Ohne lange Vorrede diesmal. Ein großes Danke an Meta, Michelle, Heartlessnight und LucretiaAmaree (Was die Gedanken „von" oder „an" Remus Lupin angeht: Im Original heißt es „through the thoughts of Remus Lupin and in the fragrance of roses" In diesem Kontext heißt es wohl eher von, das Kapitel befasst sich ziemlich genau mit Remus. Aber ich finde das echt schön, wie genau du dich mit der Story auseinandersetzt :-))
Ich schätze, Verasilyn will wieder persönlich auf die Reviews antworten, allerdings hab ich die erst gestern losgeschickt, ich werde sie dann mit dem nächsten Kapitel posten, hoffe ich.
Bei dem Gedicht handelt es sich um Edgar Allan Poes „The Raven". Die Übersetzung stammt nicht von mir(glücklichweise, das zu übersetzen hätte mich glatt umgebracht), sondern von Hans Wollschläger.
Through the door we never opened
Eine Geschichte über Freundschaft und Liebe
Verasilyn
„Jeder Mann kann dir sagen, wie viele Ziegen oder Schafe er besitzt, aber an der Anzahl seiner Freunde wird er scheitern."
-Cicero
„Ein Mann, der das Leiden fürchtet, leidet bereits unter seiner Furcht."
-M. de Montaigne
Kapitel 7:
Das, und nicht mehr
„Moony! Das ist heute der perfekte Tag, um ihn Hogsmeade herumzustreunen! Du weißt doch, dass wir noch jede Menge Süßigkeiten vom Honigtopf brauchen." Sirius redete auf Remus ein, der nicht anders konnte, als sich zu fragen, warum seine Freunde soviel Intuition besaßen, ihn gerade Moony zu nennen.
Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore,
While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping,
as of some one gently rapping, rapping at my chamber door.
"Tis some visitor," I muttered, "tapping at my chamber door-
only this, and nothing more"
(Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich,
müde über manchem alten Folio lang vergessner Lehr-
da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis ein Pochen,
gleichwie wenn ein Fingerknochen pochte, von der Türe her.
„s ist Besuch wohl", murrtich "was da pocht so knöchern zu mir her –
das allein – nichts weiter mehr.")
Er hatte das Thema Werwölfe nie angesprochen, es aber auch nie gemieden – er war weder zusammengezuckt bei der Erwähnung des Mondes, noch überspielte er laut seine Nervosität, wenn die anderen seiner Großmutter, die er sehr gerne mochte, freundlich gute Gesundheit und ein baldiges Erholen ihres monatlichen Unbehagens wünschten.
Remus wusste, dass es am besten war, all dem gelassen gegenüberzustehen – oder es zumindest zu versuchen.
Er war nicht so naiv, dass er dachte, seine Freunde würden ihn, sobald sie sein kleines Geheimnis erführen, sitzen lassen und vermeiden, ihn auch nur zu sehen. Aber er wusste, dass, auch wenn sie ihn nicht verlassen würden, sein Geheimnis doch einen kleine Kluft zwischen sie bringen würde und sich dieser winzige Spalt öffnen und vergrößern würde, bis es kein kleiner Spalt mehr, sondern eine unüberbrückbare Barriere sein würde und die Anderen nicht viel mehr als Fremde für ihn sein würden.
Aber wir wandern gerade ein wenig zu sehr durch Remus Gedanken – ich glaube, jeder verdient Privatsphäre, obwohl es natürlich ein Skandal für deine Nachbarn und Freunde wäre, dir etwas vorzuenthalten, also sieh mich nicht so empört an!
Und so begleitete Remus Sirius bei seinem Streifzug nach Hogsmeade (er trug Sirius schweren und großen Geldbeutel, der voll von Gold und Silber war, weil er der einzige war, der es geräuschlos transportieren konnte), wie ja vorherzusehen war, schließlich hatte er nie gelernt, den Bitten seiner Freunde zu widerstehen.
