Kapitel 2
Eine gute halbe Stunde saßen sie schweigend beieinander. Snape und Harry nebeneinander auf einer Bank – Platz genug zwischen sich lassend, daß dort die mitgebrachten Brote, etwas Obst und eine von mehreren Wasserflaschen stand. Hermine saß verkehrtherum auf der Bank vor ihnen. Jeder von ihnen drehte ein halb leergetrunkenes Glas Wasser in den Händen herum und war offenbar mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, als plötzlich Hermine das Wort ergriff.
"Professor?"
Snape sah hoch und blickte sie mit seinem "jetzt kommt eine Granger-Frage-Blick" an, von dem sie sich aber nicht beirren ließ.
Während Snape und Harry gleichzeitig einen Schluck Wasser tranken, fragte Hermine völlig unverblümt: "Sind Sie eigentlich immer noch als Todesser bei Voldemort um für den Orden spionieren zu können?"
Harry verschluckte sich derart, daß er nicht verhindern konnte, daß ihm etwas von dem Wasser das er gerade hatte schlucken wollen, aus dem Mund lief. Snape hielt sich abrupt eine Hand vor den Mund, um zu verhindern, daß ihm angesichts seines massiven Hustenanfalls der seinem heftigen Veschlucken folgte, das Gleiche geschah.
Als Harry und Snape wieder Luft bekamen, legte sich über Snapes "WIE BITTE?" von Harry ein restlos entrüstetes "HERMINE!"
Diese schien die Reaktion der Männer eher nervend zu finden.
"Ja was denn? War die Frage so dumm?"
Harry sah sie entgeistert an – dann schien er zu überlegen. Als sein Blick sich änderte, wandte er ihn Snape zu und stimmte Hermine mit ernstem Gesicht zu.
"Nein, so dumm ist die Frage eigentlich gar nicht. Ich hätte mich nur nicht getraut sie zu stellen. Also? Professor? Wie sieht es aus?"
Aus Snapes Gesicht war jede Farbe gewichen.
Er schien von der Frage dermaßen überrascht zu sein, daß seine übliche Zurückhaltung in persönlichen Dingen kurz vergessen zu sein schien.
"Wie kommen Sie bitte auf die Idee, ich könne noch als Todesser agieren?"
Entweder war er ein verdammt guter Schauspieler, oder er schüttelte sich tatsächlich vor Entsetzen allein bei dem Gedanken.
Harry war in der Lage einen Grund zu nennen.
"Sie haben mir damals im Okklumantik-Unterricht gesagt, es sei Ihr Job, herauszufinden, was Voldemort zu seinen Todessern sagt."
Snape legte den Kopf in den Nacken und stöhnte auf. Dann sah er die beiden wieder an.
"Und daraus haben Sie geschlossen, daß ich regelmäßig vor dem Dunklen Lord erscheine und dort undercover meinen Dienst als Todesser versehe?"
Harry zögerte, aber er wußte, daß der Gedanke nicht völlig abwegig war – das war jedenfalls seine Meinung – und so nickte er schließlich.
"Ja, das habe ich daraus geschlossen."
"Potter..." Snape sah ihn sehr eindringlich an.
"Sie" er wandte sich kurz Hermine zu "und Sie, sind also ernsthaft davon ausgegangen, daß ich tagsüber schlecht gelaunt meinen Unterricht versehe und nachts mordend, vergewaltigend und brandschatzend mit Voldemort durch die Lande ziehe. Und Sie sind der Meinung, daß Albus Dumbledore das billigend in Kauf nimmt, weil ich dadurch ein paar Informationen heranschaffen kann."
Harry und Hermine schwiegen – aber sie waren noch nicht überzeugt.
"Erstens – wann schlafe ich? Zweitens – warum unterrichte ich dann? Das wäre dafür überhaupt nicht erforderlich, ganz im Gegenteil!"
Hermine schien langsam überzeugt zu sein. Augenscheinlich weniger durch seine Worte, als vielmehr seinen Ausdruck, der durch seine Fassungslosigkeit immer noch erstaunlich offen war.
"Was haben Sie dann gemeint, als sie sagten, es sei Ihr Job herauszufinden, was er zu den Todessern sagt?
