21.

Wahllos ging Lisa durch die Straßen Berlins. Wohin? War ihr egal. Nach Hause? Ging nicht – keine S-Bahn, kein Bus, außerdem wollte sie nicht nach Hause. Zu viel Nähe. Immer wieder ging ihr nur ein Gedanke durch den Kopf: Trina hätte sterben können und es wäre ihre Schuld. Irgendwie hatte sie es zu Kerima geschafft – hier würde sie die Nacht oder viel mehr den Rest der Nacht verbringen. Erst als sie ihr Büro betrat, spürte sie die Müdigkeit. „Was machen Sie denn hier – so lebendig?" Diese Stimme – sie ging ihr durch Mark und Bein. Langsam drehte Lisa sich um und sah direkt in Richards Augen. „Wen hat meine kleine Überraschung denn dann getroffen?" Was hielt er da in der Hand? Einen Brieföffner? Ein Messer? Lisa bekam es mit der Angst zu tun. „Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich mir persönlich die Finger an Ihnen schmutzig mache?" Sein irres Lachen hallte in Lisas Ohren nach. Ganz langsam legte er ihr das Messer an den Hals und fuhr damit über die Haut. „Ich gehe jetzt und Sie werden sich unterstehen, die Polizei zu rufen, sonst passiert ein Unglück. Ja, merken Sie sich meine Worte genauso gut wie ich mir Ihre." Es verging viel Zeit, bevor Lisa sich traute, sich zu bewegen. Und noch mehr Zeit, bevor sie den Mut fand, die Polizei zu verständigen…

Die Polizei war gerade mit ihren Untersuchungen und Befragungen fertig, als Lisa sich endlich der Geschäftspost widmen konnte. Ihre Lider wurden schwerer und schwerer und das nächste, an das sie sich erinnern konnte, waren Rokkos sanfte Augen: „Wie schön, ich träume", murmelte sie. „Nein, Frau Plenske, Sie träumen nicht. Ich bin tatsächlich hier." Seine warme Hand lag auf ihrer Schulter und das fühlte sich so gut an. Trotzdem oder gerade deswegen richtete Lisa sich auf, sie konnte ja nicht den ganzen Tag ihren Träumen hinterher hängen – schlimm genug, wenn sie das im wachen Zustand tat. Gähnend streckte sie sich, nur um dann peinlich berührt zu merken, dass Rokko in der Tat neben ihrem Schreibtisch hockte. „Guten Morgen", grüsste sie ihn verschämt. „Eher guten Mittag. Ich habe gerade erst erfahren, dass Sie heute Nacht nicht mehr nach Hause konnten. Deshalb…" Rokko machte eine dramatische Pause. „… will ich das hiermit wiedergutmachen." Er hielt eine Tüte hoch: „Gebratene Nudeln und Frühlingsrollen, ich hoffe, Sie mögen Chinesisch." Rokko begann den leckeren Schmaus auf den einzelnen kleinen Tisch in Lisas Büro zu stellen. „Ich habe mich noch gar nicht dafür bedankt, dass Sie so eine tolle Freundin sind. Ich glaube, ich habe erst letzte Nacht begriffen, was Trina an Ihnen findet." Aua! Seine Worte versetzten Lisa einen Stich. Eine tolle Freundin? EINE tolle Freundin?! Naja, besser als gar nichts, aber sie wollte endlich einmal nicht EINE Freundin sein. „Ich habe auch etwas zu trinken dabei." Rokko hielt eine zweite Tüte hoch. „Wenn es Orangensaft ist, könnte es Liebe werden", bemerkte Lisa so keck sie in diesem Moment konnte. Rokko verzog das Gesicht, nur um dann breit zu grinsen: „Nein, tut mir leid, es ist Spezi." Das ist zumindest ein bisschen Orange drin, schoss es Lisa und Rokko gleichermaßen durch den Kopf. „Ich dachte, das macht einen guten Koffeinlieferanten, ohne Kaffee zu sein." Man, da bist du ja verdammt dicht dran vorbeigeschrammt, dachte Rokko bei sich. Tatsächlich hatte er im Laden hin- und herüberlegt – für Orangensaft sprachen die Vitamine, für Spezi sprach der Koffeingehalt. Wieso ärgerte ihn das jetzt so? Richtig, weil er gerne wollte, dass es Liebe wird und weil sie mal wieder nicht zum Reden gekommen waren. Auch beim Essen ging es mehr um Trina, den Unfall und die Fahndung nach Richard.

