Titel: Ein Leben wie die Zukunft
Autor: Momixis
Zeit: spielt nach „Halbblutprinz"
Kapitel: 3/9
Teil: 5/9
Paare: Es kommen viele der typischen Paare vor, aber Hauptpersonen werden Harry und Draco sein… (später auch als Paar)
Warnungen: Slash, Charadeath, lange Geschichte, unterschiedlich lange Kapitel….
Inhalt: Harry und Draco sind durch die Zeit gereist und nun haben sie die Chance etwas zu verändern. Harry will diese Möglichkeit nutzen ohne die Menschen, die ihm wichtig sind in Gefahr zu bringen. Wird er es schaffen? Wird er alleine den Weg gehen können? Welche Rolle wird Draco zu Teil? Und halten die Rumtreiber und die anderen Schüler von Harry? Was denkt Dumbledore?
MIR GEHÖRT NICHTS UND ICH VERDIENE DAMIT AUCH KEIN GELD!
Danke an die Reviewer!!
Teil V
Nervenaufreibende Umbrüche
Kapitel 3
Tiefgründige Entscheidungen
Harry schlug das Buch zu und rollte sein Pergament zusammen. Lily blickte kurz zu ihm, dann auf die Uhr. Es war Sonntag kurz nach dem Mittagessen und sie saßen mal wieder alle zusammen in der Bibliothek und machten Hausaufgaben oder lernten. Mittlerweile trauten sich jüngere Schüler nicht mal sich an diesen Tisch zu setzen, wenn er leer war, denn alle wussten, dass es der Stammtisch der seltsamen Clique war und niemand wollte sich mit ihnen anlegen.
Als Harry dann seine Tasche packte und aufstand, zog Lily ihre Stirn kraus. „Wo willst Du hin?" Sie hatte in den letzten Wochen immer wieder gefragt und Harry war ihr ausgewichen. Aber heute war noch ein anderer Grund vorhanden, denn wenn Harry das Schloss auch nur für fünf Schritte verlassen würde, er würde das Schloss nicht wieder finden, denn es schneite so doll, dass man keine Hand vor Augen sehen konnte.
Harry sah Lily an. Die grünen katzenartigen Augen musterten Harry argwöhnisch. Harry wich wieder einmal dem bohrenden Blick aus und stopfte seine letzten Habseligkeiten in die Tasche. „Meine Hausaufgaben sind alle erledigt…und…"
„Deine Hausaufgaben waren gestern schon fertig", warf Esmare ein. Harry biss sich auf die Lippe und sah kurz zu Lin und Sanuel. Lin blickte ihn herausfordernd an und Sanuel las weiter in seinem Buch. Er hörte vermutlich nur mit einem Ohr zu, aber Schützenhilfe würde er von denen nicht bekommen.
„Ich habe etwas zu erledigen", sagte Harry so neutral wie möglich und hoffte auf keine Widerworte.
„Was um Merlins Willen hast Du immer zu erledigen?! So groß ist Hogwarts doch gar nicht und Deine Freunde sitzen alle hier. Oder hast du einen heimlichen Freund?"
Jetzt lagen alle Augen kurz auf Lin und wanderten dann zu Harry, dem die Hitze in den Wangen biss. Warum musste Lin denn auch von einer männlichen Affäre reden?! Er schenkte ihr einen bösen Blick, für mehr reichte seine Zeit nicht, da es in eine große Diskussion ausarten würde. Vermutlich war es das, was Lin bezwecken wollte.
„Nein, ich habe keine heimliche Liebschaft", zischte Harry zu Lin. „Ich habe einfach nur etwas zu erledigen."
Harrys Griff um die Tasche festigte sich und er hoffte, dass keiner ihn weiter aufhalten würde.
„Adrian, wirst Du wieder das Schloss verlassen?" auch Sanuel erhielt einen bösen Blick aus blitzenden Augen.
„Du kannst Hogwarts nicht einfach verlassen", rief Lily besorgt aus.
Dies war der Grund, warum Harry Freundschaften vermeiden wollte. Sie machten sich zu große Sorgen bei seiner Abwesendheit. Oh, wie viele Diskussionen hatte er mit Ron und Hermione geführt, aber sie hatten wenigstens den Grund gewusst. Harry war frustriert und ein wenig genervt, denn er war oft unterwegs und abwesend. Und genauso oft gab es fragende Blicke.
„Nur weil Sanuel der Meinung ist, heißt es ja nicht, dass es stimmt. Außerdem bin ich Euch keine Rechenschaft schuldig. Ich wünsche Euch allen noch einen netten erfolgreichen Sonntagnachmittag", sagte Harry kalt und verschwand schnell aus der Bibliothek.
Einen Moment schwiegen alle am Tisch, dann seufzte Sanuel: „Ich bin ja gespannt, wann Adrian zurück kommt."
„Morgen ist Schule, da wird er nicht lange weg bleiben", warf Mick leise ein.
Sanuel lachte kurz auf. „Ach Mick, Unterricht hat Adrian noch nie von nächtlichen Ausflügen abgehalten. Und ich glaube auch nicht, dass es irgendetwas gibt, was ihn aufhalten könnte."
Lily war nicht wohl bei dem Gedanken, dass Adrian regelmäßig das Schulgelände verließ. Irgendetwas trieb den Jungen erbarmungslos an und Lily spürte zu genau, wie wichtig es ihm war. Was könnte nur so bedeutend sein?
oooooooooo
Während die Schüler über die Beweggründe von Harry philosophierten, lief dieser die Gänge zu den Kerkern entlang. Er musste seinen dicken Wintermantel holen, denn es war draußen viel zu kalt. Ein kurzer Blick aus dem Fenster sagte Harry, dass der Schneesturm noch immer dicke Flocken durch die Luft wirbelte. Harry seufzte. Er hatte keine große Ambition bei dem Wetter hinaus zu gehen, aber er hatte kaum eine andere Möglichkeit.
Schnell durchquerte Harry den Durchgang zum Slytheringemeinschaftsraum. So oft und lange wie er schon hier war, so fühlte er sich doch noch immer als Eindringling. Sein Zuhause war Gryffindor und würde es vermutlich auch immer bleiben.
Schnell holte Harry seine Sachen und machte sich reisefertig. Als er allerdings den Schlafsaal verließ begegnete er Narcissa Black. Es kam selten vor, dass man Narcissa oder einen anderen aus der Clique allein antraf, aber Harry brach solche Begegnungen auch nicht vom Zaun.
„Hallo, Narcissa", sagte Harry freundlich und wollte an ihr vorbei gehen, aber sie hielt ihn auf.
„Was meintest Du in Wahrsagen?!"
Harry drehte sich zu ihr und blickte sie fragend an: „Bitte?"
„Na, das mit ‚Man hat immer eine Wahl'"
Harry senkte den Blick. Es war nicht unbedingt der beste Zeitpunkt für so eine Diskussion. Nicht der richtige Zeitpunkt und auch nicht der richtige Ort.
„Weißt Du, Narcissa,… ich weiß nicht wie ich es Dir erklären soll, da ich im Moment nicht so viel Zeit habe…"
„Dann lass es. Es ist ja nicht so wichtig!"
Harry streifte eine Haarsträhne hinter sein Ohr. „Doch Narcissa, es ist wichtig. Jeder sollte sich über seine Wahlmöglichkeiten bewusst sein. Es gibt immer mindestens zwei Wege. Der eine ist einfach und der andere schwer. Nur leider ist dies meistens auch der richtigere Weg. Sich gegen die eigene Familie oder Freunde zu stellen ist schwer, aber Straftaten gutzuheißen ist schlichtweg falsch."
Narcissa sah aus, als ob sie sich verbarrikadierte. „Du beschuldigst also meine Familie der Straftat? Welcher? Und Du verlangst noch dazu, dass ich mich von meiner Familie und meinen Freunden lossage?!"
Harry lächelte schief: „Natürlich nicht." Er schüttelte kurz den Kopf. „Nein, so etwas kann ich nicht machen oder verlangen. Ich bewundere Deinen Cousin dafür seiner Familie den Rücken zuzukehren, aber ohne die Potters hätte auch er es nicht geschafft. Die Entscheidung, welcher Weg zu gehen ist, liegt ganz allein bei Dir. Verbündete können hilfreich sein und manchmal kann man auch gemeinsam mit Freunden einen neuen Weg einschlagen, aber es ist schwer."
Narcissas Gesicht war verschlossen und Harry wusste nicht, wie weit er zu ihr durchgedrungen war. Es war das erste mal, dass er so Stellung bezog und er konnte nur hoffen, dass es kein Fehler war. Aber für solche Gedanken war es nun zu spät.
„Deine Entscheidung wird nicht nur Dein Leben verändern, sondern auch das Deines zukünftigen Ehemannes und das Deines Sohnes… äh… zukünftigen Sohnes… oder Tochter. Als Todesser oder als Mitglied einer Todesserfamilie wirst Du Gefahr laufen, dass Dein Kind vor dem 18. Geburtstag zum Mörder wird. Aber Du kannst nicht einmal sicher sein, ob Dein Kind oder Du diesen Geburtstag überhaupt erleben wirst, auch nicht auf der ‚weißen' Seite. Du solltest Deine Entscheidung bewusst fällen. Dein ganzes Leben hängt davon ab und Du wirst sie nicht ändern können."
Harry berührte Narcissa an der Schulter und nickte ihr zu. „Ich hoffe Du wirst deine Entscheidung nie bereuen, wie immer sie auch aussehen mag. Nur darum geht es mir. Jeder sollte mit der Überzeugung für das Richtige gekämpft zu haben, sterben können."
Narcissa blickte sehr nachdenklich zu ihm auf. Harry konnte nur ahnen, welche Gedanken und Gefühle in ihr toben mussten, denn zeigen tat sie davon gar nichts.
„Ich muss jetzt gehen", sagte Harry noch und ließ eine stille und nachdenkliche Narcissa Black alleine zurück. Doch lange stand sie nicht alleine im Gang, denn Severus Snape trat zu ihr und konnte noch den fliegenden Umhang des merkwürdigen Slytherins sehen, als er den Gemeinschaftsraum verließ.
„Was wollte er von Dir?"
Narcissa sah Severus konzentriert an: „Glaubst Du, dass wir den richtigen Weg gehen?"
Snapes Mimik verschloss sich: „Wenn Du Zweifel bekommst, dann verlierst Du Lucius und Deine Familie. Glaubst Du etwa, er kämpft für das Falsche?"
Ein kleiner Ruck ging durch das blonde Mädchen und jeder Zweifel wurde weggewischt. Nichts deutete auf das kurze Gespräch, ihre Ängste oder Gedanken hin.
„Natürlich nicht. Es war nur so eine blöde Frage von Jericle!"
„Der Kerl ist mir unheimlich."
Narcissa nickte steif. Ja ‚Adrian Jericle' war unheimlich, aber auch wahnsinnig intelligent und begabt. Er kannte seinen Weg. Er hatte keine Zweifel.
oooooooooo
Harry lief die Gänge entlang und stöhnte kurz vor seinem Ziel auf. Keine 15 Meter von der buckligen Hexe entfernt saßen zwei junge Mädchen aus Ravenclaw. Harry kannte sie nicht und hatte auch keine Ambitionen sie kennen zu lernen. Sie hatten sich in ihre warmen Umhänge auf einer der Fensterbänke gekuschelt und sahen nicht aus, als würden sie bald ihren Platz verlassen. Sie würden allerdings Harry zu deutlich im Geheimgang verschwinden sehen, besonders da die eine schon zu ihm schielte. Harry hatte keine Lust diesen beiden Schülerinnen den Geheimgang zu offenbaren, denn es bestand auch die Gefahr, dass ein Lehrer davon etwas mitbekam.
