Titel: Ein Leben wie die Zukunft
Autor: Momixis
Zeit: spielt nach „Halbblutprinz"
Kapitel: 6
Teil: 3/9
Paare: Es kommen viele der typischen Paare vor, aber Hauptpersonen werden Harry und Draco sein… (später auch als Paar)
Warnungen: Slash, Charadeath, lange Geschichte, unterschiedlich lange Kapitel….
Inhalt: Harry ist im 7. Schuljahr und will nach Dumbledores Tod nur noch den Krieg beenden, aber was wird er dafür opfern und wird er mit den Verlusten leben können? Wird er die Kraft und das Wissen dazu haben erfolgreich zu sein? Und welche Rolle werden Snape und Malfoy einnehmen?
MIR GEHÖRT NICHTS UND ICH VERDIENE DAMIT AUCH KEIN GELD!
Danke an die Reviewer!!
Teil III
Verlorene Zeit
Kapitel 6
Verändernde Schritte
Eigentlich war für den nächsten Tag ein Winkelgassenbesuch geplant, der wurde aber kurzfristig aus verschiedenen Gründen abgesagt. Erstens regnete es in Strömen und zweitens war die Ähnlichkeit von Harry und Draco zu ihren Familien noch immer einfach zu stark und zu offensichtlich. Keiner würde ihnen abkaufen, dass Draco kein Malfoy und Harry kein Potter war. Das gäbe ein riesengroßes Theater und der Plan nach Hogwarts zu gehen wäre damit schon frühzeitig zerplatzt.
Gryzabel verschwand also nach dem Frühstück alleine und kam erst am frühen Nachmittag wieder. Was sie alles besorgt hatte, war nicht wenig und immer mehr Päckchen zog sie aus ihrer Tasche und brachte sie in die Originalgröße zurück. Es kamen nach und nach die ganze Grundausstattung für den Unterricht und das allgemeine Leben zum Vorschein; also Drachenhaut-Handschuhe, Zaubertrankkessel aus Zinn, Haarbürsten, Duschgel, Hemden, Feder und Pergamente, Messer, Ferngläser, Tinte und jede Menge Schulbücher.
Harry verschlug es die Sprache. So viele Pakete und Schachteln hatte er noch nie gesehen. Draco dagegen legte seinen Roman gelangweilt zur Seite und besah sich alles sehr kritisch. Immerhin hatte er dieses Jahr auf die Geburtstagsgeschenke verzichten müssen und nun genoss er es die Pakete in aller Ruhe auszupacken und zu stöbern. Über Harrys Geburtstag hatten sie mit keiner Silbe gesprochen und Gryzabel hatte es nicht wirklich wahrgenommen. Zuviel Neues war auf sie eingestürzt.
Die Qualität der Sachen war gut und so gab es nichts zu meckern oder zu kritisieren. Selbst die Kleidergrößen waren korrekt. Auch Harry entpackte jetzt die Geschenke mit Freude, aber sichtlich weniger Eifer als Draco.
Es war mehr als ein kleines Vermögen welches Gryzabel da ausgegeben hatte. Im Grunde hatte sie die Jungen vom zweiten Moment an adoptiert. Sie fühlte sich verantwortlich für sie und würde sie unterstützen, wie sie nur konnte. Und da sie nicht arm war, sprach nichts dagegen ihre Schulbildung zu bezahlen. Im Grunde hätte sich Gryzabel nie träumen lassen, dass es mal zwei Jungen geben würde, denen sie in kürzester Zeit ihr Leben anvertrauen würde und alles für ihr Wohl eingehen würde, und doch hatte sie das feste Gefühl, dass es sich wirklich lohnt.
Aber die Begeisterung beim auspacken war schon etwas Einmaliges. Nur das Wichtigste hatten die Jungen noch gar nicht gesehen. Es waren kleine Pillen in dünnen Tütchen und Döschen. Sie befanden sich in der Umhangtasche von Gryzabels bernsteinfarbenem Umhang.
