Kapitel 6

Letztendlich war sie doch eingeschlafen und erwachte, als das erste Morgenlicht sie an der Nase kitzelte.

Als sie die Augen öffnete war der Tag zwar gerade eben erst, aber halt doch bereits wieder erwacht. Ein Blick nach links zeigte ihr, daß Harry noch immer schlief, aber sein Gesicht sah sehr friedlich aus und durch das Pflaster der Kopfwunde war kein Blut hindurchgesickert. Es schien ihm gut zu gehen.

Sie richtete sich auf und streckte ihre Glieder, die vom Liegen auf dem harten Untergrund ein wenig steif waren und sah sich dabei in der ziemlich verwüsteten Kapelle um. Das fröhliche Zwitschern der ersten Morgenvögel das von draußen hereindrang, stand in krassem Gegensatz zu dem aufgebrochenen Boden des Hauses, der sofort ein flaues Gefühl in ihrem Magen aufkommen ließ.

Ihr Magen bekam allerdings noch eine zweite Mitteilung - und die war recht angenehm.

Snape hatte auf einer dafür mitgebrachten feuerfesten Platte in einer freigeräumten Nische, in der gestern noch auf Hüfthöhe eine Heiligenfigur gestanden hatte, ein kleines Feuer gemacht über dem er einen Kessel erhitzt hatte. Die Nische hatte genau die Höhe eines Tisches und eignete sich daher hervorragend dafür. Neben dem Feuer stand in der Nische eine Ton-Karaffe in der sich offenbar höchst angenehm riechende Kräuter befanden. Wie sie den Zaubertrankmeister kannte, waren sie gerade eben erst zerkleinert und zusammengemischt worden. Nur frische Schnittkanten ließen Kräuter so duften.

Als sie aufstand und sich noch einmal streckte, sah er kurz zu ihr rüber und in seinem Blick war nichts zu erkennen von dem was in der Nacht gesagt worden war. Er nahm einfach nur zur Kenntnis, daß sie wach war.

Das Wasser im Kessel kochte und Snape nahm mit einer Kelle soviel davon heraus, daß es für einen Becher reichlich war und wollte es gerade in die Karaffe gießen, als er, die Kelle über das Tongefäß haltend, innehielt, kurz zu überlegen schien und dann langsam das Wasser wieder in den Kessel zurückgoss.

Dann nahm er aus der Tasche, aus der er gestern auch die Dinge geholte hatte, mit denen er Harrys Wunde versorgt hatte, eine Schachtel hervor, holte einige weitere Kräuter heraus, zerkleinerte diese mit geübten Bewegungen ebenfalls und gab sie zu den anderen in der Karaffe.

Hermine konnte riechen, daß es die gleichen waren. Er hatte also seine Mixtur nicht verändert, sondern war nur im Begriff, mehr davon zu machen, als er ursprünglich vorgehabt hatte.

Jetzt griff er wieder zu der Kelle, gab dann daraus in schneller Folge zweimal Wasser in die Karaffe und nahm den Kessel vom Feuer.

Er rieb sich die Hände an einem ebenfalls mitgebrachten Tuch ab, griff sich dann ein Buch, das er sich auf einer Bank bereitgelegt hatte, setzte sich dort hin und begann zu lesen, während der Aufguss zog.

Hermine verschwand kurz auf der winzigen Toilette, dem einzigen Nebenraum, wenn man das so nennen konnte. Sie kämmte sich die Haare so gut es ging, putzte sich die Zähne und vollzog wenigstens eine Katzenwäsche, bevor sie wieder zu den anderen ging. Harry schlief noch immer, aber das hatte Hermine auch nicht anders erwartet.

Als sie ihre Sachen zu ihrem Bett zurückgebracht hatte und zu Snape hinüberging, schien er immer noch unverändert auf der gleichen Stelle zu sitzen und zu lesen, aber er hielt jetzt, ohne von den Seiten aufzublicken einen Becher Tee in der Hand und pustete langsam und dabei voll auf das Buch konzentriert auf die Oberfläche des Getränks um es ein wenig abzukühlen.

An der Stelle an der Hermine gestern beim Abendessen gegessen hatte, stand ein weiterer Becher, aus dem es genauso dampfte und aus dem es ebenso verführerisch duftete.

Sie lächelte und wußte, daß sie seine Geste mehr ehren konnte, indem sie nichts sagte, als wenn sie nun in Lobes- oder Dankeshymnen ausgebrochen wäre.

Also holte auch sie sich ein Buch...

