Kapitel 5

Der Knoten in Hermines Hals brannte noch lange, bevor sie endlich einschlafen konnte. Aber der Schlaf hielt nicht lange. Immer wieder wurde sie kurz wach und jedes Mal wenn sie zur Seite sah, war der Zaubertrankmeister an einer anderen Stelle der Kapelle. Manchmal saß er auf seinem provisorischen Bett, ihr den Rücken zugewandt, manchmal stand er vor einem der Fenster, die seltsamerweise die Beben überstanden hatten und sah in eine unbestimmte Ferne, manchmal ging er mit langsamen, lautlosen Schritten einfach nur hin und her und spielte bei jedem Schritt mit der Robe, die hinter ihm her und dann an ihm vorbei und nach vorne schwang, indem er den nächsten Schritt genau im gleichen Rhythmus ging, den der Schwarze Stoff in seiner weichen Bewegung hatte.

Er war schlaflos, ruhelos, rastlos...

Hermine tat immer so, als schliefe sie, aber irgendwann war auch sie wieder so wach, daß sie sich aufsetzte. Snape hatte gerade wieder vor einem der Fenster Halt gemacht und sah zu ihr herüber. Sie hatte kaum ein Geräusch gemacht, aber er hatte es trotzdem gehört, was in der absoluten Stille der Kapelle aber auch nicht verwunderlich war.

Der angenehm kühle Nachtwind wehte durch den Riß in der Wand hinter dem Altar ein wenig ins Gebäude, die Luft war frisch und leicht zu atmen.

Hermine erhob sich und ging zu ihrem Zaubertranklehrer hinüber.

„Warum schlafen Sie nicht, Professor?", fragte sie leise, als sie bei ihm angekommen war und sich neben ihn gestellt hatte, um nun ebenfalls durch die bunten Scheiben in die Schwärze der Nacht hinauszublicken.

„Es ist nicht sicher, daß sie nicht zurückkehren.", antwortete er ebenso leise.

Sie hob den Blick zu ihm. „Sie halten Wache?"Auf diese Idee war sie gar nicht gekommen.

„Soll Potter es tun mit seiner Gehirnerschütterung?"

„Nein, aber ich hätte wachen können."

„Nein...."Er hatte sie ebenfalls angesehen, aber jetzt ging sein Blick wieder zum Fenster in der offensichtlichen Erwartung von Widerspruch.

Hermine zögerte, aber dann sprach sie doch: „Sie werden Ihre Gründe haben, warum Sie das so sehen."

Snape sah weder erstaunt noch pikiert aus, sondern reagierte ausgesprochen unerwartet, indem er sein Gesicht für einen Moment ganz von ihr wegdrehte, so daß sie seine Reaktion eigentlich gar nicht erkennen konnte. Aber in ihrer intensiven Beobachtung des Zaubertrankmeisters, hatte sie inzwischen einige ganz wenige der sprechenden Bilder seines Körpers kennengelernt.

Das leichte Absenken seiner Schultern und das kaum sichtbare nach vorne Neigen seines Kopfes sprach von Betroffenheit. Aber er wäre nicht er selbst gewesen, wenn er nicht wenige Sekunden später seinen Körper wieder gerade aufgerichtet hätte. Den Blick wieder nach vorne gerichtet.

„In der Tat.", sagte er in gemurmeltem Ton.

Eine lange Zeit standen sie schweigend nebeneinander und sahen nach draußen, obwohl dies eigentlich unsinnig war. In der Kapelle war es durch die zwei Kerzen heller als draußen – und daher sah man draußen nichts als Schwärze.

„Wie war sie?", flüsterte Hermine in die Ruhe hinein.

Snapes Kopf wandte sich abrupt zu ihr und in seinem Gesicht stand eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Wut und Schmerz und Hermine wußte sofort, daß sie zu weit gegangen war.

Sie senkte verschämt den Blick und setzte sofort hinterher: „Entschuldigen Sie, vergessen Sie die Frage, das... es tut mir leid."

Erstaunlicherweise blieb er stehen und scheuchte sie nicht zurück ins Bett.

Die Minuten schienen endlos, bis er wieder sprach.

„Kennen Sie „Fiddler on the Roof", Miss Granger?"

Sie hielt den Blick gesenkt und wagte kaum zu antworten. „Ja, ich kenne es als Anatevka."

Snape nickte.

