„Wohin willst du denn?" fragte die rothaarige Muggelfrau freundlich, die angehalten hatte um Harry mitzunehmen.
„Nach London, wenns geht."
„Da hast du Glück, ich muss tatsächlich dahin. Komm Junge, steig ein, ich nehm dich mit."
„Danke" sagte Harry leise und setzte sich, ohne der Frau in die Augen zu sehen auf den Beifahrersitz. Ein leises Geräusch liess Harry herumfahren. Auf dem Rücksitz befand sich ein kleiner Junge, der in seinem Kindersitz seelig schlief.
„Meine Güte, was ist denn mit dir passiert?" fragte die Muggelfrau entzetzt, als sie Harrys Schläfe sah.
„Nichts" murmelte Harry. Eine weile war es still im Auto, dann sagte die Frau mitfühlend:
„Du bist weggelaufen, stimmts."
Harry starrte verbissen geradeaus.
„Was ist geschehen?"
Harry schwieg noch immer.
„Weißt du, ich kenne deine Stiuation, wahrscheinlich besser als du denkst. Ich bin auch mal weggelaufen. Mit Elijah." Dabei zeigte sie mit einem Kopfnicken auf den schlafenden Jungen. „Es war vor zwei Jahren. Mitten in der Nacht habe ich die Sachen gepackt und bin mit dem Kleinen verschwunden..."
Ihr Gesichtsausdruck wurde hart. Harry wandte endlich den Kopf und sah sie an.
„Warum?"
„Sein Vater, mein- mein Mann, er hat getrunken und war gewalttätig."
„Das tut mir leid" sagte Harry leise und meinte es auch so.
„Ja, mir auch, das kannst du mir glauben. Es war das einzig richtige, was ich tun konnte. Elijah und ich wohnen jetzt in London. Seinen Vater habe ich seither nicht mehr gesehen."
Harry sah wieder auf die nächtliche Strasse. Er hatte auch nicht vor zu den Dursleys zurückzukehren. Es war im egal was Dumbledore sagte. Es war ihm egal, ob er nur dort sicher sein würde. Alles war ihm nun verdammt egal. Denn er hatte seine Entscheidung getroffen.
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„Ist hier richtig?"
Harry nickte und sah zu dem schmuddeligen Pub auf der anderen Strassenseite.
„Hast du hier irgendwelche Verwandten oder Freunde zu denen du gehen kannst?" wollte die Frau wissen. „Irgendwo wo du hinkannst?"
Harry lächelte ein wenig und antwortete: „Ja das habe ich."
„Hör zu, ich weiss zwar nicht wovor du wegläufst, und es geht mich auch gar nichts an. Aber wenn ich irgendwann mal was für dich tun kann, dann melde dich bei mir."
Sie reichte Harry eine Visitenkarte und einen Geldschein.
„Du wirst es brauchen können" sagte sie aufmunternd, als er den Geldschein skeptisch beobachtete.
„Das kann ich nicht annehmen."
„Doch, das wirst du. Pass auf dich auf und vergiss nicht dich zu melden, falls du mich brauchst."
Sie sah Harry mit einem so bestimmten Gesichtsausdruck an, dass er wusste, dass das Gespräch nun für sie beendet war. Er zwang sich zu einem Lächeln und bedankte sich vielmals.
Die Frau winkte ihm zu als sie wegfuhr. Harry ging über die Strasse und sah gen Himmel. Es dämmerte bereits langsam. Er seufzte und warf die Visitenkarte in den nächsten Mülleimer und legte den Geldschein einem Obdachlosen hin, der in einem Hauseingang neben dem Tropfenden Kessel schlief.
Müde betrat er den Pub. Es war niemand mehr wach und Harry war das ziemlich egal. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Es war ihm alles ziemlich egal im Moment.
