Titel: Ein Leben wie die Zukunft
Autor: Momixis
Zeit: spielt nach „Halbblutprinz"
Kapitel: 5/9
Teil: 5/9
Paare: Es kommen viele der typischen Paare vor, aber Hauptpersonen werden Harry und Draco sein… (später auch als Paar)
Warnungen: Slash, Charadeath, lange Geschichte, unterschiedlich lange Kapitel….
Inhalt: Harry und Draco sind durch die Zeit gereist und nun haben sie die Chance etwas zu verändern. Harry will diese Möglichkeit nutzen ohne die Menschen, die ihm wichtig sind in Gefahr zu bringen. Wird er es schaffen? Wird er alleine den Weg gehen können? Welche Rolle wird Draco zu Teil? Und halten die Rumtreiber und die anderen Schüler von Harry? Was denkt Dumbledore?
MIR GEHÖRT NICHTS UND ICH VERDIENE DAMIT AUCH KEIN GELD!
Danke an die Reviewer!!
Teil V
Nervenaufreibende Umbrüche
Kapitel 5
Unerwartete Erkenntnisse
Der von allen Schülern so herbeigesehnter und für Harry so wahnsinnig nervenaufreibender Samstag begann mit ganz deutlichen Ermahnungen von Dumbledore während des Frühstücks. Kaum jemand hörte wirklich zu, denn alle Schüler waren viel zu aufgeregt und voller Vorfreude auf das anstehende Event.
Etwas seltsam fand Harry es schon, dass das Hogsmeadwochenende nach den Gerüchten über Todesser Ende November in Hogsmead nicht abgesagt wurde. Aber es waren halt doch nur Gerüchte und auch Harry hätte den Gerüchten wohl kein großes Gewicht zugestanden, wenn er nicht genau wüsste, dass es halt keine Gerüchte waren, sondern Tatsachen entsprach. Dieses Wissen hatten die Professoren und Dumbledore nicht, sonst hätten sie auch gewusste, wer die drei Schüler gewesen waren. Lily und Remus hatten sich zur Großen Überraschung tatsächlich still verhalten und so gab es keine Beweise, um irgendjemanden zu belasten. Außerdem konnte sich niemand erklären, wer der Siebtklässler gewesen sein könnte, der apparieren konnte. Dies lenkte vom ehemaligen Fünftklässler zuverlässig ab.
Keine Stunde später machte sich die ganze Schülerscharr ab der vierten Klasse auf den Weg nach Hogsmead. Alle zehn Meter lief ein Lehrer oder ein Auror, um die Schüler zu überwachen oder eigentlich zu beschützen, aber für Harry kam es einer Überwachung gleich, besonders da ihm überwiegend skeptische und vorwurfsvolle Blicke der Erwachsenen entgegengebracht wurden. Sanuel und Lin zogen ihn aber unbeeindruckt von der Überwachung nach Hogsmead.
Kaum hatten sie das Dorf erreicht, stürmte ein großer Teil der Schüler in den Honigtopf und die Besitzer hatten alle Hände voll zu tun, um dem Ansturm gerecht zu werden.
Lin, Sanuel und Harry schlenderten in aller Ruhe zu Zonkos, sie wollten sich nicht stressen lassen. Vor dem Geschäft blieben sie stehen und besahen sich die Auslage. Im Geschäft war es genauso voll wie in allen anderen Läden auch und Harry fühlte keinen Ergeiz sich auch in das Getümmel zu stürzen. In Zonkos konnte Harry die große Gestalt von Remus sehen und wusste, dass die restlichen Rumtreiber da wohl nicht weit waren. Er wollte ihnen aber nicht begegnen, denn dann wäre womöglich der Frieden vorbei. Harry grummelte leise. Sanuel auch, aber aus einem ganz anderen Grund.
„Wie soll man denn hier einkaufen?", maulte Sanuel und schüttelte den Kopf.
„Eigentlich ist sowieso alles von Filch auf die verbotene Liste gesetzt worden!" sagte Lin sichtlich enttäuscht, als sie die neusten Traumtabletten betrachtete. Harry hatte von ihnen gehört, sie garantierten süße Träume von deinem Schwarm. Harry fand da die Glaskiller doch ein wenig einfallsreicher. 15 Sekunden nach ihrem zerdrücken, gaben sie Geräusch von zerbrechendem Glas wieder. Der Horror jeder Hausfrau.
Harry beobachtete Lin, er konnte sich gut vorstellen, dass sie sich hervorragend mit Fred und George verstanden hätte. Eigentlich gut, dass die Natur da einen großen Altersabstand eingebaut hat. Wäre Fred mitgekommen und hätte Kontakt zu den Rumtreibern gefunden, dann hätte McGonagall vermutlich nach ihrem ersten Nervenzusammenbruch gekündigt.
McGonagall wusste aber noch nichts von dieser neuen Generation Rumtreiber und war daher im Moment noch munter und ausgeglichen. Soweit das denn bei ihrer jetzigen Aufgabe denn sein konnte. Sie stand kein 30 Meter von Harry entfernt und schickte den dunkelhaarigen Slytherin einen mehr als schmalen Blick bevor sie ihren Patrouilliengang fortsetzte und zu den Drei Besen schritt.
Harry sah gerade noch, wie die Lehrerin Lily, Esmare, Sal und Mick freundlich zulächelte, als diese die Gaststätte eilig betraten. Trotzdem vermisste Harry seine McGonagall und sein Gryffindor. Ein sehnsüchtiges Lächeln legte sich auf Harrys Züge. Er vermisste seine Zeit. Seine Freunde, seine Lehrer, seine Familie (womit nicht die Dursleys gemeint waren), er vermisste einfach sein Zuhause.
Lin war gerade am überlegen, ob sie nicht vielleicht doch kurz woanders hingehen sollten, um sich aufzuwärmen, da verließ ein Mädchen das Geschäft und Sanuel quetschte sich ohne zu zögern in den Laden der Zauberscherze hinein. Keiner der beiden japanischen Schüler hatte den dunklen Schatten in Harrys Augen gesehen, da sie in diesem Moment zu sehr auf ihre eigenen Bedürfnisse achteten.
„Wollen wir solange in die Besen?" fragte Harry leise ohne Lin anzusehen. Er hatte keine große Hoffnung, dass Sanuel in den nächsten 30 Minuten den Laden wieder verlassen konnte, aber Lin schüttelte vehement den Kopf und trat auch in das kleine Geschäft. Zum Glück verließen es gerade drei Siebtklässer aus Ravenclaw und Hufflepuff.
„Ich warte hier!" Harry seufzte. Hierfür hatte er Sirius erpresst? Stress mit den Lehrern in Kauf genommen? Um mitten im Winter auf der Straße zu stehen und zu warten? Ihm war nicht kalt, da sein Umhang mit allen notwendigen Zaubern belegt war, aber er ging weder gerne shoppen, noch wartete er gerne vor überfüllten Läden und sich hineindrängen kam für ihn auch nicht in Frage, denn er hasste es, wenn er die Situation nicht im Blick hatte. Ein überfüllter Raum war einfach zu gefährlich, man konnte sich nicht frei bewegen und Flüchen eventuell ausweichen. Es war schon schlimm, dass er in jeder Situation so dachte…
Es fing wieder an zu schneien und Harry fürchtete, bei einem Blick in die dunkel grauen Wolken über ihnen, einen neuen Schneesturm. Bei zu schlechtem Wetter würde der Ausflug spontan abgesagt werden und Harry wusste nicht genau, ab wann das Wetter als schlecht oder unsicher eingestuft werden würde. Darüber hatte Dumbledore sich am Frühstückstisch nicht genauer geäußert, aber vermutlich wusste er es selbst nicht so genau. Es würde eine intuitive Entscheidung werden. Harry lehnte sich an die Hauswand neben den Eingang und sah die Straße hinunter.
Der Schneefall wurde etwas dichter und Harry blickte zu McGonagall, die gerade nicht zu sehen war. Vermutlich sprach sie sich mit einem anderen Lehrer ab, denn Harry hatte vorhin Kemir Sandor gesehen. Ein furchtbarer Lehrer, mit dem Harry einfach nicht grün wurde. Irgendwann würde es zu einem Krach mit ihm kommen, denn irgendwann würde Lily nicht mehr rechtzeitig intervenieren können … oder wollen.