Und wer könnte ihm die Schuld dafür geben? Wenn du nur so viele Freunde hast, dann denkst du viel an dich selbst… aber dachte Remus an sich selbst? Dachte er an seinen achtbaren Ruf, seine Beliebtheit bei den Lehrern, dachte er an die Enttäuschung in ihren Gesichtern, wenn sie ihn fangen würden, an das Nachsitzen, das er sich einhandeln würde, dachte er daran, wie seine Mutter traurig den Blick abwandte und an all die anderen Dinge, als er sagte: „Ich komm mit, Padfoot"?
Ich denke, wir alle kennen die Antwort.
Ah, distinctly I remember it was in the bleak December,
And each separate dying ember wrought its ghost upon the floor.
Eagerly I wished the morrow;- vainly I had sought to borrow
From the books surcease of sorrow – sorrow for the lost Lenore-
For the rare and radiant maiden whom the angels name Lenore-
Nameless here for evermore.
(Ah, ich kanns genau bestimmen: im Dezember wars, dem grimmen,
und der Kohlen matt Verglimmen schuf ein Geisterlicht so leer
brünstig wünscht ich mir den Morgen; hätte umsonst versucht zu borgen
vor den Büchern Trost dem Sorgen, ob Lenor wohl selig wär-
ob Lenor, die ich verloren, bei den Engeln selig wär
bei den Engeln – hier nicht mehr)
Der Mond in dieser Nacht war klar und weich, als käme er gerade aus einem warmen Bad mit Rosenwasser und Butterblumenblüten. Sterne glänzten neben ihm und gähnten, wenn ihr Strahlen sterblichen Boden berührte. Nicht einmal der Unschuldigste von uns allen kann verhindern, in einer Vollmondnacht verflucht zu werden, wenn der reife Absinth im Wind weht… Remus seufzte in Zufriedenheit, als er den Blick zum Nachthimmel erhob. Es war noch eine lange Weile, bis seine Großmutter einen ihrer Anfälle haben würde.
Seine arme Großmutterm, deren geistige Gesundheit seine gesamte Familie in Atem hielt, und sein armer Vater, der dabei zusehen musste, wie die Knochen von seiner Mutter zermalmt wurden, wie ihr Gesicht brach, wie Klauen sich in ihr Fleisch bohrten, die Muskeln verdreht in unzählbare Knoten – seiner Mutter, deren Name ordentlich auf einen Grabstein aus Marmor eingraviert war, irgendwo auf einem friedlichen kleinen Friedhof, begraben zwischen vielen anderen Fremden.
Ja, seine arme, arme Großmutter…
And the silken sad uncertain rustling of each purple curtain
Thrilled me – filled me with fantastic terrors never felt before;
So that now, to still the beating of my heart, I stood repeating,
"Tis some visitor entreating entrance at my chamber door-
some late visitor entreating entrace at my chamber door;-
This it is, and nothing more."
(Und das seidig triste Drängen in den purpurnen Behängen
füllt, durchwühlt mich mit Beengen, wie ichs nie gefühlt vorher:
also das ich den wie tollen Herzenschlag musst wiederholen
„s is Besuch nur, der ohnGrollen mahnt, dass Einlass er begehr-
nur ein später Gast, der friedlich mahnt, dass Einlass er begehr;-
ja, nur das – nichts weiter mehr.")
Klugerweise hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, so zu denken – was aber natürlich gleichzeitig auch bedeutete, weiterhin Lügen zu denken. Umso mehr er sich daran gewöhnte, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass sich ein Versprecher in seine Unterhaltungen einschlich. Wenn du dich immer weiter selbst belügst, dann hast du eines Tages das Glück, dir selbst zu glauben.
„Mach dir keine Sorgen, Moony," brach Sirius vertraute fröhliche Stimme durch Remus Gedanken, „Heute Nacht rauszugehen dürfte ziemlich sicher sein."
Stille, nur durchbrochen von den Schreien eines Nachtvogels. Das Geräusch schien meilenweit entfernt zu sein, obwohl es doch in Wirklichkeit aus einer drei Meter entfernten Baumspitze drang, doch die Nacht war von so absoluter Stille, dass jedes Geräusch geschluckt wurde.
