24.
„Großer Bruder-Alarm!" Insgeheim war Jürgen froh, dass Bruno auftauchte – einerseits, weil dieses seltsame Gespräch mit Lisa ein Ende haben würde und andererseits, weil er dieses Thema wirklich gerne auf jemanden abwälzen wollte und wer eignete sich besser dafür als der große Bruder? Bruno straffte sich bei diesen Worten stolz den Rücken. Ja, er, Bruno Lehmann, war jetzt ein offizieller Plenske und ein großer Bruder. „Was gibt's denn?" fragte er völlig euphorisch. „Lisa hat Angst vor dem Austausch von Körperflüssigkeiten." Mit einer theatralischen Handbewegung deutete Jürgen auf Lisa, die wie ein Häufchen Elend auf der kleinen Bank im Kiosk saß. „Musst du Blutspenden oder was?" Bruno ist manchmal genauso schwer von Begriff wie Lisa – muss wohl was Genetisches sein, dachte Jürgen bei sich. „Denk mal globaler, was für Körperflüssigkeiten gibt es außer Blut noch?" Langsam begann es Bruno zu dämmern. „Harmoniert ihr, also du und Rokko, körperlich nicht so gut wie auf nicht-körperlicher Ebene?" Jürgen staunte nicht schlecht – er hätte gedacht, dass Bruno dieses Thema offensiver angehen würde. „Ach, du hast ja keine Ahnung." – „Na los, deinem großen Bruder kannst du doch alles sagen." – „Weißt du, ich habe doch noch nie… na du weißt schon." Bruno machte große Augen – wollte er das jetzt so genau wissen? Hilfe suchend sah er sich nach Jürgen um, dessen Grinsen gerade breiter geworden war. „Und es war Scheiße?", hakte Bruno nach, als abzusehen war, dass er von Jürgen keine Hilfe erwarten konnte. „Nein, ich meine, es ist ja noch nichts passiert." – „Hast du es Rokko gesagt?" – „Ja." – „Und? Hat er Scheiße reagiert?" Das wollte er Rokko nicht geraten haben, denn in diesem Fall würde er ihn sich vorknöpfen müssen, um seinen brüderlichen Pflichten nachzukommen. „Nein, er hat ganz großartig reagiert und mir alle Zeit der Welt versprochen." Das und nichts anderes hatte Bruno von seinem Freund und Arbeitskollegen erwartet. „Und wo ist dann das Problem?" – „Das ist das Problem." Lisa öffnete eine Zeitschrift, die sie auf dem Schoß liegen hatte. Die Doppelseite zeigte eine blonde Frau mit überdimensioniertem Busen in lasziver Haltung. Bruno schluckte schwer und sah Jürgen flehend an, der grinsend abwinkte: „Vergiss es, ich habe mir schon den Mund fusselig geredet, jetzt bist du dran." Bruno sah von dem Foto zu seiner Schwester und zurück. „Was ist denn damit?" – „Naja, ich sehe nicht so aus." Bruno räusperte sich: „Und? Für Rokko bist du eh die allerschönste Frau auf der Welt. Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis über uns Männer, aber du darfst es nicht weitererzählen." Lisa nickte. „Also, die hier, ja? Die besteht zu 95 aus Silikon und zu 5 aus Peroxyd. So eine wollen wir Männer nur, wenn sie am nächsten Morgen weg ist und wir sie nie wieder sehen müssen. Aber wenn wir richtig lieben, ja, dann wollen wir eine, die zu 100 aus Herz besteht. Verstehst du?" Wieder nickte Lisa – sie wirkte gleich nicht mehr so geknickt. „Noch irgendein Problem, wo ich schon mal so gut in Fahrt bin?" Eigentlich hoffte Bruno, dass es jetzt keine Pseudoproblemchen mehr gab, aber er hatte nicht mit Lisa gerechnet, die wieder in dem Heft blätterte und ihm eine weitere Doppelseite präsentierte: „Das hier, ja? Das kann ich nicht." Bruno drehte seinen Kopf nach rechts und dann nach links, drehte dann die Zeitschrift und meinte: „Es ist okay, wenn du nicht so gelenkig bist – ich meine, es gibt diese Stellungen ja auch in ‚bequem'." Der einzige, der in diesem Moment Spaß hatte, war Jürgen, der Brunos flehende Blicke geflissentlich ignorierte. „Aber…", setzte Lisa erneut an. „Nichts aber", unterbrach Bruno sie, bevor das Gespräch eine noch unangenehmere Wendung nehmen konnte. „Du liebst ihn, er liebt dich. Ihr habt alle Zeit der Welt und Jungfräulichkeit ist ja nun wirklich nichts wofür man sich schämen müsste. Dieser ominöse Zeitpunkt, der kommt schon noch und Druck bringt da gar nichts. Wehe, du versuchst es, ohne bereit zu sein. Dann wird's nämlich wirklich Scheiße und zwar für euch beide. Glaub mir, du sprichst mit einem Mann, dem es so ergangen ist. Du willst dich doch nicht dein ganzes Leben lang an hilfloses Gefummel mit Susi Schneider im Schuppen ihres Vaters erinnern, oder?" Lisa schüttelte den Kopf und schlug das Heft zu. „Du wirst schon merken, wenn du dich bereit fühlst – dann hast du Schmetterlinge im Bauch und dann siegt dein Vertrauen über die Angst…" Bruno brach seinen Satz ab – es sah ihm ja sonst auch nicht ähnlich so von Gefühlen zu sprechen. Damit war er sonst eher direkt, aber er wusste, dass er Lisa mit Direktheit nur verstören würde. „Sprich doch einfach noch mal mit ihm. Schildere ihm deine Gefühlslage, dann findet ihr garantiert gemeinsam eine Lösung." – „Siehst du Lisa, genau das hab ich dir doch auch gesagt, oder?" Triumphierend schaltete sich Jürgen nun doch wieder in das Gespräch ein, wofür er sich einen strafenden Blick von Bruno einfing: „Jetzt brauchst du mich auch nicht mehr unterstützen."
