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„Frau Pietsch, bitte! Sagen Sie mir, wo Frau Plenske hinwollte." Rokkos flehender Blick hatte Inka fast erweicht, aber das ging doch nicht. „Herr Kowalski, das darf ich nicht. Das sind Firmen-Interna, die…" – „Okay, gut, dann hier." Rokko drückte ihr einen Stift und ein Blatt Papier in die Hand: „Schreiben Sie es auf, dann ist es nicht gesagt." – „Nein." Dieser Typ war wirklich hartnäckig. „Zeichnen?" Rokko klang so, als würde er gleich aufgeben. „Nein." – „Und Pantomime ist wohl auch tabu, nehme ich an?" – „Genau." – „Aber es geht um Leben und Tod, sozusagen." – „Also, wenn Sie auf Herrn von Brahmberg anspielen, der ist vor zwei Stunden an der polnischen Grenze verhaftet worden." – „Jetzt bin ich beruhigt, aber darum geht's nicht. Hier geht es um Lisa und mich." – „So so, um Lisa und Sie." – „Bitte Frau Pietsch, Sie waren doch auch schon mal verliebt." Inka stand kurz davor, einzuknicken und dann: „Nein. Das gebe ich Ihnen auch gerne schriftlich." Rokko war enttäuscht – diese Frau Pietsch war die härteste Nuss, die er je zu knacken hatte. „Warum denn nicht?" – „Weil ich eine arbeitslose Frau bin, wenn es Lisa nicht auch um Sie geht." – „Das würde Lisa nie tun." Davon war er überzeugt. „Man weiß nie. Was ihr Privatleben angeht, ist sie sehr eigen. Also, bitte, Herr Kowalski, gehen Sie einfach oder warten Sie hier, aber hören Sie auf, mich von der Arbeit abzuhalten." Mariella hatte die Szene von weitem beobachtet und auf sie wirkte Rokko aufrichtig. „Frau Pietsch, das hier ist doch Lisas Terminkalender, oder?" – „Ja, Frau von Brahmberg-Seidel." – „Was halten Sie davon, wenn wir ihn hier hinlegen und einen Kaffee trinken gehen. Es guckt schon niemand hinein." Damit zwinkerte sie Rokko zu, der diese Geste mit einem leisen Danke quittierte. „Aber…", warf Inka ein. „Ich übernehme auch die volle Verantwortung, wenn Herr Kowalski es vermasselt und Lisa auf Rache sinnt."
Okay, hier musste es irgendwo sein. Näherei Podkopayeva. Suchend sah er sich um, war nicht gerade um die Ecke. Da war es! Er warf einen Blick durch das Schaufenster. Dahinter stand Lisa und erklärte etwas gestenreich. Wie schön sie war und wie unbefangen, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Ewig hätte Rokko ihr zusehen können. Vermutlich erklärte sie etwas ganz Banales – Buchhaltung oder so. Trotzdem faszinierte sie ihn. „Tschüs Katia, bis zum nächsten Mal." Ihre Stimme riss Rokko aus seinem Tagtraum. Sie wollte gehen. „Lisa!" Überrascht sah sie sich um und ihr Blick versteinerte, als sie ihn erblickte. „Ich bin mal wieder in freundschaftlicher Mission unterwegs", bemerkte sie nur und machte sich auf den Weg in Richtung S-Bahn. „Warte doch mal, bitte." – „Was denn noch? Glaubst du, mir ist nicht klar, dass ich mich vorhin komplett zum Idioten gemacht habe? Willst du etwa eine Zugabe?" – „Nein, ich wollte dir auch was sagen: Du bist eine tolle Freundin, aber es wäre noch viel toller, wenn du MEINE Freundin wärst." Lisa wusste nicht, wohin sie sehen sollte – emotional forderte diese Situation sie bis an ihre Grenzen. Rokko versuchte ihren Blick zu erhaschen, was ihm partout nicht gelang, weil sie starr zu Boden sah. „Und niemand gibt dir die Schuld an Trinas Unfall und du solltest das auch nicht." Für einen kurzen Augenblick sah sie auf. Dieses Lächeln, diese lieben Augen – das ertrug sie einfach nicht. Am liebsten hätte sie ihn zu Boden geknutscht… Unweigerlich machte sie einen Schritt zurück, als ob sie sich seiner Anziehungskraft entziehen wollte. „Ich habe hier noch etwas für dich. Dann kannst du immer noch gehen. Ich habe das offizielle Formular nicht gefunden – ich hoffe ein formloser Antrag tut es auch." Lisa nahm das Papier, dass Rokko ihr hinhielt. Sie begann zu lesen: Hiermit beantrage ich, Rokko Kowalski, Lisa Plenske, die Frau, die ich über alles liebe, jederzeit küssen zu dürfen. Abgelehnt/Stattgegeben (Nichtzutreffendes bitte streichen). Lisa lächelte: „Ich kann so blöd sein. Das tut mir leid. Manchmal finde ich einfach nicht die richtigen Worte." – „Nein, das ist nicht blöd, das ist nur ganz verständlich. Ich mag Sicherheit auch und ich weiß auch gerne, woran ich bin." Vorsichtig machte er einen Schritt auf sie zu. „Und, was sagst du?" – „Stattgegeben."