Zum Abschied umarmte Rokko Lisa noch einmal kurz: „Ich kann Ihnen gar nicht genug danken für Ihren Beistand letzte Nacht. Eine bessere Freundin kann man sich nicht wünschen." Diese Nähe, diese Worte, Lisa konnte es einfach nicht ertragen: „Ist Ihnen schon mal in den Sinn gekommen, dass ich nicht immer nur die gute Freundin sein will?" Rokko sah sie an, er verstand nicht. Oder doch? „Mademoiselle Plenske, hätten Sie vielleicht die Güte, in mein Atelier zu kommen? Es gibt des choses importantes zu besprechen." Lisa nickte Hugo zu. „Entschuldigen Sie mich", verabschiedete sie sich vom perplexen Rokko.

Vor dem Kerimagebäude ging er auf und ab. Was hatte sie ihm damit sagen wollen? Dass sie keinen Wert auf seine Freundschaft legte? Dass sie mehr sein wollte, als „nur" EINE Freundin? Er musste mit ihr reden. Er wollte von ihr hören, was sie damit gemeint hatte. Und da war sie: Bepackt mit ihrer Handtasche, ihrer Laptoptasche und einen Stapel Akten, genauso wie an dem Abend, als er sie kennen gelernt hatte. „Lisa!" Ja, das klang viel besser als „Frau Plenske". Abrupt blieb sie stehen und sah Rokko an. Ihr Gesichtsausdruck ließ nicht darauf schließen, was gerade in ihr vorging. „Ich muss mit Ihnen… mit dir reden." Lisa sah ihn immer noch an. „Wie hast du das vorhin gemeint?" – „Was gemeint?" – „Dass du nicht immer nur die gute Freundin sein willst." – „Wie ich es gesagt habe." Rokko verstand immer noch nicht und sah ihr tief in die Augen. „Die gute Freundin bin ich für viele, aber keinen von denen habe ich geküsst. Ich meine, es ist okay, wenn dir unser Kuss nichts bedeutet hat, glaube ich… Aber mir hat er etwas bedeutet. Ich meine, du küsst mich einfach so, ohne dass ich dem stattgegeben habe und dann? Nichts. Kein Wort. Der Unfall deiner Schwester tut mir wirklich leid und ich kann ja verstehen, dass du mir die Schuld daran gibst, aber das ist trotzdem kein Grund, mich so im Ungewissen zu lassen. Ich mag Sicherheit – das ist vielleicht langweilig, aber ich weiß gerne woran ich bin und wenn du lieber ein Spiel spielen willst, dann bitte such dir jemand anderen. Ich bin dafür nicht die Richtige, weil ich solche Spiele nicht ertrage." Rokko war sprachlos. Mit offenem Mund sah er Lisa an. Er rang nach Worten. „Was guckst du denn jetzt so dusselig? Ist ja bestimmt nicht das erste Mal, dass sich eine Frau in dich verliebt, oder?" Rokkos Gedanken liefen um die Wette, rannten sich gegenseitig über den Haufen und hinterließen ein riesiges Chaos in seinem Kopf – in dich verliebt, mir etwas bedeutet. Ja, so hätte er es auch ausgedrückt, vielleicht nicht so wild gestikulierend und ohne dieses Gefasel von „stattgeben", aber ja, das wollte er auch sagen – stattdessen brachte er nur: „Ich guck dusselig?" raus. Das war zu viel für Lisa – auf dem Absatz machte sie kehrt und steuerte auf die Fußgängerampel zu. Sie hatte einen Außentermin und wenn es schon mit der Liebe nicht klappte, dann sollte es wenigstens mit der Arbeit gut laufen. „Lisa, warte doch." Einen kurzen Moment war Rokko wie vom Donner gerührt, aber jetzt konnte er sich wieder bewegen. Er rannte ihr hinterher. Als er an die Ampel kam, war Lisa schon auf der anderen Seite und die Ampel rot. Gut, rot war kein Grund, nicht doch noch rüber zu laufen, aber ein Zwanzigtonner war definitiv ein Grund. Als der nach einer gefühlten Ewigkeit endlich weg war, war von Lisa nichts mehr zu sehen.