23.
„Hey, rate, was ich uns für unseren Geschwister-Abend mitgebracht habe?" Trina war hereingekommen und hatte ihren Bruder und ihre Chefin beim Knutschen erwischt. Selbst eine scheue Person wie sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Gut, die Zwei hatten sie im Krankenhaus besucht und sie auf die neue Situation vorbereitet, aber das war jetzt doch sehr anschaulich. „Ähm, vergesst es – ich kann auch einfach in mein Zimmer gehen und lesen." – „Nein." Lisa war hochroten Kopfes aufgesprungen. „Wenn das euer Geschwisterabend ist, dann sollte ich wohl besser gehen." Trina sah von Rokko zu Lisa und zurück. Diesen Abend hatte Rokko erfunden, als sie noch klein war. Er symbolisierte ihren Zusammenhalt und normalerweise sahen sie sich einen Film an und aßen ihr Lieblingsessen, also kein großes Mysterium. Trina schüttelte den Kopf und lächelte verschwörerisch. „Nein, du kannst hier bleiben, aber du musst das Kowalski-Familienritual über dich ergehen lassen." Lisas Augen wurden großen und Rokkos Grinsen breit – er hatte sich das damals einfallen lassen, um Trina das Gefühl zu geben, sie gehörte zu einem auserwählten Kreis. In der Schule hatten alle sie wieder nur gehänselt und er wollte, dass sie sich nicht minderwertig fühlte. „Hier", Trina reichte Lisa einen Negerkuss. „Nimm die Waffel ab und stecke ihn dir ganz in den Mund. Leg dir die rechte Hand vor den Mund und die linke auf die Brust." Unter kindischem Gekicher tat Lisa, was Trina von ihr verlangte. „Und jetzt sprich mir nach: Ich, Lady Lisa, werde bis an mein Lebensende Stillschweigen über das bewahren, was an diesem Abend im Kowalski-Castle passiert… Wie ging's noch mal weiter, Rokko? Das ist schon so lange her, ich kann mich nicht mehr erinnern." Drei Anläufe brauchten die Kowalski-Geschwister bis sie den Originalspruch zusammen hatten und Lisa den Negerkuss endlich runterschlucken konnte.
Trina hatte DVDs mitgebracht – alle Folgen von Alf. Zu dritt saßen sie auf dem Sofa – Lisa in der Mitte – und amüsierten sich prächtig über den haarigen Außerirdischen. Immer wieder warf Rokko Lisa verliebte Blicke zu. Es wunderte ihn, dass seine Schwester und seine Freundin die gleichen Stellen zum Totlachen komisch fanden. So spät war es noch gar nicht, als Trina bemerkte: „Leute, ich bin hundemüde. Ich geh schlafen." – „Okay, schlaf schön." Trina gab Rokko einen Kuss auf die Wange. „Und schieb dir nicht wieder ein Lineal unter den Gips, nur weil es juckt." – „Ich weiß, Timo hat schon gesagt, dass das keine gute Idee ist – seins ist ihm damals abgebrochen. Da hatte ich schon mehr Glück." Lächelnd betrachtet Trina ihren Gips. Alle Menschen, die ihr etwas bedeuteten, hatten ihn verziert – selbst Kim hatte ihr etwas darauf gemalt. Seit dem Unfall verstanden sie sich besser: „Extremsituationen verbinden – das war in ‚Speed' auch so." Connie hatte Trina gar nicht die Möglichkeit gegeben, etwas darauf zu antworten – sie redete immer noch so schnell und viel zu viel. Naja, Trina wollte ja auch nicht gleich eine Beziehung mit Kim führen – dass sie sie nicht mehr Schmuddeltrulla nannte, war schon genug. Außerdem verband die „Extremsituation" Trina und Timo viel mehr – jeden Tag hatte er sie im Krankenhaus besucht und ihr immer irgendeine Kleinigkeit mitgebracht: Obst, Süßigkeiten, Klatschmagazine – und vor allem sich selbst. Zarte amouröse Anbandelungen nannte Rokko es scherzhaft, freute sich insgeheim aber sehr für seine Schwester.
