Kapitel 3
... wer sagt, daß er es bedingungslos tut....
Der Satz, so leise er auch ausgesprochen worden war, hing schwer in der Luft. Hermine schluckte und Harry blickte verunsichert auf die Hände in seinem Schoß, in denen er mit den Fingerspitzen am Rand des Wasserglases entlangstrich.
Einen Moment herrschte absolute Stille, dann erhob sich Snape – langsam – als zöge ein schweres Gewicht ihn wieder auf die Bank hinab, blieb dann stehen und sah unschlüssig in der Kapelle umher.
Hermine konnte ihren Blick nicht von seinem Gesicht abwenden. Sie war fasziniert, betroffen und schockiert gleichzeitig.
... wer sagt, daß er es bedingungslos tut...
Sieben kleine Worte, die die Person des Professor Severus Snape gerade eben für sie gänzlich auf den Kopf gestellt hatten. Sie sah in seinem Gesicht, daß er diesen Satz nicht hatte sagen wollen, daß er nun intensiv überlegte, wie er ihn ungesagt machen konnte, weil er wußte, daß Harry und sie nun mehr von ihm wußten, als er hatte preisgeben wollen.
Dumbledore vertraute seinem Zaubertrankmeister, weil er etwas gegen ihn in der Hand hatte...
Was konnte es sein? Ein Geheimnis? Beweise? Drohungen?
Welche Bedingung stellte ein Albus Dumbledore für Vertrauen?
Hermine stellte fest, daß die neue Sicht die sie nun vom Schulleiter hatte, sie mehr schockierte, als die Tatsache, daß Snape offenbar doch nicht so vertrauenswürdig war, wie die Aussagen von Dumbledore sie hatten glauben lassen.
Oder war es noch anders?
Snapes Blick hatte sich auf irgendeine künstlerische Winzigkeit in den bunten Fenstern der Kapelle gerichtet, um einen Punkt zu haben, an dem er festhalten konnte. Seine Hände bewegten noch immer den Apfel zwischen den langen Fingern, ohne daß es ihm bewußt zu sein schien. So mitten im Nichts stehend, den Blick in eine unbestimmte Ferne gerichtet, gedankenverloren einen Apfel in den Händen drehend, wirkte er irgendwie verloren. Er war so sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er nicht einmal Hermines intensiven Blick bemerkte, dem im Moment keine noch so winzige Regung in der Gestalt und im Antlitz des Zaubertrankmeisters entging.
Wie hatte er gerade gesagt? ‚Vermutlich werden Sie nie wieder so eine Gelegenheit bekommen'. Vermutlich hatte er Recht damit.
"Welche Bedingung stellt er denn für sein Vertrauen?", fragte sie leise und bemerkte aus dem Augenwinkel, daß Harry die Schultern sinken ließ, ohne aufzusehen. Er hatte offensichtlich gehofft, daß sie die Frage nicht stellen würde, die wie mit Zaubertinte in die Luft geschrieben zwischen ihnen gehangen hatte – die aber gleichzeitig in der Farbe des Verbotenen zu leuchten schien und ausstrahlte: frag nicht... frag nicht...
Aber sie war Hermine Granger und es lag eine offene Frage im Raum, die sie nicht selbst beantworten konnte. Also fragte sie...
Snape schien mit dieser Frage gerechnet zu haben. Hermine sah es in seiner unverändert unbewegten Haltung. Und ohne sich zu regen, ohne den Blick von dem Fenster zu nehmen, lediglich das Spiel seiner Hände mit dem Apfel anhaltend sagte er ruhig: "Das, Miss Granger, geht sie nichts an."
Als er dann seinen Kopf zu ihr wandte und sie ansah, ging ihr sein Blick durch und durch. Sie wußte plötzlich, warum alle es vermieden, ihm direkt in die Augen zu sehen. Die Ruhe in seinem Blick machte diese Erkenntnis möglich. Seine Augen waren tiefer als jeder Blick, den sie je vorher gesehen hatte. Man glaubte, darin auf eine gänzlich unromantische, dafür aber geradezu beängstigend intensive Weise zu versinken. Sie ließen einen glauben, daß man daraus nie wieder hervorkommen würde, wenn man erst einmal so tief hineingesunken war, daß man auf Severus Snapes Seele gestoßen war. Seine schwarzen Augen machten wirklich den Eindruck, als seien sie die Fenster zu seiner Seele. Aber niemand wollte die Seele von Severus Snape sehen – man hatte Angst davor, weil man sie böse glaubte, weil man glaubte, kein Gefühl dort zu finden und zu erfrieren – also sah man nicht hinein...