Langsam und unauffällig legte sie sie auf den Tisch. Sie machten nicht wirklich einen Vertrauen erweckenden Eindruck, aber Gryzabel musste sie ja auch nicht schlucken. Als Harry sie schließlich als erster sah, verzog er angewidert das Gesicht.
Die einen sahen aus wie eingeweichte Zeitungspapierkügelchen und die anderen, wie grüner glitschiger Schleim. Die Kapseln waren mit einer blutroten Flüssigkeit gefüllt und der Rest an Tabletten war entweder aschgrau oder pissgelb. Alles nicht sehr appetitlich.
Auch Draco verzog das Gesicht vor Ekel und trat nur zögernd näher. Bei ihm kam allerdings das Interesse am Fach Zaubertränke hinzu und er versuchte zu ergründen, was das sein könnte.
„Dies sind keine Zaubertrankzutaten", schnarrte Draco und untersuchte jetzt die Kapseln genauer.
„Nimm mir doch nicht die letzte Hoffnung!", sagte Harry und erhielt einen verständnislosen Blick von Draco. Auch Harry versuchte mehr über die Tabletten herauszufinden, musste dabei allerdings seine Grenze eingestehen. Und da auch keine Beschriftung zu finden war, konnte Harry nur aufgeben.
„Also Gryzabel, was ist dies?", fragte Harry und zeigte vorsichtig auf die blutroten Kapseln. Auch Draco schien an der Antwort interessiert zu sein. „Es ist ein fertiger Zaubertrank, der schon fertig dosiert ist. Ich vermute, dass er nicht unbedingt legitim ist", schnaubte Draco und erhielt ein leichtes Nicken von ihrer Gastgeberin.
Alle drei saßen wieder zusammen am Tisch. In der Mitte von ihnen lagen diese verteufelten Kügelchen und Kapseln. Gryzabel zog ein zusammengerolltes Pergament aus ihrer Umhängtasche und entrollte es vorsichtig. Es schien schon etwas mitgenommen zu sein.
Sie blickte ihre zwei Gäste an und begann zu sprechen. Dabei flogen ihre Augen immer zwischen dem Pergament, den Jungen und den Kapseln hin und her. „Diese Kapseln, Tabletten und Kügelchen, meine jungen Freunde…." Sprach sie, als ob sie eine Rede halten würde und dabei ließ sie sich von den irritierten Blicken der Jungen nicht stören. „… sind für Eure Verwandlung."
„Was?"
„Bitte?"
Gryzabel erklärte: „Wie wir schon festgestellt haben, seht ihr Euren Familien viel zu ähnlich und müsste daher Euer Aussehen radikal ändern."
Die Blicke waren jetzt nicht mehr irritiert, sondern schockiert. Allein der Gedanke diese Präparate zu schlucken ließ Harry vor Übelkeit erschaudern, aber noch immer ging die Hausherrin nicht auf das ablehnende Verhalten der Jungen ein. „Ich habe hier zwei Fotos. Eins von Lucius Malfoy, das andere von James Potter. Zur Veranschaulichung, damit ihr wisst, wie Ihr nicht aussehen dürft."
Sie legte zwei magische Fotografien auf den Tisch. Sofort wurden sie von zwei schmalen Händen gegriffen und genau studiert. Ja, es waren eindeutig ihre Väter. Ein seltsames Gefühl durchschoss Harry als er seinen Vater frech in die Kamera grinsen sah.
„Fangen wir mit Dir an Draco… äh Dorian. Wir sollten uns schließlich an die neuen Namen gewöhnen. Deine Haare müssen dunkler und kürzer werden. Die grauen Augen verraten dich genauso, also müssen wir auch die ändern. Vielleicht noch eine Brille und ein Muttermal hinzu…"
Weiter kam Gryzabel nicht. Draco war entsetzt aufgesprungen und starrte sie mit großen Augen entrüstet und ein wenig panisch an. „Ich trage keine Brille! Ich…ich bin doch kein … kein … schmutziger P-Potter. Und außerdem bin ich ein Malfoy, wir tragen lange H-Haare und …"
Aber auch Draco wurde unterbrochen, denn jetzt reichte es Gryzabel. Sie hatte damit gerechnet, dass es Einwände geben wird, aber diese Arroganz war ihr jetzt doch ein wenig zu blöd. Sie wusste, wie man dieser Arroganz am besten entgegen treten konnte. Sie war auch aufgestanden und blickte Draco jetzt fest in die grauen Augen. Es war erstaunlich, dass sie trotz ihrer kleinen Größe so eine Wirkung auf Draco haben konnte.