Nach Trinas mehr oder weniger diskretem Abgang tauschte das frisch eingeschworene Mitglied des Kowalski-Clans wieder zarte Küsse mit dessen Anführer. In den nun fast drei Wochen ihrer Beziehung war noch nicht viel mehr gelaufen – sie hatten die Zeit viel mehr genutzt, um sich besser kennen zu lernen, um zu erfahren, was der andere mochte und was nicht, sie hatten ihre Mittagspausen miteinander verbracht, waren ein paar Mal aus, Rokko hatte Lisa mehrmals in Göberitz besucht, aber nichts von dem ging über „harmlos" hinaus. Die Küsse wurden intensiver und vorsichtig schob sich Rokkos Hand unter Lisas Bluse. Fast quälend zärtlich streichelte er die Haut darunter. Schmetterlinge, jede Menge Schmetterling glaubte Lisa zu fühlen, doch bereits beim ersten Knopf, den er öffnete, überkam sie ein Gefühl, das sie nur allzu gut kannte: Angst. Wovor eigentlich? Sie kam nicht mehr dazu diese Diskussion mit sich selbst zu führen. „Lisa? Ist alles okay?" Sie spürte wie sie unter seinem Blick rot wurde. Ja, es war alles bestens: Sie liebte diesen Mann, es war ein guter Zeitpunkt. Wo war also das Problem? Abrupt brachte Lisa sich in eine aufrechte Sitzposition: „Ich glaube, ich muss dir etwas sagen." Rokko sah sie an und legte ihr dann einen Finger auf die Lippen: „Pscht. Das ist okay, bei mir ist es auch lange her." Automatisch zog Lisa ihre Knie zu sich und begann nervös mit ihren Fingern zu spielen. „Nee, ich glaube, wir missverstehen uns. Also, es ist nicht lange her… also…ähm… es ist… noch gar nicht passiert." Die letzten Worte sagte Lisa so schnell sie konnte, aber Information ist Information, da machte Geschwindigkeit keinen Unterschied. Rokko meinte sogar zu sehen, wie sie die Augen zusammenkniff und den Kopf einzog, als erwarte sie ein Donnerwetter. Ungläubig sah Rokko sie an, jetzt dämmerte ihm, was los war. Auf einmal begann er herzhaft zu lachen. Dann griff er nach Lisas Händen: „Tut mir leid, ich lache nicht über dich oder doch, irgendwie schon, ich meine, du hast gerade ein Gesicht gezogen, als wolltest du sagen: ‚Wenn du mich erstmal aus meiner Bluse herausgeholt hast, dann wirst du ein zweites Paar Arme finden'." Diese Vorstellung brachte auch Lisa zum Lachen, die bis eben noch völlig verzweifelt war. Als sie sich beruhigt hatten, sah Rokko sie mit diesem zärtlichen Blick an, den sie so sehr liebte: „Es ist okay, wenn du warten willst. Lass dir Zeit damit." Lisa nickte. „Es ist ja nur, weißt du, ich habe irgendwie Angst." Rokkos Blick veränderte sich – er sah sorgenvoll aus. „Aber du hast doch keine Angst vor mir, oder?" Heftig schüttelte Lisa den Kopf. „Nein, nur…davor… Ich glaube, das geht weg – ich würde mich halt nur gerne erstmal mit dem Gedanken anfreunden." Und da war er wieder, dieser liebe Blick, der in Lisa so einen Wunsch auslöste oder viel mehr ein Verlangen, das sie nicht ‚kategorisieren' konnte. „Bleibst du heute Nacht trotzdem bei mir?" Lisa nickte. „Und knutschen und kuscheln ist auch erlaubt, oder?" Sie konnte nur noch kurz nicken, bevor Rokko sie wieder dicht an sich zog.
Das durfte doch wohl nicht wahr sein – die beiden Frauen, die in seinem Leben am wichtigsten waren, waren Frühaufsteher! Ein herzliches Lachen, das aus der Küche in sein Schlafzimmer drang, hatte Rokko geweckt. Ein kurzer Blick auf den Wecker – nur die Augen nicht zulange öffnen – zeigte ihm, dass es noch nicht einmal 8 Uhr war. Unzufrieden knurrte er und zog sich dann die Decke wieder über den Kopf. Das Lachen konnte er aber nicht ignorieren – die Zwei da draußen hatten offensichtlich Spaß und das ohne ihn! Das konnte er einfach nicht zulassen. Er stand auf, blieb aber gleich im Türrahmen stehen, um das Bild zu genießen: Trina hielt mit ihrer nicht eingegipsten Hand ein Marmeladenglas fest, während Lisa mit beiden Händen darum bemüht war, den Deckel zu lösen. Rokko räusperte sich: „Braucht ihr Hilfe?"