„What do we lose? Nothing much..."zitierte er kaum hörbar eine Zeile aus dem Lied, in dem sich die Bewohner des Dorfes Anatevka von ihren Häusern, ihrer Heimat verabschieden mußten. Hermine hatte das Lied in guter Erinnerung, weil es sie beeindruckt hatte, mit welch einfühlsamen Worten die Bewohner es einem klar machten, daß es nicht die großen Dinge waren die ein Heim ausmachten, sondern Kleinigkeiten, die jede für sich betrachtet, unwichtig erschienen. Ein Topf, ein Besen, ein Herd, ein Bett... zusammen ergaben sie eine Welt.

„...only Anatevka..." sprach sie die Zeile leise zuende.

Snape lächelte bitter.

„Ja, Miss Granger, nur Anatevka..."er holte einmal tief Luft und blies sie durch den Mund hörbar mit einem kräftigen Stoß wieder aus. Und dann begann er gegen jede Wahrscheinlichkeit zu erzählen...

„Sie war nicht groß, nicht klein, keine berauschende Schönheit, kein häßliches Entlein – ein bißchen wie Sie, nur dunkelblond, sie hat gerne gelacht und sie hatte keine Scheu davor zu weinen. Und sie war der freundlichste Mensch den diese Welt je gesehen hat."Er umfaßte sich selbst mit den Armen, als sei ihm kalt und legte den Kopf mit geschlossenen Augen in den Nacken und Hermine hatte das Gefühl, daß vor seinem inneren Auge Bilder zu sehen waren. Sein Blick wurde weich. Er atmete noch einmal tief die Nachtluft ein, bevor er weitersprach und als er es tat, konnte Hermine ihn kaum noch hören. Er sprach langsam und seine Stimme war noch tiefer als sonst.

„Sie war Heim und Herd, wärmendes Feuer, Zuflucht und Geborgenheit, und das alles obwohl ich sie nur sehr, sehr selten gesehen habe."

Hermine hielt den Atem an. Professor Severus Snape erzählte von seinem Innersten! Er erzählte es ausgerechnet ihr! Und er erzählte es, während ausgerechnet Harry Potter wenige Meter von ihm weg lag und schlief. Er erzählte von einer Ehefrau, die er offenbar geliebt hatte und wenn sie es recht beurteilen konnte auch jetzt noch liebte!

Wenn er aus dieser Situation erwachte, wenn ihm klar werden würde, was er da gerade tat, würde sie fürchterlich dafür zahlen müssen zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein, da war sie sicher. Aber sie brachte es nicht übers Herz, ihn davon abzuhalten, weiterzusprechen. So blieb sie mit ihm in der nachtdunklen Kapelle stehen, die nur von dem flackernden Schein zweier Kerzen in ein Dämmerlicht getaucht war und lauschte der Erzählung, die vermutlich nur möglich war, weil die Dunkelheit sie bedeckte, so als sei sie, Hermine, gar nicht da. Ob er es als Segen empfand, sprechen zu können? Oder würde er sich dafür verfluchen?

„Sie war die zweite Chance auf die ich gewartet hatte, die Möglichkeit, alles wieder gut zu machen, der Weg aus dem Morast heraus..."

Er konnte sich unmöglich noch der Tatsache bewußt sein, daß die junge Gryffindor neben ihm stand.

„... und wer weiß, wie alles gekommen wäre, wenn sie mich nicht zu Albus geschickt hätte. Wer weiß, wo wir heute wären?"Er senkte den Kopf wieder nach vorne, den Blick wieder verdüstert, die Augen wieder geöffnet.

„... aber dann gäbe es noch immer keinen Weg Voldemort zu beseitigen und das hätte sie nie akzeptiert. Dafür liebte sie die Menschen viel zu sehr. Alle Menschen. Trotzdem hätte ich mehr Zeit mit ihr verbringen sollen, alle Zeit Jede Minute."

„Warum haben Sie nur so wenig Zeit miteinander verbracht?"hauchte Hermine, als er nicht mehr weitersprach.