Ein kurzer genervter Blick warf er noch zu den beiden Mädchen, um dann so unauffällig wie möglich zur Eingangshalle zu gelangen. Innerlich hoffte er, dass kein Lehrer an der Pforte Wache hielt, aber meistens reichte der Zauber über den einzigen offiziellen Zugang zum Hogwartsgelände. Zwei Gryffindor-Jungen kamen ihm entgegen und aus lauter Gewohnheit, die er trotz der langen Anwesendheit in Slytherin noch nicht abgelegt hatte, nickte Harry den beiden höflich und begrüßend zu. Wieder einmal zogen diese Jungen die Stirn kraus und schüttelten, vermutlich nicht zum letzten Mal, über den Slytherin ihre Köpfe.
Als Harry die Eingangshalle betrat, war kein Lehrer zu sehen. Ein paar Schüler liefen umher, aber Harry sah keine Gefahr für sich. Er wartete einen Augenblick, dann ging er zielsicher auf das große hölzerne Tor zu und öffnete es problemlos.
Kaum hatte sich die Tür einen Spaltbreit geöffnet, als der eisige Wind ihm den Schnee ins Gesicht und in den Kragen trieb. Harry seufzte. Wer würde bei dem Wetter freiwillig nach draußen gehen? Er hatte keine Lust auf dieses Wetter, auch wenn er Schnee sonst sehr gerne hatte. Schon das ganze Wochenende war ein Schneesturm aktiv und selbst die Magie konnte daran nichts ändern, es schlug auf das Gemüt.
Harry biss die Zähne zusammen und schlug die Kapuze hoch. Er hatte keine andere Wahl und schob sich daher schnell durch die Tür, um sie danach sofort zu schließen. Er hatte keinen Blick zurück in die Halle geworfen, sonst hätte er den fragenden Ausdruck in den braunen Augen gesehen.
Der kalte Wind zerrte an seinem Umhang und biss in den Augen. Das Vorankommen war schwer, besonders da die Sicht stark eingeschränkt war. Schon nach 3 Schritten konnte Harry das Schloss nicht mal mehr als dunklen Schatten wahrnehmen. Trotzdem bestand keine Gefahr, dass Harry sich verlaufen könnte, er kannte das Gelände von Hogwarts dafür einfach zu gut. So kam er auch im dichtesten Schneegestöber dort an, wo er hinwollte: vor die peitschende Weide.
Schnell legte er den Baum still, auch wenn er sich im Moment gar nicht für Harry zu interessieren schien, dann betrat Harry seit langer Zeit wieder mal den Geheimgang zur Heulenden Hütte. Es tat gut ein wenig aus dem Schneegestöber herauszukommen. Schnell bildete sich eine kleine weiße Pulverschicht zu Harrys Füßen, als er sich den Schnee etwas abklopfte. Harry seufzte. Die Kapuze hatte seine Haare und den Nacken geschützt, aber ohne einen Zauber waren seine Gesichtsmuskeln vor Kälte erstarrt.
Während er den dunklen Gang entlang lief, überlegte er, ob es sich lohnt, einen Schutzzauber auf sich zu legen. Hermione hatte ihm mal einen sehr nützlichen beigebracht, aber Harry hatte nicht vor außerhalb von Hogwarts Magie anzuwenden. Es würde nur die Aufmerksamkeit des Ministeriums auf ihn lenken und was das Ministerium interessierte, wird früher oder später auch an Dumbledore geraten. Also verzichtete Harry auf den Zauber…
Mit wehendem Umhang lief er den Gang entlang und kletterte schließlich durch die Falltür in die Heulende Hütte. Der Wind pfiff durch das hölzerne Gebäude und verstärkte den gespenstischen Aspekt des Gebäudes. Wenn Harry nicht genau wüsste, dass nur Magie hier wirken, dann würde er diese Hütte nicht mehr betreten.
Harry huschte durch das verlassene Haus. Auf dem staubigen Boden konnte er Spuren von Tieren und Menschen erkennen. Er brauchte nicht zu überlegen von welchen Tieren die Spuren stammten, dafür müsste er in keinem Fachbuch nachschlagen.
Einen kurzen Moment starrte er auf die Spuren der Rumtreiber, dann hob er den Kopf und setzte seinen Weg fort. Er musste eine Holzlatte zu Seite schieben, um durch den Spalt hindurch klettern zu können, dann stapfte er ein Stück Richtung Dorf. Die Hütte stand noch unter dem Schutzbannen von Hogwarts und Harry war sich nicht sicher, wo sie endeten. Kaum das Harry das schützende Gebäude verlassen hatte, biss der kalte Wind erbarmungslos in Harrys Augen.
Als Harry das Dorf erreichte, huschte er in einen stillen Hinterhof und konzentrierte sich. Vor neugierigen Augen war er durch das Wetter bestmöglich geschützt. Mit einer leichten Drehbewegung apparierte er in die Nähe seines Zielortes. Er war schon am Montag unterwegs gewesen und so kannte er die nähere Umgebung gut genug um sich nicht zu verirren. Die Zeit, die er dadurch einsparte, hatte er dafür letzte Woche verbraucht, als er ohne Adresse oder Namen, diesen Ort gesucht und schließlich ausgekundschaftet hatte.
Ohne große Probleme kam Harry in London an. Er hatte sich ein ruhiges Parkhaus ausgesucht. Der Stadtteil bestand überwiegend aus Bürogebäuden und Leichtindustrie, so war es hier an den Wochenenden gespenstisch still.
Harry lief schnell durch das stinkende Treppenhaus und trat wieder in die wetterlichen Geschehnisse von einer Großstadt im November ein. Hier herrschte kein Schneesturm, aber ekliger Schneeregen besserte Harrys Laune auch nicht auf.
Er zog seinen Umhang fester und lief die Hauptstraße etwa zehn Minuten entlang, bis er in eine kleine Nebenstraße einbog. Während der ganzen Zeit begegnete Harry weder anderen Fußgängern, noch wurde er von Autos überholt. Dieser Teil der Stadt war wie ausgestorben. Am Montag waren hier viel mehr Menschen unterwegs gewesen, aber so engstirnig, wie die Großstädter waren, hatte niemand ihn auch nur ein Blick zugeworfen. Alle kümmerten sich um ihre eigenen Probleme.
Harry lief noch etwa weitere acht Minuten, bis er vor einem großen Backsteingebäude stand. Eigentlich hätte er viel näher heran apparieren können, aber die Gefahr, dass doch jemand auf der Straße war, war ihm zu groß gewesen. Er durfte kein Risiko eingehen, dafür war dies alles viel zu wichtig.
Harry öffnete das gusseiserne Tor und ging die Auffahrt hoch. Das Haus lag still vor ihm und auch auf dem dritten Blick hätte man denken können, dass es auch nur ein Büro- oder Geschäftsgebäude war. Aber das große weiße Schild mit schwarzer Schrift wies dieses Gebäude ganz eindeutig als Kinderheim aus.
Harry schluckte schwer. Als Kind hatte er oft darüber nachgedacht, ob ein Kinderheim nicht besser als die Dursleys war. Aber wenn er dieses kinderunfreundliche Gebäude sah, dann sah er seine Zeit bei den Dursleys als erträglich und akzeptabel an. Kurz musste Harry darüber trocken auflachen, dann drückte er die Klingel. Er hörte ein lautes ‚Ding-Dong' durch das ganze Haus hallen. Vermutlich zuckten selbst die Tauben auf dem Dach zusammen.
Es dauerte einen Augenblick bis die Tür geöffnet wurde und ein junges Mädchen mit dunkelbraunen Zöpfen stand vor ihm. Sie war vielleicht 13 Jahre alt und trug die dunkelblaue Einheitstracht des Hauses.
Harry seufzte. „Hallo, ich heiße Jeremias Black und habe bei Mister Conwell einen Termin", sagte Harry in seinem besten englisch und versuchte dabei so Erwachsen wie möglich auszusehen. Mit seinen Jugendlichen Gesichtszügen und dem Umhang fiel dies aber erstaunlich schwer. Er hätte einen Zauber verwenden sollen, aber jegliche Anwendung von Magie könnte das Ministerium hier her locken. Er würde so weit es ging jegliche Art von Zauberei vermeiden und in Hogwarts hatte er nicht daran gedacht, sich unauffälliger einzukleiden. Zum Glück könnte der schwarze Umhang einfach als Wintermantel durchgehen.
Das Mädchen nickte und ließ ihn eintreten.
„Mister Conwell ist leider im Moment verhindert. Sie müssen sich etwas gedulden, Mister Black."
Am Montag hatte Mister Conwell auch schon keine Zeit gehabt, aber wenigstens war er bereit gewesen für Sonntag einen Termin zu akzeptieren. Harry stufte diesen Mann als sehr arrogant ein und würde sich nicht wundern, wenn es Taktik war den Besuch warten zu lassen.
Das Mädchen schloss die Tür hinter Harry und zeigte dann einladend auf eine weiße unbequeme Sitzbank in der sonst leeren Eingangshalle. „Wenn Sie sich setzen wollen?! Es wird bestimmt eine ganze Weile dauern."
Harry schüttelte schnell den Kopf. „Nein danke. Vielleicht könntest Du mir ein wenig von hier zeigen?"
Das Mädchen schien zu überlegen. „Mein Name ist Kathrin, Mr. Black."
Harry lächelte unbehaglich. „Nenn mich Jerry", sagte er aus einer Laune heraus. „aber verrat es niemanden."
Kathrin schien verwirrt zu sein, aber schließlich nickte sie. „Kommen Sie Jerry, ich zeige Ihnen unseren Aufenthaltsraum und ein paar andere Räume. Es wird nicht lange dauern!" Harry nickte ihr zustimmend zu und Kathrin verschwand zielstrebig durch eine gläserne Tür. Ohne zu zögern folgte Harry ihr. Der breite Gang, der direkt hinter der Tür lag, war kahl und kalt. Er erinnerte an ein altmodisches Krankenhaus. Nur vereinzelt hingen Fotografien von Kindern akkurat in schweren Bilderrahmen an den weißen Wänden. Sie wirkten gestellt und steif. Es sah nicht sehr wohnlich oder einladend aus. Nichts deutete darauf hin, dass hier Kinder lebten. Es erinnerte Harry an das Haus der Dursleys, das nie auf die Anwesendheit von Harry hingedeutet hat. Es war nicht richtig, aber auch in einem Kinderheim war dieses Verhalten verachtenswürdig. Harry wunderte sich nicht, dass Kinder sich hier nicht wohl fühlten und hier weg wollten. Dabei sollte es ihr Zuhause sein.
Bei diesem Gebäude handelte es sich nicht um das gleiche Haus, indem Tom Riddel aufgewachsen war, aber sonst gab es keine großen Unterschiede. Es gab trotz der vielen Jahre unterschied und einem Umzug nicht wirklich eine Verbesserung.
Kathrin zeigte Harry den Aufenthaltsraum. Im Grunde unterschied er sich nur durch die großen Bücherregale und Schränke von einem sterilen Speisesaal. Selbst an den Fenstern hingen nur schlichte weiße Gardinen. Nichts deutete darauf hin, dass hier viele verschiedene Kinder lebten. Es war eine Grausamkeit, kein Zuhause.