Aber Hermine konnte ihren Blick nicht abwenden und so standen sie dort lange und Hermine spürte in ihrem Bauch, in ihren Armen, in ihrer Brust, daß die Empfindungen die sie für diesen Mann bisher gehabt hatte, daß ihre Vermutungen über seine Empfindungen den Schülern gegenüber - ihr gegenüber – falsch gewesen waren.
Der Mann da vor ihr, der sie nun so unbewegt ansah, wie er gerade das Kirchenfenster angesehen hatte, war verbittert und zynisch, aber er war weder gefühlskalt noch böse – doch dieser Mann hatte Geheimnisse, die weit von dem entfernt waren, was sie bisher geglaubt hatten.
Die ganze Szenerie war erstarrt wie eine Gruppe von Stein-Statuen...
.-.-.
... als sie das erste leise Krachen hörten...
Alle drei erwachten aus ihrer Starre und sahen sich verwirrt um. Das Krachen war vom Gebäude ausgegangen, aber es schien weder in den Mauern zu sein, noch von dem kleinen Portal auszugehen, das den einzigen Ein- und Ausgang darstellte.
Ein weiteres Krachen, das fast wie ein Reißen klang, folgte – lauter diesmal. Und diesmal konnten sie die Richtung ausmachen, aus der das Geräusch kam. Und der Blick aller Anwesenden richtete sich mit großen Augen auf den Boden der Kapelle!
Beim dritten Krachen zog sich ein feiner Riß durch den Steinboden und trennte Hermine und Snape von Harry, der ihnen gegenüber saß.
Harry sprang auf und stieg über den Riß hinüber auf die Seit der anderen beiden.
"Verflucht, was ist das?", erhob er als erster wieder die Stimme.
Snapes Blick wanderte hektisch den Riß entlang und dann legte er sich abrupt auf den Boden, das Ohr auf den Riß gelegt und legte für Hermine und Harry sichtbar einen Zeigefinger auf seine Lippen.
Harry verstummte und beobachtete, was geschah.
Als das nächste Krachen erklang, sprang Snape mit einer Geschwindigkeit wieder auf, die Harry und Hermine erschrocken zurückweichen ließ. Im gleichen Moment brach der feine Riß zu einem handbreiten Spalt auf, der jetzt auch die Wände der Kapelle zum Erbeben brachte.
Hermine gelang es, unter aufbietung ihrer gesamten Willenskraft, nicht aufzuschreien.
Snape sah für Sekundenbruchteile erstarrt in den Spalt hinein, dann kam wieder Bewegung in ihn.
"Potter! Verstecken Sie Miss Granger und sich hinter dem Altar. Wenden Sie keine Magie an!" er packte auf eine erstaunlich besorgte Weise Harry an den Schultern, der ihn nickend ansah. "Keine Magie!" wiederholte Snape eindringlich. In Harrys verängstigter aber nicht panischer Haltung war ein unausgesprochenes ‚warum' zu lesen auf das Snape reagierte. Er ließ nur die linke Hand auf Harrys Schulter liegen und zog mit seiner Rechten Hermine an ihrer Schulter zu Harry hinüber.
Snape flüsterte, so daß seine Stimme im nächsten Krachen kaum zu hören war: "Ich denke, daß dieser Riß nur ein Schuß ins Blaue ist. Sie werden jetzt versuchen, hier Magie zu finden. Wenn sie außer der Magie der Kreuze und der Marienstatue nichts finden, werden sie weiterziehen. Spüren Sie hier andere Magie, werden sie hochkommen – lassen Sie uns das nicht riskieren..." in seinen Augen war ein Flackern zu erkennen, hinter dem man mit viel Phantasie so etwas wie Angst erkennen konnte.
"Wir sollten die Kapelle verlassen!", schlug Harry vor.
"Normalerweise würde ich Ihnen zustimmen, Potter, aber wenn sie einen Probeschuß auf die Kapelle abgeben, dann werden sie diese Möglichkeit mit einkalkuliert haben und vermutlich draußen Wachen aufgestellt haben. Hier können sie nicht hinein – zumindest nicht von außen – nur von unten." Er sah wieder fassungslos in den Spalt, bevor er sich wieder Harry und Hermine zuwandte.
"Nutzen Sie von Ihren Gryffindorqualitäten die Richtigen... hören Sie auf mich und bringen Sie den Mut auf, keine Magie anzuwenden."