-.-.-

Eine gute Stunde später war Harry, definitiv lange vor seiner eigentlichen Aufwachzeit, aufgestanden. Snape und Hermine hatten die komplette Stunde vorher wortlos mit einigen Metern Abstand voneinander still gelesen und den wunderbaren Kräutertee genossen.

Jeder machte sich selbst aus den mitgebrachten Dingen etwas zu Essen. Während Hermine und Harry sich Brote belegten, öffnete Snape nur ein mitgebrachtes Gefäß, nahm sich eine Gabel und begann zu essen. Was aus dem Gefäß an Düften herausströmte war ungeheuerlich gut.

"Das ist aber nicht fair, Professor", grinste Harry – unvernünftig mutig, weil er definitiv noch nicht richtig wach war.

"Wir behelfen uns hier mit Broten und Sie verspeisen da irgendwelche Köstlichkeiten zum Frühstück."

Snape legte einen undurchschaubaren Ausdruck auf und antwortete zwischen zwei Gabeln: "Essen Sie lieber ihr Brot, Potter. Das hier mögen Sie nicht."

Harry schnupperte noch einmal in seine Richtung.

"Ich denke wohl. Oder schmeckt es nicht so, wie es riecht?"

"Doch", antwortete Snape langgezogen.

"Und wenn ich das von hier aus richtig beurteilen kann, ist das unter anderem Reis, Fleisch und Gemüse... sieht eigentlich nicht ungewöhnlich aus - es riecht nur wirklich extrem lecker."

Hermine verdrehte die Augen. Heranwachsende Männer, immer hungrig - auf alles - es war billiger sie zweimal einzukleiden, als sie einmal satt zu bekommen...

"Glauben Sie mir, Mr. Potter, die Erkenntnis über einige der Zutaten wird vom Geruch nicht bis in ihr Gryffindorhirn transportiert. Und glauben Sie mir lieber, wenn ich Ihnen sage: Sie würden es nicht mögen."

Das wäre so ein schöner Schluß-Satz gewesen, dachte Hermine, aber sie konnte Harry an der Nasenspitze ansehen, daß er keine Ruhe geben würde.

Als er gerade wieder zu sprechen anfangen wollte, erhob sich Snape mit einem Ruck und einem extrem genervten Gesichtsausdruck.

"In Merlins Namen, dann probieren Sie es halt!"

Er ging zur Nische hinüber, legte mit einem Löffel eine kleine Portion von seinem Essen auf einen kleinen Teller, legte eine Gabel dazu und brachte es mit großen Schritten zu Harry. Den Rest seiner Mahlzeit in der Nische stehenlassend.

Harry blickte etwas verdutzt, aber auch hoch erfreut auf den Teller vor seiner Nase und nahm ihn.

Snape blieb vor ihm stehen, legte interessiert den Kopf schief und verschränkte die Arme.

Harry nahm die Gabel, sog noch einmal den appetitlichen Geruch ein, piekte sich dann einen großen Bissen auf die Gabel auf, steckte sie in seinen Mund und kaute.

Es dauerte keine drei Sekunden bis seine Augen kreisrund wurden, er den Teller neben sich abstellte und Gesten machte, die zeigten, daß er nicht wußte, ob er das was er im Mund hatte auch runterschlucken konnte oder ob er es lieber anders loswerden wollte.

Wenigstens diese Frage beantwortete ihm der Zaubertrankmeister auf der Stelle: "Wagen Sie es nicht, das wieder auszuspucken, Potter."

Seine Augen waren zu amüsierten Schlitzen verengt und mit einem gehässigen Ausdruck drehte er sich um, holte sich seine eigene Portion zurück und aß, an den Rand der Nische gelehnt, in Ruhe weiter.

Harry fächelte seinem gechlossenen Mund von außen mit den Fingern Luft zu, was höchstens eine psychologische Wirkung hatte und in seinen Augen war inzwischen regelrecht Panik aufgetaucht.

Hermine wußte nicht genau, auf wen sie jetzt wütend war, auf Harry, weil er darauf bestanden hatte, es trotz Snapes sehr konkreter Warnung zu probieren, oder auf Snape, weil er es zugelassen hatte, obwohl er es besser gewußt hatte?

Das wütende Gefühl wich allerdings schnell einer gewissen Heiterkeit und als sie unterdrückt zu lachen begann, funktelte Harry ihr, in Ermangelung seiner Sprechfähigkeit, seine geballte Entäuschung zu, während Snape sich von der Szenerie abwandte, damit niemand sah, was Hermine trotzdem kurz erkannt hatte - nämlich, daß er ebenfalls leise lachen mußte.

