20.

Den ganzen Tag hatte Trina sich auf den Ausflug mit Timo gefreut, was Kim natürlich nicht entgangen war. Immer wieder hatte sie gestichelt: „Na, Schmuddeltrulla, hast du endlich auch mal ein Date?" Als Trina in die Tiefgarage kam, wusste sie nicht recht, was sie davon halten sollte: Da stand Kim und lächelte sie falsch an. „Prinzessin Kim will nach Hause und Zwerg Nase muss sie fahren.", wenigstens war Timo von der unfreiwilligen Begleitung genauso wenig begeistert wie sie selbst. Der Grunewald lag zwar so gar nicht auf dem Weg, aber so wurde der Ausflug mit Timo wenigstens länger. Kim hatte sich sofort auf den Beifahrersitz gesetzt, so dass für Trina nur noch die Rückbank blieb. Los ging es! Kim plapperte ununterbrochen über diese und jene Belanglosigkeit, als Timo heftig bremsen musste. Auf dem Stadtring war ihnen ein Kleintransporter in die Spur gefahren, aber irgendetwas war seltsam. „Er bremst nicht!" Entsetzt sah Timo auf den Wagen vor ihm, der bedrohlich näher kam. „Dann fahr in die andere Spur", schrie Kim ihn an und griff ins Steuer. Auf der Nebenspur kam aber auch ein Wagen und kurze Zeit später knallte es ohrenbetäubend…

Endlich Feierabend! Lisa dachte schon, dieser Moment würde nie kommen. Es gab soviel zu tun nach der Präsentation und irgendwie hatten sich alle gegen sie verschworen: Wieso wollten alle mit ihr sprechen? Es gab ja schließlich noch einen Geschäftsführer, mit dem man verhandeln konnte. Aber jetzt war eindeutig Schluss mit der Arbeiterei, jetzt würde sie zu ShoeCool gehen und Rokko besuchen, der hatte sich immer noch nicht bei ihr gemeldet. Sie hatte einfach das dringende Bedürfnis, ihn zu sehen. Lisa konnte ja nicht ahnen, dass Inka nur vergessen hatte, ihr Bescheid zu sagen. Dann wäre sie jetzt auch nicht so erstaunt, als sie vor dem Kerima-Gebäude völlig in Gedanken versunken mal wieder mit jemandem zusammenstieß. Aber es war nicht irgendein jemand! Es war Rokko, der wie angekündigt, später noch einmal wiederkam. Wenigstens habe ich sie nicht verpasst, dachte er bei sich. Kurz sah Lisa auf und merkte, dass sie rot wurde. Hauptsache, ich verliebe mich nicht jedes Mal, wenn ich mit jemandem zusammenstoße – bei diesem Gedanken musste sie schmunzeln. Aber es zu leugnen brachte letztlich nichts. Ja, sie war in Rokko Kowalski verliebt. Gut, ihr erster Zusammenstoß war nicht der Grund dafür, aber ihr jetziger Zusammenstoß änderte auch nichts daran. „Hallo!", grüßte sie kurz. „Hallo!", grüßte Rokko zurück. Lisa war sich unschlüssig, was sie tun sollte. Nur zu gerne hätte sie ihn geküsst. „Tu, was dein Herz dir sagt." Manchmal wünschte sie sich, Bruno würde nicht alle von Bernds Weisheiten wiederholen – bei allen Lisa-Plenskes-Probleme-die-keine-Probleme-sind-Bewältigungsgesprächen hatte Bruno ihr das gesagt. Er hatte bestimmt Recht. Sie machte also einen Schritt vorwärts, als die Melodie, die aus ihrer Manteltasche drang, die Spannung zwischen ihnen jäh beendete. Rokko war unbewusst zurückgeschreckt. Wo liegt eigentlich dein Problem?, schimpfte er mit sich selbst. Du bist doch kein Teenie mehr, der Angst davor haben muss, von Mami und Papi erwischt zu werden. „Du solltest vielleicht rangehen." Lisa war genervt – wehe, das war nicht wichtig! „Plenske", meldete sie sich genervt, wurde dann aber sofort blass. „B-KM 3? Ja, das ist ein Dienstwagen… Ja…ja…ja… nein… Der Wagen ist nicht wichtig. Was ist mit den Insassen?" Sie drehte sich zu Rokko und wurde noch blasser. „Ja, ich kenne die Familien… Ja, ich weiß. Er steht hier neben mir. Ich… ich werde es ihm sagen und wir kommen dann gleich. In welches Krankenhaus?" Lisas Gesichtsausdruck beunruhigte Rokko und er hatte sich nicht davon abhalten können, das Gespräch zu belauschen. Was war wohl passiert? Wie sage ich ihm das am besten? Lisa war sich nicht sicher, wie er reagieren würde und viel hatte ihr der Polizist auch nicht gesagt. „Sie…du darfst dich jetzt nicht aufregen." Lisa hatte nach seiner Hand gegriffen. „Das war die Polizei. Trina hatte einen Unfall. Sie ist im Krankenhaus." War die Welt gerade stehen geblieben? Sollte er nicht irgendetwas tun? Etwas sagen? Rokko war starr vor Schock. Trina?! Nein, ihr durfte einfach nichts passiert sein. Sie hatten doch nur noch einander. Er merkte gar nicht, wie Lisa ihn an der Hand in das nächste Taxi zog und dem Fahrer die Anweisung gab, sich zu beeilen.