Er ließ sie los und schob sie in Richtung des kleinen Altars. Harry packte Hermine bei der Hand und zog sie mit sich, was sie wortlos geschehen ließ. Wenige Sekunden später waren sie hinter dem Altar verschwunden, während Snape weiter aufmerksam den Spalt im Boden betrachtete und wie eine Katze daran entlangschlich.
Dieser Anblick war Harrys und Hermines letzter Blick auf ihn, bevor sie endgültig hinter dem zwar kleinen aber massigen Altar abgetaucht waren.
"Wie können die von unten kommen", hauchte Harry Hermine zu.
"Ich habe keine Ahnung" zischte diese leise zurück "aber wir sollten nicht reden – keine Aufmerksamkeit auf uns... HARRY!!!"
Hermine schrie den Namen ihres Schulfreundes gellend durch die Kapelle, als ein weiteres, jetzt noch intensiveres Beben gleich dutzende von kleinen und großen Stuck-Stücken von den Wänden und der Decke der Kapelle riß und hinabstürzen ließ.
Harry rollte sich, so schnell es ging, zur Seite, aber er wurde trotzdem von einem der dicken Brocken hart an den Schläfen getroffen und sackte in sich zusammen, unmittelbar bevor exakt unter Hermine ein weiterer Riß im Boden aufbrach, der die Kapelle nun wie ein Kreuz in vier Teile teilte.
Der Riß hatte in der Dauer eines Augenaufschlags eine Breite von fast zwei Metern, die Wand der Kapelle riß hinter dem Altar auf, der Altar selbst kippte schräg in den Spalt hinein und blieb dort mit der Kante hängen und Hermine fiel...
.-.-.
So fühlte es sich also an, wenn man starb, war ihr erster Gedanke. Und wo bleibt der Film, der sich jetzt angeblich vor meinem inneren Auge abspielen muß? Kein Film, keine Bilder aus der Vergangenheit, nur ein brachialer Ruck in ihrem Arm, der sie für eine Sekunde glauben ließ, er würde abreißen, als eine Hand ihren Unterarm wie ein Schraubstock packte und im Fallen aufhielt. Hermine riß den Blick nach oben und blickte in das vor Anstrengung verzerrte Gesicht von Professor Snape, der an der Kante des Spaltes lag und sie hielt.
Er mußte ihren Schrei gehört und einen unfassbaren Satz gemacht haben, um ihren Fall zu stoppen.
Ihr Arm rutschte ein Stückchen weiter nach unten und Hermine schrie kurz auf, bis seine Hand unmittelbar unter ihrem Handgelenk angekommen war und sie es schaffte, nun ihrerseits seinen Unterarm zu greifen, so daß ihre Hände und Arme des jeweils einen Armes sich nun gegenseitig hielten. Mit ihrem zweiten Arm griff sie ebenfalls zu und bekam einen halbwegs festen Halt. Jetzt war die Frage wie lange sie sich würde halten können. Mit seinem anderen Arm stützte Snape sich an der Kante ab. Hermine wagte es, einen winzigen Blick nach unten zu werfen und sah in unendlicher Tiefe ein glühend-rotes Band in der Spalte, als schwimme auf dem Grund des Risses Lava.
Sie hing über einem tödlich tiefen Abgrund!
Ihr Atem wurde schneller und panischer. Warum zog er sie nicht hoch? Sie sah wieder nach oben und sah den Grund in seinem Gesicht, in dem sich nicht nur Anstrengung, sondern auch Schmerz abzeichnete.
Als er sie gehalten hatte, hatte sie mit ihrem kompletten Körpergewicht an seinem Arm gerissen. Bei Merlin, wie lange würde er sie mit diesem Arm noch halten können?
"Lassen Sie mich nicht fallen, Professor", hauchte sie mit vor Angst weit aufgerissenen Augen.
"Ich lasse dich nicht los – eher fallen wir beide.", war seine gekeuchte Antwort. Und sie wußte, daß er die Wahrheit sagte.
Obwohl er sowiso bereits unregelmäßig und angestrengt atmete murmelte weiter Beteuerungen, daß er sie nicht loslassen würde, offenbar um sie zu beruhigen, bis sie ihn unterbrach.
"Sparen Sie Ihren Atem, Professor. Ich vertraue Ihnen", hauchte sie und setzte einen Atemzug später hinterher "...bedingungslos"
Sein Blick war für einen Moment verwirrt, dann kehrte etwas anderes darin ein, daß Hermine nicht einordnen konnte, aber dann war dieser Moment auch schon wieder vorbei und der entschlossene Ausdruck von vorher kehrte zurück.