Hermine versuchte Harry zu helfen, indem sie ihm erklärte, daß er ein Stück Brot essen solle, da das gegen das ganz augenscheinlich höllisch scharfe Essen wesentlich besser wirksam sei, als das Wasser das er gerade in sich hineinschüttete.

Harry schwieg nach dem Abklingen des unerträglichen Brennens, in der Erkenntnis, daß es ihn nur schlechter aussehen lassen würde, wenn er sich jetzt auch noch darüber beschweren würde, daß er bekommen hatte, was er wollte. Snape hatte, für Harry absolut unverständlich, das Teufels-Gemisch ohne eine Miene zu verziehen komplett aufgegessen.

-.-.-

Sie waren noch keine zehn Minuten damit fertig, alles zusammenzuräumen, als sich das Portal der Kapelle öffnete und Professor Dumbledore, mit Remus Lupin und Ron Weasley hereinkam.

Mit höchst besorgtem Blick hatten sie sich in der stark beschädigten Kapelle umgesehen und erleichtert aufgelacht, als sie Snape und die beiden Gryffindor im großen und ganzen unversehrt auf sich zukommen sahen.

Snape gab eine kurze Übersicht über die Geschehnisse einschließlich Harrys Verletzung und kurze Bewustlosigkeit, ließ aber Hermines Fall in die Felsspalte aus und verlor selbstverständlich kein Wort über die Nacht.

Hermine sah Harry kurz an und er verstand sofort, worauf sie hinauswollte. Warum erzählte Snape nicht von ihrem Sturz? Sollten sie es stattdessen tun? Er schüttelte kaum sichtbar den Kopf und Hermine nickte ebenso leicht. Es war nur ein Gefühl, aber es sagte ihr, daß es tatsächlich besser war, es nicht zu erwähnen.

Der Schulleiter erklärte ihnen erfreut, daß die Gefahr zwar nicht gänzlich gebannt, die Schule jetzt aber ein ebenso sicherer Zufluchtsort vor der Bedrohung war, wie diese Kapelle mit ihren geweihten Wänden und er versäumte nicht zu betonen, daß die Schule im Gegensatz zu diesem Gebäude auch von unten und oben sicher war.

Gemeinsam kehrten sie nach Hogwarts zurück, indem sie an den Rand des verbotenen Waldes apparierten. Das letzte Stück legten sie, wie üblich, zu Fuß zurück.

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Snape ging mit Dumbledore ein Stück hinter den anderen und als Hermine bewußt wurde, daß Snapes langsamer werdender Schritt eindeutig bewirken sollte, daß sich der Abstand zwischen den beiden Zauberern und dem Rest verringerte, lauschte sie besonders intensiv, während sie gleichzeitig so tat, als sei sie darauf konzentriert, etwas in ihrer Tasche zu suchen. Sie ließ auch ihre Schritte langsamer werden.

"Der Monat ist vorbei, Professor und es wurde noch kein neuer Termin bestimmt.", flüsterte Snapes Stimme mit einem Ton, den Hermine bei ihm noch nie gehört hatte. Es lag eine unausgesprochene Bitte darin, obwohl es für jemanden der ihn kaum kannte, oder der nicht genau hinhörte, so klingen mußte wie man den Zaubertrankmeister immer hörte. Die tiefe Stimme sprach mit scheinbarer Ruhe - aber Hermine hörte ganz klar die Untertöne...

"Severus, das ist jetzt alles nicht mehr so einfach."

"Das ist Unfug", fiel Snape ihm ins Wort "Eigentlich sollte es jetzt einfacher sein als vorher."

"Das ist es nicht. Die Familie muß sich darauf einrichten."

"Die Familie, die Familie..." die Stimme des Zaubertrankmeisters klang verächtlich. "Es ist wohl längst überfällig, daß ich diese Familie einmal kennenlerne, meinen Sie nicht?"

Hermine wagte kaum zu atmen und lauschte weiter.

"... oder haben Sie die Karten neu gemischt und die Bedingungen haben sich wieder einmal geändert?"

"Severus...", der Schulleiter nahm einen äußerst beschwichtigenden Tonfall an. "Unter den neuen gegebenen Umständen wäre es das Beste, wenn es keine weiteren Treffen gäbe."

Der Zaubertrankmeister blieb stehen.

"Nein...." seine Stimme war nur ein tonloser Hauch. "Das kann nicht Ihr Ernst sein..."

Hermine sah aus dem Augenwinkel, was geschah.

Albus war ebenfalls stehengeblieben und faßte Snape beschwichtigend am Arm, den dieser ihm aber ruckartig wieder entriß.