Durch die Mauer hinter dem Tropfenden Kessel gelangte er in die Winkelgasse, die ebenfalls ziemlich ausgestorben war. Vor dem grossen hellen Gebäude der Grigngotts- Bank setzte er sich hin und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Marmorpfeiler. Er brauchte Geld, wenn er seine Entscheidung in Tat umsetzen wollte. Also wartete er auf den Morgen, der ihm den Zugang zu seinem Geld verschaffen würde.
Seine Augen waren müde und brannten, seine Schläfe und seine Narbe pochten wie verrückt und er war so erschöpft. Bald versank er in den gnädigen Tiefen des Schlafes.
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Ein griesgrämiger Kobold weckte ihn am nächsten Morgen unsanft.
„Das ist eine Bank und kein Hotel" murrte er, als sich Harry langsam aufrichtete.
„Tut mir leid" meinte Harry tonlos und liess den Kobold stehen. Müde betrat Harry die Bank und liess sich zu seinem Verliess bringen. Dort füllte er seine Hosentaschen mit Galleonen. Er nahm soviele, wie er tragen konnte und hoffte, dass sie reichen würden.
Wieder in der Winkelgasse bemühte er sich so gut er konnte niemandem aufzufallen. Wenn er Glück hatte wusste Dumbledore bereits dass er abgehauen war und Harry hatte mal wieder ein paar Ordensleute auf den Fersen.
Doch da wo er hinging würden sie ihn nicht suchen, dachte er zynisch und betrat die Nokturngasse. Gekonnt ging er einigen dunklen Gestalten aus dem Weg, die verdächtig nach Todessern aussahen. Nach nicht allzulanger Zeit fand er, was er gesucht hatte:
Madam Rymbalts Gifte und Flüche, was das Herz begehrt
stand auf einem kleinen vergilbten Messingschild. Zielstrebig ging Harry auf das schäbige Geschäft zu. Es stank erbärmlich nach Moder und Fäule in dem Laden, doch Harry nahm es kaum wahr. Selbst wenn, nun wäre es ihm egal gewesen.
„Womit kann ich dem jungen Herrn dienen" krächzte das alte Weib hinter dem Tresen. Ihre Haut war faltig und hatte einen gelblichen Ton. Harry sah sich um ohne gleich zu antworten.
„Ist der junge Herr frustriert und möchte es jemandem heimzahlen?" kicherte die Hexe heiser.
„Nicht ganz" antwortete Harry nüchtern. Es drängte ihn hier raus zu gehen, doch nun war er schon soweit gekommen, er würde nicht mehr umdrehen. Er hatte seine Entscheidung getroffen.
Die Hexe taxierte ihn mit ihren dunklen, blutunterlaufenen Augen. Dann machte sich ein breites Lächeln auf ihrem zerfurchten Gesicht breit und offenbarte einzelne Zähne, die noch gelblicher ausssahen, als ihre Haut. Sie bückte sich und holte eine kleine Flasche mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit hervor und stellte es auf den Tresen.
„Das Fläschchen sollte für das Vorhaben des jungen Herrn genügen. Trinkt er es mit einem Schluck, wird alles sehr schnell und effizient gehen. Er wird ohne Schmerzen auf die andere Seite gelangen." Sie kicherte erneut.
Harry nahm das Fläschchen fest in die Hand und legte der Hexe den genannten Preis auf den Tisch. Fast alle seine Galleonen gingen dafür drauf. Aber es machte ihm nichts aus. Jetzt würde er sowieso kein Geld mehr brauchen.
„Danke" murmelte er, als er Madam Rymbalts Laden verliess und hörte noch wie sie ihm hinterherrief:
„Gute Reise!" und heiser lachte.
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Nicht weit von dem Laden entfernt betrat Harry eine Seitengasse. Es stank und war düster, doch ihn störte es nicht mehr. Er hatte die Schnauze gestrichen voll. Je weiter er vom Ligusterweg weggekommen war, desto klarer wurde es für ihn.
