Kapitel 3
Am Abend kam Augustus Pye um bei Harry vorbeizuschauen. Er schickte Ron und Hermine aus dem Zimmer. Der Heiler sah nicht im entferntesten wie jemand aus, der sich um Kranke und Verletzte kümmerte. Vom Körperbau her sah er eher aus wie ein Schmied oder ein Bauarbeiter. Die grossen Hände und das kurzgeschorene dunkle Haar unterstütze diesen Eindruck noch.
„Tut mir leid, dass ich nicht früher vorbeischauen konnte, aber ich war im Dienst. Wie fühlst du dich?" fragte er mit einer ruhigen, tiefen Stimme. „Ist dir übel? Kopfschmerzen? Schwindel?"
Harry schüttelte den Kopf.
„Kaum."
Pye runzelte seine Stirn. „Das war ein ziemlich starkes Gift, welches du da genommen hast Junge. Du hast Glück gehabt." Er sah ihn argwöhnisch an.
Harry schwieg. Er wusste selbst nicht, ob es Glück war, dass er noch am Leben war. Noch vor wenigen Stunden hatte er damit gehadert, doch langsam fand er sich damit ab. An diesem Nachmittag hatte er viel geredet. So offen wie noch nie. Und er hatte festgestellt, dass Ron und Hermine die Nachricht von der Prophezeiung ganz gut angenommen hatten. Klar waren sie im ersten Moment entsetzt gewesen, doch schon bald hatten sie begonnen alle möglichen Interpretationen auszulegen. Harry musste lächeln, als er daran dachte, wie Ron schliesslich zur Überzeugung gekommen war, dass Harry die Prophezeiung erst erfüllen müsse, wenn er so alt und weise war wie Dumbledore. Und wie Hermine darauf hingewiesen hatte, dass es bei solchen Prophezeiungen auch eine gewisse Fehlerquote gab.
Dennoch, irgendetwas am Verhalten der anderen irritierte Harry. Manchmal kam es ihm vor, als hätten sie Angst vor ihm.
Was seiner Stimmung aber einen gewaltigen Aufheller verschaft hatte, war das Hedwig Onkel Vernons Angriff überlebt hatte. Sie musste durch ein geöffnetes Küchenfenster der Dursleys geflohen und nach London geflogen sein.
Lupin, der -noch blasser und ausgezehrter als sonst- Harry die Nachricht überbracht hatte, dass Hedwig im Grimnauldplatz und wohlauf sei, setzte sich an Harrys Bett.
„Das wird schon wieder Harry" meinte er leise. „Ich weiss, dass ist etwas ganz anderes, aber als James und Sirius Animagni werden wollten, waren sie auch oft ganz kurz davor aufzugeben. Fast ein Jahr lang versuchten sie es ohne Erfolg. Und trotzdem versuchten sie es immer und immer wieder, bis sie etwas schafften, wovon keiner geglaubt hatte, dass es möglich war."
„Danke" sagte Harry zu Lupin.
„Jederzeit wieder" antwortete er und lächelte leise.
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Harry konnte nicht schlafen. Laut Hermine hatte er zwei Tage bewusstlos im Bett gelegen, bevor er schliesslich wieder aufgewacht war. Nun fühlte er sich hellwach, obwohl es bereits weit nach Mitternacht war und Ron im Bett nebenan laut und vernehmlich schnarchte.
Noch immer wurde er überwacht, allerdings nicht mehr so auffällig wie am Anfang. Irgendjemand hielt sich immer mit irgendeiner billigen Ausrede in seiner Nähe auf. Offenbar glaubten sie alle, er würde wieder abhauen, sobald sie ihn aus den Augen liessen. Zugegebenermassen, am Anfang hatte er mit dem Gedanken gespielt. Doch in den zwei Tagen seit er sich inzwischen im Grimnauldplatz befand hatte ihn der Mut verlassen. Das lag vorallem daran, dass er die Reaktionen seiner Freunde erlebte und es nicht über sich brachte sie noch einmal so zu verletzen.
Leise stand er auf und schlich sich aus seinem und Rons Zimmer. Barfuss und im Schlafanzug ging er durch das grosse Haus der Blacks. Es war so seltsam wieder hier zu sein. Hier wo Sirius Gegenwart noch viel mehr zu spüren war als sonstwo. Harry sehnte sich danach mit ihm über alles sprechen zu können. Sirius würde ihn verstehen, bei ihm hätte er leben können. Harry hatte keine Ahnung, wohin er nächsten Sommer gehen konnte.
Zu den Dursleys zurück ging er nicht! Nie mehr.Dumbledore konnte ihn nicht zwingen!
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Der Boden in dem Raum wo sich Seidenschnabel befand war kalt, doch Harry störte es nicht. Kaum betrat er den Salon, kam Hedwig auf ihn zugeflattert und liess sich auf seiner Schulter nieder.
Sie schmiegte ihren schönen Kopf an Harrys Wange und schien ihn zu begrüssen.