Die Rumtreiber verließen laut schwatzend und sichtlich zufrieden Zonkos. Sie beäugten Harry kritisch. Lin und Sanuel waren im Moment nicht mehr zu sehen. Sie waren in dem Gedränge verschwunden. Harry versucht die vier Gryffindors nicht weiter zu beachten, aber es fiel ihm sehr schwer. Er blickte wieder zu McGonagall.
Die Lehrerin war noch nicht wieder aufgetaucht und Harry bekam ein ungutes Gefühl.
„Wo ist McGonagall?" fragte er leise und mehr zu sich als zu den Rumtreibern, die noch immer vor Zonkos standen und diskutierten, wohin sie al nächstes gehen wollten.
„Was interessiert es Dich? Willst Du wieder eine Strafarbeit bekommen?" fragte Sirius höhnisch, während Remus sich aufmerksam umsah. „Da vorne ist ein Auror, frag ihn doch!" sagte Remus leise.
Harry sah den Auror, aber hatte er vorhin dort nicht Flitwick gestanden? Harry runzelte die Stirn. Der Auror blickte ihn mit verschlossener Mimik an und wandte sich dann wieder ab. Harry hatte ein ganz ungutes Gefühl.
„Bringt die Schüler zurück nach Hogwarts!" wies Harry die Rumtreiber leise aber bestimmt an.
„Frag doch erstmal den Auror…!" setzte Remus an, aber Harry unterbrach ihn: „Vorhin stand dort Flitwick und plötzlich sind zwei Lehrer weg?! Und der Auror ist komisch!"
Harry hatte seinen Zauberstab unbemerkt gezogen und pirschte nun unauffällig zu der Stelle, wo er McGonagall zuletzt gesehen hatte.
Remus folgte ihm langsam.
„Moony spinnst Du?"
Der Werwolf murmelte nur etwas von „Vertrauensschüler und meine Aufgabe", was James schnauben ließ. Manchmal war diese Vertrauensschülersache wirklich ein Fluch.
Aufmerksam blickte Harry sich um, er kam bei dem Eingang von den Drei Besen an, ohne eine Spur von McGonagall gesehen zu haben. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ein sehr ungutes Gefühl nagte an ihm. McGonagall war zu streng und verantwortungsbewusst. Sie würde niemals ihren Posten aufgeben und nicht ihre Arbeit tun.
Die Rumtreiber waren Harry missmutig gefolgt, vermutlich nur wegen Remus' Verantwortungsgefühl.
„Da ist sie!" sagte James genervt und alle blickten zu der Häuserecke, hinter der gerade eine freundlich lächelnde Verwandlungslehrerin erschien. Sie schob ihren Hut zurecht und zog den Mantel fest zu. Die fünf Jungen atmeten erleichtert auf und Harry entspannte sich. Er hatte sich wohl doch geirrt. McGonagall lächelte den Jungen freundlich und mit einem Augenzwinkern zu und ging dann fast schlendernd Richtung Zonkos.
Harry zögerte nicht, sondern schockte die Professorin von hinten. Die augenblicklich in sich zusammensackte und im Schnee liegen blieb.
Peter schrie erschrocken auf: „Wieso hast Du das gemacht? Du Verräter … Du…Du …"
„Halt die Klappe, Peter!" fuhr Sirius den kleinen Jungen scharf an, auch er hielt seinen Zauberstab in der Hand und blickte sich wachsam um. Er war kampfbereit, genau wie Harry.
„Was?"
„Seit wann werden wir und Jericle von McGonagall ‚freundlich' angelächelt, ohne einen mahnenden Blick zu bekommen?!" erklärte James kurz. „McGonagall agierte alles andere als typisch!" Er hatte Jericles und Sirius' Gründe fast augenblicklich erkannt, auch wenn er sie nicht wirklich verstand. Er verstand die ganze Situation nicht, aber er folgte seinem Instinkt.
Die Gryffindors liefen schnell zu der Lehrerin im Schnee hinüber, neben der der Slytherin schon hockte. Harry fesselte die Person vor ihm und ließ sie unauffällig in einen dunklen Häusereingang schweben. Offensichtlich hatte noch kein Auror, Lehrer oder Todesser dieses Spektakel mitbekommen, sonst hätten sie längst reagiert. Das Eingreifen der Schüler war noch unbemerkt geblieben und Harry wusste, dass dies ihre einzige Chance war.
„Lasst uns verschwinden", jammerte Peter nervös. Er sah ängstlich zu ein paar Schülern, die fröhlich schwatzend in die drei Besen gingen und nichts von dem Drama um eine ihrer Lehrerinnen mitbekommen hatten.
Harry murmelte ein „Feige Ratte!", aber scheinbar hatte es niemand gehört.
„Was sollen wir jetzt tun?", fragte Sirius: „Alarm geben oder fliehen?"
„Bist Du ein Gryffindor oder nicht? Wir müssen die Schüler in Sicherheit bringen, bevor Panik ausbricht oder es zum offenem Kampf kommt."
Die vier Jungen blickten überrascht zum einzigen Slytherin hinüber.
„Wie denkst Du, schaffen wir das, Jericle?"
„Wir trennen uns und sagen allen Schülern leise Bescheid, ohne in Panik zu geraten. Die Todesser und wenn möglich auch keine Auroren oder Lehrer dürfen davon etwas mitbekommen. Wenn es zum offenen Kampf kommt, wird es Verletzte geben!
„James, geh Du in die Drei Besen, Peter und Remus nehmt den Honigtopf und guckt auch bei der Heulenden Hüte vorbei. Sirius, nimm Du das Café. Ich geh zu Zonkos zurück und sage dort Bescheid, dann werde ich im Eberkopf nachgucken. Versucht alle Schüler in Sicherheit zu bringen. Ich will hier niemanden von den Schülern sterben sehen."
Nicht nur Sirius starrte den Jungen fragend und fassungslos an. Seit Mittwoch hatte sich etwas in seiner Beobachtung verändert. Noch immer mochte er diesen Jungen nicht, er war ein Slytherin, aber etwas hatte seine Aufmerksamkeit und Neugier erregt und es war nicht die Erpressung. Sirius hatte zwar keine Ahnung warum er erpresst wurde und woher ‚Jericle' das nötige Wissen hatte, aber dieses ernsthafte und wirklich freundliche „Danke" hatte ihn vor den Kopf gestoßen. Und Sirius hatte keine Zweifel daran, dass der Slytherin wirklich schweigen würde, etwas, was ihn irgendwie verunsicherte. Noch hatte Sirius seinen Freunden nichts von diesem Zwischenfall erzählt, aber nach den aktuellen Geschehnissen würde es notwendig sein. ‚Jericle' wusste eindeutig zu viel von ihnen und handelte damit so selbstverständlich, als wenn er mit diesen Informationen aufgewachsen wäre oder schon seit Jahren ihr bester Freund war. Eine sehr merkwürdige Situation.
Als alle Jungen Harry nur anstarrte, statt zu handeln, fragte dieser scharf: „Was?"
„Wer bist Du, dass Du glaubst uns Befehle geben zu können?" schnappte James entrüstet. Offenbar hatte Harry den Aufgabenbereich von James als Sprecher der Gruppe übernommen und das passte dem gar nicht, denn Harry machte dabei nicht einmal eine schlechte Figur.
Leise Wut kroch in Harry empor und er straffte sich nur noch mehr. Aufrecht stand er vor den Rumtreibern und blickte James hart an. „Ich weiß nicht wie viel Zeit wir haben, aber falls Dir etwas an Lily liegt, solltest Du Deinen Hintern in die Drei Besen bewegen und sie mit den anderen Schülern nach Hogwarts und damit in Sicherheit befördern. Es ist nur so ein Rat von mir. Ihr könnt ja machen was ihr wollt. Ihr wisst, wo ich bin…" Mit diesen bissigen Worten drehte Harry sich um und lief eiligst zurück zu Zonkos. Sein schwarzer Umhang wirbelte dabei den frischen Schnee auf und machte deutlich wie ernst die Lage war.
Bei Zonkos angekommen, lief er gleich Lin und Sanuel in die Arme, sofort erzählte er den Beiden mit knappen Worten von der aktuellen Situation. Die beiden Slytherins bekamen ganz große Augen und wollten sofort ins Schloss zurück. Harry schaffte es aber ohne große Probleme sie zur Mithilfe zu bewegen. Lin quetschte sich wieder in den Laden, während Sanuel nachsehen wollte, ob die Rumtreiber ihre Aufgabe erledigten.