„Still!", zischte sie und schlug mit der Hand flach auf die Tischplatte. Harry erinnerte sich plötzlich wieder an Snape. Unwillkürlich zogen beide Jungen den Kopf etwas ein.
Harry fühlte sich auch angesprochen, denn er hätte vermutlich nicht viel anders reagiert, auch wenn er sich da nicht so sicher war.
„So meine Herren!", zischte Gryzabel hart, als Draco sich wieder hingesetzt hatte. „Ich will Euch mal eins sagen. HIER in dieser Zeit, im Jahre 1975, existiert kein Draco Malfoy und auch kein Harry Potter. Niemand hier kennt Euch. ICH kenne Euch nicht und doch helfe ich Euch nach Hogwarts zu kommen. Ihr wollt nach Hogwarts um Eure Eltern als Jugendliche kennen zu lernen?! Okay. Ich helfe Euch. Ich helfe Euch so gut ich kann. Ohne MICH wärt ihr aufgeschmissen und nun kommt von eurem hohen Ross runter, sonst wird das mit Eurem Plan nichts!"
Gryzabel war wirklich richtig wütend. Ihre Arme wirbelten durch die Luft und Harry rechnete eigentlich jederzeit Blitzen ausweichen zu müssen, aber dazu kam es nicht. Merlin sei Dank.
Sie legte jedem eine der roten Kapseln vor die Nase und beschwor zwei Gläser Wasser herauf. Sie blickte die Jungen noch immer böse und herausfordernd an.
Harry nahm die Kapsel zögernd in die Hand und betrachtete sie skeptisch. „Was bewirkt sie?" fragte er leise und äußerst vorsichtig. „Ich meine, auf welche Veränderung muss ich mich genau gefasst machen?" Er wollte nicht den Eindruck machen, dass er sich gegen ihre Hilfe sträubte. Aber Harry schluckte nicht gerne etwas, was er nicht kannte.
Gryzabel explodierte nicht wieder, aber sie brodelte. Sie erklärte mit unterschwelliger Aggression, dass dies ein proportionierter Verjüngungstrank sei. Einmal tief durchatmend und Harry nahm die Kapsel und spülte sie mit viel Wasser hinunter. Es schauderte ihn, aber die Wirkung würde erst mit der Zeit einsetzen.
„Harry, für Dich habe ich blaue Kontaktlinsen besorgt. Damit brauchst Du keine Brille mehr und Deine unglaublich grünen Augen werden versteckt. Ein kleiner Ohrring würde Dir gut stehen, aber da muss ich noch gucken, was zu Dir passt. Etwas längere Haare als James hast Du ja schon, lass sie ruhig weiter wachsen. Aber Du musst sie zügeln. Bei Deinem Wirrwarr sieht jeder Blinde sofort die Ähnlichkeit zu den Potters. Ich werde Dir da noch einen passenden Zauberspruch heraussuchen."
Harry hatte nur genickt. Was hätte er auch sagen sollen ohne Gryzabel wieder wütend zu machen?
„Und nun zu Dir DRACO MALFOY!" Dieser zog den Kopf noch weiter ein und verzog die Nase, sagte aber nichts. Er hatte Respekt vor ihr bekommen, denn sie hatte ihn ganz offensichtlich daran erinnert, dass sie und schluckte diese Kapsel ohne ein böses Wort.