Presently my soul grew stronger; hesitating then no longer,
"Sir", said I, "or Madam, truly your forgiveness I implore;
but the fact is I was napping, and so gently you came rapping,
and so faintly you came tapping, tapping at my chamber door,
that I scarce was sure I heard you" –here I opened wide the door;-
Darkness there, and nothing more.
(Augenblicklich schwand mein Bangen, und so sprach ich unbefangen
„Gleich, mein Herr – gleich, meine Dame – um Vergebung bitt ich sehr;
just ein Nickerchen ich machte, und ich Klopfen klang so sachte,
dass ich kaum davon erwachte, sachte von der Türe her – doch nun tretet ein!"-
und damit ris weit auf die Tür ich –
Dunkel dort – nichts weiter mehr.)
„Du weißt es." Das war eine Feststellung, und Remus lief weiter hinter Sirius her, der sich nicht ein einziges Mal nach ihm umdrehte. Sirius Black wusste es. Was gleichzeitig bedeutete, dass James Potter es auch wusste, und, wenn Sirius in einer freundlichen und wohlwollenden Stimmung gewesen war, dann auch Peter Pettigrew.
Deep into that darkness peering, long I stood there wondering, fearing,
Doubting, dreaming dreams no mortals ever dared to dream before;
But the silence was unbroken, and the stillnes gave no token
And the only word there spoken was the whispered word, "Lenore!"
This I whispered, and an echo murmured back the word, " Lenore!"
Merely this, and nothing more.
(Tief ins Dunkel späht ich lange, zweifelnd, wieder seltsam bange,
Träume träumend, wie kein sterblich Hirn sie träumte je vorher;
Doch die Stille gab kein Zeichen; nur ein Wort ließ hin sie streichen
Durch die Nacht, das mich erbleichen ließ: das Wort „Lenor?" so schwer-
Selbst sprach ichs, und ein Echo murmeltes zurück so schwer:
Nur „Lenor!" – nichts weiter mehr.)
Und dieses Gefühl war, nachdem der erste kurze Schock vergangen war, das angenehmste und erfreulichste, das Remus in einer sehr langen Zeit verspürt hatte.
„Klar wissen wir das – das heißt, die Marauder – natürlich wissen wir es", Sirius drehte sich kurz um, um ihn mit seinem leichtfertigen, kurzen Lächeln zu beehren. „Wir wollten nur auf den Moment warten, an dem du uns genug vertraust, um es uns selbst zu sagen."
„Und was ist aus dem Teil mit dem Warten geworden?" Remus konnte nicht anders, als klein wenig Sarkasmus einfließen zu lassen.
Sirius zuckte mit den Achseln und sah weiterhin nach vorne, „Ich hatte irgendwie keine Lust mehr drauf – ich denke, du brauchst nur einen Stups in die richtige Richtung." Wieder lächelte er, „aber keine Angst, wir lieben deine Großmutter immer noch."
Back into the chamber turning, all my soul within me burning,
Soon again I heard a tapping somewhat louder than before.
"Surely," said I, "surely that is something at my window lattive:
let me see, then, what thereat is, and my mystery explore-
let my heart be still a moment and this mystery explore;-
Tis the wind and nothing more."
(Da ich nun zurück mich wandte und mein Herz wie Feuer brannte,
hört ich abermals ein Pochen, etwas lauter denn vorher.
„Ah, gewiss", so sprach ich bitter, „liegts an meinem Fenstergitter:
Schaden tat ihm das Gewitter jüngst – ja, so ichs mir erklär-
Schweig denn still, mein Herze, lass mich nachsehen, dass ichs mir erklär;-
´s is der Wind – nichts weiter mehr.)
Remus verspürte plötzlich ein unstillbares Verlangen, Sirius für seine einfache Akzeptanz zu küssen. Natürlich war dies nur eine Art, seiner stürmischen Aufregung Ausdruck zu verleihen, versicherte Remus sich selbst.
(Genau wie Albträume ja auch nur Illusionen waren) – nichts weiter mehr.
Aber wie hätte Remus wissen sollen, dass es besser gewesen wäre, diesem Drang nachzukommen (denn sicherlich war es nicht mehr als ein spontaner Drang), weil dies die einzige Chance war, die er je dazu haben würde?