Harry lief zum Eberkopf, der etwas abseits vom zentralen Geschehen lag. Hierher verliefen sich nur sehr wenig Schüler, aber Harry wollte sichergehen. Bevor der schwarzhaarige Junge die Tür zur Kneipe öffnen konnte, trat ein stämmiger Mann heraus und Harry erkannte ihn sofort. Sein Herz blieb stehen und sein Blick verdüsterte sich.
Es war der bärtige Mann aus der „Hogsmead-Nacht". Auch in den graubraunen Augen des Todessers leuchtete ein Feuer des Erkennens und die schmalen Lippen verzogen sich zu einem schmierigen Grinsen. Im ersten Moment wusste Harry nicht, was er genau machen sollte oder wie er reagieren könnte. Dann hörte er seinen Namen: „Jericle?!"
Harry blickte sich überrascht um und erblickte einige ihm wohlbekannte Slytherins. „Was will denn der brave Jericle hier im bösen Eberkopf? Vielleicht doch die Seiten wechseln?"
Bis eben war Harry in heller Aufregung gewesen. Er hatte sich noch nicht entschieden, mit welcher Taktik er vorgehen wollte, nun hatte er keine Wahl mehr, denn Draco hatte klar offen gelegt auf welcher Seite Harry stand. Eine bittere Gelassenheit, die er durch die vielen Begegnungen mit Todessern und Voldemort gezwungener Maßen entwickelt hatte, machte sich in ihm breit. Konzentriert und kühl blickte er zu Draco, Lucius, Snape und Narcissa. Einen Moment länger als nötig blickte er das Mädchen an: „Ich weiß wenigstens was richtig ist! Ich kenne meinen Weg und weiß, dass ich ihn nie bereuen werde, auch wenn ich dafür sterben werde!"
Schwarze Augen starrten den Jungen an. Dieser Slytherin sollte jünger als sie sein? Im Moment erschien ‚Jericle' ihm sehr viel älter und reifer, erfahrener und abgebrühter, stolzer und gefährlicher. In diesem Moment traute Snape dem anderen Slytherin alles zu, sogar dass er wusste wovon er sprach.
Harry wandte sich von seinen Mitschülern ab und blickte in das bärtige Gesicht des Todessers. „Soll ich Sie schocken oder verschwinden Sie von selbst?" fragte Harry mit kalter Stimme und erhobenen Hauptes.
Ein dröhnendes Lachen antwortete ihm, aber Harry zögerte nicht länger. Mit einem kurzen Schwenker fiel der Kerl in sich zusammen und gab keinen Mucks mehr von sich, wenigstens im Moment nicht. Magie war schon etwas Tolles, besonders wenn man so unterschätzt wurde. Hinter sich hörte er ein leises Keuchen, was vermutlich nur aus Überraschung den Lippen von Narcissa entwichen war.
Ohne weiter Zeit herauszuzögern, öffnete Harry die Tür zum Eberkopf und wusste sofort, dass es einer seiner größten Fehler in seinem Leben war. Die Kneipe war verräuchert und schmutzig. Miefiger Gestank kam ihm entgegen und Harry schüttelte sich, während er seinen Blick weiter durch den Raum gleiten ließ. Er schluckte schwer. In der einen Ecke lagen McGonagall, Flitwick und Sandor bewusstlos und gefesselt. Zahlreiche Verletzungen in Gesicht, an Armen und Beinen zierten ihre Körper. Harry wusste nicht, ob sie überhaupt noch am Leben waren.
In einer anderen Ecke lag der Wirt. Er war offensichtlich tot. Seine offenen Augen starten Harry leblos an. Zum Glück war es nicht Aberfort, der Bruder von Dumbledore, sondern ein Harry unbekannter Zauberer, trotzdem berührte dieser Blick Harry tief. Aberfort würde wohl erst später diese Kneipe übernehmen und hoffentlich für Schüler sicherer machen.
Zahlreiche Phiolen mit einem dickflüssigen braunen Zeug standen auf einem der Tische, vermutlich war es Vielsafttrank. Dies erklärte dann vieles.
Alle anwesenden Personen wandten sich der geöffneten Tür zu und blickten zu der Gestalt, die noch immer unentschlossen im Türrahmen stand. Zwischen den Todessern standen einige Schüler, aber Harry erkannte sie als Verbündete der Todesser und nicht als Gefangene.
Die gelben Augen von einem der Siebtklässler aus Slytherin verzogen sich gefährlich.
„Wer ist das?" bellte eine kalte Stimme von der anderen Seite der Theke. Es hatte eindeutig Vorteile nicht bekannt zu sein und jünger auszusehen, als man sich fühlte. Er wurde von allen Erwachsenen unterschätz und meistens als nicht so wichtig eingestuft. Aber die Schüler kannten ihn besser.
Harry sah den großen Todesser an, der jetzt nach vorne kam, aber Harry konnte hinter der schwarzen Kapuze nichts erkennen.
„Er ist ein Slytherin, gehört aber nicht zu uns, Vater!" sagte der Siebtklässler hochnäsig. Diese Antwort schien den großen Todesser voll auszureichen und Harry sah sich etwa 10 Zauberstäben gegenüber. Harry war ein guter Kämpfer, aber kein Dummkopf. Der erste Fluch kam auf ihn zu und Harry blockte ihn instinktiv, bevor er die Tür zuschlug und magisch verschloss.
Es behage ihm gar nicht die Lehrer in der Gefangenschaft zu lassen, aber tot konnte er ihnen auch nicht helfen, also flüchtete er erst einmal. Auf der anderen Straßenseite standen noch immer die Sechstklässler, aber Harry beachtete sie nicht weiter. Im Moment waren sie nicht in akuter Gefahr, denn sie standen auf der anderen Seite, und sie würden ihm aber auch keine Hilfe sein. Vielleicht waren sie schlau genug, schnell zurück nach Hogwarts zu gehen.
Harry hob seinen Zauberstab zum Himmel. Die Tür vom Eberkopf zerbarst hinter ihm in viele tausend Splitter. Harry schrak zusammen und blickte kurz zurück. In der Türöffnung erschienen fünf der Todesser, mit wutverzehrten Gesichtern.
„PERICULUM" rief Harry mit voller Kraft und wie Sylvesterraketen schossen rote Funken in die grauen Wolken. Es dauerte keine halbe Minute bis die Auroren und Lehrer auf diesen Alarm antworteten. Aber Harry wartete nicht mal ein paar Sekunden ab, sondern lief so schnell er konnte im Zickzack die Straße entlang und in die nächste Seitenstraße hinein. Er musste versuchen die Todesser abzuschütteln, um die Schüler zu retten. Die Flüche schossen an ihm vorbei und knallten wie Granaten, wenn sie auf eine Hauswand trafen. Harry hatte keine Möglichkeit allem auszuweichen und so streifte ihn der eine oder andere Fluch und zerrissen seinen Umhang. Auch die niederfallenden Steine hinterließen ihre Spuren, wenn Harry durch eine dicke Staubwolke aus Dreck lief. Doch Harry ignorierte die Schmerzen und lief einfach weiter. Adrenalin wurde durch seinen Körper gepumpt und ließ ihn einfach weiter rennen.
oooooooooo
Noch war Harry etwas abseits des Geschehens, aber er kam dem Zentrum, wo sich die meisten Schüler aufhielten gefährlich nahe. Was sollte er machen? Die Todesser zu den Schülern führen? Hoffen, dass die anderen Lehrer und Auroren die Situation schon im Griff haben würden? Harrys Schritte wurden langsamer und unentschlossener. Er wusste nicht, was das Richtige war. Plötzlich hörte er seinen Namen.
Jemand rief ihn.
„Adrian!"
Die Stimme kannte Harry gut, denn selbst mit soviel Angst und Panik hatte er sie schon oft gehört. Immer wenn Dementoren in seiner Nähe waren oder auch manchmal in seinen Träumen.
Lily lief panisch auf ihn zu und James folgte ihr sichtliche wütend und besorgt. Offensichtlich wollte sie ‚Adrian' suchen und dies gefiel James ganz und gar nicht. Besonders nicht, als die offensichtlich sehr wütenden Todesser in der Straße auftauchten.
„Oh mein Gott!" stöhnte Lily und wurde merklich blass.
Harrys Schritte wurden wieder zielstrebiger und schneller, als er auf die Zwei zulief und sie gemeinsam flüchteten. „Was ist passiert?" fragte Lily im laufen.