„Wieso war Lisa vorhin so schnell weg?", fragte Trina Rokko, der immer noch Gedanken versunken über seinem Frühstück saß. „Weiß nicht. Arbeit vielleicht?" Trina schüttelte den Kopf. „Ich verrate dir jetzt mal was über uns zurückhaltende und leicht zu verunsichernde Menschen: Alles, aber auch alles kann uns peinlich sein, auch Dinge, die andere nicht als peinlich empfinden." Rokko nickte und rührte in seinem Kaffee. „Sag mal, Trina, hast du schon mal?" – „Schon mal was?" Trina schien wirklich nicht den Hauch einer Ahnung zu haben, wovon ihr Bruder da sprach. „Na Sex. Hast du schon einmal mit einem Mann geschlafen?" Trinas Gesichtsfarbe kündigte ihre Antwort schon an: „Nein." – „Und warum nicht?" – „Wie jetzt? Warum nicht? Eben darum nicht. Ich meine, es hat sich bisher noch nicht ‚ergeben', wenn du verstehst." Rokko nickte. „Denkst du, du würdest mit Timo…" Trina fuhr sich mit dem Finger über die Unterlippe. Würde sie? Mochte sie ihn genug dafür? War ihr Vertrauen in ihn groß genug? „Beim momentanen Stand unserer Beziehung nicht, aber wenn es sich vertieft, vielleicht, ich meine, das gehört doch dazu. Aber du machst hier ja keine Feldforschung, also wieso fragst du mich das?" – „Weil gestern Nacht, also, ich habe Angst, dass ich Lisa vielleicht gedrängt oder überfordert habe oder so." Obwohl ihr dieses Gespräch alles andere als angenehm war, hörte sich Trina an, was Rokko zu sagen hatte. „Weißt du, ich gebe dir jetzt einen Rat, den hab ich vom liebsten und besten Bruder von der Welt: Rede nicht mit anderen, sondern mit der Person, die es betrifft. Ich meine, du solltest sie darauf ansprechen, ob alles in Ordnung ist und so." Rokko nickte nachdenklich und stand dann auf: „Ja, du hast definitiv Recht."
In der Mittagspause ging Rokko zu Kerima – wie sooft in den letzten Wochen. Er wollte Lisa sehen und mit ihr sprechen. Lisa ging es kaum anders – sie war dabei das Gebäude zu verlassen und legte sich gedanklich gerade zurecht, was sie sagen wollte, als sie mit jemandem zusammenstieß. „Damit sollten wir im Fernsehen auftreten", sagte Rokko, als sie aufsah. „Ich war gerade auf dem Weg zu dir", antwortete sie ihm. „Ich muss mit dir reden", kam es aus beiden Mündern gleichzeitig. Rokko lachte: „Du zuerst." – „Nein, du." – „Also, gestern Abend…" wieder sprachen sie gleichzeitig. „Okay, Lisa, fang einfach an", ermutigte Rokko sie. „Also, wegen gestern Abend. Also, das tut mir leid. Ich wollte nicht… naja, verklemmt wirken. Und jetzt komme ich mir dämlich vor, weil ja außer meiner Angst nichts dagegen sprach und…" Rokko legte ihr vorsichtig einen Finger auf den Mund. „Angst ist nicht dämlich und das verliert sich – du solltest dich da nicht zu sehr hineinsteigern… Ich meine, wir müssen doch nichts überstürzen. Dir muss das auch nicht peinlich sein." Erleichtert atmete Lisa aus, wofür Rokko sie sanft in seine Arme zog. „Wir haben alle Zeit der Welt – das ist keine Floskel, das meine ich wirklich so. Ich liebe dich und irgendwann ergibt sich alles – besser als wenn irgendein Unfall passiert wäre, oder?" Lisa musste lächeln, ja besser als wenn ein Unfall passiert wäre. Sie sah auf und ihm direkt in die Augen – bevor sie ihn küsste, durchfuhr sie wieder dieses Gefühl, das sie am Vorabend schon einmal kurz gespürt hatte. In welche Schublade sollte sie das denn nun stecken? Das war mehr als nur: Ich liebe dich und will dich küssen. Aber was war es dann? Dieses Gefühl kannte sie nicht, das war neu und sie spürte es nur bei Rokko.
Beruhigt kehrte Lisa an ihren Arbeitsplatz zurück. Rokko und sie hatten die Mittagspause genutzt, um richtig zu reden. Es wunderte sie, dass ausgerechnet er durch ihr Verhalten am Vorabend verunsichert war – er hatte sich Vorwürfe gemacht, sie gedrängt zu haben und sie selbst, nun es war einfach, sie zu verunsichern, hatte geglaubt, ihn enttäuscht zu haben. Aber jetzt war dieses Missverständnis aus der Welt geräumt. Lediglich von diesem Gefühl hatte sie ihm nicht erzählt.