„Das fragen Sie am besten den liebenswerten, mir ach so vertrauenden Albus Dumbledore und versäumen Sie nicht, sich dabei von ‚Seiner Liebenwürdigkeit' ein Zitronenbonbon geben zu lassen", antwortete er mit einer düsteren Bissigkeit im Klang seiner Worte. Noch nie hatte Hermine Professor Snape schlecht über den Schulleiter sprechen hören! Aber dann sprach er fast augenblicklich, ohne jede Bissigkeit und etwas lauter und schneller weiter: „Nein, tun Sie das nicht, das habe ich nur so gesagt. Es ist unentschuldbar, daß ich in diesem Ton von ihm gesprochen habe. Ich stehe tief in seiner Schuld und seine Beweggründe waren im Gegensatz zu meinen immer redliche. Vermutlich hätte ich an seiner Stelle das Gleiche getan. Der Schulleiter darf gar nicht wissen, daß ich Ihnen das alles erzählt habe. Er darf nicht..."bei den letzten Worten kratzte seine Stimme ganz plötzlich und er brach mitten im Satz ab, legte sich die Hand, von der Hermine wußte, daß sie den Ring trug vor den Mund, preßte die Augen zu, blieb einen Moment so stehen, nahm die Hand dann vom Mund weg und legte sie stattdessen über seine noch immer fest geschlossenen Augen, während er den Kopf weit nach vorne senkte, und wandte sich dann abrupt von Hermine ab, ohne die Hand wieder herabzunehmen – drehte ihr den Rücken zu.

Erst glaubte Hermine, er sei erschrocken darüber, was er alles erzählt hatte und wolle sich am Weitersprechen hindern, aber dann sah sie, daß sein Oberkörper, das vor allem die Schultern bebten. Er konnte doch nicht..... oder doch?

.... bei Merlin...

Eine tiefe Welle der Bestürzung überkam Hermine. Es gab Situationen im Leben, die so unwahrscheinlich waren, daß man sie sich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte. Diese hier, war so eine. Sie konnte nicht einfach hinter ihm stehen und zusehen, wie er alleine versuchte, die Fassung wiederzuerlangen, die er gerade eben verloren hatte. Sie hatte überhaupt noch nie jemanden erlebt, der in einer solchen Situation so reagiert hatte, wie der Zaubertrankmeister es gerade tat. Er stand neben ihr und war doch gleichzeitig offenbar so allein, als gäbe es im ganzen Universum kein Wesen, das ihm Trost spenden könnte. Sie ging den einen Schritt zu ihm herüber und legte ihm eine Hand flach und hauchzart auf den Rücken. Alles in ihr wollte sich an ihn anlehnen, ihn fühlen lassen, daß jemand für ihn da war, aber sie ahnte, daß er mehr Nähe zurückweisen würde. Ihre Finger spürten nun, was sein Körper ihr bereits verraten hatte. Er weinte, ohne einen einzigen Ton von sich zu geben.

Aber als er ihre Berührung spürte, fühlte sie sofort, wie er sich wieder aufrichtete, den Rücken gerader machte, um schneller zu sich selbst zu finden. Er atmete ein paarmal tief durch und schien sich dann wieder gefangen zu haben. Sie hatte das Gefühl, daß er die Kraft dazu aus ihrer Berührung zog, als gleite ein Energiestrom durch ihre Hand hindurch in ihn hinein. Sie konnte regelrecht fühlen, wie die Last die er trug nun ihr selbst ein klein wenig die Schultern schwer machten und fragte sich, ob es ihm im Gegenzug um dieses winzige Maß besser ging.

Langsam ließ er die Hand und den Arm sinken und machte seinen Körper wieder völlig gerade, mit erhobenem Kopf – drehte sich allerdings nicht mehr zu ihr um.

„Entschuldigen Sie dieses unangebrachte Verhalten, es kommt nicht wieder vor."War sein letztes Wort zu dem Thema, bevor er sich mit einigen großen Schritten von ihr weg in einen dunklen Bereich der Kapelle bewegt und dort nur noch als schwarzer Schemen erkennbar war. Wie eine Katze, die sich verletzt und unter den Schrank geflüchtet hatte. Hermines Hand blieb noch einen Moment in der Luft, als läge sie noch auf ihm, bevor Hermine ihren Arm ebenfalls sinken ließ.

„Legen Sie sich noch ein wenig hin. Sollte etwas sein, werde ich Sie wecken."Seine Stimme hatte wieder den normalen Klang. Ein wenig freundlicher vielleicht als üblich, aber von dem was gerade geschehen war, war darin nichts mehr zu vernehmen.