„Nicht jetzt!" zischte Harry. Er konnte die Sorge von Lily heraushören, aber im Moment war es kein guter Zeitpunkt für ein Pläuschchen. Ein paar grüne Blitze schossen über ihre Köpfe hinweg. Harry zog die beiden Gryffindors in die nächste Seitenstraße, um mehr Wände zwischen sich und die Verfolger zu bringen. Keine 20 Meter weiter standen sie schwer atmend vor einer hohen Hauswand. Sie waren in einer Sackgasse gelandet.
„Scheiße", fluchte Harry laut.
„Und was nun Jericle? Willst DU, dass wir drei gegen 10 Todesser kämpfen, oder was?" schrie James Harry aufgebracht an. James kam gar nicht auf die Idee, dass es nur eine Falle war. Er vertraute diesem Jungen in dieser Sache, obwohl er nie gedacht hätte, dass es jemals dazu kommen könnte.
Harry wusste nicht genau, was besser wäre: sich duellieren oder apparieren. Er würde ja vielleicht apparieren, wenn er wüsste wohin?! Hogsmead war nicht mehr sicher und London zu weit weg, jedenfalls für eine Drei-Personen-Apparation. Für irgendwelche Selbstverwandlungen war es auch zu spät, denn im Eingang standen die Todesser und grinsten unter ihren Kapuzen höhnisch. Harry spürte dieses arrogante Gehabe am ganzen Körper.
„Sie mal an! Aus eins, mach drei! Da ist uns der Kleine ja richtig in die Falle gelaufen!"
Diese Stimme kannte Harry und sein ganzer Körper versteifte sich. Wie er diese Frau hasste! Wie er sie wirklich abgrundtief hasste.
Bellatrix Lestrange.
„Bellatrix!" spie Harry voller Verachtung aus. Sein Zauberstab zeigte direkt auf die Frau.
„Kenne wir uns?" fragte sie amüsiert, aber auch ein leichter Funken Interesse schwang mit. Kaum ein verhüllter Todesser mochte es, wenn der Gegner ihn mit Namen ansprechen konnte. Besonders nicht, wenn es sich um einen fast unbekannten Jungen handelte.
„Nein", sagte Harry mit zusammengebissenen Zähnen. „Du kennst mich nicht, aber ich kenne Dich!"
Ein grüner Blitz schoss auf ihn zu und Harry wich geschickt aus. Er kannte Bellatrix Art zu kämpfen mittlerweile recht gut. Schnell blickte er hinter sich, um sicher zu sein, dass weder Lily noch James getroffen waren. Aber beide Gryffindors standen mit erhobenem Zauberstab und entschlossener Mine neben Harry. Sie waren kampfbereit.
Harry wartete nicht, sondern setzte ein was er konnte. Gut, er hatte ein Duell gegen Voldemort gewonnen, aber da hatte er auch nichts zu verlieren gehabt. Und diesen Kampf wollte er eigentlich nicht nur gewinnen, sondern auch überleben und James und Lily sollten unversehrt bleiben. Es ging ihr gerade um sein Leben und um das seiner Eltern. Er durfte nicht versagen.
Lily und James ergänzten Harry perfekt. Zu dritt zeigten sie den Todessern, was ein perfektes Duellteam ist. Nach 20 Minuten extremen Kampfes lagen 4 ohnmächtige Todesser am Boden und 6 kämpften weiter, gegen langsam erschöpfte Schüler. Die Schulduelle liefen höchsten 10 Minuten lang und dadurch konnten sie keine Ausdauer aufbauen.
James schrie schmerzhaft auf, als ein Cruciatusfluch ihn am Arm erwischte. Lily konnte den Todesser lähmen, so dass der Fluch abgebrochen wurde, aber in ihrer Sorge reagierte sie nicht schnell genug und sie wurde von einem Fluch getroffen, der ihre Beine zu Stein werden ließ. Daraufhin trafen sie zwei weitere heftige Flüche, bis Harry sich schützend vor Lily und James aufbauen konnte. Lily war zu Boden gesackt und James kroch zu ihr. „Lily!" keuchte er voller Angst.
„Wie geht's ihr?" fragte Harry panisch ohne sich umzublicken. Ihr durfte nicht passiert sein. Das durfte einfach nicht sein. Wilde Wut flackerte in seinen Augen auf.
Ein Glassplitterregen kam über sie, als ein Fenster über ihnen zerschellte.
Zwei weitere Todesser lagen Handlungsunfähig auf der Straße, aber dafür kam ein neuer hinzu. Er fluchte wie wild. „Sie sind alle entkommen… schon vor dem Alarm, waren fast alle auf dem Weg zurück… irgendwer muss sie gewarnt haben…"
„ER", schrie Bellatrix und zeigte aggressiv auf Harry.
Harry wusste, dass sie hier weg mussten. Die Lehrer würden die Schüler erst alle nach Hogwarts bringen und dann überprüfen, wer fehlte. Das würde zu lange dauern. Sie mussten aus dem Gefecht raus und zwar sofort.
„James, nimm Lily auf den Arm und stell Dich hinter mich!" wies Harry James leise aber hart an. Die Todesser sollten davon nichts mitbekommen. Sie durften keine Lunte riechen.
„Was? Warum?"
„Stell keine Fragen! Tu es!" fuhr Harry ihn an und schickte einem Blumenkasten mit Geranien einen Verwandlungszauber, der bewirkte, dass die Todesser nun mit Erde beworfen wurden. Wenigstens etwas wurden die Todesser dadurch abgelenkt und die kleine Dattelpalme war nur eine kleine Nachahmung der peitschenden Weide, aber auch sie lenkte ab. Harry hätte gerne gewusst, was McGonagall oder Dumbledore dazu sagen würde, aber wenn nicht schnell für die Rettung sorgte, dann wäre es einfach egal wie gut er mittlerweile in Verwandlung war.
Eine leichte Berührung und leise gewisperte Worte sagten Harry, dass James bereit war. James stand mit blassen Gesicht da und hielt eine verletzte und ohnmächtige Lily in den Armen. James Augen zeigten deutlich Panik und Skepsis. So viel Vertrauen schenkte er dem Slytherin nun doch nicht, aber die Angst überwiegte.
Ein Fluch zu Bellatrix, der sie schmerzhaft aufstöhnen ließ, dann ein „Vertrau mir!" an James und Harry griff nach den breiten Schultern seines Vaters und apparierte mit höchster Konzentration weg vom Geschehen in Hogsmead. Er hoffte von ganzem Herzen, dass es gelingen möge. Es war der letzte Ausweg. Ihre einzige Möglichkeit.
Diesmal war die Landung weniger elegant. James, erschrocken über die plötzliche Reise und geschwächt durch den Kampf und den Folterfluch, ließ Lily augenblicklich zu Boden gleiten und strauchelte, während Harry, der noch in letzter Sekunde von einem Fluch in den Rücken getroffen wurde, sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte und mit einem schrillen Schmerzenslaut vornüber in den fast ein Meter hohen Schnee fiel. James sank auch zu Boden und stöhnte auf.
Die Kälte und die Nässe interessierten in diesem Moment keinen. Die Ruhe und Friedlichkeit war wichtiger und notwendiger. Hier waren sie sicher.
„Warum sind wir vorher nicht appariert, wo Du es doch offensichtlich kannst!" flüsterte James aufgebracht und rappelte sich mühsam auf. Er krabbelte zu Lily und strich sanft eine rote Haarsträhne aus dem bleichen Gesicht.
„Ich wusste nicht wohin und ich wusste nicht, ob ich es schaffe", murmelte Harry mit zusammengebissenen Zähnen in den Schnee hinein. Sein ganzer Körper war taub, nur der starke Schmerz war zu spüren. Er versuchte sich langsam auf die Seite zu drehen, damit er etwas sehen konnte, aber ein stechender Schmerz, der ihm fast das Bewusstsein raubte, machte diesen Versuch sogleich zunichte. „Wie geht's Lily?"
„Ich denke sie wird sich wieder erholen, wenn sie bald in ärztliche Behandlung kommt…"
„hm…"
„Hast Du gehört? Du musst uns SOFORT nach Hogwarts oder St. Mungo bringen", fuhr James Harry wütend an, der noch immer mitten im Schnee lag und sich nicht rühren konnte.