"Hätte Potter nur einen Moment länger nachgedacht, hätte er ganz von alleine darauf kommen können – schon allein aus dem Zusammenhang heraus in dem ich es damals gesagt habe, aber den Potters reichte ja immer schon ein einziger Gedanke, um ein Urteil zu fällen." Harry holte zwar Luft, ließ sich aber durch eine kurze, rasche Geste von Hermine stoppen, bevor er einen Ton gesagt hatte.
Hermine sah fasziniert Snape an, der sich angespannt mit der Hand über den Mund rieb, als überlege er intensiv, ob er reden sollte oder nicht.
Er holte zweimal Luft um zum Sprechen anzusetzen, bevor er tatsächlich etwas sagte.
"Ich kann das Gleiche, das Harry damals unkontrolliert getan hat, kontrolliert tun. Ich kann in die Gedanken des dunklen Lord eindringen, ohne daß er es bemerkt – bisher jedenfalls."
Er schüttelte mit einem belächelnden Ausdruck den Kopf.
"Ich hätte nicht geglaubt, daß ich Sie beide einmal so überschätzen würde. Ich war davon ausgegangen, daß Ihnen das aus dem damaligen Zusammenhang heraus absolut klar war – ich war jetzt kurz versucht, Ihnen Ihren Denkfehler nicht zu korrigieren. Aber zum einen bin ich nach wie vor der Meinung, daß Sie genug wissen, um nicht darüber aufgeklärt werden zu müssen, wie gravierend diese Information ist und zum anderen ist die Version die Sie in Ihren verdrehten Köpfen aufgebaut haben so undenkbar, daß ich immer noch fassungslos bin."
Er hob sein Glas wieder an den Mund und trank einen Schluck Wasser.
"Aber so abwegig war der Gedanke doch gar nicht, Professor.", warf Hermine ein.
"Ach nein?" Snape lachte bitter auf.
"Hat Potter Ihnen nicht genau erzählt, was er damals gesehen hat?" Er sah Harry an. "Glauben Sie wirklich, daß man einfach so in seine Reihen marschieren und ihn so täuschen kann? Glauben Sie nicht, daß es Gründe hat, wenn man sich von ihm abwendet, die eine Rückkehr unmöglich machen?" er beugte sich dicht an Harrys Gesicht heran. "Sie haben ihm gegenübergestanden. Sie haben mit ihm geredet, Sie haben ihn selbst erlebt. Sie von allen sollten es doch wirklich wissen. Glauben Sie wirklich, daß mich irgendetwas dorthin zurückbewegt hätte, wenn ich einmal den Schritt von dort weggegangen bin?"
Harry war ein wenig weiß um die Nase geworden, als seine Erinnerung nun in der Tat zu seiner Begegnung mit Voldemort zurückkehrte. Der junge Gryffindor schluckte und sah etwas betreten zur Seite.
"Nein, Sir."
"Gut..."
Snape setzte sich wieder gerade hin und nahm sich einen Apfel. Er biß allerdings nicht hinein, sondern drehte ihn gedankenverloren in seinen Händen.
Hermine ihm gegenüber rutschte auf ihrer Bank ein wenig unruhig hin und her.
Snape sah nicht einmal hoch, als er sie schmunzelnd anspach.
"Nun fragen Sie schon, Miss Granger, bevor sie platzen. Wahrscheinlich bekommen Sie nie wieder so eine Gelegenheit."
Ohne zu zögern nahm Hermine das Angebot an.
"Warum vertraut Albus Dumbledore Ihnen so bedingungslos?"
Nur wer ihn ganz genau beobachtete, konnte das leichte Zucken um seine Augen sehen.
Hermine hatte ihn ganz genau beobachtet und ahnte, daß sie einen Nerv getroffen hatte.
Sehr zögerlich antwortete Snape mit langgezogenen Worten: "Wer sagt... daß er das tut?"
Er betrachtete fasziniert den Apfel in seiner Hand.
"Er selbst.", antwortete Hermine sofort. "Er hat es in all den Jahren immer wieder gesagt."
Snapes Lächeln nahm eine Bitterkeit an, die man selbst von ihm nicht gewohnt war.
"Sie haben Recht, also lassen Sie mich meine Gegenfrage anders formulieren, Miss Granger."
Er hob den Blick uns senkte seine schwarzen Augen in ihre.
„... wer sagt, daß er es bedingungslos tut?"