Der Zauber würde erst am nächsten Morgen seine volle Entfaltung zeigen. Und erst danach dürften sie die anderen Tabletten und Kügelchen nehmen, um ihre Gesichtszüge und Haare zu verändern. Oh wie freuten sich die Jungen doch darauf.
Draco hatte jetzt die Möglichkeit über Nacht sich von seinen platinblonden Haaren zu verabschieden. Harry nahm die Kontaktlinsen vorsichtig in die Hand und seufzte schwer. Er hatte schon früher mal über Kontaktlinsen nachgedacht, aber er hatte sich da nicht wirklich mit anfreunden können. Aber nun hatte er keine Wahl mehr. Es hätte schlimmer kommen können.
Er blickte kurz zu Gryzabel und lächelte sie etwas gezwungen an, aber es schien ihr zu genügen.
Es war fast wie Weihnachten, als Harry und Draco ihre ganzen Geschenke nach oben in ihre Zimmer brachten. Aber das wichtigste fehlte noch: die Zauberstäbe. Morgen würden sie in die Winkelgasse fahren und Harry freute sich schon riesig darauf. Die vielen kleinen Geschäfte und Läden. Vielleicht würde Harry sich dann nicht mehr wie in einem Traum fühlen.
Das kleine Zusammentreffen war aufgehoben. Nachdem er all seine Sachen in den Schränken und Schubladen des kleinen Schlafzimmers verstaut hatte -vermutlich nicht so ordentlich wie bei Draco- ging Harry wieder nach draußen.
Noch immer regnete es in Strömen. Die Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheiben und der Wind rüttelte am Haus. Niemand bei Verstand würde bei diesem Wetter freiwillig aus dem Haus gehen.
Aber Harry brauchte jetzt den Wind und die Natur. Die frische Luft und das brennen auf der Haut. Wieder setzte Harry sich auf das Gatter und war schon auf dem Weg dorthin klitschnass. Er beobachtete seelenruhig die Pferde denen anscheinend der Regen nichts ausmachte.
Seine Kleidung war vom Regen durchtränkt und klebte kalt an seiner warmen Haut. Aber Harry bemerkte es im Moment nicht, es war ihm egal. Genüsslich schloss er die Augen und hob sein Gesicht dem Regen empor. Die schweren Regentropfen trafen die empfindliche Haut im Gesicht und doch empfand Harry keinen Schmerz oder Unbehagen. Es war ein Gefühl der Schwerelosigkeit und der Unbefangenheit eines normalen Jugendlichen.
Er ließ seine Gedanken schweifen. Er dachte an James Potter und Lily Evans. Er würde ihnen bald begegnen. Das erste Mal in seinem Leben würde er mit seinen Eltern reden können. Und Harry wusste nicht genau, ob er mehr Freude oder Angst vor dieser Begegnung verspüren sollte.
Gryzabel wusste nichts vom frühen Tod der zwei und den anderen Ereignissen aus Harrys früher Kindheit. So wusste Gryzabel aber auch nicht, was diese Begegnung in Harry auslöste. Sie konnte es nicht mal erahnen. Aber selbst Draco schien nicht wirklich den gesamten Zusammenhang der zukünftigen Geschehnisse einsortieren zu können. Er schien sich darüber auch nicht allzu viele Gedanken zu machen. Vermutlich lag das daran, dass er kein Ravenclaw war.
Es blitzte ganz nah und schon ergroll ein lautes Donnern vom Himmel.
Harry schrak hoch.
Etwas unsanft landete er im aufgeweichten Boden der Kuppel. Mitten im Matsch sitzend oder fast liegend blickte er sich irritiert um. Er rappelte sich etwas auf und blickte nun in zwei große dunkelblaue Augen, die durch einen weiteren Blitz geheimnisvoll erleuchtet wurden.