„Ich würde es ja gerne machen… aber ein scheiß Fluch hat mir eine scheiß schmerzhafte Wunde am Rücken zugefügt, die es mir im Moment nicht ermöglicht mich zu bewegen, geschweige denn aufzustehen und zu apparieren."
Dieser wütende Kommentar wäre vermutlich weit beeindruckender geworden, wenn Harry dabei nicht in den Schnee gesprochen hätte, aber James hatte auch so verstanden.
Der Gryffindor stand vorsichtig auf und kniete sich neben Harry in den Schnee. Mit einer harschen Bewegung strich er den hohen Schnee zur Seite. Unter Harrys Körper hatte sich der Schnee rot verfärbt und James hob fragend die Augenbraue. Hatte er eben noch an einen kleinen Kratzer gedacht, so war das Blut ein deutliches Indiz für eine schwerere Wunde. Er nahm seinen Zauberstab und zerschnitt vorsichtig Harrys Umhang am Rücken. Jede einzelne Stoffschicht entfernte er langsam und äußerst vorsichtig.
„Sind wir hier denn sicher?" fragte James ruhig.
„Ja", sagte Harry zischend. „Wir sind auf dem Grundstück von Gryzabel… ähm Professor Camiz."
„Oh" Nicht nur James war davon überrascht. Harry war über seinen eigenen Gedanken sehr erstaunt gewesen, als er zum apparieren angesetzt hatte. Eigentlich wollte er doch nach London flüchten, auch wenn er sich ziemlich sicher war, dass es nicht funktioniert hätte. Dies hier war viel besser, denn es war sicherer und viele Meilen näher als London. Es hatte nicht die komplette Kraft gekostet und das Risiko war einschätzbar gewesen, wenn auch nicht gering. Er war furchtbar erschöpft.
Harry stöhnte schmerzhaft auf, als James die letzten Stoffschichten entfernte und die tiefe Wunde offenbarte.
„Oh man…" hauchte James geschockt. Die Wunde sah gefährlich aus und blutete stark. Er hatte regelrecht ein schlechtes Gewissen, dass er gedacht hatte, dass der Slytherin über einen kleinen Kratzer jammerte. Diese Wunde war keine Schramme. „Ich weiß nicht, ob ich das heilen kann."
„Du brauchst es nicht zu heilen. Bitte mach nur, dass es nicht so schmerzt", zischte Harry zwischen seinen Zähnen hindurch.
„Ins Haus kommen wir nicht, oder?"
„Ne… AU…chhhhh ich denke nicht. … Die Hauselfe … hört nur auf … Gryzabel … und ist vermutlich gar nicht hier…", Harry stöhnte schmerzerfüllt auf. Natürlich war Tanja nicht hier… das Haus war kalt und magisch verschlossen. Alle zwei Tage kam die Hauselfe und versorgte die Tiere, wo Tanja jetzt steckte wusste Harry nicht, da Gryzabel dies ihm nicht gesagt hatte. Aber es spielte auch keine Rolle, denn Tanja hörte wirklich nur auf Gryzabel.
„Die Wunde sieht schlimm aus und ich hoffe, dass Du das wirklich heil überstehst. Wir haben Dir heute viel zu verdanken… Beiß die Zähne zusammen…"
Bevor Harry James sagen konnte, dass er das schon die ganze Zeit machte, spürte er ein kühles wachsartiges Gel über seinen Rücken laufen und sich schmerzhaft über die Wunde legen. Er schrie spitz auf und grub sein Gesicht wieder in den kalten Schnee. Das Gel glitt jetzt an den Seiten hinab und legte sich um Brust und Bauch. Harry atmete heftig.
„AHHH… scheiße… Was ist das?!"
Harry biss sich dann in die Hand, um dieses Gefühl ertragen zu können. Viel half es nicht, nur hatte Harry jetzt seine Zahnabdrücke in der Haut abgebildet. Das kühle Gel breitete sich jetzt nicht weiter aus, sondern blieb als Schicht auf Rücken, Bauch und Brust bestehen. Der Schmerz flaute langsam ab bis nur noch ein dumpfes Pochen übrig blieb.
„Es sollte die Wunde stabilisieren und Dich vor neuen Verletzungen schützen, aber Du musst ruhig bleiben und ruhig atmen, sonst reißt dieser Schutzpanzer und die Betäubung bricht", erklärte James mit müder Stimme.
Harry atmete tief durch und spürte, wie dieser ‚Schutzpanzer', wie James es genannt hatte, sich elastisch an seine Bewegungen anpasste.
„Versuch aufzustehen!" forderte der Gryffindor ihn auf und Harry bewegte sich vorsichtig auf die Seite. Er vertraute auf die Zauberkünste von James, aber man wusste ja nie. Ein dumpfer Schmerz im unteren Rückenbereich sagte ihm, dass es wirklich keine kleine Schramme war. Harry schaffte es schließlich mit James' Hilfe aufzustehen. Unauffällig wischte Harry sich die Träne aus dem Augenwinkel.
Aufrecht zu sitzen war ein Drama, es tat trotz Zauber höllisch weh und Harry musste jede Streckung oder Belastung des Rückens vermeiden. Auch stehen war nicht sehr viel besser. Etwas wacklig stand er da und blickte James das erste Mal in voller Ruhe und Friedlichkeit an. Die schwarzen verwuschelten Haare, die Gesichtszüge, die Brille und auch die Statur waren vergleichbar. Er sah seinem Vater wirklich verdammt ähnlich. Zum Glück wirkten die Tabletten und jegliche Ähnlichkeit wurde überdeckt, auch wenn seine Haare jetzt vermutlich sehr ähnlich verwuschelt waren.
Harry seufzte schwer und voller Wehmut, dann blickte er zu Lily. Sie war noch immer ohnmächtig, aber ihre Gesichtzüge hatten sich entspannt. James hatte dafür gesorgt, dass sie nicht fror.
„Kannst Du apparieren?" James sah hoffnungsvoll zu Harry, der nach kurzem überlegen den Kopf schüttelte.
„Nicht, wenn wir heil in Hogsmead landen wollen. Wir müssen einen anderen Weg zurück finden."
„Ach und welchen? Willst Du per Anhalter zurück oder was? Der fahrende Ritter ist vor Monaten vom Ministerium abgeschafft worden. Oh, vielleicht können wir reiten…" Der Sarkasmus war deutlich, aber ein Blick auf Harry ließ den Gryffindor stutzen. Harrys Augen leuchteten. „Ja, lass uns reiten…"
„Spinnst Du Jericle?!" James starrte ihn an und Harry starrte zurück. „Wir können nicht bis Hogwarts reiten! Und Du ganz besonders nicht. Jeder Schritt des Tieres wird Dich umbringen!!"
„Vertrau mir", war alles, was Harry dazu sagte, den letzten Kommentar hatte er einfach überhört. Er steckte Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zwischen die Lippen und stieß einen grellen Pfiff aus.
Dann blickte er James an. „Ich denke, Du nimmst Lily mit auf Baghs Rücken. Ich versuche eine möglichst schmerzfreie Position bei Rag zu finden."
Während Harry sprach und James alle Möglichkeiten der geistigen Gestörtheit des Slytherins durchging, kamen, wie nicht anders zu erwarten, der schwarze Hengst Rag und der schwarzblaue Hengst Bagh durch den Schnee gelaufen als wäre er Luft.
Rag rieb sofort freudig seine Nüstern an Harrys Schulter und schnaubte glücklich. Harry kraulte ihn zwischen den Augen. Für James wurde deutlich, dass dies alte Freunde waren. Auch der andere Hengst holte sich seine Begrüßung, bis Harry James zunickte: „Dann mal los!"
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich…"
„Dann bleib halt hier und warte, bis ich jemanden zu Dir schicke, James. Aber ich kann Lily nicht mitnehmen und ich weiß nicht, wann Hilfe kommt."
Harry ging langsam und steif auf Rag zu und überlegte, wie er am Besten auf den Rücken kommen konnte, ohne seine Verletzung zu sehr zu belasten. Er wusste, dass James ihm folgen würde. Nicht weil der Gryffindor ihm vertraute, sondern für Lily. Ganz allein für Lily wird er Harry begleiten. Die Liebe war stark und es tat Harry wahnsinnig gut zu wissen, dass seine Eltern sich wirklich und wahrhaftig aus vollem Herzen liebten und geliebt hatten.