An den kahlen Alutischen saßen einige Kinder und spielten ‚Mensch-ärgere-Dich-nicht' aus selbst erstellen Spielmaterialien oder erledigten ihre Hausaufgaben. Wenn Harry könnte, dann würde er hier so einiges verändern. Anfangen würde er bei der Wandfarbe, aber erst einmal musste er sich um sein Problem kümmern.
Kathrin, die in Harry ganz offensichtlich einen Verschwörer sah, erzählte Harry von ihrem Leben in diesem Haus und dem Leiter. Allein von dieser Erzählung aus, hatte Harry den Eindruck, dass Malfoy sich mit Conwell fantastisch verstehen würde. Beide hatten ein ausgeprägtes Klassendenken. Nur leider sah Conwell seine Schützlinge als eine der niedersten Klassen. Es waren doch nur Kinder, arme Waisenkinder, keine Monster.
Harry mochte diesen Mann jetzt schon nicht. Nach etwa 20 Minuten beendete Kathrin den kleinen Rundgang, gerade rechtzeitig. Kaum standen sie in der Eingangshalle, als eine schlanke Mittvierzigerin eintrat und Harry zu Mister Conwell führte. Das Mädchen erhielt nur einen hochnäsigen Blick und wurde nicht weiter beachtet. Kathrin hatte ihm gesagt, dass dies Miss Selfsun die private Sekretärin von Conwell war. Harry zweifelte nicht an der Komplexität ihrer Aufgaben, wenn sie schon auch sonntags hier war.
Harry folgte der gutaussehenden Frau und zwinkerte Kathrin zum Abschied verschwörerisch zu. Sie lächelte fröhlich und es sollte nicht ihre letzte Begegnung bleiben.
Als Harry in das große Büro trat, wurde er sauer. Dieser Raum war doppelt so groß, wie der Schlafsaal für 6 Kinder. Mister Conwell war ein freundlich aussehender Bürokrat. Hätte Harry nicht die Informationen von Kathrin gehabt, dann würde er an der Kompetenz und Fähigkeit dieses Mannes nicht zweifeln. Jetzt würde er am liebsten die verantwortliche Behörde zurechtstutzen. Wenn es sein müsste auch mit Magie!
„Guten Tag, Mr. Black. Es tut mir wahnsinnig leid, dass sie warten mussten, aber setzen sie sich doch." Die schmierige Stimme von Conwell hinterließ einen fahlen Nachgeschmack. Harry setzte sich auf den angewiesenen Stuhl. Vermutlich wurde er überwiegend von ‚ungezogenen' Kindern benutzt. Conwell war ein kleiner Mann, aber auf diesen Stuhl hatte selbst Harry das Gefühl dem Mann körperlich unterlegen zu sein, obwohl Harry genau wusste, dass dies nicht der Fall war. Wie mussten sich die Kinder dann bloß fühlen?
Eine üble Methode, um den Gegenüber einzuschüchtern, aber Harry ließ sich nicht unterkriegen.
„Womit kann ich Ihnen behilflich sein?"
„Mister Conwell, ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet, dass Sie einem Zusammentreffen zugestimmt haben. Um gleich zum Punkt zu kommen: Diese Einrichtung wurde vor vielen Jahren von einer Mrs. Cole geleitet, habe ich Recht?"
„Ich verstehe nicht ganz, was Ihr Interesse ist, aber Ja, eine Dorothy Cole hat vor etlichen Jahren und vor dem Umzug dieses Haus geleitet. Ihre Arbeitsmethoden entsprachen allerdings nicht dem heutigen Standard."
Harry hätte jetzt gerne gefragt, wo die Besserung in der Heimerziehung zu sehen war, aber dies war nicht wirklich sein aktuelles Ziel und viel verändern würde er auch nicht können.
„Das Waisenhaus hat vor einigen Jahren die Erbschaft von Mrs. Coles Tochter angetreten. In dieser Nachlassenschaft befand sich ein Gegenstand, der mich sehr interessiert. Wenn möglich würde ich diesen Gegenstand gerne ansehen bzw. zu einer Untersuchung ausleihen. Wenn sie bereit wären, würde ich ihn auch abkaufen."
Das bisher freundliche Gesicht von Conwell verdüsterte sich und er lehnte sich zurück. Harry hatte geahnt, dass es nicht leicht werden würde, aber Conwell benahm sich plötzlich sehr eigenartig. Gerade eben war er noch verschlossen und plötzlich setzte er wieder ein schmieriges Lächeln auf. Es schien, als wäre Harry ihm zu sehr auf die Füße getreten.
„Es tut mir so furchtbar leid, Mr. Black. Aber alles aus dem Nachlass wurde verkauft und in die Ausstattung dieses Heimes investiert."
Wohl eher in die teure Ausstattung dieses Büros, dachte Harry und es würde ihn nicht wundern, wenn ein hoher Anteil des Bargeldes in seine private Tasche geflossen war. Aber Harry versuchte ruhig und praktikabel zu denken.
„Dann können Sie mir aber vielleicht sagen, in wessen Besitz die Gegenstände übergegangen sind?!"
Harry versuchte krampfhaft freundlich zu bleiben, aber er bemerkte selbst, wie seine Stimme sich verhärtete und sein Blick kälter wurde. Es fiel ihm wahnsinnig schwer. Conwell war ein hinterlistiges und schleimiges Arschloch. Ihm ging es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um die eigene Stellung und Machtposition. Schon aus Prinzip und Erfahrung hasste Harry dies. Macht verdarb jeden Menschen. Warum musste der Mensch nur so Machtgierig sein? Ohne diese Schwäche gäbe es weit weniger Probleme auf der Welt.
Harry seufzte. Er tat dies in letzter Zeit viel zu oft.
„Es tut mir furchtbar Leid, Mr. Black, aber ich kann Ihnen die Ansprechpartner in diese Hinsicht nicht nennen. Die Informationen sind vertraulich", seufzte Conwell gespielt verzweifelt.
Harry wurde übel. Oh, er hasst diesen Bastard.
In Harrys wahrer Zeit war eine andere Leitung in diesem Haus gewesen, bzw. in dem Neubau, aber Harry hatte auch ihr nicht viel Kompetenz zugesprochen. Die Mitarbeiter erledigten die Arbeit und managten den Laden. Gewusst, wo der gesuchte Gegenstand war, hatte niemand.
Hermione und Ron hatten eines Morgens den gesuchten Horcrux in Harrys Hände gelegt und verschwörerisch gegrinst. Sie hatten ihm nie erzählt, woher sie ihn hatten und es hatte nie die Ruhe gegeben, um im Nachhinein darüber zu reden. Ihre ‚Freizeit' hatten sie bewusst mit anderen Themen und Aufgaben gefüllt, so hatte Harry nie von dem Abenteuer erfahren.
Harry hatte jetzt die Möglichkeit lange zu warten und zu hoffen, oder seine magischen Fähigkeiten einzusetzen. Mit einer schnellen unauffälligen Bewegung hatte Harry seinen Zauberstab in den Händen und richtete ihn unbemerkt auf Conwell. Der Heimleiter hatte nur gesehen, dass etwas geschah, aber bevor er reagieren oder sich wundern konnte, spürte er einen leichten Druck auf seinen Geist. Bei dem Gedanken an Kopfschmerzen verschlechterte sich seine Laune drastisch und er versucht durch ein leichtes Kopfschütteln diesen Druck zu vertreiben, aber es gelang ihm nicht.
Harry hatte keine große Mühe, um in die ungeschützten Gedanken und Erinnerungen von dem Muggel zu gelangen. Was er sah, ließ ihn an seinen Entschluss Magie zu verwenden nicht mehr zweifeln. Ihm wurde schlecht, als er sah, wie Conwell die Kinder und die Betreuerinnen anschrie und sie schlug. Er wusste, dass die Gesetze in dieser Zeit noch nicht so streng waren und sich auch nicht so sehr um das Wohl der Kinder sorgten. Sein Entschluss stand allerdings fest. Ein gemeines Grinsen legte sich auf Harrys Züge, als er endlich die ersehnten Informationen erhielt. Von wegen profitabel verkauft… pff. Conwell hatte das Alles an sich selbst für einen Apel und ein Ei verkauft. Harry wollte nicht wissen, woher dann das Geld für die Büroausstattung kam, vermutlich von den Pflegegeldern der Kinder.
Einen langen Moment überlegte Harry seinen nächsten Schritt, dann ließ er Conwell wieder alleine mit seinen Gedanken.
„Es tut mir sehr leid, wenn ich Ihre kostbare Zeit vergeudet habe. Ich werde jetzt gehen und auf eine andere Art und Weise nach dem Gegenstand suchen!" Dass dies einer Drohung sehr nahe kam, konnte Conwell nicht wissen. Harry gab Conwell steif die Hand. Sie war schwitzig und Harry wischte sie sich schnell am Umhang ab.
„Es tut mir wahnsinnigleid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann, Mr. Black."
Harry nickte nur, dann drehte er sich um und verließ das Büro. Der Sekretärin schenkte er nur einen oberflächlichen Gruß. In der Eingangshalle saß Kathrin und blickte ihn wartend an. Harry hatte nicht damit gerechnet ihr heute noch einmal zu begegnen.
„Und hast Du das bekommen, was Du wolltest?"
Harry lächelte traurig und schüttelte den Kopf. „Nein, aber das soll nicht Deine Sorge sein."
Er legte eine Hand auf ihre Schulter und zwinkerte ihr aufmunternd zu. „Pass auf Dich auf, Kathrin. Wir werden uns kaum wieder sehen." Dann verließ er das Haus und kehrte nach Hogwarts zurück.
Auch jetzt traute er sich nicht den Gang hinter der buckligen Hexe zu nehmen. Das Wetter hatte sich nicht im Geringsten verbessert, daher liefen im Schloss genügend Schüler rum, die ihn zufällig sehen könnten.
Harry kletterte, ohne dass er mit der peitschenden Weide einen Ringkampf absolvierte, aus dem Geheimgang und kämpfte sich durch den Schneesturm. Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen, weil alles voller Schnee war. Der Himmel war so grau und alles wirkte so düster, obwohl es gerade 17 Uhr war.
Die Glocke schlug gerade die volle Stunde, als Harry die Eingangshalle von Hogwarts betrat.
Er blickte nicht auf. Schnell ließ er seine Kleidung trocknen und schüttelte sich. Ihm war trotz Zauber etwas Kaltes am Nacken entlang geglitten.
Als er dann endlich aufblickte zuckte er zurück. Eine wütende Lily stand vor ihm und blitzte ihn aus dunkelgrünen Augen an. „Wo kommst Du her?" zischte sie und behielt Harry genau im Auge.
„Von draußen?! Ich habe einen Spaziergang gemacht", sagte er so unschuldig wie möglich.
„Lüg mich nicht an", fauchte sie. „Ich habe gesehen, wie Du vor Stunden das Schloss verlassen hast. Erzähl mir bitte nicht, dass Du bei dem Wetter drei Stunden lang durch die Gegend läufst. Aus purem Spaß… Also? Wo warst Du?"
Harry seufzte. „Es tut mir leid, Lily, aber ich kann es Dir nicht sagen und wenn Du weiter fragst oder es weiter erzählst, dann muss ich dich verhexen."
Harrys Stimme war ruhig und trotzdem zuckte Lily etwas zurück. Sie zweifelte keinen Augenblick an der Richtigkeit dieser Aussage, dafür war ‚Adrian' in ihren Augen zu sehr Slytherin und die nötige magische Begabung hatte er auch.