Zwar hatte ihn der plötzliche Blitz und der laute Donner erschreckt, aber dadurch fällt Harry nicht einfach in den Dreck. Eins der zwei Pferde aus dem Gatter war zu ihm getreten und war für sein unfreiwilliges Bad im Matsch verantwortlich. Es hatte zeitgleich mit dem Donner Harry angestupst. Etwas zu heftig und überraschend für den schmalen Jungen, der das herannahende Tier in der Dunkelheit nicht bemerkt hatte…
Der Junge war viel zu sehr in Gedanken gewesen, als dass er dieses Verhalten des Pferdes hätte kommen sehen können. Es regnete jetzt noch schlimmer und immer mehr Blitze zischten zu Boden. Bald war Harry wieder sauber, denn die Kleidung wurde von vielen Regentropfen durchweicht und ausgespült. Selbst seine Ohren waren so sauber wie schon lange nicht mehr.
Die Bäume ächzten und knackten im Wind. Die nassen Haare hingen Harry ins Gesicht und die Brille hatte er schon im Haus abgenommen. Er sah mit ihr ohnehin nur die Regentropfen am Glas entlanglaufen. Er strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und berührte nun vorsichtig die Nüstern des Pferdes.
Das schwarze Fell war warm und Harry streichelte weiter zum breiten Hals. Das Pferd schien es zu genießen und stupste Harry mit dem Kopf seitlich an. Fragend blickte Harry auf und sah genau in die blauen Augen des Pferdes. Es war pechschwarz hatte allerdings eine weiße Mähne und ein weißen Flecken auf der Seite. Leicht tänzelte das Pferd und presste sich weiter an Harry heran, dabei senke es den Kopf und schnaubte leise.
Zögernd griff Harry in die Mähne und zog sich hinauf. Mit einem Fuß auf dem Gatter schaffte er es etwas umständlich sich auf den breiten Rücken zu positionieren. Kaum saß Harry oben, befürchtete er den Abwurf, aber der kam nicht. Freudig schnaubte der schwarze Hengst und schüttelte kurz seinen Kopf. Jetzt hätte Harry fast den Halt verloren, da er sich noch immer in die weiße Mähne krallte. Wieder schoss ein Blitz vom Himmel und erleuchtete die Umgebung für Sekundenbruchteile. Es war nicht ganz ungefährlich bei diesem Wetter zu reiten. So viele Bäume standen nicht zur Verfügung, um die Blitze von Harry abzulenken.
Und wieder gab es einen grellen Lichtblitz.
Als wäre dies das Startsignal, setzte sich das Pferd in Bewegung. Harrys Hände klammerten sich in die nasskalte Mähne. Er wusste nicht was auf ihn zukam und ob dies der richtige Moment war um Reitstunden zu nehmen, aber wann wusste er schon mal, ob etwas richtig war? Und seit wann gab es den richtigen Zeitpunkt in seinem Leben? Alles war zur falschen Zeit passiert.
Sein Pferd wurde schneller und immer schneller. Bald hatte Harry das Gefühl zu fliegen und ein breites Grinsen verzog seine Lippen. Der Regen peitschte ihm ins Gesicht und die Haare wurden aus den Augen geweht. Der Wind ließ ihn frösteln, aber Harry genoss den Ritt.
Mit fließenden Bewegungen galoppierte der Hengst quer durch das riesige Gehege. An Bäumen und Büschen vorbei und Harry konnte nur kurz die Silhouette erkennen, denn schon waren sie aus seinem Blickfeld verschwunden. Der Ritt war viel fließender und angenehmer als der auf einem Hippogreifen oder einem Testral. Harry passte sich den Bewegungen an und fühlte sich sicher. Die einzelnen Bäume schossen an ihnen vorbei und das Gatter als Grenze kam immer näher. „Schade!", dachte Harry noch, als ein Ruck durch den Körper des Pferdes ging und die kräftigen Hinterbeine sich vom Boden abstießen.
Mit einem eleganten Bogen sprangen sie über das hohe Gatter. Harry verspürte bei Absprung keine Angst. Allerdings setzten sie nicht wieder auf.
