25.
„Hier geht es zu wie auf der Arche", bemerkte Bernd immer wieder. In der Tat traf man bei den Plenskes immer nur Pärchen an: Lisa und Rokko, Rokko und Trina, Trina und Timo, Timo und Hannah, Hannah und Bruno, Bruno und Lisa und nicht zu vergessen Bernd und Helga. Irgendjemand brachte meistens irgendjemand Anderen mit und dann veränderten sich die „Paarungen" auch recht schnell – zumindest ging es bei den Plenskes lebhaft zu. Aber Helga und Bernd wollten es nicht anders: „Besser zu viel als gar nichts los", pflegte Helga zu sagen.
Wenige Tage nach Rokkos und Lisas Gespräch nahm Trina ihre Arbeit bei Kerima wieder ganztags auf. Den Gips würde sie nicht mehr lange tragen müssen und nur Zuhause herumzusitzen, war für sie unerträglich. Es war also Mitte Februar und es hatte drei Tage ununterbrochen geschneit, als Trina an diesem Mittwochmorgen in Lisas Büro trat. „Ähm, Frau Plenske?" Lisa sah erstaunt auf: „Frau Plenske? Trina, ist alles in Ordnung?" – „Ja, warum?" – „Naja, weil wir wieder beim Sie sind. Stimmt irgendetwas nicht?" – „Nein, ich dachte nur… also hier im Büro und so…" – „Das solltest du nur tun, wenn du dich dabei wohler fühlst." – „Nein, eher nicht, sonst bring ich noch alles durcheinander. Aber, wo ich es gerade schaffe, Sie nicht so nah an mein kleines Herz zu lassen, würde ich Ihnen gerne etwas sagen." Lisa richtete sich auf und sah sie abwartend an: „Bitte, was gibt es?" – „Also, Rokko und ich, wir mögen Sie sehr gerne – nicht auf die gleiche Weise natürlich, aber das ändert nichts daran, dass Sie uns sehr ans Herz gewachsen sind und dass wir uns ein Leben ohne Sie nicht mehr vorstellen können." Lisa musste lächeln – das kollektive ‚wir' beschrieb die Bindung zwischen Trina und Rokko mehr als treffend. „Wissen Sie, ich mochte noch keine Frau, die Rokko mit nach Hause gebracht hat und die mich meistens auch nicht, aber ich hätte versucht, mich mit jeder zu vertragen, wenn sie Rokko geliebt hätte und Rokko sie zurückgeliebt hätte… Aber bei Ihnen, da ist das anders, also ich mag Sie und… Rokko, er liebt Sie über alles. Ich könnte es einfach nicht mit ansehen, wenn Sie ihm wehtun würden…" Trina brach hab. Was hatte sie sich denn dabei gedacht? So konnte sie doch nicht mit Lisa sprechen und schon gar nicht in diesem Ambiente. Lisa hingegen staunte nicht schlecht – so kannte sie Trina nicht. Ausnahmsweise sah sie ihr direkt in die Augen – mit den gleichen dunkelbraunen Augen wie Rokko, von denen sie glaubte, sie könnten ihr direkt in die Seele sehen. Lisa nickte: „Trina, ich habe euch auch sehr gerne – nicht auf die gleiche Art und Weise natürlich." Mit voller Absicht wählte sie die gleichen Worte, um Trina zu zeigen, dass ihr an diesem Gespräch genauso viel lag wie ihr. „Ich habe dich sehr gerne – wie eine Schwester. Und Rokko – ihn liebe ich über alles und ich würde nicht im Traum daran denken, ihm wehzutun. Beruhigt dich das ein bisschen?" Trina nickte erleichtert und wollte gerade wieder gehen, als ihr einfiel, warum sie eigentlich gekommen war: „Ähm, da ist noch etwas. Auch etwas Privates. Also, es hat doch so schön geschneit und morgen fällt doch die Berufsschule aus. Ich habe doch noch Connies Gutschein für den Urlaub auf dem Bauernhof ihrer Eltern und ich wollte fragen, ob ich den Freitag nicht freihaben könnte… Herr Petersen hat gesagt, er hat nichts dagegen, wenn es für dich okay ist." Lisa zog die Stirn kraus, als müsste sie angestrengt nachdenken. „Und was würdet Connie und du da so machen?" – „Ihre Eltern planen eine Fahrt mit dem Pferdeschlitten und wir wollten mal so richtig quatschen – naja, Connie wollte das und Filme sehen und auf dem Hof gibt es Tiere und…" Trinas Wangen glühten vor Aufregung. „Na da kann ich ja nicht ‚nein' sagen. Mach dir ein paar schöne Tage."