Er hatte genug. Genug davon, dass alle von ihm erwarteten, dass er alles packte. Davon, dass er als einziger die Zauberwelt zu retten hatte. Von Voldemort, der ihm sein ganzes Leben zur Hölle gemacht hatte. Der seine Eltern getötet hatte und schuld war, dass Harry bei den Dursleys hatte wohnen müssen.
Er ertrug das brennende Schuldgefühl nicht mehr, dass sich seit Sirius Tod in ihm eingenistet hatte. Er hatte genug. Genug von allem.
Also stand er hier mit einem Fläschchen bernsteinfarbenen Giftes in der Hand in einer schmutzigen Seitengasse. Ganz leise und unauffällig würde er hier sterben. Nicht mutig und heldenhaft in einem Kampf mit Voldemort, wie es offenbar von ihm erwartet wurde.
Ohne zu zögern entkorkte er das Fläschchen und stürzte die Flüssigkeit herunter. Das Gift wirkte schnell. Ein Gefühl, weder warm noch kalt breitete sich von seinem Bauch heraus in den ganzen Körper aus. Dann schloss er seine Augen und die Schwärze überkam ihn.
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Ein leises Schniefen holte ihn langsam aber stetig aus der tiefen Dunkelheit, in der er sich befand. Noch schwebte er an der Grenze zur Bewusstlosigkeit, doch Harry fühlte irgendwie, wie er langsam nach oben trieb, nach oben ans Licht. Nach oben ans Leben.
Instinktiv öffnete er die Augen und sah erstmal an eine düstere Zimmerdecke hoch. Noch hatte Harry mühe sie zu fokussieren, doch das legte sich bald. Das Schniefen hatte aufgehört, bemerkte er plötzlich und er drehte mühsam den Kopf auf die Seite wo er es vermutete.
Ron war kreideweiss im Gesicht und hatte richtige Ringe unter den Augen. Er öffnete den Mund, brachte aber offenbar nichts heraus. Neben ihm kauerte Hermine. Sie sah schrecklich aus. Ihre Augen waren ganz rot und geschwollen, ihre Nase vom Weinen rot und ihr Gesicht feucht. Sie sah Harry in die Augen und ihre Lippe begann zu zittern. Dann brach sie in Tränen aus und rannte schluchzend aus dem Zimmer.
Harry schwieg. Er dachte nichts. Da war nichts mehr in seinem Kopf. Alles Leer und taub und kalt. Es hatte nicht funktioniert.
Stur starrte er an die Decke um Ron nicht ansehen zu müssen. Um das brennende Schuldgefühl nicht spüren zu müssen.
„Hier" flüsterte Ron heiser, als hätte er lange nicht mehr gesprochen und hielt Harry seine Brille hin.
„Danke" entgegnete Harry leise. Mit tauben Händen setzte er sie auf. Sofort erkannte er die Umgebung wieder. Er war im Grimnauldpaltz 12.
„Dumbledore meinte, St. Mungos sei nicht sicher genug. Aber Augustus Pye, du weißt schon, der Dad behandelt hat, ist inzwischen auch im Orden. Er hat dich versorgt" plapperte Ron daraufhin. Doch dann hielt er inne. Harry drehte erneut den Kopf.
„Verdammt Mann, du wärst fast gestorben!" brach es aus Ron hervor. „Wenn Hagrid dich nicht zufällig gefunden hätte-"
Harry starrte ihn an und spürte einen gewaltigen Kloss in seinem Hals.
„Tut mir leid" flüsterte er und biss sich auf die Lippe. Doch Ron schüttelte den Kopf.
„Ist es wegen Sirius?"
Harry zuckte mit den Schultern. „Auch."
„Warum dann Harry?" fragte er verzweifelt. „Du- wir...Du kannst doch nicht einfach so gehen!"
„Nein, das geht wohl nicht."
„Was ist passiert? Du hast doch immer geschrieben, dass es dir gut geht..."
„Ja, weil mich die Dursleys dazu gezwungen haben."