Aber dann wiederum hätte er es doch wissen müssen, schließlich hatte er sein Leben bis zu seinem dreißigundirgendwastem Lebensjahr gelebt und Sirius dabei zugesehen, wie der seines gelebt hatte? Wusste er denn nicht, dass er niemals wieder die Chance dazu bekommen würde?
Arme Großmutter?
Nein. Ich würde sagen, armer Remus.
Open here I flung the shutter, when, with many a flirt and flutter,
In there stepped a stately raven of the saintly days of yore;
Not the least obeisance made he; not a minute stopped or stayed he;
But with mien of lord or lady, perched above my chamber door-
Perched upon a bust of Pallas just above my chamber door-
Perched, and sat, and nothing more.
(Auf warf ich das Fenstergitter, als herein mit viel Geflatter
schritt ein stattlich stolzer Rabe wie aus Sagenzeiten her;
Grüßen lag ihm nicht im Sinne; keinen Blick lang hielt er inne;
Mit hochherrschaftlicher Miene flog empor zur Tür er-
Setzt sich auf die Pallas-Büste überm Türgesims dort-
Er flog und saß – nichts weiter mehr.)
Als Remus noch klein gewesen war, war er immer mit der Ungeschicktheit eines Kindes auf die Fensterbank geklettert, um am Fenster zu sitzen und hinaus in den dunklen Himmel zu starren, dessen Sterne strahlten und alles zu versprechen schienen. Und ersuchte sich einen Stern – einen, der sehr schwach leuchtete – und flüsterte einen Wunsch, immer denselben.
Ich wünsche mir, dass, wenn ich schon nicht akzeptiert und geliebt werde, dann wenigstens selbst liebe und akzeptiere.
Er suchte sich immer einen schwachen, weit entfernten Stern heraus, den niemand beachten würde – ein kleinster Fleck flackernden Lichtes, eingegraben in die riesige Fläche aus schwarzem Samt – denn Remus besaß die seltsame Vorstellung, wie sie nur kleine Jungen haben, dass ein Stern nur einen Wunsch erfüllen konnte, von einem Kind nur. Die hellen Sterne, zu denen Millionen von Kindern beteten, würden ihn in der Menge gar nicht erst entdecken. Außerdem war das bläuliche Licht, das diese Sterne als Schleier aus kaltem Nebel auf die Welt warfen, so neblig, so andersweltlich, dass Remus sich fürchtete, das Fenster zu berühren, weil er glaubte, seine Hand würde erfrieren, wenn er es nur anfasste.
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„Moony?" rief irgendjemand, die Stimme war hell und jung, schließlich hatte der Rufende erst das zarte Alter von dreizehn Jahren erreicht – trotz dieses Alters war Sirius bereits sehr beliebt und kürzlich zum dritt hübschesten Jungen der Schule ernannt worden, was wirklich ein Kunststück war, schließlich stand er in Konkurrenz mit all den älteren Jungen, die groß gewachsen waren – aber wer muss schon groß sein, um die Herzen vieler zu besiitzen?
Trotzdem war er hier und jetzt kein Ritter in glänzender Rüstung oder auch nur charmeur extraordinaire – er war einfach nur Sirius Black, dessen Rufe nun dringender, fast schon wahnsinnig wurden; fast schon hilflos. Aber, man bedenke, Sirius war niemals hilflos – er war nicht wie Mr.Black, der immer eine witzige Bemerkung in petto hatte.
„…"
Moony antwortete nicht. Es gibt sicherlich Leute, die es ihn hoch anrechnen würden, dass er dem dritthübschesten Jungen der Schule nicht antwortete, versicherte er sich selbst – schließlich hatte er eine gute Entschuldigung. Remus Lupin weinte.
„Moony?" sagte die Stimme wieder.
„…"
Aber Remus blieb stumm und wartete leise darauf, dass seine nassen Wangen trocknen würden, die Augen halb geschlossen.
„Ich weiß, dass du da bist, Remus, bitte lass mich raus, ja?"