Anscheinend wusste Rag mal wieder ganz genau, wo Harrys Problem lag, denn er legte sich ohne Aufforderung auf den Boden und Harry konnte aufsteigen. Allerdings merkte er schnell, dass es ihm nicht möglich war breitbeinig auf dem breiten Rücken zu sitzen. Es belastete seine Verletzung zu sehr. Es fühlte sich an, als wenn jemand ihn in zwei Teile spalten wollte.
Harry seufzte und setzte sich wie im Damensattel hin. Auch diese Position war schmerzhaft, aber Harry biss die Zähne zusammen. Mit der rechten Hand hielt er sich an der weißen Mähne fest und hoffte, dass er nicht hinunter fiel. Zwischen zusammengebissenen Zähnen holte er zischend Luft. Es war eine Qual.
Rag erhob sich ruckartig und Harry zuckte zusammen. Es würde zum Höllentrip werden, so wie James es angekündigt hatte. Es gab jetzt aber kein zurück. Harry klopfte auf die Flanke und schloss die Augen „Na dann mal los!"
Auch James saß zweifelnd auf dem Rücken von Bagh. Lily auf seinem Schoß und sicher im Arm. Harry kommentierte dieses Bild nur mit einem kleinen Lächeln, für mehr war er einfach nicht in der Lage. Der Schmerz nahm sein ganzes Denken ein.
„Los!" sagte er und sofort setzten Bagh und Rag sich in Bewegung. Beide Hengste liefen geschmeidig durch den Schnee, als wäre kein Hindernis da. Harry biss die Zähne zusammen und stöhnte unterdrückt auf. Seine Hand verkrampfte sich in der Mähne.
James schrie auch auf, aber vor Überraschung. „Ahh… verdammt... nicht so schnell…" Vielleicht hätte Harry ihn vorwarnen sollen, aber dafür war es zu spät und Harry hatte genug damit zu tun, nicht vor Schmerzen das Bewusstsein zu verlieren.
Schneller als beim letzten Mal stieß Rag sich vom Boden ab und ging in einen sanften Flug über. Langsam nahmen die Schmerzen wieder ab und Harry atmete erleichtert auf. Müde versuchte er sich an Rag zu lehnen, verlor dabei aber fast das Gleichgewicht. Er musste verdammt vorsichtig sein, denn er hatte keine Erfahrung in dieser Sitzposition und der schnelle Ritt und der Absprung waren schon sehr heikel gewesen.
Harry zuckte zusammen, als James erschrocken aufschrie, dann war kurz Ruhe. Bagh schloss auf Rag auf und Harry sah, dass James mit Lily noch immer auf dem Pferd saß. James schien sich einfach nur erschrocken zu haben. Sein wütender Blick wanderte zu Harry, neutralisierte sich aber schnell wieder, als er das schmerzerfüllte Gesicht und den kalten Schweiß auf der Stirn des Slytherins sah. James wusste ziemlich genau, dass ‚Adrian' Höllenqualen durchlitt. Da konnte er ihm nicht wirklich böse sein. James schloss erschöpft die Augen und holte tief Luft. Friedlich flogen sie durch die grauen Wolken und der kalte Wind blies den Schnee in ihre Augen.
„Du hättest mich warnen können. Wer sollte denn wissen, dass diese… Pferde fliegen können!" Der Ton war nicht wirklich vorwurfsvoll. Auch James hörte sich entkräftet und müde an. Es war ein anstrengender Tag gewesen und dabei war es gerade erst Mittag.
„Sorry!" nuschelte Harry. Die kalte Luft und der dumpfe Schmerz trieben ihm die Tränen in die Augen und er schloss sie müde.
„Du darfst nicht pennen, Jericle!" rief James aus. Harry nickte.
„Erzähl mir von Dir!"
„Was?" Harry war etwas überrascht über diesen Plauderton und öffnete seine Augen.
„Wenn Du redest, dann schläfst Du nicht so schnell ein", war die Erklärung des Gryffindors. „Sind Deine Eltern stolz auf Dich, dass Du in Hogwarts bist und für das Licht kämpfst?"
Harry blinzelte. Was sollte er denn bitte darauf antworten?! Es war Ironie der Situation, wer hätte auch gerade von James so eine Frage erwartet?
„Ein Freund meines Vaters hat mal gesagt, dass meine Eltern sehr stolz auf mich wären, aber sie selbst könnten dies nicht so richtig ausdrücken." Harry war mit dieser Antwort richtig zufrieden. Es entsprach der Wahrheit und verriet aber nichts.
James schien diese Ansicht nicht zu teilen.
„Was sind das bitte für Eltern?! Ich würde meinem Sohn sagen, wie stolz ich auf ihn bin, wenn er bereit ist für das Richtige zu kämpfen!"
Natürlich wusste James nicht, was er mit dieser Aussage erreichte, aber Harry lächelte glücklich. Es rührte ihn wahnsinnig, dass James so dachte. Er hatte sich James noch nie so nah gefühlt, wie in diesem Moment. Unauffällig wischte er eine weitere Träne aus dem Augenwinkel, die rein gar nichts mit der kalten Luft zu tun hatte.
„Wie sind Deine Eltern, James?" fragte Harry. Er wollte mehr von seiner Familie erfahren.
„Irgendwann musst Du mir mal sagen, warum Du alle so selbstverständlich mit Vornamen ansprichst. Wieso weißt Du so viel über uns?! Aber okay… Meine Eltern sind klasse. Sie wollten mich allerdings aus dem Krieg raushalten und nicht zurück nach Hogwarts lassen…"
„Warum?"
James blickte traurig zu ihm hinüber. Dann schluckte er und antwortete: „Sie hatten Angst, dass mir auch etwas zustoßen könnte, wie der Familie meines Bruders…"
Harry erstarrte… James hatte einen Bruder… Er, Harry, hatte einen Onkel gehabt… Er hätte eine richtig große tolle magische Familie gehabt, wenn es keinen Krieg geben würde…
Die zwei Jungen sprachen nicht mehr viel, aber immer wieder etwas, um nicht einzuschlafen. Die Pferde wussten offensichtlich den Weg und die beiden Jungen konnten nichts anderes tun als warten…
Immer wieder nickte Harry ein, aber erwachte dann wieder ruckartig. Es wurde immer kälter und Harry war sich sicher, dass sie bald ankommen müssten. Eine schwarze Rauchwolke kam ihnen entgegen und die Pferde wichen aus. Harry und James versuchten zu erblicken, woher dieser Rauch kam, aber sie flogen zu hoch und zu tief in den grauen Wolken.
Langsam sanken sie tiefer und Harry atmete erleichtert auf, als er das Schloss in den grauen Abendwolken erspähte. Rag setzte auf und ein plötzlicher stechender Schmerz zuckte durch Harrys Körper und ließ ihn ohnmächtig vom Rücken des großen Hengstes gleiten. Dumpf kam er auf dem weißen Boden an und blieb reglos liegen. Der frische Schnee verfärbte sich langsam dunkelrot.
Rag stoppte sogleich, warf den Kopf nach hinten und wieherte laut. James blickte erschrocken zurück und sah den unbeweglichen Körper von Harry im Schnee liegen. Es verwunderte ihn nicht wirklich. Die Wunde war tief und die Schmerzen mussten die Hölle gewesen sein. Eigentlich verwunderlich, dass ein so zierlicher Junge so lange durchgehalten hatte. Er war ein Slytherin und die waren nicht für ihr Durchhaltevermögen bekannt.
James überlegte kurz, was er tun sollte, aber da kam Hagrid schon angelaufen. Die Erde bebte unter seinen Füßen. Noch nie hatte James sich so gefreut den Wildhüter zu sehen. Vermutlich hatten die Tiere ihn angelockt.
„Hallo Hagrid!" sagte James mit müder, gebrochener Stimme, aber auch er war glücklich und erleichtert. Sie waren wieder in Sicherheit. Sie hatten es wirklich geschafft nach Hogwarts zurückzufinden. Erschöpft ließ er sich vom Rücken des Hengstes gleiten, nachdem Hagrid Lily auf den Arm genommen hatte. Das nächste Ziel für die drei Schüler war die medizinische Abteilung von Hogwarts.
oooooooooo
Harry erwachte im Krankenflügel. Es war nichts Neues, aber er fühlte sich total erschlagen. Kaum hatte er gegen das helle Licht der Sonne angeblinzelt, als Madam Pomfrey zu ihm kam.
„Ah, Sie sind aufgewacht! Wie geht es Ihnen?"