Als Hermine sich wieder auf ihr Bett legte, hörte sie neben sich wieder Harrys ruhige Atemzüge und wußte sofort, daß sie kein Auge zubekommen würde.

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Hi Isaldaria: Danke - ich schreib an dem Ding schneller weiter, als ich beabsichtigt hatte ;O)

Hi CallistaEvans: Dir an dieser Stelle erst einmal ein DICKES FETTES Danke für die Review-Arbeit die du dir gerade bei EaR machst!!! Ich bin völlig hin und weg, weil es ja gerade diese detailierten Reviews sind, die einem einen genauen Einblick geben, ob die Leser die gleichen Sachen mögen wie ich beim Schreiben, oder was ihnen nicht gefällt - ich danke dir jetzt schon mal vielevielevielemale dafür!!!
Aber jetzt hierzu: die Lorbeeren für die Erschaffung der Drider muß ich an die Macher des Ad&D-Universums abgeben. Dort stehen die Drider ausführlich beschrieben im Monster-Manual - mit ekeligem Bild und allen Fähigkeiten... außerdem kenne ich sie aus den Darkelf-Büchern von Salvatore in denen mir auch erstmals an jenem schicksalsschwangeren Tag ein Assassine namens Artemis Entreri (hört hört...) über den Weg gelaufen ist......Ein Typ, der Snape vom Wesen her übrigens verflixt ähnlich ist.... Bin gespannt, ob dir gefällt, was ich aus dem Ehering mache... Snape fürsorglich und selbstlos - aber ich hoffe nicht ooC... Die Frage nach Dumbledores Vertrauen zu Snape ist für mich eines der elementaren Geheimnisse der Potter-Reihe. Ich hoffe, daß ich es in diesem Kapitel mit der Beschreibung der Gesten nicht übertrieben habe...und zum Abschluß wenn du mal in Orsoy vorbeikommst, vergiß das Massageöl nicht - darin bin ich Meisterin -ggg-

Hi Ranko: Dankeschön - ich hoffe das bleibt so ;O)

Hi XD stunddubel: Hä???

Hi MomoSnape: Soviel Geduld mußtest du bis zum nächsten Kapitel ja diesmal nicht aufbringen -lach- und ich bin immer noch stolz, daß du EaR so magst ;O)

Hi Pe: Normalerweise müßte ich ja knatschig sein, daß du an meine FFs denkst, wenn du Kopfschmerzen hast, aber in diesem Fall nehm ich es natürlich als Kompliment -LACH- dankeschön!

Hi SweetChrisi: was das SS/HG-Pairing betrifft, überlass ich euch mal Euren Mutmaßungen - was hättet ihr denn gerne? Ja oder nein?

Hi Birgit123: Ich sehe ihn auch nie als das Ekel (obwohl er das meist ist -g-) Ich hoffe, daß dir meine Version des "dahinter" gefällt.

Hi Taro Misaki: Danke für dein Lob - würde mich interessieren, was du von "Erinnerung an Regen" hältst, die ja bereits komplett fertig ist und an deren zweiten Teil ich gerade dran bin.

Hi McAbe: War die Idee eines verwitweten Snape nicht schon 2748262666 mal da? -verwundertguck- ok ich hab's noch nicht gelesen aber bei den abertausenden Stories muß das doch schon da gewesen sein, oder? Klar werdet ihr mehr über die Verstorbene erfahren - einiges gab's ja jetzt schon in diesem Kapitel - mehr folgt... hier war dann auch schon snape-untypisches Verhalten drin... mein ich jedenfalls -g-

Hi Amruniel: Jap, es macht mir definitiv Spaß, dich sprachlos zu machen -ggg- ich versuche übrigens grundsätzlich, kein Detail aus den Büchern zu übergehen oder bewußt zu verändern. "Mein" Snape ist bis auf wenige Ausnahmen mit Sicherheit nicht der Snape, wie JKR ihn gedacht hat (obwohl es schon ziemlich geil wäre, mit einer meiner Versionen ihre tatsächlich für ihn gedachte Geschichte zu treffen -ggg-), aber er soll dem JKR-Snape auch in keinem Punkt widersprechen - egal wie abgedreht die Story ist.
So, so... du heißt also auch Marion -schmeißwegvorlachen-

Hi Nici1807: Ich befürchte, daß du am Ende dieses Kapitels noch viel trauriger warst - sorry.... in welcher Richtung hattest du die Entwicklung denn vermutet?