Remus wusste, dass Sirius wusste, dass er da war. Remus wusste auch, dass Sirius ohne Schwierigkeiten hinaus auf das Dach kommen und sich vom Regen durchnässen lassen konnte, wenn er nur wollte. Er brauchte Remus Einverständnis nicht dazu.
Aber er überlies die Entscheidung ihm.
„Komm raus, wenn du Lust hast, dich durchnässen zu lassen," murmelte er, und diese Aussage traf es – er war durchnässt von Regen und Tränen, obwohl die Tränen längst versiegt waren, als wären sie verärgert darüber, dass er nicht einmal versucht hatte, sie zurückzuhalten.
Der Regen, der grau und unaufhörlich von dem grauen, schwerfällig bleiernen Himmel fiel, trommelte auf das geziegelte Dach und verlieh allem eine nebelige Dunkelheit – ein Vorhang aus Schatten, wenn du so willst.
Der Regen fiel auf alle und machte keinen Unterschied daraus, wer sie waren. Er fiel auf die Guten und die Bösen, auf die Unschuldigen und die Schuldigen, auf gebrochene Herzen und Herzensbrecher, auf Hoffnungslose und Hilflose. Der Regen hatte den Ruf, ungerecht zu sein – denn er behandelte alle gleich. Und trotzdem hatte Remus manchmal das Gefühl, der Regen würde ein wenig Anerkennung ihm gegenüber zeigen – er schien dunstiger und schwächer zu werden, nur für ihn alleine – aber natürlich war das nur ein halbherziger, hoffnungslos romantischer Versuch, sich selbst zum Helden zu ernennen. Ein hoffnungsloser Romantiker war er sicher, aber das waren schließlich alle, die mehr Zeit als notwendig zwischen sicheren Buchseiten verbrachten.
Sind wir nicht alle irgendwo tief in uns Romantiker? Machen wir nicht alle an persönlichen Orten wie unserem eigenen Zimmer Helden aus uns – mit Schwertern, Drachen oder Berühmtheiten, die in heißer Liebe zu uns entbrennen?
Aber Remus wollte keine Drachen (Feen übrigens auch nicht – am allerwenigsten Najaden, aber die Gründe dafür kannte der dreizehnjährige Remus noch nicht). Er wollte alleine sein, hier und jetzt.
Und so bestand die Welt in diesen Momenten nur aus Regen, Wolken und Remus Lupin.
Und Sirius.
„Remus?" Er spähte durch die Falltür, auf seinem Gesicht lag der unterbewusste Eindruck, als müsse er gleich der schrecklichen, berühmt-berüchtigten Hexe aus dem Westen gegenübertreten. Er blickte auf einen durchnässten, im Dunst sitzenden Remus, der ein wenig zur Seite rückte, um ihm Platz zu machen.
„Du weißt schon, dass du dir hier oben den Tod holen wirst, oder?" Sirius zögerte kurz, bevor er hinaufkletterte – es war tiefer Winter und beide hatten nur Schlafanzüge an.
„Du doch auch, " sagte Remus und seine Stimme klang ungewohnt kalt. Er hatte wieder die Sterne betrachtet, es fühlte sich ein bisschen wie nach Hause kommen an – nur dass er nun einer von mehreren war, die auf Dächern saßen und sich etwas wünschten, und er hoffte einfach, dass der kleine Lichtfleck im Osten, der sechste rechts vom Mond, seinen Wunsch heraussuchen würde, ihn zu erfüllen.
„Ich-„ begann Sirius – wir werden nie wissen, was genau Sirius eigentlich sagen sollte, denn Remus hat nie gefragt und Sirius so natürlich auch nicht erklärt. Aber ich glaube, es hatte etwas zu tun dem Brief zu tun, der Remus zum Weinen gebracht hatte, als gäbe es kein Morgen – gebracht hatte.
„Ich weiß, dass du ihn gelesen hast, mach mir nichts vor. Du warst immer schon der neugierigste Junge der Schule."
Sirius lächelte. „Und ich weiß, dass du das weißt. Sonst hätte ich ihn nicht gelesen. Freunde sollten eigentlich nicht so neugierig sein, auch, wenn ich das ständig bin, ich weiß."