„Was kann so wichtig sein, dass Du freiwillig das Schloss und das Gelände bei DEM Wetter verlässt?"
Lily hatte sich etwas beruhigt und ihre Taktik verändert. Sie fragte nun sanft weiter. Harry schüttelte aber nur den Kopf.
„Nein, Lily. Ich werde es Dir nicht erzählen und bitte frag nicht weiter. Ich gehe jetzt in die Kerker und ziehe mir etwas anderes an." Er nickte ihr zu und bog gerade in den Gang, als er Lilys Stimme hörte.
„10 Punkte Abzug von Slytherin, wegen Verlassens des Schulgeländes ohne Erlaubnis."
Harry drehte sich zu ihr um und lächelte sie an. Sie lächelte schmal zurück.
oooooooooo
Den ganzen Abend spürte Harry den prüfenden Blick von Lily auf sich. Sie schien ihn überwachen zu wollen. Er hoffte nur, dass sie wirklich schwieg. Wenn ein Lehrer ihn erwischen würde, dann könnte er seine Koffer packen und er hatte nicht die geringste Idee, wohin er dann gehen sollte. Gryzabel konnte ihm nicht mehr wirklich aus der Patsche helfen, dafür fehlten ihr zu viele Erinnerungen.
Lin war missgelaunt. Harry fand dies allerdings amüsant. Die Schmollschnute von ihr war einfach süß und er umarmte sie einfach. Sofort lächelte sie ihn an. Ein Blick auf die Uhr ließ ihn allerdings aufschrecken. Es war schon nach 23 Uhr und schnell griff er nach seinem Umhang und Schal.
„Ich…"
Weiter kam Harry nicht. „Du willst schon wieder Hogwarts verlassen?" Sanuel war genauso überrascht, wie Lin. Beide wirkten besorgt und Harry fiel es schwer sie vor den Kopf zu stoßen.
Er senkte den Blick.
Dies reichte aus, um den Slytherins zu zeigen, dass sie Recht hatten. „Du bringst Dich in unnötige Gefahr!" sagte Sanuel.
Harry grinste ihn schief an. „Woher willst Du wissen, ob es unnötig ist. Vielleicht ist es es ja wert?"
„Wenn es das nicht wert wäre, dann würdest Du es nicht machen", stellte Lin trocken fest. „Pass auf Dich auf."
Harry lächelte und nickte „Klar doch!"
Dann verließ er so unauffällig wie möglich den Gemeinschaftsraum. Vor der Geheimtür begegnete er Draco, der gerade zurück nach Slytherin gehen wollte.
„Wo willst Du denn hin, Jericle?" rief Draco hinter Harry her, als dieser ohne ein Wort an ihm vorbei ging. Warum waren denn alle heute so neugierig? Harry drehte sich unwirsch um und blickte Draco ausdruckslos an.
„Warum interessiert es Dich? Willst Du plötzlich an meinem Leben teilhaben? Nein?!" Harry trat einen Schritt auf Draco zu und ließ dabei seine Augen nicht von Dracos Gesicht weggleiten. „Aber weil Du ja so lieb fragst, sage ich es Dir auch", sagte Harry zuckersüß. Er blickte Draco an und er sah nicht das dunkelblonde Haar und die blauen Augen, sondern das markante Gesicht von Draco Malfoy. Dies lag nicht daran, dass Draco sich wieder zurück verwandelt hatte, sondern daran, dass Harry durch die Maske der äußeren Erscheinung hindurch blickte. Für ihn würde Draco immer Draco bleiben.
Dracos Blick verdüsterte sich und Harry grinste herausfordernd.
„Ich erledige das, was ich für Richtig empfinde. Ich mache das, was getan werden muss, auch wenn ich dafür meine Familie verraten und meine Freunde vor den Kopf stoßen müsste. Und heute Abend trete ich einem arroganten Saftsack in den Hintern und zeige ihm wer am längeren Hebel sitzt."
Harry drehte sich um und verschwand in dunklen Gang. Sein Umhang bauschte sich hinter ihm auf und Draco bekam das Gefühl versagt zu haben. Er wusste nur nicht genau woher dieses Gefühl kam. Draco hasste es. Er hasste Gefühle. Er hasste dieses Gefühl.
Und Harry hatte leider die Eigenschaft ständig irgendwelche Gefühle in Draco hervorzurufen und meistens waren dies keine angenehmen. Es brodelte in Draco, als Harry ohne eine weitere Reaktion in der Dunkelheit verschwand.
Er wollte Harry schütteln und schlagen, beschimpfen und verfluchen, aber auch ein jähes Gefühl der Sorge überkam ihn. Was hatten die Worte vom schwarzhaarigen Jungen zu bedeuten? Draco überlegte einen Moment, ob er Harry folgen sollte, aber dieser war nicht mehr zu sehen. Mit einem Fluch auf den Lippen betrat Draco das Reich der Schlangen, während Harry seinen Weg zum Geheimgang der buckligen Hexe fortsetzte.
Es war still in den Gängen und ohne weitere unerwünschte Begegnungen kam Harry an seinem Ziel an. Er hatte eigentlich befürchtet, dass Lily ihm auflauern würde. Er hätte es ihr jedenfalls zugetraut.
Harry war froh ihr keine Rechenschaft ablegen zu müssen. Im Grunde reichte es ihm schon vorhin Narcissa und eben Draco begegnet zu sein. Hatten sie sich abgesprochen um ihn so lange zu nerven, bis er sich in sein Bett flüchtete?
Diesmal hatte Harry keine Probleme in den Geheimgang zu kommen. Kein Geräusch oder Schatten deutete auf die Anwesendheit einer anderen Person hin, geschweige denn auf zwei. Es war halb 12 Uhr Nachts und somit lagen alle Schüler brav in ihren Betten oder waren wenigstens in ihren Gemeinschaftsräumen, davon ging Harry jedenfalls aus.
Harry schlug seinen Kragen im Gehen hoch. Er ließ sich etwas Zeit. Warum sollte er hetzen? Er kletterte schließlich vorsichtig aus dem Geheimgang. Harry wusste nicht warum, aber der Apparationsschutz galt jetzt auch hier unten im Geheimgang. Es war dadurch etwas mühselig, da Harry durch den Honigtopf hindurch gelangen musste. Er wusste genau, dass es noch andere Geheimgänge gab, aber er hatte sie nie ausgekundschaftet, wozu auch?
Harry vermutete, dass die Besitzer des Honigtopfes den Apparationsschutz über ihrem Haus erneuert hatten und so aus Versehen der Geheimgang mit eingebunden wurde. Er wollte gar nicht daran denken, was passieren würde, wenn Dumbledore oder Filch von diesem Weg nach Hogsmead erfahren würden.
Leise verwendete Harry einen letzten Zauber, um das Schaufenster verschwinden zu lassen und schließlich hindurch zu klettern. Er musste aufpassen nicht an den schwebenden Bonbons kleben zu bleiben oder sonst irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Die Tür wäre im Grunde einfacher, aber die war magisch verriegelt und würde sehr schnell einen Alarm bei den Besitzern und vermutlich gleich bei dem Ministerium auslösen.
Harry setzt das Fenster wieder ein und blickte sich um. Es war still und nirgends brannte noch Licht. Harry wusste, dass im Eberkopf garantiert noch viel los war, aber dies war für ihn jetzt uninteressant. Im Moment jedenfalls. Kalter Wind zerrte an seinen Haaren und er schlug seine Kapuze hoch. Niemand sollte ihn erkennen, falls ein Blick auf ihn geworfen werden würde.
Harry lief durch die Gassen und blickte sich um. Er fühlte sich beobachtet, konnte aber niemanden sehen oder irgendwelche Indizien finden. In einem kleinen Hinterhof verschwand er. Die Häuser drum herum gehörten einer kleinen Kesselfirma und so war Harry sich sicher, dass niemand um diese Uhrzeit sein disapparieren beobachten könnte. Er atmete tief durch und apparierte nach London.
Die beiden überraschten Augenpaare, die ihn beobachtet hatten, hatte er nicht gesehen.
oooooooooo
Diesmal landete Harry nicht in einem dreckigen Parkhaus, sondern in einer kleinen Ansammlung von Bäumen. Vorsichtig blickte Harry sich um, schließlich war er nur anhand der Erinnerungen von Conwell gereist. Die Erinnerungen waren aktuell genug und hatten daher fast perfekt als Richtungsweiser für das Apparieren dienen können.
Der Zielort war richtig und kalte Wut stieg in Harry auf, als er sich genau umblickte. Er stand in einem großen Garten und das große Einfamilienhaus vor ihm zeigte genau, dass die Familie reich war. Gut, es war vielleicht keine Villa, aber ein richtiges solides Haus am Stadtrand von London.
Eine schöne Terrasse war umgeben von zierlichen Rosensträuchern, die im Sommer vermutlich einen herrlichen Duft verströmten. Ein kleiner Zierteich war zugefroren, aber Harry erkannte auch so wie viel Pflege und Geld in diesen Garten investiert wurde. Eine Schaukel und ein abgedeckter Sandkasten deuteten auf die Anwesendheit von Kindern hin. Die Schneedecke war unversehrt, nur ein paar Spuren zeigten, dass Vögel und andere Tiere unterwegs waren. Vermutlich waren die nicht allzu erwünscht.
Das Haus lag ruhig da und nirgends brannte Licht. Vorsichtig ging Harry näher. Alle Fenster waren verschlossen und Harry stutzte, als er ein seltsames Tonschild an der Terrassentür erblickte. Er grinste. Er hatte nicht wirklich viel Ahnung von Runen, aber was diese auf dem Bild bedeutete, wusste er sehr genau. Es war die kuristische Rune ‚Kori' und bedeutete ‚Willkommen'. Fast jede andere Rune hätte ihm Probleme bereitet, aber ein ‚Kori' war immer gut, denn Harry wusste, wie er mit ihr zaubern konnte ohne wirklich seine Magie einzusetzen. Er fuhr mit seinem Zauberstab einmal um die Zeichnung rum und tippte sie dann in der Mitte an. Das Ergebnis war, dass sich die Tür leise öffnete und sämtliche Alarme oder Sicherheitsmaßnahmen der Muggel außer Kraft gesetzt wurden. Muggel dachten, es wäre nur ein Willkommensgruß, aber für Magier war es ein Schlüssel durch die Tür hindurch.
Harry konnte nur den Kopf schütteln, wenn man schon Runen verwendete, dann sollte man auch ihre Funktion kennen. Manchmal waren Muggel aber auch zu naiv.
Wie ein Schatten betrat Harry das Haus und schloss die Tür wieder. Neugierige Nachbarn könnten etwas sehen, was sie nicht verstanden und die Polizei rufen. Alle Vorhänge waren zugezogen, aber Harry interessierte sich nicht für das Wohnzimmer.
Es war so protzig, aber trotzdem konnte Harry sofort sehen, dass der gesuchte Gegenstand nicht hier war. Vielleicht spürte er es auch. In einer Glasvitrine stand eine goldene Schale mit Glasfrüchten, welche Mrs. Cole gehört hatten. Vermutlich hatte diese Schale Mrs. Conwell so gut gefallen, dass sie sie nicht verkaufen wollte. So wie der gesuchte Gegenstand auch noch in diesem Haus war. Ein wertvoller Gegenstand. Ein einmaliger. Ein gefährlicher. Die Muggel sollten dankbar sein, dass Harry hier war, um ihn mitzunehmen.
Harry verließ das Wohnzimmer und blickte kurz in die anderen Räume des Untergeschosses. Alles war so eingerichtet, dass es genau zeigte, was die Familie hatte, aber Harry fand nicht das, was er suchte.