Am nächsten Morgen noch vor der Arbeit brachte Rokko Trina und Connie zum Bahnhof. Er würde das ganze Wochenende brauchen, um sich von Connies Gequassel auf dem kurzen Weg zu erholen. Der Informationsgehalt eines einzigen Satzes dieses Mädchens lag höher als der des gesamten Jahresberichts von Amnesty International, da war er sich sicher. Es war Abendbrotzeit und er war Zuhause. Lisa hatte er den ganzen Tag nicht gesehen – sie hatten beide gleichermaßen mit ihrer Arbeit zu tun. Gerade hatte er das Telefon genommen und wollte ihre Nummer wählen, als es an der Tür klingelte. „Hey, ich wollte gerade meine Traumfrau anrufen", grüsste er Lisa, die hinter der Tür stand. „Oh, lass dich nicht abhalten. Grüß sie von mir", scherzte sie. Rokko setzte dieses schiefe Lächeln auf, das wieder dieses Gefühl in ihr auslöste – als würde etwas in ihrer Magengrube Samba tanzen. „Brauch ich nicht mehr, sie steht ja vor mir", meinte er, bevor er sie an sich zog, um sie zu küssen. „Hast du aber eine kalte Nase…" – „Ja, es ist Winter. Weißt du eigentlich, was mich zu dir führt?" – „Nein, aber du sagst es mir bestimmt gleich." – „Ja, ich dachte mir, du wärst vielleicht einsam, jetzt, wo Trina nicht da ist und du hättest vielleicht auch Hunger." Sie hielt eine Tüte hoch. „Ich hoffe, du magst Frühlingsrollen und gebratene Nudeln." – „Sollten Sie das nicht wissen, Frau Plenske?" gab Rokko scherzhaft zurück. „Und Sie wissen auch, was folgen könnte, wenn in der zweiten Tüte Orangensaft ist?" Lisa öffnete die zweite Tüte, um ihn einen Blick hinein zu ermöglichen – tatsächlich: Orangensaft!
„Warum trinkst du den letzten Rest nicht aus und wirfst die Tüte weg?", fragte Lisa erstaunt, als Rokko den Tetrapack mit einem kleinen Rest Orangensaft drin in den Kühlschrank stellte. „Nun, das ist die so genannte Kowalski-Pfütze. Hausregel Nummer 1: Wer ein Getränk alle macht, muss ein neues aus dem Hauswirtschaftraum holen und die Verpackung entsorgen. Naja, und solange noch etwas drin ist, ist es nicht alle, oder?" – „Es tun sich Abgründe auf." Obwohl Lisa sich bemühte ernst zu bleiben, musste sie lachen. „Trina macht das übrigens genauso. Sie trinkt von dieser Pfütze nur die Hälfte, dann ist immer noch was drin und dann trinke ich von der Hälfte die Hälfte und so geht das bis zum Einkaufstag. Unser Hauswirtschaftsraum ist sozusagen eine große Unbekannte für uns." Als Rokko aus der Küche zurück zum Sofa kam, lag Lisa vor lachen schon halb auf der Seite. „Das findest du wohl komisch, he? Dabei ist das eine wichtige Überlebensstrategie in diesem Haushalt", schmunzelte er, bevor er sich ein Kissen schnappte, um damit nach Lisa zu werfen. Innerhalb kürzester Zeit waren sie in eine der wildesten freundschaftlichen Raufereien verwickelt. Irgendwann hatte Lisa es geschafft, Rokko zu ‚überwältigen' oder vielleicht hatte er sie auch einfach nur gewinnen lassen, wer weiß. Auf jeden Fall saß sie auf ihm und auf einmal hörte sie auf zu lachen. Ernst sah sie ihn an – dieses Gefühl, da war es wieder. Langsam verstand sie, was ihr Herz ihr sagen wollte. Vorsichtig beugte sie sich vor, um Rokko