Harry kramte einen Keks hervor und gab ihn der Eule. Ohne Hedwig wäre er nie aus dem Ligusterweg weggekommen. Wahrscheinlich hätte er bis jetzt den Mut nicht aufgebracht wegzulaufen.
Er war froh, das einzige Wesen, das ihm den Aufenthalt bei den Dursleys einigermassen ertrgäglich gemacht hatte wieder bei sich zu haben.
Lange noch blieb er bei Seidenschnabel und Hedwig im Salon. Die beiden unterschiedlichen Tiere schienen eine tiefe Freundschaft geschlossen zu haben. Hedwig kuschelte sich zum Schlafen an den Hippogreif, der zufrieden mit den Füssen scharrte.
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Nachdenklich streifte Harry durch das verlassene Haus. Er war noch immer nicht müde und genoss es endlich einmal in Ruhe gelassen zu werden. Auf einmal hörte er ein leises Geräusch.
Er blieb stehen und horchte in die Stille hinein. Da hörte er es genauer. Jemand atmete laut und regelmässig. Neugierig machte sich Harry auf den Weg zum Ausgangspunkt des Atmens.
In der alten Bibliothek des Hauses wurde er fündig. Es war Hermine, die , noch im Nachthemd und Bademantel, über einem dicken Buch eingeschlafen war.
Unwillkürlich fuhr ein Grinsen über Harrys Gesicht. Das war typisch.
„Hey" sagte er leise. Sofort juckte Hermine auf und sah sich verwirrt um.
„Harry! Was tust du hier?" fragte sie und wirkte noch ein wenig desorientiert. Er zuckte die Schultern.
„Kann nicht schlafen" meinte er. „Und du?"
„Ich hab noch was nachlesen wollen, über diese Prophezeiung, weißt du."
„Hast du was gefunden?"
Sie schüttelte den Kopf. „Nichs neues."
Eine Weile schwiegen sie beide. Dann sah Hermine auf.
„Es tut mir so leid, Harry. Du hast immer gesagt, dass du nicht zurück zu den Dursleys willst, aber ich hätte nie gedacht, dass sie so schlimm sind."
Sie biss sich auf die Lippe. Harry sah ihre Hände zittern.
„Ich weiss nicht warum wir nie etwas getan haben... Auch nicht, als Sirius starb. Wenn wir bloss besser nachgefragt hätten, wenn wir bloss darauf beharrt hätten, dass du nicht wieder zu den Dursleys zurück musst..."
„Hermine!" unterbrach Harry sie und versuchte das brennende Schuldgefühl in seiner Brust zu ignorieren. Er wollte nicht, dass sie sich alle Vorwürfe machten, nicht seinetwegen...
„Es war so schrecklich. Irgendwann kam jemand und sagte, dass du von den Dursleys abgehauen seist. Fast der ganze Orden war unterwegs um dich zu suchen... Dann, am Morgen darauf kam Hagrid hierher und er trug dich und du hast geschrieen und dich gewehrt wie verrückt." Ihre Stimme versagte einen Moment. In Harrys Kopf tauchte eine Erinnerung auf an ein bärtiges Gesicht und an grosse Hände, die ihn festhielten. Er erinnerte sich an Wut und Schmerz. Verwirrt blickte er auf zu Hermine, die sich wieder etwas gefangen hatte.
„Zum Glück war Pye im Hauptquartier. Er hat dich ins Zimmer gebracht und versucht dir zu helfen, doch du hast so laut geschrien... Wir- wir haben es unten noch gehört. Sie liessen uns nicht hinein..." Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Hagrid und Lupin waren nötig um dich festzuhalten, du hast dich so gewehrt... Sie alle haben versucht dich zu beruhigen, aber du warst ausser dir."
Hermine sah auf und holte tief Luft. „Auf einmal begann der Boden zu beben und du... Wir können es nicht anders erklären Harry, aber du musst irgendwie Magie angewandt haben... Es gab einen Knall und wir sahen bloss wie Lupin zur Tür hinaus flog und Hagrid an den Türrahmen krachte."
„Was!" fragte Harry und runzelte die Stirn. „Aber ich meine, meine ganzen Schulsachen, der Zauberstab und so... ich hab sie bei den Dursleys gelassen..."
Beide schwiegen einen Moment, und versuchten das Ausmass dieser Aussage zu begreiffen.
„Harry du weißt, dass zauberstablose Magie etwas extrem seltenes ist? Und vorallem so komplexe Zauber..."
„Ich hab wirklich Hagrid und Lupin an die Wand geschleudert?" fragte Harry ungläubig ohne auf Hermines Aussage einzugehen.
„Ja! Dann endlich konnten sie dich überwältigen... Harry!" fragte sie plötzlich, „Meinst du, dass dies die Macht ist, von der in der Prophezeiung die Rede ist?"
Sie sah Harry mit grossen Augen an und sah aus, als wäre ihr eben erst ein Licht aufgegangen.
Harry zuckte mit den Achseln. „Vielleicht..."
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