"Du wirst nicht fallen.", sagte er noch einmal mit einer Bestimmtheit, die Hermine innerlich ein wenig aufatmen ließ. Sie vertraute ihm wirklich. Mehr als sie jemals jemandem vertraut hatte. Sie vertraute ihm gerade, ihm wahrsten Sinne des Wortes, ihr Leben an.
"Magie?", war ihre hoffnungsvolle Frage.
Er schüttelte den Kopf.
"Aber sie wissen doch jetzt sowiso, daß wir hier sind!", ihre Stimme nahm einen leicht weinerlichen Ton an, den sie aber bei den letzten Worten wieder unter Kontrolle hatte.
"Nein, das wissen sie nicht, Hermine." Sein Atem ging stoßweise und vor Anstrengung machte er Pausen zwischen den Worten. "Vermutlich zerstören sie gerade dutzende Kapellen in der Umgebung und warten nur auf eine Reaktion. Wenn sie wüßten, daß wir hier sind, dann wären sie längst ebenfalls hier."
"Können Sie mich hochziehen?"
Er schien zu überlegen.
"Ich weiß es nicht", gestand er. "Ich kann nicht mit dem anderen Arm nachgreifen, weil ich sonst wegrutsche. Ich hoffe, daß Potter so schnell wie möglich wieder zu sich kommt. "Potter!" rief er ungehalten in Harrys Richtung.
"POTTER!" erhob er seine Stimme nun laut. Und plötzlich war ein leichtes Stöhnen zu hören.
Snape sah zu Hermine hinab und dann schien ihm eine Idee zu kommen.
"Hast du einen Gürtel um?"
Hermine nickte.
"Mach ihn ab und dann leg ihn um unsere Handgelenke, binde sie aneinander fest, so hart es geht!"
Hermine tat wie ihr geheißen und friemelte mit zittrigen Fingern den Gürtel aus ihrer Jeans und legte das stabile Lederband dann um ihr und Snapes Handgelenk, so daß sie die beiden zusammenband. Erst war es gar nicht so einfach, überhaupt bis an ihre hochgehaltene Hand zu gelangen, da ihr Oberkörper durch die hängende Position schräg war und der zweite Arm nach unten hing. So zog sie mit erst etwas ungeschickten, dann aber zügig kontrollierter werdenden Bewegungen das Ende des Gürtels durch die Schnalle hindurch, nachdem sie den Gürtel gleich mehrere Male stramm um ihre Handgelenke gewickelt hatte.
Oben hörte sie Rascheln und dann erkannte sie die leise Stimme von Harry.
"Was ist passiert?"
Snape zischte gepresst zwischen den Zähnen ein: "Stehen Sie auf und helfen Sie, Potter." Hindurch.
Erst klang es wie ein Stolpern, dann ein halblautes "bei Merlin" und dann sah sie Harry über den Rand des Abgrundes blicken. An der Schläfe lief ihm Blut herab und über die Wange.
"Hermine! Warte, ich helfe!" Er warf sich neben Snape an den Rand des Spaltes und griff nun ebenfalls nach ihrem Arm. Da er sich kontrollierter an den Rand legen konnte, reichte er ein Stück tiefer hinab als Snape und packte unmittelbar unter dessen Hand zu.
Die zweite feste Hand um ihren Arm ließ Hermine trotz ihrer Angst eine warme Welle durch den Körper ziehen und die Tatsache, daß es ausgerechnet Snape und Harry waren, verstärkte den Effekt noch.
Gemeinsam zogen der junge Gryffindor und der schwarze Zaubertrankmeister Hermine aus der Spalte heraus.
Als sie oben war, und alle völlig fertig auf allen Vieren ein gutes Stück von der Spalte weggekrabbeln waren, legte sich Snape schwer atmend einfach hin und schloß für einen Moment die Augen, während Harry Hermine half, den Gürtel loszumachen, der sie immer noch an Snape band.
Hermine erschrak, als sie dabei sah, daß sie ihre Fingernägel tief in Snapes Unterarm gegraben hatte, als sie an ihm gehangen hatte.
Auch als sie schon von ihm gelöst war, blieb Snape noch eine kurze Weile liegen. Sich in der Erkenntnis erholend, die auch die anderen beiden hatten – daß die Beben aufgehört hatten. Sie waren weitergezogen und hatten sie nicht gefunden.
Sie waren wieder sicher – für den Moment...