Leise schlich er die Treppe hoch. Er wollte als nächstes das Arbeitszimmer von Conwell untersuchen, aber dafür müsste er es erst einmal finden. Ein Gefühl lenkte ihn und so beachtete er auch nicht die Bilder an den Wänden. Professionelle Fotografien von der Familie vor einem Ferienhaus am Meer und den zwei Töchtern beim tanzen oder reiten.
Fünf Türen gingen vom Flur ab und eine weitere Treppe ins Dachgeschoss. Zwei der hölzernen Türen waren nur angelehnt. Ein kurzer Blick sagte Harry, dass dies die Kinderzimmer waren. Beide in rosa gestrichen und voll gestellt mit Spielzeug. Von Ordnung hatten die Kinder wohl noch nichts gehört. Harry ersparte sich einen genaueren Blick. Vermutlich waren diese beiden Mädchen etwa genauso verwöhnt wie Dudley Dursley. Vielleicht sollte er mal nachsehen, ob irgendeine familiäre Verbindung bestand?! Harry verwarf diesen Gedanken schnell wieder, dafür war seine Zeit zu kostbar und die Information zu uninteressant.
Harry öffnete eine der drei übrigen Türen und blickte in ein vor Sauberkeit strahlendes Badezimmer. Er schloss die Tür wieder. Okay, jetzt blieben noch zwei Türen. Einmal das Elternschlafzimmer und das Arbeitszimmer. Harry glaubte nicht, dass außer einem Gästezimmer und Lagerraum im Dachgeschoss etwas war, dafür sah die Treppe zu unbewohnt aus. Er hoffte nur, damit auch Recht zu haben.
Harry hatte Glück, denn als er die nächste Tür leise öffnete, sah er einen großen Schreibtisch und einen modernen Aktenschrank. Harry war froh, dass ihm der Anblick des schlafenden Conwell erspart blieb. Es war vermutlich ein ähnlicher Anblick wie Vernon und Petunia im Schlafzimmer. Harry hatte erfolgreich diesen Anblick zehn Jahre vermieden und wollte es jetzt nicht ertragen müssen. Lautlos schloss Harry die Tür und blickte sich genauer um.
Das Arbeitszimmer war nicht ganz so groß wie das Büro im Kinderheim, aber dafür war es sehr luxuriös eingerichtet. Vergoldete Schreibutensilien auf einer schwarzen polierten Arbeitsfläche wirkten so exklusiv, dass Harry sich kaum traute sie anzufassen. Allein dieser Gedanke ließ ihn wieder die Wut spüren, die ihn seit dem ersten Besuch im Heim begleitet hatte. Auf der Arbeitsfläche lag eine Akte und Harry sah, dass sie von einem Kind aus dem Waisenhaus war. Einer Intuition folgend zog Harry an dem Aktenschrank und blickte auf Kopien von vermutlich allen Akten und Unterlagen des Heimes. Sie durften gar nicht hier sein. Die Akten waren Staatseigentum und durften ohne schriftliche Genehmigung weder kopiert werden, noch die entsprechenden Einrichtungen verlassen. Harry glaubte nicht daran, dass Conwell diese Genehmigung hatte. Die Akten waren sorgfältig nach Vornamen sortiert, vermutlich, weil Conwell sich die Nachnamen nicht merken konnte oder nicht wollte.
Aus reiner Neugier suchte er Kathrins Akte heraus und grinste. Sie war kein Unschuldslamm, sondern hatte es faustdick hinter den Ohren und war eine sehr gute Schülerin. Harry schmunzelte, dann schluckte er erschrocken. Mit einer plötzlichen Welle des Unbehagens schob er die Akte zurück und entfernte seine Spuren. Jetzt war es nur noch wichtiger, dass niemand nach ihm fragte.
Auch im Arbeitszimmer fand er nicht den Horcrux. Die eine Wand war gestückt mit Auszeichnungen und Medaillen. Harry vermutete, dass sie von irgendwelchen Aktivitäten der Kinder stammten. Vielleicht Ballet oder Reiten?
Harry verließ das Arbeitszimmer wieder und blickte sich im Flur um. Wo sollte die Suche weitergehen? Er fühlte sich als Einbrecher gar nicht wohl. Vielleicht sollte er doch ins Schlafzimmer blicken, nur um sicher zu sein, dass dort nichts war? Harry hatte schon die Klinke in der Hand, als er ein seltsames Geräusch aus einem der Kinderzimmer hörte.
Panisch blickte Harry sich um. Im Flur gab es keine Möglichkeiten sich zu verstecken, also blieb ihm nur die Chance sich im Notfall mit Magie vor der Entdeckung zu schützen. Er würde es nur zu gerne vermeiden. Er horchte mit gespitzten Ohren in die Stille, aber nichts rührte sich. Es blieb mucksmäuschenstill. Steif atmete Harry wieder aus und entspannte sich vorsichtig.
Von Neugier gepackt ging er auf das Kinderzimmer zu und lugte hinein. Er sah nicht viel mehr als vorhin und so ließ er die Tür vorsichtig aufschwingen. Pures Schlaraffenland strahlte ihm entgegen. In diesem Zimmer war vermutlich 10 Mal mehr Spielzeug als im gesamten Kinderheim. Und das neuste Spielzeug lag in der Mitte eines großen Haufens aus Decken, Kissen und Kuscheltieren. Harry hätte es unter dem ganzen Plüsch nicht gesehen, wenn es sich nicht im richtigen Moment bewegt hätte.
Eine schneeweiße kleine Katze lag dort in einem goldenen Kleidchen gezwängt und an einem kleinen Kuscheltierhund gebunden. Sie war noch sehr jung, aber Harry konnte erkennen, dass sie jetzt schon total überfüttert war. Es grenzte an Tierquälerei. Nein, es war Tierquälerei.
Die großen Augen blickten ihn bettelnd an und mit viel Mühe schaffte sie es, den Hund hinter sich herzuziehen, um sich an Harrys Beine zu schmiegen.
Harry vermutete langsam, dass er eine gewisse Faszination auf Katzen entwickelt haben musste. Das Verhalten der Vierbeiner war schon etwas merkwürdig. Keine Katze hielt Abstand und ignorierte ihn. Außer Mrs. Norris, die schien stolzer denn je an ihm vorbei zu schreiten, aber Harry schüttelte darüber nur den Kopf.
Harry kniete sich hin und strich dem kleinen weißen Fellknäuel über den Kopf. Sofort schnurrte sie leise los und drängte sich weiter an Harry heran. Er konnte das Tier nicht hier lassen und dabei genau wissen, dass es eines Tages fett und faul die Fensterbank hüten würde, wobei dies vermutlich noch das beste Schicksal für das arme Tier war. Wenn es langweilig werden würde, würde es ausgesetzt oder dem Tierheim überlassen werden.
Er befreite die Katze von dem Kleid und dem Halsband, welches wohl mal dem Plüschhund gehört hatte. Das Tier streckte sich genüsslich und leckte seine Pfote. Harry hob sie hoch und musste sofort grinsen. Er dachte an das Theater, welches unzweifelhaft folgen würde, wenn am nächsten Morgen die Katze verschwunden wäre. Stress pur für die Eltern und eine Lektion für die Kinder. Harry hatte offensichtlich einen Hang zur Schadenfreude entwickelt. Er war wohl doch mehr Slytherin als er selbst gedacht hätte.
Harry schlich zum Schreibtisch und nahm sich ein leeres Papier (es war rosa), dann schrieb er ein paar Zeilen.
„Haustiere bedeuten Leben, Leben bedeutet Verantwortung, Verantwortung bedeutet Pflichten. Wer Regeln und Gesetze nicht einhalten kann, der verwirkt sein Recht auf ein friedliches Leben. Tierquälerei ist eine Straftat. Dort wo die kleine weiße Katze jetzt ist, wird sie wie ein Lebewesen behandelt und nicht wie ein Spielzeug. Lerne und bessere Dich."
Unterschrieben wurde der Brief mit: „Die weiße Samtpfote."
Harry griff zum Stempelkissen und drückte schnell die saubere Pfote in die violette Farbe und dann auf das Papier. Es sah nicht sehr sauber aus, aber die Pfote war zu erkennen. Harry legte den Plüschhund und den Zettel zurück auf den Berg von Decken und verließ das Zimmer leise. Die Rachsucht hatte ihn gepackt und ohne zu zögern betrat er das andere Kinderzimmer.
Die Katze hatte er vorsichtig in seine große Manteltasche gesetzt, wo sie sich um ihr eingefärbtes Fell kümmerte. Sie schien sich ganz wohl zu fühlen.
Harry blickte sich auch in diesem Zimmer um. Hier herrschte genauso ein Chaos. Überall lag Spielzeug herum und anscheinend liebte das etwas jüngere Mädchen die Märchen- und Prinzessinnenwelt. Ihr Zimmer war der reinste Palast. Vermutlich träumte sie gerade von einem goldenen Ritter, der die Prinzessin vor dem bösen Drachen rettete. Unwillkürlich dachte Harry dabei an Draco. „Nicht nur vor Drachen muss Du Dich fürchten, sondern auch vor Schlangen und Löwen", flüsterte Harry leise.
Er wollte auch hier ein bedeutendes Spielzeug mitnehmen, um beiden Kindern und damit den Eltern eine Lektion zu erteilen. Erst überlegte er die große Prinzessinnenpuppe mitzunehmen, als ihm etwas anderes ins Auge fiel. Seine Augen begannen zu leuchten. Ein Sessel stand am Fenster. Viele Schleier und Tücher hingen darüber. Es sollte vermutlich einen Thron darstellen. Auf einem schmalen Tisch daneben stand eine goldene Schale mit vielen Süßigkeiten, von denen das Papier auf dem Boden verstreut war. Eine goldene Krone und ein goldener Stab, welcher vermutlich als Zepter verwendet wurde, lagen daneben.
Mit einem kalten Lächeln und glühenden Augen nahm er die Krone und den Stab an sich und hinterließ auch hier eine Nachricht über die Entmachtung der Prinzessin. Harry verließ das Zimmer ohne weitere Spuren zu hinterlassen, schnell und leise. Er wünschte sich, dass solche Erziehungen unter Strafe gestellt werden würde, denn man tat weder den Eltern, den Kindern noch der Gesellschaft einen Gefallen damit. Besonders die Gemeinschaft würde darunter nur zu leiden haben.
Durch die Terrassentür verließ Harry das Haus. Leise zog er die Tür wieder ins Schloss und blickte sie nachdenklich an. Die Rune Kori ließ ihn noch einmal lächeln, dann zog er ein Stück Kreide aus der Tasche und malte zwei neue Runen an die Tür: Delio und Peregu. Sie standen für ‚letzte Warnung! Noch kannst Du Dein Handeln verändern' und für ‚leg Dich nie mit jemanden an, der mächtiger ist als Du'.
Harry hätte nie gedacht, dass er wirklich mal froh darüber sein würde, Runenkunde gehabt zu haben. Wenn auch nur für kurze Zeit. Es war schon nett, dass Runen keine einzelnen Buchstaben oder Wörter waren, sondern auch manchmal ganze Sätze oder wenigstens Phrasen. Auch wenn er nie gedacht hätte, sie jemals nutzen zu können, so empfand er es als nette Nachricht an die Erwachsenen. Nur hoffte er, dass sie sie auch verstehen würden. Es waren keine besonders schweren oder unbekannten Runen. Sie sollten auch in der Muggelwelt übersetzbar sein und wenn nicht, dann hatten sie halt Pech.