Kein Ruck ging durch den Körper des Pferdes und seinem Reiter. Harrys Finger verkrallten sich jetzt doch wieder fester in der blonden Mähne. Nur zögernd ließ er seinen Blick an den Seiten des Pferdes hinab nach untern gleiten. Harry keuchte erschrocken auf, als er den dunklen und aufgeweichten Boden gut 5 Meter unter ihnen nur noch erahnen konnte.
Er presste sich weiter an den Rücken des Tieres und musterte jetzt vorsichtig das Pferd genauer. Sein prüfender Blick blieb an zwei schmalen kristallklaren Flügeln hängen, die aus den Flanken des mächtigen Tieres herausragten.
Harry war sich hundertprozentig sicher dass sie vorher noch nicht da gewesen waren. Jedenfalls hat er sie weder gesehen noch gespürt, als er mit der Hand über das Fell gestrichen hatte.
Langsam und geschmeidig bewegten sich die Flügel in der Luft und erzeugten dadurch eine unbeschreibliche Geschwindigkeit. Sie schossen durch die Luft und doch fühlte Harry sich sicher. Keine Angst hinunterzufallen oder abzurutschen. Keine Angst vor der Höhe. Keine Angst vor der Zukunft. Er lockerte sogar den Griff und schloss genießerisch die Augen. Das befreiende Grinsen kam wieder. Und hüllte ihn ein.
Der nasse Wind riss an seinen Haaren, seine Kleidung klebte auf der Haut, der Regen peitschte ihm ins Gesicht und doch genoss er jede kleinste Empfindung davon aufs tiefste. Immer noch zuckten Blitze und erhellten die Landschaft. Harry konnte nicht viel sehen, aber das was er am meisten liebte hatte ihn zurück.
Das Fliegen.
In diesem Moment gab es nur ihn und den Wind.
Die Freiheit um ihn herum. Alle Probleme und Gedanken rutschten in den Hintergrund. Sie waren nicht mehr wichtig. Nicht mehr von Bedeutung oder Relevanz. Im Moment war nur das Gefühl der Freiheit von Bedeutung. Freiheit und Leben, Luft und Wind, Kälte und Frieden…
Es war anders als auf einem Besen, aber Harry vertraute dem Pferd voll und ganz. Es zählte nichts anderes außer ihm und der Freiheit.
Er sah die dicken schwarzen Wolken über sich, die Blitze zu allen Seiten und unter sich das glitzern eines Flusses, die Lichter eines Dorfes und die Dunkelheit eines Waldes. Aber Harry nahm es nur oberflächlich wahr, es interessierte ihn im Moment einfach nicht, was um ihn herum geschah.
Die Blitze zuckten vom Himmel und jeder einzelne verfehlte ihn, aber bei manchen war es mehr als knapp. Oft flogen sie durch die Blitze hindurch und Harry müsste nur die Hände ausstrecken, um sie zu berühren. Dieses elektrische Licht faszinierte ihn und es störte ihn nicht, dass es vielleicht tödlich für ihn sein könnte. Er vertraute auf sein Glück und das Schicksal… welches ihn schon so früh ereilt hatte…
Der Wind durchwehte ihn und fegte alle trüben Gedanken weg, der Regen wusch ihm die Schmerzen der Erinnerung weg und die Höhe gab ihm eine Kraft, die ihm wie ein neues Leben vorkam. Es war eine Erneuerung von Grund auf.
oooooooooo
Harry wusste überhaupt nicht wie spät es war, als er das große Haus wieder betrat. Er hatte nicht den geringsten Schimmer, wie viele Stunden er draußen bei dem Unwetter gewesen war. Und es interessierte ihn nicht, dass es schon weit nach Mitternacht war. Er spürte nicht die Kälte und auch nicht die Wassertropfen, die aus seinem Haar perlten. Er spürte nur die Freiheit und den inneren Frieden. Einen Frieden, den er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Einen Frieden, den er zum Leben brauchte. Einen Frieden, der für ihn das Lebenselixier war.
