In den Wochen, in denen Harry im Grimnauldplatz lebte, spürte er ganz deutlich, wie sich eine gewisse Verbissenheit in ihm breitmachte. Er konnte nicht sterben. Also gut, dann war es so. Dann starb er halt nicht. Aber er liess sich auch nicht von Voldemort kaltmachen. Wenn er leben sollte, dann würde er kämpfen.
Zusammen mit seinen Freunden durchstöberte er die Bibliothek von Sirius Haus nach Flüchen und Zaubern. Hermine durchforstete dicke Wälzer über zauberstablose Magie und Ron stellte mit Ginny und Harry eine Liste auf mit Zaubersprüchen, die sie üben würden, wenn sie wieder in Hogwarts waren und das Zaubern wieder erlaubt war.
„Was haltet ihr von diesem hier?" sagte Ron, das Gesicht in einem alten Foliant vergraben. „Damit wird der Gegner blind, taub und stumm!"
Ginny schüttelte sich. „Hört sich ziemlich schlimm an."
„Könnte aber nützlich sein meinst du nicht?"
„Gut, dann setz ihn auf die Liste" gab sie nach.
Für die drei war es selbstverständlich, dass sie Harry unterstützten, sosehr sie konnten. Dieser fühlte sich so Zuversichtlich wie lange nicht mehr. Er wusste nicht, ob er Voldemort wirklich besiegen konnte, aber für den Moment genoss er es einfach, dass er Freunde um sich herum hatte, die ihm halfen wo sie nur konnten. Was nützte es schon sich jetzt Sorgen zu machen? Jetzt war nicht der Zeitpunkt für den finalen Endkampf. Darum konnte er sich sorgen, wenn es soweit war. Nun waren Ferien und er war im Grimnauldplatz und musste nicht mehr zu den Dursleys zurück.
Dumbledore war persönlich zu ihm gekommen, etwa eine Woche nach Harrys Ankunft im Grimnauldplatz. Der Schulleiter sah müde und abgekämpft aus fand Harry. Erstmals hatte Trauer und Besorgnis in den Augen Dumbledores gesehen, so deutlich wie nie zuvor.
„Harry, ich muss mich bei dir entschuldigen" sagte er und sah Harry ernst an. „Ich habe dir zuviel zugemutet, als ich von dir verlangte, dass du zu den Dursleys zurückkehrst. Du trägst die grösste Bürde von uns allen, und es war nicht fair dir da noch mehr aufzuladen."
Harry hörte aufmerksam zu. Bedeutete das, was er glaubte, dass es bedeutete?
„Ich habe mir das jetzt lange und gut überlegt und ich denke, dass es nun Zeit ist, dass du nicht mehr zu deinen Verwandten zurückmusst."
Harrys Herz machte einen gigantischen Sprung und wurde etwa in seine Halsgegend hinaufgeschleudert.
„Ich weiss Harry, dass ich dir den Schmerz über Sirius Verlust nicht nehmen kann. Genau so wenig, wie ich das Leid in deiner Vergangenheit auslöschen kann. Glaub mir, wenn ich es könnte, ich würde es tun. Alles was ich tun kann ist deiner Bürde keine weitere hinzuzufügen."
„Was heisst das genau Professor?" fragte Harry und knetete aufgeregt seine Finger.
„Das heisst, dass Arthur und Molly Weasley sich bereit erklärt haben dich fest bei sich aufzunehmen."
„Ich muss nicht mehr zu den Dursleys zurück?" fragte Harry begeistert.
Dumbledore schüttelte den Kopf und das Funkeln in seinen müden Augen tauchte ob Harrys Freude wieder auf.
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Sie standen am Kings Cross, vor der Schranke zwischen Gleis 9 und Gleis 10. Die Sommerferien waren zuende und die Schule würde wieder beginnen.
„Los, beeilt euch" murmelte Mr Weasley drängend und sah sich um. Man war wachsamer geworden, seit Voldemort sich offenbart hatte. „Hermine, Ginny, ihr zuerst:"
Die beiden Mädchen schlenderten gemächlich zu der Schranke und auf einmal waren sie verschwunden. Harry starrte die Schranke an. Mit der Rückkehr zur Zauberwelt war er endgültig ins Leben zurückgekehrt. Noch immer wusste er nicht, ob er froh darüber sein sollte. Weder war der Schmerz über Sirius Tod vergangen, noch hatte sich die Prophezeihung erfüllt. Dennoch hatte sich vieles geändert. Wenn er sich überlegte, wie verzweifelt und erschöpft er sich noch vor ein paar Wochen gefühlt hatte, dann wurde ihm bewusst, dass sich etwas geändert hatte. Klar, es war nicht alles wieder gut, aber nun wusste er, dass er leben würde, egal was kam. Harry hatte keine Ahnung, ob das mit dieser zauberstablosen Magie funktionierte, ob dies die Macht war, von der Dumbledore gesprochen hatte, aber es war zumindest ein Ansatzpunkt.
Er würde kämpfen, das wusste er nun.
„Harry! Schnell, worauf wartest du noch" drängte Mr Weasley und schob Harry und Ron richtung Schranke. Die beiden taten, als würden sie sich unterhalten und schon waren sie durch die Absperrung zum Gleis 9 ¾ getreten.
Der Hogwarts- Express stand da und überall waren Schüler und Schülerinnen; manche schon mit ihren schwarzen Umhängen, andere hingegen trugen noch Muggelsachen.
Harry starrte sie an. Es fühlte sich an, als wäre er in diesen Sommerferien sehr viel älter geworden.
„Alles in Ordnung Harry?" fragte Ron stirnrunzelnd. „Du siehst so geistesabwesend aus."
Harry sah ihn an. Dann holte er tief Luft und sagte ehrlich:
„Nein, es ist alles in Ordnung. Es geht mir gut."
Ron sah ihn erst verwundert an, dann grinste er.
„Schön" meinte er ehrlich.
„Ja" antwortete Harry und grinste ebenfalls. „Finde ich auch."
ENDE