Harry lief wieder durch den Schnee zurück zu den Bäumen. Natürlich hinterließ er wieder Spuren, aber die Natur war auf seiner Seite. Dicke Flocken fielen vom Himmel und kräftige Windböen fegten durch den Garten. Am nächsten Morgen würde nichts im Schnee auf die Anwesendheit eines Menschen hindeuten.
Mit einem leisen ‚Plopp' disapparierte Harry aus diesem Vorort der Muggel. Er landete allerdings nicht in Hogsmead, sondern beim Kinderheim. Er hatte hier noch etwas Wichtiges zu erledigen, nur diesmal würde er Magie einsetzen. Es wurde Zeit für eine Rund-Erneuerung. Wie das Zaubereiministerium das erklären wollte, interessierte Harry nicht. Seine Signatur war dem Ministerium bisher noch vollkommen unbekannt und sie würden vermutlich nicht nach einem Schüler von Hogwarts suchen. Selbst Dumbledore würde sicher keinen Zusammenhang sehen. Es war seine ganze Hoffnung, aber es war ihm zu Wichtig, als dass er es hätte übergehen können.
Mit einem Schwenker waren alle Fensterrahmen in einem hellen Gelb gestrichen und sie ließen das Haus sofort viel freundlicher und lebendiger wirken als Harry gedacht hätte. Er setzte seine Macht ein, ohne dass jemand ihn störte. Als er das Kinderheim nach fast zwei Stunden verließ, schaute er noch einmal zu den Fenstern mit kindgerechten Gardinen und Vorhängen empor.
Ein braunes Augenpaar sah ihn verwundert durch eins der Fenster an. Harry stutzte kurz, dann zwinkerte er verschwörerisch zurück. Er legte einen Finger an seine Lippen und sie nickte ernst. Harry wusste, dass Kathrin schweigen würde. Bald würde sie dieses Heim verlassen können, denn ihr Bruder würde sie zu sich nehmen können. Sein Medizinstudium war fast beendet und eine Anstellung sicher. Auch eine Hochzeit stand bei ihm an. Harry lächelte ehrlich und mit vollem Herzen zu Kathrin Granger hinauf. Der zukünftigen Tante von Hermione Granger.
Mit einer kurzen Drehbewegung verschwand Harry Potter nun endgültig von diesem Ort.
Er tauchte in Hogsmead in dem kleinen Hinterhof wieder auf. Auch hier hatte es wieder begonnen zu schneien. Harry begann den Schnee wirklich zu mögen und er grinste breit. Dieser Abend war wirklich gut gelaufen, auch wenn er jetzt so müde war, um im Stehen zu schlafen. Mit sicheren Schritten lief er auf die Straße. Eine Hand schnellte hervor und riss ihn herum. Hart knallte er vorwärts an die Hauswand. Er ächzte leise. Ein klägliches Maunzen sagte ihm, dass die Katze diese Behandlung nicht mochte. Er auch nicht.
Schnell griff er nach seinem Zauberstab, wurde aber daran gehindert. Der Griff war nicht extrem fest, aber Harry spürte kalte Wut von der anderen Person ausgehend. Vorsichtig und langsam drehte er sich herum und blinzelte überrascht.
Wütendblitzende Augen sahen ihn an und er entspannte sich. Egal wie wütend Lily auch war, weder von ihr noch von Remus, der noch immer Harrys Zauberstab in der Hand hielt, ging wirkliche Gefahr aus.
„Wo warst Du?", zischte Lily kalt.
„Die Frage hatten wir erst vor kurzem. Was glaubst Du, dass ich Dir jetzt eine Antwort gebe? Lily, Du enttäuschst mich."
Lilys Augen verengten sich noch mehr. Sie wirkte wie eine Katze kurz vorm Angriff.
„Wir sollten zurück", warf Remus leise ein.
„Was macht Ihr hier?" fragte Harry vorsichtig und befreite sich aus dem Griff.
„Wir sind Dir gefolgt und haben dann hier auf deine Rückkehr gewartet, Adrian", sagte Lily wütend. Langsam machten sie sich auf den Weg zurück nach Hogwarts. Harry schluckte. Er hatte nicht mitbekommen, dass sie ihm gefolgt waren. In Zukunft müsste er wirklich besser aufpassen. Ohne die Karte der Rumtreiber war alles so viel komplizierter.
Harry folgte Lily, die nicht in die Richtung des Honigtopfes ging, sondern Richtung Dorfrand. Remus blickte sich unsicher um. Es war deutlich, dass er eine Gefahr witterte und als sie plötzlich drei bärtigen Zauberern gegenüberstanden, stimmte Harry ihm zu. Das Problem war, dass Remus vier Meter von Harry weg stand und noch immer dessen Zauberstab hielt.
„Was wollen kleine Hogwartsschüler zu dieser späten Stunde denn noch hier in Hogsmead?" sprach der eine und musterte besonders Lily sehr genau. In seinem Blick lag etwas Gieriges. Unauffällig trat Harry etwas vor die Gryffindor.
„Das geht Sie gar nichts an", sagte Harry patzig. Er hatte keine Lust auf Konversation. Ein Duell würden sie vielleicht sogar gewinnen, aber Harry wollte Madam Pomfrey und Dumbledore nicht erklären müssen, woher sie die Verletzungen oder Fluchschäden mitten in der Nacht herhatten. Harry hatte ein sehr ungutes Gefühl bei diesen Kerlen. Sie waren Todessern so ähnlich und wirkten genauso gefährlich.
Noch standen sie zwei Meter entfernt und grinsten höhnisch. Harry nahm Lilys rechte Hand unauffällig in seine. Sie schien etwas überrascht, denn es war kein mutmachender Händedruck, sondern ein ‚Vertrau-mir'. Sie nickte leicht, auch wenn sie unnatürlich blass und unsicher wirkte.
„Wie süß!", spottete der schmalste Kerl, der ganz links stand. „Er versucht seine Freundin zu schützen."
Die Kerle lachten dreckig auf. Harry und Lily gingen zwei kleine Schritte zurück, um näher an Remus stehen zu können. Was dies bringen sollte, war Lily nicht ganz klar, aber sie vertraute ihm. Auch Remus suchte nun die Nähe zu seinen Freunden, auch wenn sie im Unterricht etwas anderes gelernt hatten. Für ein Duell war es besser kein gemeinsames Ziel zu bieten, aber Remus war jetzt endlich aufgefallen, dass er noch immer den falschen Zauberstab in der Hand hielt. Der Slytherin konnte gar nicht angreifen, selbst wenn er wollte.
„Sieh an, die kleinen Süßen haben Angst… und dabei wollen wir Ihnen doch nur etwas unter die Arme greifen! Stellt Euch doch mal vor, wie viel Ärger ihr von Dumbledore bekommen werdet, wenn ihr so allein und schutzlos durch die dunkle Nacht irrt! Er könnte ja befürchten, dass seine Schüler in Gefahr sind!" Der Hohn war diesen Worten deutlich zu entnehmen und Harry wusste, dass es bestimmt kein gutes Ende geben würde, wenn er nicht eine Lösung finden würde.
Aus dem Augenwinkel sah Harry, dass zwei weitere Typen näher kamen und er glaubte nicht, dass sie zu ihrer Sicherheit oder Unterstützung agieren würden.
„Was wollt Ihr?" fragte Harry ausweichend und drängte Lily und Remus noch einen Schritt zurück, als die Kerle einen Schritt näher kamen. Er wusste, dass es wir ein Rückzug aussah, aber wenn er etwas gelernt hatte, dann das er seine Freunde nicht ohne ihr Wissen in einen Krieg hineinziehen würde.
Remus stand jetzt fast direkt neben Harry und er war sehr überrascht, als Harry nicht nach dem Zauberstab griff, sondern nach seiner linken Hand. Etwas ratlos blickte Remus zu den drei Männern, die höhnisch grinsten und ihm ganz klar machten, dass sie schnell hier verschwinden mussten. Mit einem überraschenden Schwung zog Harry plötzlich Lily in seine Arme und drehte sich gleichzeitig in Remus Arme hinein. Noch während der Bewegung schloss er die Augen und konzentrierte sich. Das ganze dauerte nur eine Sekunde und ließ daher keinen Raum für Reaktionen.
Es war das erste Mal, dass Harry mit drei Leuten apparierte und er hoffte aus tiefsten Herzen, dass seine Fähigkeiten dafür ausreichten, denn Lily und Remus hatten keine Erfahrung und waren unvorbereitet. Sie konnten ihm in diesem Moment nicht helfen. Bevor die Kerle überhaupt bemerkten und begriffen, was geschah, waren die drei Sechsklässler mit einem leisen ‚Plopp' spurlos verschwunden.
„Was zum Teufel!", schimpfte der Eine noch, während der andere nüchtern blieb: „Seid wann können Schüler Mehrpersonenapparationen?" Der überraschte leise Schrei von Lily und das entsetzte Gesicht von Remus sagten ihnen ganz deutlich, dass nur der Junge in der Mitte appariert war. Auch es war auch nur ein Plopp-Geräusch zu hören gewesen. Wer waren diese Schüler?
oooooooooo
Als Lily die Augen wieder öffnete sah sie nur schwarz. Einen schrecklichen Moment lang hatte sie Angst, dass ihre Augen zurückgeblieben waren. Dann erkannte sie aber, dass ihr Gesicht nur in den weichen Stoff von ‚Adrians' schwarzen Umhang gedrückt war. Erleichtert atmete sie auf und entspannte sich etwas. Auch in Harry kam wieder Leben und er blickte sich achtsam um. Sie waren den Kerlen entkommen, niemand schien in der Nähe zu sein. Harry entspannte sich ein wenig, aber er fühlte sich total erschlagen und ausgelaugt. Eine Apparation nach London war schon kein Zuckerschlecken, aber das ganze gleich zwei Mal hin und zurück, dann der Ortswechsel in London und nun die Gruppenreise ließen ihn taumeln. Remus griff sofort nach seinem Arm.
„Gehts Euch gut?", fragte Harry matt und sah erst Lily, dann Remus prüfend an.
„Das sollten wir eher Dich fragen!?" sagte Remus, dem das blasse Gesicht vom Slytherin gar nicht gefiel. Er war schon einmal appariert, daher war ihm das unangenehme Gefühl nicht so unbekannt, aber er wusste auch, dass Apparieren anstrengend war und viel Energie verbrauchte.
„Alles dran?" Harry überging den Kommentar von Remus geflissentlich.
Lily überprüfte alles, aber es schien wirklich alles dran zu sein. Sie hatte einiges über die Zersplitterung beim Apparieren gelesen und eigentlich hatte sie panische Angst vor dem ersten Mal gehabt. Aber nun war sie nur froh, es heil überstanden zu haben und den Kerlen entkommen zu sein. Es war etwas unangenehm, aber sie hatte sich trotzdem sicher gefühlt, denn ‚Adrian' war da gewesen.
‚Adrian' hatte sie beide aus einer brenzligen Situation gerettet. Sie lächelte ihn an und wollte sich bedanken, aber ihr blieb bei dem Anblick in dem schummrigen Licht einfach die Sprache vollkommen weg. Der schwarzhaarige Junge vor ihr, sah in diesem Moment James Potter so unglaublich ähnlich und wirkte dabei so müde und erschöpft, dass sie einfach hart schlucken musste.