Remus antwortete nicht. Wie auch? Der Brief und sein Inhalt schwirrten immer noch durch seinen Kopf, und dann war da Padfoot, der auftauchte und versuchte, ihn dazu zu bringen, wieder die Kontrolle über seine Tränendrüsen zu verlieren.
„Es tut mir leid, dass deine Großmutter, ähm," (er runzelte kurz die Stirn, als hätte er noch nie darüber nachgedacht, welche rücksichtsvolleren Ausdrücke es statt „gestorben" gab),"dass sie dahingeschieden ist, du weißt schon."
„Ja, weiß ich."
„Wenn es einen Himmel gibt, wird sie von dort oben auf dich aufpassen."
„Mhm."
„Und du weißt auch, dass du Eltern hast, die du liebst und die dich lieben, ja?"
„Ja."
„Und es gibt noch die Marauder, die eigentlich da sind, wenn du mal eine Schulter brauchst, an der du dich ausheulen kannst – das ist ziemlich wichtig", sagte er mit der Überzeugung eines Kindes.
„Ja, klar."
„Warum bist du dann hier?" Er hob den Kopf und rückte ein Stück näher an Remus heran, der versuchte, mit seinen Blicken die Dachziegel zum Einsturz zu bringen und in den Abgrund zu springen.
„Mir war danach."
Hier hörte Sirius auf zu sprechen, und wir werden aufhören zuzusehen, denn die Beiden taten nichts, dass erwähnenswert gewesen wäre – ich bin mir sicher, meine liebe Leserschaft ist bereits gelangweilt und gähnt bei dieser weitschweifigen Erzählung, so ganz ohne erschreckende Abenteuer, leidenschaftliche Ausbrüche, lang begrabende Skandale und ähnliches – und so werde ich euch nicht mit der Stille, die die Welt erfüllte, beschweren.
Man kann ein Lächeln immer nur bis zu einem bestimmten Punkt hin interpretieren, selbst, wenn es eines von Sirius ist.
Was ich aber definitiv sagen möchte, ist, dass Remus am nächsten Tag auf dem Dach erwachte und verständlicherweise ein wenig enttäuscht darüber war, dass Sirius ihn nicht zurück in den Schlafsaal getragen hatte. Dann aber entdeckte er, dass er sich jetzt weiter innen auf dem Dach befand, dort, wo das Dach an die Wand des Astronomieturms stieß. Als er Sirius später sah, bemerkte er (nicht ohne eine gewisse Befriedigung), dass dessen Arm übel zerkratzt und mit getrocknetem Blut verkrustet war. Er lächelte etwas verlegen. „Ich schätze, ich brauche noch etwas mehr Übung – oder du mehr Essen, ich weiß nicht."
Das war genug – er hatte es versucht, und das war mehr als genug für Remus: Es war genug für ihn, dass er wusste, selbst wenn er weinte, war Sirius da, und auf ihn konnte er zählen. Er würde dafür sorgen, dass er sich besser fühlte, wenn auch nur ein bisschen; nach den Tränen würde immer Sirius da sein; Sirius würde das Übel dieser Welt immer vertreiben.
Eigentlich hätte Remus jetzt weinen und dem wunderbaren Padfoor danken müssen, er hätte in seinen Armen dahinschmelzen müssen und wissen, dass dies die Heimat seines Herzens war.
Aber er tat es nicht. Er lächelte nur zurück und umarmte Sirius kurz. Natürlich immer darauf achtend, dessen verletzten Arm nicht zu berühren.
Und dann, ganz plötzlich, bemerke er, dass der Wunsch, der ihn so viele Jahre lang begleitet hatte, in Erfüllung gegangen war (durch welchen Stern auch immer) – er wurde tatsächlich akzeptiert und geliebt. Mit einem Mal war das, und nicht mehr, irgendwie nicht mehr ganz ausreichend für Remus – nur ein bisschen, ein ganz klein bisschen mehr, verstehst du…
Aber da er nun mal Remus war – was natürlich auch bedeutete, dass er menschlich war – überlegte er sich nicht wirklich, welche Art der Liebe Sirius ihm zukommen ließ und warum ihm das nicht mehr genug war.
