19.

„Bruno an Rokko! Hast du mir überhaupt zugehört? Du bist ja genauso verpeilt wie Lisa." Rokko schreckte hoch – er war so vertieft in seine Arbeit, dass er gar nicht mitbekommen hatte, dass Bruno etwas von ihm wollte. Es war der erste Arbeitstag im neuen Jahr und die Post lag bergeweise auf seinem Schreibtisch. Alle wollten etwas über Bruno Lehmann, das Schuhgenie, wissen, es gab Interviewanfragen und allerlei anderer Kram, den Rokko erst einmal sortieren und dann koordinieren musste. Eilig, ja eilig hatte er es damit – er wollte in der Mittagspause zu Kerima, um mit Lisa zu sprechen. Ihr „unverbindliches" Telefonat an Sylvester hatte ergeben, dass sie sich auf jeden Fall treffen wollten, wenn Rokko wieder in Berlin war. Alles andere wollte er lieber persönlich mit ihr klären. „Ja, ich habe dir zugehört: Du hattest schöne Weihnachten und ein tolles Sylvester. Kim Seidel ist eine klasse Frau, aber zu jung für dich." – „Du hast nur die Hälfte mitbekommen. Ich sagte: Kim ist eine klasse Frau, aber sie kommt in keiner Weise an Hannah ran." – „Hannah?!" – „Oh man, vergiss es. Hauptsache du kümmerst dich mit deinem ganzen Hirnschmalz um meine Public Relations – Gott, ich liebe diese Branche, in Kalehne heißt das immer noch ganz platt ‚Reklame'."

„Es tut mir leid, Herr Kowalski, Frau Plenske ist in der Vorstandsitzung. Die tagen schon den ganzen Vormittag – es geht um Richard. Und danach hat sie einen Außentermin, zu dem sie jetzt schon zu spät kommt, wenn der Vorstand nicht gleich fertig ist." Inka musterte Rokko von oben bis unten. Seit der Präsentation hatte sie ihn nicht gesehen und er machte einen nervösen Eindruck auf sie. Was er wohl von ihrer Chefin wollte? Naja, von der Bettkante würde sie ihn ja auch nicht schubsen. „Soll ich ihr etwas ausrichten?" Vielleicht hättest du vorher anrufen und nicht spontan vorbeikommen sollen, dachte Rokko enttäuscht bei sich. „Sagen Sie ihr einfach, dass ich da war und dass ich es ein anderes Mal versuche, ja?"

Richard hatte alle Register gezogen: Er hatte geweint, getobt, sich entschuldigt, die Anwesenden beschimpft, aber nichts von alledem hatte etwas gebracht. Der Vorstand hatte ihn abgewählt. Noch beim Rausgehen sann er nach Rache – diesmal würde er die Metallfresse kriegen, koste es, was es wolle…

„Lisa, ich…" – „Keine Zeit, Inka, der Außentermin! Sag es mir nur, wenn es ein Notfall ist." Lisa war schon halb im Fahrstuhl verschwunden, als Inka sich entschied, dass Rokkos „Botschaft" durchaus warten konnte. „Nein, nein, schon gut, das kann bis später warten." Lisa hatte Katia seit ihrem Versuch, vom Kerima-Dach zu springen, mehrmals besucht und sie hatten sich angefreundet. Immer wieder hatte Katia ihr von ihrem Traum, eine eigene Änderungsschneiderei zu führen, erzählt. Und genau dorthin wollte Lisa. Alles Mögliche hatte sie in Bewegung gesetzt, damit Katia sich diesen Traum erfüllen konnte: Antragsformulare für Fördergelder vom Arbeitsamt hatte sie ausgefüllt, sich mit Maklern getroffen, Kostenvoranschläge von Baufirmen geholt, dem Großhändler eine Nähmaschine abgeschwatzt und innerhalb kürzester Zeit war alles geregelt. Heute sollte die Einweihung sein und Lisa war mehr als spät dran. Katia war schon in Sorge, als sie ihre neue Freundin endlich kommen sah. Völlig außer Atem stand Lisa in den kleinen Räumen, die sie fertig renoviert noch gar nicht gesehen hatte. „Chön, nicht?" – „Ja, sehr schön." – „Und guck mal, erster Auftrag." Keine Spur mehr von der verzweifelten Frau, die immer noch regelmäßig zur Gesprächstherapie musste.

Derweil hatte Richard bei Kerima anstandslos das Feld geräumt, seine persönlichen Dinge gepackt und sich auf den Weg in die Tiefgarage gemacht. Er kam an einem der Dienstwagen vorbei und warf einen kurzen Blick auf die eingetragenen Namen: Heute 13 Uhr L. Plenske. Um 13 Uhr waren sie noch in der Sitzung, sie würde also jede Minute kommen und mit dem Wagen fahren wollen. Das war seine Chance. Kurz entschlossen stellte er den Karton mit seinen persönlichen Dingen beiseite und machte sich an dem Auto zu schaffen. Zufrieden schlug er die Motorhaube zu – er würde sich von Kerima verabschieden, aber bestimmt nicht unspektakulär.

Trina war ohne Zahnspange aus Hamburg zurückgekommen und Timo hatte sie den ganzen Tag beobachtet. Sie war ein hübsches Mädchen wie er fand und heute würde er seinen ganzen Mut zusammennehmen: „Trina?" – „Ja." Ihre Wangen glühten rot, als sie sah, wer sie gerufen hatte. „Also, Hugo möchte, dass ich ein paar Besorgungen für ihn erledige. Ich darf den Dienstwagen dann auch den ganzen Abend haben und ich habe mich gefragt, ob du vielleicht, also nur wenn du möchtest, also ob du Lust hättest, einen kleinen Ausflug mit mir zu machen."