Mit einem befreiten Lächeln schritt er leise die Treppe empor. Er tropfte alles nass und es kümmerte ihn nicht. Die höhnische Bemerkung von Draco, der von seinem Roman aufblickte, nahm er nicht wahr und auch nicht das erschrockene Keuchen von Gryzabel.
Er trat unter die Dusche und zog sich dann langsam die nasse Kleidung aus. So etwas hatte er nie gemacht, aber es war eine Erfahrung wert. Er spürte, dass eine warme Dusche jetzt nötig und sinnvoll ist. Und nass war seine Kleidung eh.
Das wütende Klopfen an der Tür ging im Rauschen der Dusche unter. Nur in Boxershorts und nassen Haaren schmiss sich Harry auf sein weiches Bett. Er hatte noch immer das Gefühl zu schweben und als Gryzabel plötzlich wütend fauchen vor ihm stand, musste er erstmal irritiert Blinzeln, um wieder die Orientierung zu erlangen.
„Was um Merlins Willen hast Du gemacht? Ich habe dich gesucht. Weißt Du eigentlich, wie spät es ist? Hast Du eine Ahnung wie lange du weg warst? Vielleicht hast Du es mit Deinem hübschen Kopf noch nicht bemerkt, aber da draußen tobt eins der schlimmsten Unwetter der letzten 50 Jahre…"
Harry starrte sie nur mit großen Augen an. Langsam kam er wieder in die Realität zurück. Seine Ohren vibrierten. Schnell zog er sich eine Hose über, denn so halb nackt fühlte er sich gar nicht wohl.
Gryzabel tobte und schrie Harry in Grund und Boden.
„Stopp!" sagte Harry sanft und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Du bist nicht Molly Weasley." Gryzabel blieb kurz die Sprache weg, dann fixierte sie Harry wieder mit ihren Augen. Eigentlich hatte sie alles gesagt, was sie sagen wollte, aber es war nicht fair, dass Harry noch immer so ruhig blieb.
„Hol tief Luft."
„DU hast mir nicht zu sagen, wie ich mich verhalten soll!", zischte Gryzabel noch immer wütend.
„Nein, das habe ich nicht. Mir ist nichts passiert und ich fühle mich geehrt, dass Du Dir Sorgen um mich gemacht hast... Es gibt nicht viele Menschen, die sich Sorgen um mich machen können, besonders nicht in dieser Zeit. Es tut mir leid, aber ich habe die Zeit einfach vergessen."
Harry sprach sanft und ruhig. Gryzabel begriff, dass vor ihr kein Kind mehr stand. Sie waren Erwachsen und wieder spürte sie den wahnsinnigen Drang den Jungen zu helfen. Zu helfen, aber auch die Wahrheit zu erfahren.
Sie atmete tief durch und beruhigte sich wirklich langsam. Bei diesem Lächeln konnte man gar nicht lange sauer bleiben.
„Du hast Recht, Harry. Aber ich habe niemanden mehr, um den ich mir Sorgen machen kann. Als Du dann in der Dunkelheit des Unwetters verschwandest und nicht wieder zurückkamst, habe ich mir halt riesige Sorgen gemacht. Ich will doch nicht, dass Dir etwas passiert."
„Schon Okay Gryzabel. Ich werde besser aufpassen und in Zukunft mehr auf die Zeit achten." Harry grinste sie schief an und er hoffte nur, dass dieses Gespräch jetzt vorbei war. Er war froh, dass es nicht zu einer Eskalation gekommen ist.
Gryzabel war schon an der Tür angelangt, als sie sich umdrehte und Harry mit ihren braunen Augen fragend ansah. Harry fürchtete jetzt doch noch eine Frage über seinen Verbleib, aber irgendwie wollte er ihr davon nichts erzählen. Es sollte sein Geheimnis bleiben, denn zweifellos würde Gryzabel bei der Vorstellung, dass Harry bei dem Gewitter fliegen war, vor Schreck und Sorge umkippen. Und das wollte Harry dieser zierlichen Gestalt nicht zumuten.
Aber die reale Frage überraschte ihn dann doch sehr: „Du kennst Molly Weasley?"
