18.

„Besonders glücklich wirkst du aber nicht, Lisa." Mariella hatte sich in den Wintergarten der Seidelschen Villa verkrümelt und traf dort auf Lisa, die wie so oft einfach nur aus dem Fenster sah. Es war Sylvester und in wenigen Minuten würde das Jahr 2007 beginnen. „Du hättest Rokko doch einfach mitbringen können." Lisa wirkte mit einem Mal noch unglücklicher. „Seit der Präsentation habe ich nichts mehr von ihm gehört. Außerdem ist er mit Trina in Hamburg." – „Was machen die Zwei denn da?" – „Trina sagte, Weihnachten ist für sie die schlimmste Zeit des Jahres. Sie wollten ein paar Freunde und Bekannte dort besuchen und… und das Grab ihrer Eltern." Mariella nickte verständnisvoll. „Hast du mal versucht, ihn anzurufen?" – „Ich habe aufgehört, zu zählen, wie oft ich den Hörer schon in der Hand hatte. Weißt du, ich hätte gerne Gewissheit… also ob der Kuss ihm genauso viel bedeutet wie mir." – „Und warum hast du dann noch nicht angerufen?" – „Ich will nicht, dass er mich für aufdringlich hält. Außerdem würde ich das lieber persönlich… also nicht so am Telefon." – „Hm. Weißt du, es ist Sylvester. Du könntest ganz unverbindlich einen guten Rutsch wünschen und abwarten, wohin das Gespräch führt." Mariella reichte ihr das Telefon. „Und dann kommst du einfach in den Park. Das Feuerwerk beginnt gleich."

Die Weihnachtsfeiertage bei den Plenskes waren schön – Bruno war nun völlig „verplensketisiert" und Helga hatte ihm das Du angeboten. Lisa hatte ihm all die Plätze ihrer Kindheit gezeigt und so gar nicht die Chance bekommen, sich über Rokko und die Bedeutung des Kusses Gedanken zu machen. Aber an diesem Abend war sie zur Sylvesterfeier bei den Seidels eingeladen – eigentlich wäre sie viel lieber Zuhause geblieben, aber Helga und Bernd wollten alleine feiern und so war sie mit Bruno zu den Seidels aufgebrochen. Innerhalb kürzester Zeit hatten sich kleine Grüppchen gebildet, aber bei keiner fühlte Lisa sich richtig wohl. Daher war sie in den Wintergarten gegangen und hatte das erste Mal Zeit, sich richtig Gedanken zu machen und sich in ihre Was-wäre-wenn-Phantasien zu verrennen. Mariella hatte Recht, sie sollte Rokko wenigstens ein gesundes neues Jahr wünschen. Aufgeregt wählte sie seine Handynummer.

„Wenn wir jetzt in den Zug steigen, schaffen wir es zwar nicht rechtzeitig zum Jahreswechsel nach Berlin, aber alle werden noch auf sein, um mit uns anzustoßen", Trina beobachtete ihren Bruder schon seit Tagen – ja, Weihnachten war jedes Jahr seit dem Tod ihrer Eltern furchtbar, aber sie hatten doch immer noch einander. Sie hatten immer versucht, sich in diesen Tagen beizustehen und das beste aus den Feiertagen zu machen. Trina war allerdings nicht entgangen, dass Rokko sich verändert hatte: Er war stiller und am Grab ihrer Eltern hatte er von Lisa erzählt – das hatte sie genau gehört, als sie mit ein paar Tannenzweigen dazukam. Trina hätte noch ewig bei Dodo und Matze, einem Künstlerpärchen, das Rokko noch aus seiner Studienzeit kannte, bleiben können, aber sie sah ein, dass Rokko dringend nach Berlin zurückmusste. Es gab tausend Dinge, die er mit Lisa zu besprechen hatte – in allererster Linie, wie sie zu dem Kuss von neulich stand. „Nein, in drei Tagen reisen wir eh wieder ab, wir sollten die Zeit hier genießen." – „Ich tue das, aber wie steht es mit dir? Weißt du, du solltest Lisas Nummer nicht nur wählen, du solltest auch warten, dass jemand abnimmt." Trina sah in aufmunternd an, so dass Rokko sich zu fragen begann, wer der ältere und weisere Geschwisterteil war. Just in diesem Moment klingelte sein Handy. „Na los, geh ran, vielleicht ist sie das ja." Rokko warf einen Blick auf das Display: „Unbekannte Rufnummer." Kurz entschlossen drückte er das Gespräch weg. „Hey, wieso hast du denn das gemacht? Sie muss dich ja nicht von ihrem Telefon aus anrufen, oder? Gib dir einen Ruck, sie wird dich schon nicht für lästig halten, wenn du ihr ein gesundes neues Jahr wünschst."

Derweil stand Lisa im Park der Seidels. Sie war ein maßlos enttäuscht, dass Rokko den Anruf einfach so weggedrückt hatte – bestimmt hatte sie gerade gestört. „Lisa, nicht träumen, deine Manteltasche klingelt", wies Bruno sie auf den eindringlichen Klingelton hin. Wer das wohl sein konnte: „Rokko!" Selig lächelnd deutete sie auf das Display. „Hallo!", meldete sie sich, während Bruno sich diskret zurückzog.