„Wie lange bin ich schon hier?"
„Das ist jetzt nicht wichtig, wie fühlen Sie sich?"
„Es ist wichtig und ich fühle mich als wäre ich vom Pferd gefallen."
„Das bist Du auch!" sagte eine sanfte Stimme. Harry blickte sich vorsichtig um und sah Lily in einem anderen Bett sitzen.
„Lily! Wie geht es Dir?" Harry versuchte sich aufzurichten, aber die Medihexe drückte ihn energisch zurück in die Kissen.
„Mrs. Evans geht es wieder gut, sie kann heute noch den Krankenflügel verlassen. Sie aber bleiben noch ein wenig hier. Der Fluch hat ganz schönen Schaden angerichtet und das sie dann stundenlang durch die eisige Kälte fliegen, hat nicht zur Heilung beigetragen."
Harry schwieg. Er wusste, dass Pomfrey jetzt keine Erklärung oder Entschuldigung hören wollte. So schluckte er brav die Tränke und erfuhr dann auch, dass er nur einen ganzen Tag hier gelegen hatte. Das bedeutete er brauchte ganz bald seine Tabletten, sonst würde er seine Gestalt von Harry Potter wieder annehmen und ganz viele Fragen beantworten müssen. Viele Fragen würden auch so auf ihn zukommen, wegen den Geschehnissen in Hogsmead. Harry hatte noch keine Ahnung, wie er dass alles erklären sollte.
Harry schlief nach einiger Zeit unter der Wirkung eines Schlaftrankes wieder ein.
Als er das nächste Mal erwachte, stand Lin neben seinem Bett und lächelte erleichtert. Harry nutzte gleich die Chance und beauftragte sie die Tabletten aus dem Jungenschlafsaal zu holen. „Spinnst Du? Du kannst nicht einfach Tabletten schlucken, wenn Du in medizinischer Behandlung bist."
„Sei still Lin! Ich weiß, was ich tue."
Ein wütendes Blickduell entstand und Harry gewann. Lin schnaubte und verließ den Krankenflügel mit einem relativ energischen Türzuschlagen.
Harry seufzte. Ein Problem weniger. Kaum hatte er das gedacht, als Professor Dumbledore und James den Krankenflügel betraten. Lily saß aufrecht auf ihrem Bett und war entlassen worden, wartete aber offensichtlich auf diesen Besuch. Harry befürchtete schlimmes.
„Mr. Jericle, wie gehst es Ihnen?" fragte Dumbledore und beäugte Harry kritisch.
„Gut, nur etwas müde" sagte Harry bewusst ruhig.
„Mr. Potter weigert sich, über die Geschehnisse in Hogsmead zu sprechen. Er ist der Meinung, dass Sie dabei sein sollten, da Sie Hintergründe einbinden könnten, von denen niemand etwas wüsste?!"
Harry seufzte. Vorsichtig setzte er sich auf und blickte vorsorglich zu Madam Pomfrey, aber die Medihexe hatte den Krankenflügel für dieses Gespräch verlassen. Harry sah zu James. Er wirkte noch etwas blass, aber ausgeschlafen und gesund. Ein leichtes Lächeln tauschten die Jungen aus. Beide waren froh dieses Abenteuer heil überstanden zu haben.
„Mrs. Evans, kommen Sie doch bitte dazu und setzten Sie sich." James und Lily setzten sich auf zwei hergezauberte Stühle rechts von Harrys Bett, während Dumbledore am Fußende stand. Der Schulleiter wollte gerade ansetzen, als Harry etwas einfiel: „Wie geht es McGonagall, Flitwick und Sandor?"
Dumbledore war etwas überrascht und zögerte mit der Antwort.
„Ich hoffe, ich erfahre gleich, woher Sie wissen, dass die drei Lehrer in der Gewalt der Todesser waren, aber ich kann Sie beruhigen. Alle drei sind im St. Mungo und werden voraussichtlich morgen wieder zurück in Hogwarts sein. Der Alarm vor dem Eberkopf hat die Auroren dahin gelockt und so konnten sie die Lehrer rechtzeitig retten. Und nun erzählen Sie mir von den Geschehnissen in Hogsmead!"
Harry schloss die Augen. Wo sollte er beginnen? Und was sollte er weglassen?
Schließlich erzählte Harry fast alles. Als er beim apparieren ankam, stoppte er kurz und James warf ein, dass ‚Adrian' einen Portschlüssel noch in der Tasche gehabt hatte, der sie zum Wohnsitz von Gryzabel gebracht hatte. Einen Moment war Harry überrascht, dann spielte er dieses Spiel mit. Es war kein Geheimnis, dass Harry und Draco im Sommer bei Gryzabel gewesen waren, warum sollte er nicht einen Portschlüssel haben? Harry war dankbar für James' Einwand, denn ihm war keine plausible Erklärung für ihre plötzliche Flucht eingefallen. Dumbledore runzelte die Stirn, hörte aber weiterhin konzentriert zu, als James seine Sicht der Dinge erläuterte.
James erwähnte, dass er und seine Freunde nach kurzem Zögern den Anweisungen von Harry gefolgt waren. Auch wenn es teilweise sehr schwer fiel die Schüler von der Ernsthaftigkeit der Situation zu überzeugen, waren doch die meisten schnell bereit die Sicherheit dem Konsum vorzuziehen. Die Rumtreiber waren da wohl sehr authentisch gewesen. Fast alle Schüler waren schon im Schutze von Hogwarts gewesen, bevor die Todesser realisierten, dass etwas nicht so lief, wie sie es geplant hatten. Nur Lily hatte nach dem Slytherin sehen wollen. Ihr war die Novembernacht noch gut in Erinnerung und sie wusste, dass der Verdacht, dass Todesser im Eberkopf saßen sehr wahrscheinlich war. Ihre Begebenheit mit den Todessern in besagter Nacht war nur eine Ecke von der dunklen Kneipe entfernt gewesen. Dies erzählte sie natürlich nicht. Die Sorge hatte sie nach Harry suchen lassen und James war ihr gefolgt.
Das Duell erwähnten sie nebenbei und James war überrascht, dass der Slytherin dabei die Gefahr und seine Rolle herunterspielte. Eigentlich hatte er von einem echten Slytherin erwartet, dass er übertrieb und sich selbst ins beste Licht rückte. Harry blieb ruhig und bescheiden.
Dumbledore schmunzelte und nickte. „Jaja, ein Duell, wo 5 Todesser bewusstlos von den Auroren eingesammelt werden konnte, war sicher nur ein Kinderspiel."
Alle drei Schüler senkten demütig den Blick und James war sich sicher, dass der Slytherin etwas rot um die Nase wurde. Dumbledore schmunzelte. Der Slytherin war ihm ein Rätsel. Von den beiden anderen Schülern hatte er nicht wirklich etwas anderes erwartet, auch wenn es überraschend war, mit wie viel Energie sie dabei gewesen waren, aber sie waren Gryffindors. Fraglich war nur, warum jetzt auch James Potter für diesen Jungen gerade stand.
„Gryzabel war sehr überrascht, ihre Pferde hier anzutreffen, aber als Hagrid ihr erzählte, wie es dazu kam, schien sie sehr besorgt um Sie zu sein, Mr. Jericle. Ich denke, Sie werden sich auf einen Besuch von ihr einrichten müssen."
Harry nickte. Er glaubte nicht, dass es mit ihr zu irgendwelchen Problemen kommen würde. Viel wichtiger war jetzt dieses Gespräch heil zu überstehen.
„Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass Sie plötzlich einen Portschlüssel dabei hatten, der für drei Personen geeignet war. Ich kann dies nicht ganz glauben. Wenn Sie aber apparieren könnten, dann würden Sie es mir natürlich mitteilen, weil es verboten ist, dass minderjährige Zauberer apparieren. Erst im Januar beginnt der Unterricht und erst mit ihrer Volljährigkeit dürfen sie diese Fähigkeit nutzen."
Harry kaute auf seiner Unterlippe und strich sich über die Narbe, wie eigentlich immer, wenn er nervös war. „Glauben Sie wirklich, dass ein 15-jähriger Junge die nötige Konzentration und Magie aufbringen kann, um drei Schüler heil zu transportieren?" fragte Harry leise. Dumbledore blickte ihm über seine Brille scharf an. Dumbledore kannte die Wahrheit, hatte aber keine Beweise, sonst könnte Harry dafür nach Askaban kommen. Und das wäre sein sicherer Tod. Harry schloss seine Augen und wartete auf die Antwort.