Sie schüttelte den Kopf und riss sich zusammen. „Wir müssen zurück", rief sie geistesgegenwärtig aus und Remus nickte nur. Er hielt Harry noch immer am Arm fest.
„Es geht schon", sagte Harry, aber dieses Mal schüttelte Remus seinen Kopf. Er sah deutlich, dass nur Harrys Wille ihn aufrecht hielt, aber er würde es niemals zugeben.
Beide Gryffindors sahen, dass sie nur zwei Häuserblöcke weiter gereist waren und dass sie sehr vorsichtig weiter laufen mussten. Sie konnten weder einen Streit noch ein Zusammenbrechen von ‚Adrian' gebrauchen. Aber ihr Ziel war nicht mehr weit entfernt und so machten sie sich leise und vorsichtig auf den Weg zurück ins Schloss.
Leise und geduckt liefen sie durch die dunkle Stadt und quetschten sich schließlich in einen ausgehöhlten Baumstamm. Keiner von ihnen war dick und trotzdem war es teilweise ziemlich knapp und eng. Remus ächzte: „Dies ist der Grund, warum wir ihn nicht benutzen. Peter würde hier nicht durchpassen und vermutlich beim Versuch stecken bleiben."
Harry musste leicht schmunzeln, für mehr war er zu müde. Lily hatte sie, Gott sei dank, nicht gehört. Dieser Gang war genauso uneben und steinig, wie die anderen Geheimgänge, aber die Decke hing etwas tiefer. Harry stolperte und Remus helfende Hand konnte ihm gerade noch auffangen.
„Ach ja… ähm… hier", Remus reichte Harry den schwarzen Zauberstab und lächelte entschuldigend. Harry nahm ihn und nickte kurz. Es war im Moment nicht wichtig.
„Oh man, Adrian. Ich wüsste zu gerne, was Du heute Nacht gemacht hast!?" Remus gähnte hinter vorgehaltener Hand und schien keine Antwort zu erwarten. Anders dagegen Lily. Das Mädchen wirbelte herum und versperrte den Jungen den Weg. Tief unter der Erde standen die drei Schüler im Schein von Lilys Lumos und blickten sich müde an.
„Guter Einwand, Remus. Wo warst Du mitten in der Nacht, Adrian? Was hast Du gemacht?" wieder funkelten ihre Augen, aber Harry fühlte sich viel zu erschlagen, um ihr jetzt Rede und Antwort zu stehen. Zumal er ihr sowieso nichts sagen würde.
„Wo und wann hast Du gelernt zu apparieren? Unsere Lehrstunden beginnen doch erst im Januar!" setzte Lily ihre Schimpf-Tirade fort.
„Lily! Las gut sein, … bitte! … Nicht jetzt."
Noch immer hatte sie das Bild von James vor sich, aber diesen Vergleich verstand sie nicht und so senkte sie schnell den Blick. Vor ihr stand ein Jugendlicher, der gar keine Ähnlichkeit mit James Potter hatte. Eine leise Stimme sagte ihr, dass sie sich nicht ganz sicher sein konnte, denn darüber hatte sie noch nie wirklich nachgedacht.
„Ja, ich kann apparieren, aber dies war meine erste Drei-Personen-Apparation. Ich hielt es für die einzige Möglichkeit von den Kerlen, ohne einen Kampf zu provozieren, abzuhauen", sagte Harry mit matter Stimme.
Lily nickte. Vermutlich hatte er Recht.
„Über den Rest können wir wann anders reden. Es ist spät und wir alle müssen ins Bett", warf Remus ein, als Harrys Knie fast nachgaben. „Können wir Dir etwas abnehmen? Du scheinst voll beladen zu sein."
Er hatte leider Recht, denn noch immer waren die Katze, die Krone und der Stab in den Umhangtaschen und es waren nicht unbedingt leichte Sachen.
Harry nahm die Krone und den Stab. Kurz beäugte er die schweren Sachen und gab sie dann in Remus' Hände. „Ich brauche sie aber unversehrt wieder!" murmelte er dabei.
Dann zog er das kleine Fellknäuel heraus und reichte es Lily.
Ein freudiger Schrei sagte ihm, dass Lily sich sofort in dieses Tier verliebt hatte. „Woher hast Du sie?"
„Aus den Händen von Tierquälern gerettet!" antwortete Harry. „Du kannst sie behalten, wenn Du magst. Ich habe schon eine Katze und Cosmo würde nicht glücklich über eine Nachbarin sein."
Lily lächelte strahlend. Behutsam nahm sie die Katze und streichelte ihr zärtlich über den Kopf. „Die ist fett!" sagte Lily und Harry zuckte nur die Schultern.
Einen Moment herrschte eine angenehme Stille, dann seufzten sie zeitgleich auf und schritten zügig zurück nach Hogwarts. Der Geheimgang endete hinter dem Bild von einer schlanken schwarzhaarigen Frau, die mit nachdenklicher Mine ein Pergament in ihren Händen betrachtete.
„Wie ist das Passwort?", fragte Harry. Vielleicht könnte er diesen Geheimgang noch mal gebrauchen?!
Lily schnaubte und schwieg. Remus seufzte. „Zeitreisen"
Harry war etwas überrascht, aber viel zu müde, um sich darüber irgendwelche Gedanken zu machen. Es war fast vier Uhr in der Frühe und alle wollten nur noch ins warme Bett.
„Gute Nacht", sagte Harry und verschwand schwankend im nächsten Gang. Remus blickte zu Lily, die noch immer die kleine Katze auf dem Arm hielt. Jetzt bemerkte er, dass er noch immer diese komischen Gegenstände in den Taschen hatte. Er würde sie bei Gelegenheit zurückgeben.
Ohne Umwege verschwanden alle drei Schüler in ihren Betten und entwischten nur knapp der Aufsicht von Filch. Kaum in ihren Betten angekommen, fielen sie in einen tiefen Schlaf.
Der nächste Morgen kam schnell und drei müde Schüler saßen an ihren Haustischen. Sanuel wurde von Lin auf die müde Gryffindorschülerin hingewiesen. Er runzelte die Stirn und blickte seinen Freund neugierig an: „Adrian, kann es sein, dass Du etwas Unanständiges in der letzten Nacht angestellt hast und nun mit uns darüber reden willst?"
Harry blickte ihn konfus an, dann schüttelte er den Kopf. Er zuckte zusammen, als Lin ihm vorwurfsvoll den Tagespropheten vor die Nase auf den Tisch warf. Deutlich sah er die Überschrift:
„Skandalöse Offenbarung unserer Welt! Magische Veränderungen im Muggelkinderheim von London. Täter unbekannt."
Harry las den Artikel nicht weiter. Das magische Bild zeigte ihm das, was er wissen wollte: Ein Mr. Conwell, der mit den Nerven total am Ende war. Vermutlich war er von Zuhause geflohen und hatte im Heim den totalen Schock seines Lebens erhalten. Die Auroren konnten nur die Erinnerungen ändern und Harry hoffte auf die Vernunft der Unsäglichen. Er wusste, dass zumindest in der Zaubererwelt Kinder als etwas Wertvolles und Schützenswertes angesehen wurden. Vielleicht würde es ja zu einer fähigen Nachfolge kommen, denn Conwell würde diesen Beruf nicht länger ausüben. Nicht ausüben können.
Vermutlich würde das Ministerium Harrys Magie aufspüren können, aber hoffentlich waren sie nicht in der Lage ihm dies zuzuordnen. In dem Artikel wurde nur von einem Unbekannten geredet. Harry durfte nicht bewusst mit dem Ministerium in Kontakt treten. Er durfte denen nicht auffallen. Dumbledore würde sich erst im absoluten Notfall mit seinen Bedenken an das Ministerium wenden und Harry hoffte, dass es bis zu diesem Moment noch viele Tage vergehen.
Harry lächelte Lin unschuldig an und nahm gelassen einen großen Schluck von seinem heißen Kaffee. Sanuel nahm dagegen die Zeitung neugierig und las den Bericht aufmerksam durch.
„Wenn sie Dich dabei erwischt hätten…" Sanuel ließ diesen Satz bewusst offen, während er die Zeitung an Lin zurückgab. Harry verdrehte die Augen.
„Wobei denn?" Harry blickte Sanuel unschuldig an und zeigte dann auf den Artikel. „Niemand weiß, wer es war und wie kommst Du darauf, dass ich etwas mit dieser Glanzleistung zu tun hatte?"
Sanuel begriff, dass sein Freund dazu keine Stellung beziehen würde. Er verzog sein Gesicht missbilligend.
„Ich gehe davon aus, dass Du auch…"
„Warum hast Du das gemacht?" zischte eine helle Stimme hinter ihm. Die Slytherins drehten sich überrascht um, während Lily sich schon zwischen Harry und Lin quetschte. Sie nahm den Tagespropheten aus Lins Händen und blickte auf die Schlagzeile, dann sah sie Harry vorwurfsvoll an. „Ich verstehe Dich nicht. Vielleicht sollte ich zu McGonagall gehen…"
„Damit sie auch Dich und Remus rauswerfen?" Harry sah sie streng an und spielte dabei ganz bewusst auf das Gerücht an, welches in Hogwarts die Runde machte. Ein Gerücht über drei Schüler der höheren Jahrgänge in Hogsmead und das mitten in der Nacht.
Lily sah ihn aus großen Augen erschrocken an. „Das wagst Du nicht!"
Harry straffte sich und blickte Lily finster an: „Ich will es nicht, aber es wäre trotzdem besser, wenn Du schweigen würdest." Es war eine Drohung und Harry meinte es sogar total ernst.
Lily nickte verschreckt. Sie wollte keinen Ärger bekommen. Auf die Kommentare von ihren Freunden und von zu Hause konnte sie gut und gerne verzichten, außerdem wollte sie ihrer Schwester nicht so einen Triumph bieten. Und sie wollte Harry nicht verpetzen, denn dann wäre die Freundschaft unwiderruflich kaputt. Etwas, was sie nun gar nicht riskieren wollte.
oooooooooo
Harry hoffte, dass dieses Gerücht schnell wieder verstummen würde und nicht bis zu den Lehrern vordrang. Leider blieb diese Hoffnung nicht lange. Schon vor dem Abendessen hatte Harry eine hektische und erschrockene Diskussion zwischen Sprout und McGonagall bemerkt. So wunderte Harry sich nicht großartig, als McGonagall während des Essens die Schüler genau durch ihre quadratische Brille beobachtete und auch Dumbledore besorgt einige Worte mit Flitwick wechselte.
Harrys Augen trafen auf die hellblauen von Dumbledore und Harry konnte sich ein fragendes Augenbrauenhochziehen nicht verkneifen. Dumbledores Blick verengte sich dabei ein wenig mehr. Harry konzentrierte sich wieder auf sein Essen, auch wenn er es kaum anrührte. Seine Gedanken liefen auf Hochtouren. Er musste ein wenig aufpassen, wie er sich den Lehrern gegenüber verhielt, denn es interessierten sich jetzt schon zu viele Personen für sein Handeln. Nicht nur Dumbledore und die Lehrer, sondern auch Lily und Remus würden ihn jetzt nach dem nächtlichen Abenteuer noch genauer beobachteten. Hoffentlich taten sie sich nicht mit Lin und Sanuel zusammen, denn wenn sie alle ihre Informationen und Gedanken über Harry teilen würden, dann kämen sie der Wahrheit vermutlich erschreckend nahe.
Harry beschloss vorsichtiger zu sein, etwas anderes blieb ihm wohl gar nicht übrig. Das Problem mit der Hogsmead-Erlaubnis wurde daher nur noch verzwickter. Wenn er keine hätte, würden alle sehr skeptisch werden, dass könnte er im Moment gar nicht gebrauchen.