Ron öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann fragte er zögernd:
„Ist das da auch von den Dursleys?" und deutete auf Harrys Schläfe. Dieser nickte schwach.
„Und die ganzen blauen Flecken auf deinem Hals und den Armen?"
Harry lächelte traurig. „Ich hab doch gesagt, dass die Dursleys schrecklich sind."
Ron sah völlig entsetzt aus.
„Aber du hättest doch hierher kommen können! Ich meine wenn dich die Dursleys verprügeln und alles..."
Doch Harry schüttelte den Kopf und meinte sarkastisch: „Dumbledore hätte mich doch gleich wieder zurückgeschickt. Schliesslich bin ich nur bei denen sicher. Ich darf ja noch nicht sterben, erst wenn ich von Voldemort ermordet werde wird er zufrieden sein!" sagte er bitter.
„Das darfst du nicht sagen Mann!" sagte Ron entsetzt. „Voldemort wird dich nicht töten und Dumbledore wird dann bestimmt nicht zufrieden sein. Du hättest ihn sehen sollen..."
Harry ignorierte Rons letzten Einwurf.
„Doch. Laut der Prophezeiung soll ich als einziger Voldemort besiegen können, falls er mich nicht vorher alle macht! Überleg mal wer da besser dasteht."
„Ich dachte die Prophezeiung sei zerbrochen?"
Harry erzählte ihm leise die ganze Geschichte. Falls das überhaupt möglich war, sah Ron noch entsetzter aus, als vorher.
„Das tut mir leid Harry" sagte er ernst und Harry wusste, dass das das Ehrlichste war, was Ron jetzt sagen konnte.
Eine Weile schwiegen sie beide. Dann öffnete sich leise quietschend die Tür und Hermine und Ginny kamen herein. Ginny hatte den Arm um die weinende Hermine gelegt.
„Hallo Harry" sagte sie und wirkte traurig. Hermine blieb stehen und sah langsam auf. Sie stürmte auf Harry zu und fiel ihm weinend um den Hals.
„Wie konntest du nur!" schluchzte sie immer wieder. Der Knoten in Harrys Kehle tat unerträglich weh. Zögernd versuchte er Hermine zu beruhigen. Doch sie war völlig auser sich.
„Wir dachten du würdest sterben!" weinte sie und Harry strich ihr unbehofen über den Kopf. Ihr ganzer Körper bebte und zitterte. Doch Harry konnte nichts sagen, der Knoten in seinem Hals liess ihn nicht. Er war erleichtert, als Hermine endlich wieder von ihm abliess.
„Tut...tut mir leid, ich wollte nicht-" schniefte sie und wischte sich die Tränen ab. „Es ist nur... Wir hatten solche Angst, dass du-" Sie biss sich auf die Lippen, offenbar nicht in der Lage ‚tot' zu sagen.
Es herrschte betretenes Schweigen. Dann sagte Harry mit belegter Stimme:
„Kann-... kann ich einen Moment alleine sein?"
Ron, Ginny und Hermine tauschten verlegene Blicke.
„Ihr dürft mich nicht alleine lassen, stimmts?" fragte Harry bitter. Die drei nickten zaghaft. Harry seufzte und liess sich in sein Kissen fallen.
Das hatte er nicht gewollt. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Jetzt würden sie ihn nur noch mehr wie ein rohes Ei behandeln. Doch ändern würde sich sonst nicht viel. Wahrscheinlich würde ihn Dumbledore nächsten Sommer trotz allem wieder zu den Dursleys zurückschicken, egal wie schrecklich es für ihn dort war. Weder an der Prophezeiung noch an der Tatsache, dass Sirius tot war hatte sich etwas geändert. Das einzige was sich geändert hatte, war dass zusätzlich zu seinem bereits schrecklichen Schuldgefühl Sirius im Stich gelassen zu haben das Wissen kam, dass es seinen Freunden seinetwegen so schlecht ging...
Warum hatte ihn Hagrid finden müssen!
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