Einen Moment stockte Harry der Atem, dann räusperte er sich. „Ähm… ja, ich kenne Molly…" Es war deutlich, dass die ältere Dame mehr wissen wollte, aber Harry schüttelte nur sacht seinen Kopf. „Woher kennst Du sie?" lenkte Harry von sich ab.
„Sie ist meine Großcousine!" strahlte Gryzabel. Es war mehr als deutlich, wie nah sie sich standen. Schnell rechnete Harry im Kopf nach und fragte dann, um Gryzabel von ihrer eigenen Frage weiter abzulenken: „Wie geht es Bill und Charley?"
Oh ja, dieses war ein Thema, welches Gryzabel liebte. Sie war so stolz auf die beiden kleinen Jungen und nun erzählte sie Harry von den zwei Weasleys. Die Familie war Klasse, das wusste Harry, aber noch hatten sie nicht mal die Hälfte des Chaoses erreicht. Die Zwillinge fehlten, Ginny und Ron und natürlich auch Percy. Erst dann war das Chaos perfekt. Harry grinste und strich sich die feuchten Haare aus den Augen.
Harry war an seinen Erinnerungen hängen geblieben, aber Gryzabel runzelte die Stirn. Harrys Verbindung zu der Weasley Familie war inniger, als sie gedacht hatte, aber jetzt hatte etwas anderes ihre Aufmerksamkeit erlangt. Ihr war die zarte blitzförmige Narbe auf Harrys Stirn schon früher aufgefallen, aber erst jetzt fiel ihr auf, wie irreal sie wirkte.
Sie trat einen Schritt auf den Jungen zu, der gerne zurück gewichen wäre, aber eine schmale Hand hielt ihn am Arm fest. Mit dem Zeigefinger strich Gryzabel zart die Narbe nach.
Erst jetzt realisierte Harry, was ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Seine Haare waren noch immer feucht und gerade eben hatte er sich eine Strähne aus der Stirn gestrichen. Sonst achtete er meistens darauf, dass sie verdeckt blieb. Jetzt war es dafür zu spät.
„Was ist das?" fragte sie lauernd. Harry schloss die Augen.
„Eine Narbe."
„Eine blitzförmige Narbe"
„Ja."
„Woher?"
„…" Harry schwieg. Er überlegte einen Moment, ob er die Wahrheit sagen sollte. „Ein schwerer Autounfall." Er dachte an seine Kindheit und wie Tante Petunia ihm nie wahre Antworten gegeben hatte. Das grüne Licht aus seinen Erinnerungen passte schon damals nicht in dieses Bild.
Harry vermied den direkten Blickkontakt, aber Gryzabel sah ihm auch so den Schmerz und die Trauer an. Und doch war es eine Lüge. Warum zum Geiger log dieser Junge sie so kaltblütig an? Woher war diese verdammte Narbe?
Sie wollte weiter fragen, aber Harry blockierte nun völlig. Er würde dazu nichts mehr sagen, jedenfalls jetzt nicht.
„Ich glaube Dir nicht, aber ich werde es erfahren. Irgendwann werde ich es erfahren."
Harry blickte auf den Boden.
„Ja", nuschelte er leise. „Ja…vielleicht."
„Auch wenn ich nicht daran glaube", schnarrte Draco. Er stand grinsend im Türrahmen und hatte den letzten Teil des Gespräches mitbekommen. Er zog nun beide Blicke auf sich. Gryzabel zog die Stirn in Falten. Sie schien diese Aussage richtig zu interpretieren. Diese Narbe hatte eine relevante Bedeutung und sie verübelte es dem Jungen, dass er ihr nichts erzählte. Sie verübelte es wirklich, denn es hätte vermutlich vieles erklärt.
Schnaubend ging sie an Draco vorbei. Es würde eh nichts bringen, wenn sie jetzt wieder herumschrie. Sie schlug nur wütend ihre eigene Zimmertür hinter sich zu. Die zwei Jungen alleine zurücklassend.
Tbc.