leidenschaftlich zu küssen. Der war im ersten Moment überrascht, ließ es aber geschehen. Langsam rutschte Lisa von ihm runter und legte sich neben ihn. Auf einmal spürte er, wie sich Lisas kalte Finger zwischen zwei Knöpfen unter sein Hemd schoben, wie sie einen Knopf öffnete und dann mit seiner Krawatte spielte. Was war los? „Willst du dir deine Finger an meinem Bauch wärmen oder was soll das werden?", fragte er möglichst scherzhaft zwischen zwei Küssen. Er hoffte natürlich, dass es das bedeuten würde, das er dachte, dass es bedeutete, aber bei Lisa konnte man ja nie wissen, schließlich war sie schlicht und ergreifend anders als die Frauen, mit denen er es sonst zu tun hatte. Lisa beendete den Kuss abrupter als beabsichtigt und kaute verlegen auf ihrer Unterlippe. Hatte sie etwas falsch gemacht? „Du musst das nicht tun, wenn du es nicht willst, das weißt du", versicherte Rokko ihr noch einmal. „Rokko? Kann ich dich mal etwas Persönliches fragen?" – „Ja, natürlich. Schieß los." – „Woran erkennt man den richtigen Moment?" Eine Sekunde lang war Rokko perplex und musste sich erst einmal sammeln, bevor er es in Worte fassen konnte: „Alle guten Gefühle werden mit einander multipliziert und dann rechnet man Vertrauen hoch unendlich dazu und zieht davon das Ergebnis von Null mal Angst ab." Rokko war so süß, wenn er Lisa etwas erklären wollte und dafür Beispiele aus den Bereichen nahm, mit denen sie sich gut auskannte. Sie horchte noch einmal in sich hinein und sah Rokko dann in die Augen: „Dann ist er jetzt da, der richtige Augenblick." Rokko richtete sich auf und sah ihr tief in die Augen. „Ja?" – „Ja. Naja, vielleicht nicht hier auf den Fußboden, aber sonst: Ja." – „Weißt du eigentlich, wie glücklich du mich machst?" – „Wenn ich dich so glücklich mache, wie du mich, dann habe ich eine ungefähre Vorstellung. Ich liebe dich… und ich vertraue dir." Es war Lisa wichtig, Rokko das wissen zu lassen. Sie wusste nicht, warum, aber es war ihr ein dringendes Bedürfnis, es noch einmal in Worte zu fassen. „Ich liebe dich auch. Komm." Rokko half Lisa auf. „Wir suchen uns ein bequemeres Plätzchen."
Es war noch nicht ganz hell, als Rokko am nächsten Morgen wach wurde. Sofort schoss ihm die Erinnerung an die letzte Nacht mit Lisa durch den Kopf. Er musste lächeln – ein wenig zögerlich war sie schon und er musste einige Male die Führung übernehmen, sonst würde er wahrscheinlich jetzt immer noch mehr geschlossene als geöffnete Hemdknöpfe vorweisen können, aber das war nicht wichtig, das würde er früher oder später vergessen, aber er würde nicht das Vertrauen vergessen, das sie einander entgegengebracht hatten und die wunderbaren Gefühle, die sie geteilt hatten. Er warf einen kurzen Blick auf Lisa, die in seinen Armen lag und eigentlich noch schlafen sollte. Sahen ihn da wirklich zwei blaue Augen an und dass so früh am Morgen? Er fühlte, wie ihre Hand ihm sanft durch die Haare fuhr: „Schlaf einfach weiter, es ist noch früh." Rokko gab eine Mischung aus unzufriedenem Knurren und zufriedenem Schnurren von sich und kuschelte sich enger an Lisa, bevor er wieder einschlief…
