zur Tanzfläche sah sie noch, wie Mariella ihr einen ermutigenden Blick, der so etwas wie „Go for it" sagen sollte, zuwarf. Tanzen war ja nicht so Lisas Stärke und Mariella bekam das Gefühl, sie müsste ein bisschen Amor spielen. Sie ging zu Luke rüber und flüsterte kurz mit ihm – wenig später wurde ein Lied gespielt, zu dem man nicht anders als langsam und vor allem eng tanzen konnte. Rokko warf einen Blick auf Lisa, um sicher zu gehen, dass es für sie auch in Ordnung war, wenn er sie an sich zog und die Arme um sie legte. Lisa hätte ewig so weitertanzen können. Mittlerweile hatte auch David Mariella zum Tanzen aufgefordert und so wurden die Beiden Zeugen von dem, was nach dem Schmusesong passierte. Rokko hatte Lisa vorsichtig losgelassen oder vielmehr: Er hatte die Umarmung etwas gelockert und sah in Lisas strahlende blaue Augen. Dieser zärtliche Blick, diese lieben Augen – Lisa wurde ganz schwindelig und als Rokko ihr dann auch noch eine Strähne aus dem Gesicht strich, gab es für sie kein Halten mehr. Sie vergaß plötzlich alles um sich herum, dass sie in einer Bar waren und dass alle sie sehen konnten… Zögerlich beugte sie sich vor und zu ihrem Erstaunen kam Rokko ihr entgegen. Auf halben Weg trafen sich ihre Lippen zu einem sanften Kuss. „Na also, geht doch", bemerkte Mariella. David staunte nicht schlecht – das war nicht unbedingt, die Lisa Plenske, die er jetzt seit fast zwei Jahren kannte: „Verdient hat sie es sich. Hoffentlich stellt sie sich nicht so dusselig an." – „Das ist nicht sehr nett, David. Die Zwei, die machen das schon, glaub mir. Ein Frau spürt so etwas." – „Ja, oder sie hat zu viele Rosamunde-Pilcher-Filme gesehen."
Aber Mariella hatte mit ihrem Gespür nicht daneben gelegen: Als sie am nächsten Morgen zu Kerima kam, saß Lisa mit verklärtem Blick über einer Tasse Kaffee. „Na, wie war es gestern Abend noch? Ihr ward ja dann ziemlich schnell weg." – „Schön war es. Ich musste doch den Nachtbus kriegen und Herr Kowalski hat mich hingebracht." Nachtbus? In Mariellas Ohren klang das ja nicht sehr romantisch, aber Lisas Blick ließ vermuten, dass es zumindest ihr gefallen hatte. „Und mehr nicht? Nur zum Bus gebracht hat er dich?" Lisas Wangen wurden rosig und sie sah beschämt zu Boden. „Nein, zum Abschied, also, da haben wir uns noch einmal geküsst." Mariella betrachtete Lisa und in diesem Moment erinnerte sie sie wieder an die kleine scheue Assistentin, als die sie hier angefangen hatte. Als hätte man es mit zwei Personen zu tun: Eine, die wie eine Löwin um ihr Unternehmen kämpfte und eine, die so unerfahren war, dass sie sich ohne fremde Hilfe vermutlich selbst im Weg stehen würde. „Hey, das hast du dir verdient und wir wünschen dir wirklich alle, dass du glücklich wirst. Du kannst ja nicht immer nur arbeiten und für andere da sein."
„War wohl ziemlich spät gestern Abend? Ich habe gar nicht gehört, wann du gekommen bist." Trina gab an diesem Morgen die Alleinunterhalterin und wurde dessen nicht müde. Normalerweise schwieg sie irgendwann, aber sie musste Rokko doch entlocken, was passiert war. Er war so ganz anders als sonst. „Wand an Tapete, Wand an Tapete! Was ist passiert, dass du heute so neben dir stehst?" – „Ein Kuss, nein, zwei Küsse." – „Das klingt nett, das gibt bestimmt ein schönes dadaistisches Gedicht, wenn es fertig ist." Es hatte keinen Sinn mit Rokko zu sprechen. Sie stellte gerade ihr Geschirr in die Spüle, als ihr dämmerte, was er wohl gemeint haben könnte. „Nein!", entfuhr es ihr lauter als beabsichtigt. „Du und Frau Plenske?" – „Jaa, Frau Plenske. Was ein einziger Kuss alles verändern kann." – „Man könnte meinen, du bist noch nie geküsst worden." – „Doch, aber nicht so." Jetzt wurde Trina neugierig – sie hatte ja nicht so viele Erfahrungen und ihre Schwärmerei für Timo musste ja auch irgendwie vorangetrieben werden…