„Ich weiß nicht, wie ich Sie einschätzen soll, Mr. Jericle. Mir ist nicht ganz klar, was ich von Ihnen erwarten kann. Nach dieser Aktion besteht die Gefahr, dass das Ministerium Wind von der Sache bekommt und mich und Sie befragt. Soll ich für einen Schüler eine erlogene Aussage vertreten, der nichts als fadenscheinige Erklärungen für seine Existenz hier in Hogwarts hat? Was erwarten Sie von mir, Mr. Jericle?"
„Ich erwarte, dass Sie alle Ihre Schüler schützen. Vor Todessern und im Zweifelsfalle auch vor dem Ministerium", sagte James mit fester Stimme. Er hatte sich eingemischt und blickte Dumbledore scharf an.
„Mr. Potter, im Moment geht es nicht um Sie!"
„Das weiß ich!" fuhr James Dumbledore an und Lily legte eine Hand auf seinen Arm, um ihn zu beruhigen, aber auch ihre grünen Augen blitzen zornig. James blickte sie kurz an und atmete tief durch. Ihr Blick sagte ihm deutlich, dass sie auf seiner Seite stand, daher versucht er sich etwas zusammenzureißen. „Ohne Jericle, wären vermutlich die Hälfte der Schüler tot oder verletzt, einschließlich mir, Lily und unseren Freunden. Sie können nicht erwarten, dass wir zusehen, wie unser Retter dem Ministerium vorgeführt wird, wegen eines vermeintlichen Regelverstoßes, der erst zu beweisen ist. Lily und ich werden an unserer Aussage in Bezug des Portschlüssels festhalten. Sie haben die Möglichkeit die Problematik abzuwenden, daher erwarte ich von Ihnen als Vorsitzendem des Phönixordens, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun, um diesen Schüler zu schützen, Professor."
Dumbledore blickte James überrascht an. Er war beeindruckt, aber auch besorgt. Okay, viele wussten vom Phönixorden, aber man sprach in der Regel nicht darüber. Nur wenn die Position der Anwesenden 100ig klar war.
Dumbledore erkannte in den grünen Augen von Lily Evans genau, dass sie etwas überrascht war, dass dieser Orden genannt wurde. Vermutlich kannte sie ihn nicht wirklich. Diese fragende Neugier fehlte in ‚Jericles' Augen. Wusste er mehr vom Orden, als er sollte?
Aber schließlich nickte Dumbledore: „Okay, Mr. Potter. Ich bin über Ihr temperamentvolles …" Dumbledore sah James kurz streng über seine Halbmondbrille an. „… Plädoyer sehr erstaunt, aber ich werde es zu Herzen nehmen und sehen was sich machen lässt."
James nickte etwas entschuldigend. Aber es war nur eine Entschuldigung für den scharfen Ton, nicht für den Inhalt, dass wusste Dumbledore genau. James kam da zu sehr nach seiner Mutter.
„Nun entschuldigen Sie mich, ich habe eine Menge zu tun." Dumbledore nickte den drei Schülern zu und verließ den Krankenflügel. Sobald er durch die Tür war, schlüpfte Lin herein. Sie machte ein etwas zerknirscht aussehendes Gesicht. Sie gab Harry zögernd die kleine Schachtel und der Slytherin atmete befreit auf. Nun konnte gar nichts mehr passieren.
Zu früh gefreut!
Lily schnappte sich die Dose aus seinen Fingern und öffnete sie. Die ekligen Tabletten und Kapseln sahen nicht einladend aus, aber Lily hatte offensichtlich anderes vor. „Was ist das?" fragte sie mit scharfer Stimme.
„Es geht Dich nichts an, Lily!" sagte Harry und versuchte nach der Dose zu greifen. Ein dumpfer Schmerz in seiner Seite sagte Harry, dass er noch nicht wieder komplett geheilt war.
„Du kannst keine Tabletten nehmen, wenn Du in medizinischer Behandlung bist!" rief die Rothaarige erbost und besorgt aus.
„LILY, ich weiß, was ich tue!" Harrys Stimme war harsch und Lily zuckte zusammen. Es erinnerte sie an den Streit, der noch lange nicht vergeben und vergessen war.
„Aber…"
„Kein aber! Es ist meine Sache! Und weder Du noch Lin noch wer anders hat das Recht mir Anweisungen zu geben. Verstanden?!"
Lin verdrehte die Augen. „Lass ihm doch diese Tabletten. Wenn Pomfrey davon erfährt, dann wird er schon früh genug in Erklärungsnot kommen. Wir können nichts dagegen tun."
Lily schnaubte, aber James nahm ihr die Dose ab und legt sie auf Harrys Nachttisch.
„Komm Flowers, wir gehen zurück zum Gryffindorturm und lassen die Zwei mal alleine. Vielleicht bahnt sich da ja mal etwas an."
„James!" rief Harry entrüstet aus. „Lin und ich sind nur Freunde, im Gegensatz zu Euch beiden! Lin ist schon verlobt."
James zuckte mit den Schultern und ging dann mit Lily raus. Harry atmete erleichtert aus, als sich die Tür hinter den Gryffindors schloss.
„Anstrengend die Gryffindors, was?" fragte Lin.
Harry schüttelte nur den Kopf. „Nein, ich mag sie."
„Ich verstehe Dich nicht, Adrian! Auf der einen Seite wetterst Du gegen sie und kritisierst das Benehmen aufs Schärfste und dann sagst Du so etwas!" Lin blickte Harry fragend an.
„Nur weil ich ihr Verhalten manchmal aufs Schärfste kritisiere, heißt es doch nicht, dass ich sie nicht mag. Vielleicht stört mich ihr Verhalten gerade deswegen so, weil ich sie eigentlich total gern habe! Denk mal darüber nach!"
Lin lachte auf. „Du bist ein komischer Kauz."
„Nun erzähl mal, wie viele Slytherins sind nicht zurückgekehrt?"
Sofort entstand eine ernste Stimmung und Lin erzählte ihm alles, was sie wusste. Es waren drei Slytherins des 7. Jahrganges nicht zurück nach Hogwarts gekommen. Man vermutete, dass sie sich Voldemort angeschlossen hatten und am Geschehen in Hogsmead maßgeblich beteiligt waren. Zwei Hufflepuffschülerinnen verletzten sich leicht bei der Flucht, konnten aber nach kurzer Behandlung wieder in ihren Keller zurück.
Die Lehrer waren in voller Aufregung, als der Alarm kam, und dann total überrascht, dass die Schüler fast alle schon zurück waren. Es hatte sich nicht herumgesprochen, wer den Alarm gegeben hatte, vermutlich schwiegen die, die es erzählen konnten. Warum auch immer. Harry vermutete, dass Snape, Malfoy, Mosnay und Black Harry den Ruhm nicht gönnten oder jemand hatte sie zum Schweigen gebracht. Aber Harry erfuhr, dass die vier heil in ihrem Kerker saßen und über Harry wetterten. Harry lachte nur hohl auf. Bei denen war wohl alles in bester Ordnung.
Madam Pomfrey kam herein und schmiss Lin schnell raus. Sie untersuchte Harry und gab ihm wieder ein paar eklige Tränke. Könnte nicht jemand irgendwelche chemischen Geschmacksstoffe für magische Tränke bilden? Einfach damit die nicht mehr ganz so eklig waren?!
Harry spürte wie die Müdigkeit ihn wieder übermannte und er langsam in einen ruhigen Schlaf hinüber glitt. Das Lächeln auf seinen Lippen sollte nicht lange halten, aber im Moment war er selig. Selig seinen Eltern so nah gewesen zu sein.
Sie waren so nah und doch so fern.
Madam Pomfrey sah in der Nacht nach ihrem Schützling und fragte sich zu wiederholten Mal, warum der Schwarzhaarige noch nicht mal im Schlaf wirkliche Entspannung fand. Die Stirn lag in tiefen Falten und die Hände waren zu Fäusten geballt. Der Junge war etwas Besonderes und auch wenn sie nicht wusste ob es Richtig war, so mochte sie den Slytherin aus ganzem Herzen.
oooooooooo
Harry ist mal wieder im Krankenflügel. Ich denke, sie sollten wenigstens ein Bett nach ihm benennen oder ein Bild von ihm dort aufhängen