"Lassen Sie uns ins Schloß gehen und nicht hier darüber weitersprechen, Severus." er schien offenbar bemerkt zu haben, wie intensiv und lange Hermine nun schon in ihrer Tasche kramte. Aber Snape schien das egal zu sein.

"Es war die Bedingung, Albus... und ich habe, weil sie es so wollte, den Schwur an ihrem Sterbebett erneuert - aber Sie können mir nicht jede Grundlage unter den Füßen wegziehen. Wenn ich mich an meinen Teil halte, dann halten Sie sich gefälligst auch an Ihren." Snapes Stimme wurde wieder fester und bekam eine bedrohliche Note. Der Klang seiner Stimme war tiefschwarz geworden.
"Wenn Sie das veranlassen, werde ich es nicht nur zu verhindern wissen, sondern sähe mich dann auch in keinster Weise mehr an unsere Vereinbarung gebunden. Ich würde ihn holen und mitnehmen und, bei Merlin, ich verspreche Ihnen, daß das nicht einmal ein Albus Dumbledore verhindern wird."

Hermine rollte eine Gänsehaut über den Rücken. Es hatte wie eine Morddrohung geklungen.

"Severus, Sie wissen jetzt nicht was Sie sagen. Ich verüble es Ihnen deshalb auch nicht. Bitte denken Sie darüber nach und dann reden wir noch einmal. Und jetzt lassen Sie uns ins Schloß zurückkehren."

Albus Dumbledore ging mit zügigen Schritten weiter, widmete Hermine ein Stück weiter weg ein freundliches Nicken als er an ihr vorbeikam und ließ den Zaubertrankmeister hinter sich, der wie vom Schlag getroffen noch immer dort stand, wo das Gespräch stattgefunden hatte.

Snape starrte Dumbledore hinterher, die Hände an beiden Seiten seines gespannten Körpers zu Fäusten geballt.

Hermine hörte auf, in ihrer Tasche zu kramen und sah ihn einfach nur an, bis er ihren Blick bemerkte. Die anderen waren schon fast beim Schloß angelangt, als Snape und Hermine immer noch auf der Wiese standen.

Lange sahen sie sich unbewegt in die Augen. Snapes Atem, trotz seiner stillen Haltung kräftig und erregt, Hermines flach und erschrocken.

Sie hielten den Blick so lange ineinander, bis ihrer beider Atem wieder seinen normalen Fluß gefunden hatte und die Gestalt des Zaubertrankmeisters sich ganz langsam entspannte.

Hermine konnte genau sehen, daß ihm klar, war, daß sie die Unterhaltung mit angehört hatte und sie sah auch, daß er abschätzte, ob das nun schlecht war oder nicht und wieviel sie auf die Entfernung tatsächlich verstanden hatte. Vermulich ging er Satz für Satz des Gespräches nach, um zu beurteilen, was offengelegt worden war. Aber ihm mußte auch klar, sein, daß, selbst wenn sie vor einigen Tagen noch kein Wort verstanden hätte, für sie nach dieser Nacht, viele Sätze dieser Unterhaltung Sinn ergaben...

Er schloß für einen Moment die Augen und als er sie wieder öffnete, lag darin etwas abgrundtief Düsteres, etwas das Hermine plötzlich mit jeder Sekunden die sie ihn ansah, mehr Angst machte und als er ihr ein grollendes, schwarzes "Verschwinde..." entgegenwarf, wandte sie sich augenblicklich Hogwarts zu und lief den anderen hinterher und sogar an ihnen vorbei.

Als sie an Dumbledore vorbeikam, sah sie, daß er innegehalten und sich mit einem erschrockenen Blick umgewandt hatte´, als habe er irgendetwas gehört oder gespürt. Und als sie sah, wie er an ihr vorbei in die Richtung des Zaubertrankmeisters blickte, ein erschrockenes, geflüstertes "Severus!" von sich gab und dann einen vorsichtigen Schritt zurück in Richtung des schwarzen Zauberers machte, lief sie nur noch schneller.

War der Mann, der sie gerade fortgejagt hatte wirklich der Severus Snape gewesen, den sie zu kennen glaubte? Sie lief ohne anzuhalten bis in ihr Zimmer verschloß mit einem Ruck die Türe von innen, verriegelte sie, kletterte auf ihrem Bett in die hinterstmögliche Ecke, zog die Beine an und beobachtete ängstlich die Tür...

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Kommentare zu den Reviews wieder im nächsten Kapitel – danke, danke, danke für eure Reviews!!!