„Herr Kowalski, es tut mir so leid. Das habe ich bestimmt nicht gewollt", Timo war den Tränen nahe. Seinen Arm trug er in einer Schlaufe und ein großes weißes Pflaster zierte seine Stirn, aber ansonsten schien er unversehrt. Auch die Seidels waren da und nahmen Kim in empfang. Auch ihr war kaum etwas zugestoßen. „Was ist mit Trina?" fragte Rokko noch immer in Trance. „Sie wird noch immer operiert." Timo war zerknirscht. Wieso hatte es ausgerechnet sie so schwer erwischt? Rokko musste sich erst einmal setzen. Unsicher sah er sich um. Was würde nur passieren, wenn Trina… wenn sie nicht… Nein, das wollte und durfte er nicht denken. Sie war doch eine Kämpferin und Kerimas Dienstwagen haben einen gewissen Grad an Komfort und Sicherheit. Das ist alles bestimmt nicht so schlimm. „Das dort drüben ist Frau Plenske", hörte er Laura Seidel sagen. Die Seidels wollten gerade nach Hause gehen, als zwei Polizisten sich nach Lisa und Rokko erkundigten. „Sie sind Elisabeth Plenske?", wandte sich einer der Polizisten an sie. Lisa konnte nur nicken – das Schicksal ihrer kleinen Auszubildenden nahm sie sehr mit. „Wir haben ein paar Fragen an Sie." Wortlos folgte sie den beiden Beamten.

Nach der Befragung ging sie wieder zu Rokko, der immer noch in sich zusammengesunken vor der Tür mit der Aufschrift „Kein Zutritt" saß und den Kopf in den Händen vergraben hatte. „Und?" fragte er nur. „Durchschnittene Bremsschläuche", gab sie genauso knapp zurück. „Ein Anschlag?" – „Vermutlich. Trina und Timo waren nicht eingetragen. Jemand anderes hätte…" – „Und wer?" – „Ich war eingetragen." Lisa fühlte sich schlecht. Es war ihre Schuld, da war sie sicher. „Und wieso sind Sie dann nicht gefahren?" Rokkos Ton war vorwurfsvoll. „Die S-Bahn. Ich bin S-Bahn gefahren…" Lisa war den Tränen nahe, schlimm genug, dass sie sich Vorwürfe machte, aber er auch noch? „Tut mir leid, das sollte so nicht klingen, wirklich. Ich mache mir einfach nur Sorgen." Lisa nickte. „Was ist mit dem Wagen? Ich meine, abgesehen von den Bremsschläuchen." – „Er hat jetzt die richtige Größe, um als Schlüsselanhänger zu dienen." Rokko lachte gequält auf. „Aber das ist nicht wichtig. Das reguliert die Versicherung. Hat Ihnen schon jemand gesagt, was mit Ihrer Schwester ist?" Resigniert schüttelte Rokko mit dem Kopf. „Wissen Sie, ich habe immer versucht, Trina Mutter und Vater zu ersetzen. Ich habe sie immer ermutigt und gehofft, sie würde sich mehr wie die Kinder in ihrem Alter verhalten. Aber jetzt… jetzt habe ich das Gefühl, ich hätte versagt." Lisa riss ihre blauen Augen auf: „Nein, nein, nein! Das dürfen Sie nicht einmal denken. Sie haben nicht versagt. Sie sind ein ganz toller großer Bruder." Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter und die andere auf die Wange. Sanft, aber bestimmt drehte sie sein Gesicht zu ihr und zwang ihn, sie anzusehen: „Das war ein Unfall. Niemand kann etwas dafür, hören Sie?" Unter einem gequälten Aufseufzer umarmte Rokko Lisa: „Danke, dass Sie da sind."

Eine gefühlte Ewigkeit war vergangen, als endlich die Tür aufging: „Sie gehören zu Katarina Kowalski?" Der Arzt, der vor ihnen stand trug einen blutverschmierten grünen Anzug, aber weder Lisa noch Rokko nahmen seinen Aufzug wirklich wahr. „Ja, ich bin ihr Bruder." – „Der Unfall hat sie ganz schön erwischt. Wir mussten ihre Milz entfernen, sie hat sich ein paar Rippen und das linke Handgelenk gebrochen. Außerdem hat sie eine schwere Gehirnerschütterung. Aber sie ist über den Berg. Ein paar Tage wird sie hier bleiben müssen, aber sie kann schon bald wieder nach Hause, wenn sie sich dort schont." Wäre Erleichterung ein Wind, dann wäre in diesem Moment wohl der Fernsehturm umgekippt. „Kann ich zu ihr?", fragte Rokko. „Sie ist noch nicht aus der Narkose erwacht, aber meinetwegen. Aber nur kurz und melden Sie sich bei der Stationsschwester, damit sie Ihnen einen Kittel gibt", rief ihm der Arzt noch hinterher, aber Rokko war schon so gut wie durch die Tür. Abrupt drehte er sich noch einmal um: „Vielen Dank, Frau Plenske." – „Grüßen Sie Trina von mir", Lisa machte eine Pause und fügte dann hinzu: „Ich werde dann wohl besser gehen." Rokko kam noch einmal kurz zurück, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben und sie zum Abschied noch einmal zu umarmen: „Kommen Sie gut nach Hause."