Harry schob seinen fast vollen Teller von sich und traf auf Lins Blick. Er war inquisitorisch. Insgeheim fürchtete er, dass er eines Tages Lin und Sanuel wenigstens zu einem gewissen Teil in seine wahre Geschichte einweihen musste. Sie würden es nur nicht glauben. Wie sollte man so etwas auch glauben? Gryzabel hatte da einfach mehr vertrauen, sie war halt keine Slytherin und sie hatte Harry und Draco aus dem Wald gerettet. Für Gryzabel galten einfach andere Regeln.
Er lächelte Lin vorsichtig an. „Was?", fragte er, als sich ihr Blick nur noch verdüsterte.
„Du wirst nicht drum herum kommen uns bald zu sagen, was Du planst! Du wirst es nicht alleine schaffen."
„Ich muss!", mehr sagte Harry nicht und stand schließlich mit verschlossenem Gesicht auf. Es überraschte ihn, als eine hektische Lily und ein nervöser Remus ihn vor der großen Halle abfingen und in eine etwas ruhigere Ecke zogen.
„Hey! Was ist passiert?", fragte Harry schließlich besorgt. Die Alarmglocke in seinem Kopf beruhigte sich nicht. Remus schien besorgt und Lily blickte sich vorsichtig nach unerwünschten Mithörern um.
„Alle Vertrauensschüler werden zusammengerufen. Den Lehrern ist das Gerücht zu Ohren gekommen, dass mindestens ein Vertrauensschüler unter den drei Ausflüglern war. Meine Anstecknadel muss gesehen worden sein.", flüsterte Lily leise. „Die Lehrer scheinen dieses Gerücht sehr ernst zu nehmen und wollen uns nun verhören."
„Glaubt Ihr nicht, dass es dann auffällig ist, dass Ihr mich dann abfangt? Und warum wissen Lin und Sanuel noch nichts von diesem Treffen?"
„Slughorn ist etwas langsam und hat sich bei den Viertklässlern festgequatscht. Jedenfalls sah es so aus."
Kaum hatte sie geendet, als Sanuel mit großen Schritten aus der Großen Halle gestürmt kam. Fast lief er an der kleinen Gruppe vorbei, dann bremste er scharf. Sein besorgter Blick hing an Harry.
„Du weißt Bescheid?", fragte Sanuel aufgeregt, mit einem fragenden Blick auf Lily und Remus.
„Ja, ich weiß von dem Treffen. Aber glaubt Ihr nicht, dass Ihr Euch alle etwas auffällig verhaltet. Wer kann Euch dann noch für unschuldig halten? Ihr stützt das Gerücht nur noch mehr."
„Was sollen wir den Lehrern sagen?"
„Ihr seid doch Gryffindors, also verhaltet Euch mutig und bleibt ruhig. Es gibt keine Beweise oder glaubwürdige Zeugenaussagen, es war stockfinster im Dorfund ihr trugt Kapuzen. Ihr müsst nur den Mund halten und NICHT auffallen. Und nun verschwindet zu dem Treffen…"
Lily und Remus sahen Harry sauer an. Harry fühlte sich von diesen Blicken tief verletzte und angegriffen. Er ging in die Verteidigung: „Ihr hättet mir nicht folgen müssen. Es hat Euch niemand dazu überredet oder gezwungen!" verteidigte Harry sich barsch. Warum erhielt er denn jetzt die ganze Schuld? Er hatte nicht um ihre Aufmerksamkeit und Sorge gebeten.
„Darum geht es auch nicht, aber viele verdächtigen Dich. Nicht mal die Rumtreiber stehen so hoch auf der Verdächtigenliste. Vermutlich halten alle Lin und Sanuel für Deine Begleiter. Wie ist dieses Gerücht bloß so schnell hier gelandet?!"
„Vermutlich durch Dorfbewohner oder Kindern der Todesser. Woher soll ich das denn wissen?! Nun geht endlich, es wird schon gut gehen, wenn Ihr Euch nicht verrät."
Etwas anderes hätte Harry auch schlecht sagen können. Aber er war wütend, weil ihm die Schuld gegeben wurde. War er denn wirklich an allem schuld? Musste er denn ALLE Probleme lösen?
„Oh, Mr. Jericle, gibt es irgendwelche Probleme?" McGonagall war aus der Großen Halle aufgetaucht und trat nun zu der kleinen Versammlung. Harry hoffte sehr, dass sie nichts von dem vorangegangenen Gespräch mitbekommen hatte. Er senkte kurz den Blick und atmete tief durch.
„Nein, natürlich nicht, Professor McGonagall. Wieso sollte es Probleme geben?"
Die Lehrerin beäugte die vier Schüler argwöhnisch, besonders Remus' Anwesendheit schien sie zu überraschen. Es war etwas Neues und Unbekanntes.
„Ich denke, Mr. Quilg, Mr. Lupin und Mrs. Evans müssen sich jetzt im dritten Stock einfinden..." Sie wandte sich mit einem scharfen Zug um den Mund ab, drehte sich aber noch mal zu den Schülern um. Ihr strenger Blick durch die quadratische Brille hing dabei ausschließlich an Harry. „Mr. Jericle, wenn sie etwas zu den Gerüchten zu sagen haben, dann können sie uns natürlich zu dem Treffen begleiten."
Harry versteifte sich und blickte seine Lehrerin aber stur an. „Professor! Ich hoffe dies ist keine Unterstellung! Ich denke nicht, dass ich irgendetwas Interessantes oder Nützliches berichten könnte. Bei unqualifizierten Unterstellungen könnte man selbstverständlich beim Schulrat Beschwerde einreichen. Ich denke nicht, dass Sie das wollen?!"
Während die drei Vertrauensschüler erschrocken Luft holten, versteifte sich das Gesicht von McGonagall noch mehr und sie nickte schließlich steif. Sie schob ihre Brille zu Recht und straffte sich: „Natürlich nicht, Mr. Jericle. Entschuldigen Sie, falls es den Anschein gemacht hat. Ich habe nur gedacht, dass ihr kurzes Zusammentreffen von großer Wichtigkeit sein muss, daher nahm ich an, dass Sie vielleicht etwas zu den Geschehnissen beitragen könnten."
Harry akzeptierte die Entschuldigung mit einem kurzen Nicken und wartete dann, bis McGonagall verschwunden war, dann drehte er sich zu seinen Freunden um. Sein Blick war eisig. Mittlerweile hatte auch Lin sich zu ihnen gesellt.
„Ich hoffe Ihr seid zufrieden?!" Harrys Stimme war kalt und schneidend. Er blickte besonders Lily und Remus an. „Ich hatte Euch nicht gebeten mir zu folgen… mir nachzuspionieren. Ich hatte nie vor Euch in Gefahr zu bringen und doch bekomme ich die Schuld daran. Die Probleme von EUREM Ausflug bekomme ich, wo ist bitte da die Gerechtigkeit?"
Lin wollte etwas sagen, verstummte aber bei Harrys Blick sofort. So dunkel waren seine Augen seit Halloween nicht mehr gewesen und Lin machte sich Sorgen.
„Ich hatte nie vor mich mit Euch anzufreunden. ICH wollte Euch NICHT."
Harry funkelte jetzt auch Lin und Sanuel an. „Es war EURE Wahl, nicht meine. Ich habe es satt von anderen benutzt zu werden. Es gibt nur einen Grund, warum ich in Hogwarts bin und der bereitet mir nur Probleme. Ihr mischt Euch ein. Und es geht Euch dabei gar nichts an. Ihr habt keine Ahnung. Ihr habt nicht die geringste Ahnung, um was es geht. Ihr wisst nicht einmal, auf welcher Seite des Krieges ich stehe. Ihr wisst nicht, welche Motive mich lenken und welches Handeln dadurch begründet wird. IHR KENNT MICH NICHT und ich will verflucht sein, wenn ich dies ändere. Lasst mich einfach in Ruhe. Bleibt von mir weg und kümmert Euch um Eure Probleme!"
Am Ende war Harrys Stimme schneidender und etwas lauter geworden. Sein Blick war verschlossen und kalt.
„Aber Adrian…", versuchte es Lily zaghaft.
„KEIN aber!!" zischte er sie sofort an. „Ich habe die Nase gestrichen voll. Ich werde weder mich noch mein Handeln vor Euch rechtfertigen. Lasst mich einfach in Ruhe. Es ist besser, wenn Ihr davon keine Ahnung habt!"
Dies waren seine letzten Worte, bevor Harry sich energisch umwandte und im Gang Richtung Kerker mit festen Schritten verschwand. Vier Schüler blickten ihm erschüttert und traurig hinterher.
„Das meinte er wohl ernst", sagte Remus schließlich leise, die anderen drei nickten zur Bestätigung.
„Wie sollen wir uns denn jetzt verhalten?"
„Ich denke, Lin, wir sollten jetzt erst einmal zu der Versammlung gehen und hoffen, dass es wirklich keine Beweise gibt und McGo sich nicht zu sehr auf Adrian eingeschossen hat. Wenigstens können wir beweisen, dass weder Lin noch ich, heute Nacht die Schule verlassen haben."
„McGo? Das wird sie nicht gerne hören, aber Du hast Recht", lächelte Lily etwas gequält. Sie hatte das Gefühl, als ob ein wichtiger Teil ihres Lebens gerade zerbrochen war. Wie konnte ‚Adrian Jericle' ihr so wichtig in so kurzer Zeit geworden sein?
So gingen die Vertrauensschüler schweigend und in düstere Gedanken vertieft zu der Versammlung im dritten Stock und hofften, dass Adrian sich wieder beruhigen würde. Diese Hoffnung zerplatze, als er während des ganzen Abends und am nächsten Tag jeglichen Kontakt vermied. Der Blick war eisig und seine Haltung starr. So schnell würde sich die Situation nicht entspannen. Harry Potter war ein verdammter dickköpfiger Kerl.
Lily seufzte, das war wohl der typische Gryffindorstarrsinn, denn so konnte sie sich wenigstens dieses Gerücht erklären. ‚Adrian' war ein Slytherin, aber immer deutlicher zeigten sich auch Eigenschaften eines Gryffindors und wenn sie sich nicht total irrte, dann wusste der Junge dieses ganz genau. Als wäre ‚Adrian' ein Gryffindor… als wüsste er genau, welche Anforderungen an einen Gryffindor gestellt wurden. War ‚Adrian' mehr Gryffindor oder mehr Slytherin? Lily wusste es nicht. Die Frage quälte sie noch, als sie müde in ihr Bett fiel und Esmares Fragen abblockte. Sie hatte niemanden von ihrem Abenteuer erzählt und sie würde es vermutlicht auch nicht machen, zu groß war die Gefahr, dass die Lehrer etwas davon erfahren würden. Lily wollte nicht von Hogwarts geworfen werden, Petunia würde nur ihre helle Freue an dieser Schande haben.
In was war Lily da bloß hineingeraten? Aber wirklich bereuen konnte sie es auch nicht, denn so war sie immerhin an ihr neues Haustier gekommen, dass sich in dem großen Schloss sichtlich wohl, auch wenn es jetzt in den Wintermonaten immer kälter wurde. Lily verstand die Welt nicht mehr.
oooooooooo
Es geht bald weiter…
Ist Harry mehr Slytherin oder mehr Gryffindor? Wie wird er sich seinen Freunden gegenüber in naher Zukunft verhalten?
