3. Namenslos

Sirius hatte ausgesprochen und bestätigt was alle Anwesenden schon angenommen, aber nicht wirklich geglaubt hatten.

Im betretenden Schweigen, das folgte klangen Fitzlonans sich entfernende Schritte und das heftiger werdende Toben des Windes hinter den verregneten Fensterscheiben sehr laut.

Peter der schon den ganzen Tag in Jubelstimmung gewesen war, fühlte sich hier im Trockenen, als habe man ihn ins kalte Wasser geworfen. Er warf ein nervösen Seitenblick zu Remus, der sich schon seit geraumer Zeit nicht mehr vom Fleck gerührt hatte und James nun mit zusammen gezogenen Augenbrauen musterte.

Sirius, der wirkte als sei er gegen einen Laternenpfahl gelaufen, setze sich plötzlich neben James und begann eindringlich, aber so leise, dass sie ihn nicht verstanden, auf ihn einzureden. Als James, der ihm mit seltsam abwesenden Interesse lauschte, unwillkürlich den Kopf zu schütteln begann, sanken Sirius Schulter noch tiefer und Peter wusste, dass es etwas mit den Herumtreiber sein musste.

"AHA!"

Eine Millisekunde bevor diese Stimme Peter zusammenzucken ließ, wirbelte Remus an seiner Seite schon herum.

Ihre Fäuste in die runden Hüften gestemmt und mit dunklen, vorfreudig blitzenden Augen stand die kleine, matronenhafte Leiterin des Krankenflügels, Mme Aeson, in der offenen Tür, die an das Büro grenzte.

Egal welchen Schüler, Lehrer oder Geist man fragen würde wie lange Candice Aeson schon in Hogwarts war, jeder von ihnen würde ratlos mit den Achseln zucken und sagen sie sei schon immer da gewesen.

Und obwohl es eine sehr lange Zeit sein musste, machten noch immer Gerüchte über ihre Herkunft die Runde, die von der Annahme sie stamme aus einem alten Schamanengeschlecht bis zu der aufregenden Geschichte reichten, sie sei das uneheliche Kind einer englischen Adeligen und eines Azteken, das als Säugling vor den Toren Hogwarts ausgesetzt wurde.

Auch jetzt im Winter hatte ihre Haut einen walnussfarbenen Ton und ihre zu einem glänzenden Knoten im Nacken zusammengefassten Haare waren noch immer kohlrabenschwarz.

Sie überflog kurz alle Anwesenden und ihr kleines, runzeliges Gesicht begann wohlwollend zu strahlen.

"Ich habe gehofft ihr würdet es sein!" sagte sie, "Ihr passt perfekt zu meinem neuen Projekt."

Sie deutete auf Peter.

"Dich zum fluchen."

Sie wandte sich grinsend an Sirius.

"Dich zum verflucht werden...und dich..." Wie immer bei Remus Anblick schmolzen ihre zartbitterbraunen Augen dahin.

"Um alles schön zu protokollieren."

Peter wusste, dass sie seit der ersten Klasse ein Faible für Remus hatte und ihn wann immer sie ihn in die Klauen bekam - was jeden Monat mindestens einmal der Fall war - nach Strich und Faden verhätschelte.

Laut dem Kopflosen Nick war er der erste und einzige Schüler, den Mme Aeson jemals in die Nähe ihrer Pralinenschachtel gelassen beziehungsweise ihm sogar eine der Kostbarkeiten daraus angeboten hatte.

"Aber Mme Aeson...", begehrte Sirius auf, "Es war ein..."

Doch in diesem Moment wurde er von einer zweiten, weiblichen Autorität Hogwarts unterbrochen.

"Mr Black! Legen sie es darauf an die Punkte, die Potter zufällig einmal für Gryffindor geholt hat, gleich wieder zu verschleudern oder was hat diese Belagerung hier zu bedeuten?"

Diese Stimme kombiniert mit diesem Tonfall war jedem Gryffindor bestens vertraut, was auch erklärte, dass Merle Corey schlagartig aus dem Schlaf hoch fuhr, während von den Hufflepuffs weiterhin fast provozierend friedliche Schnarcher kamen.

"Pst!" machte Aeson streng und tätschelte Merles Kopf beschwichtigend, der sogleich wieder schlaftrunken auf das Kissen sank.

"Mr Black war gerade dabei mir seine und die Anwesenheit seiner Freunde zu erklären."

"Oh," schnaubte Professor McGonagall, jedoch mit deutlich gesenkter Stimme, "Sie sind sicher genauso gespannt auf diese Erklärung wie ich."

"In der Tat." schnurrte Aeson und zog die Decke zurück über Merles Schultern bevor sie sich umdrehte und Sirius abwartend anblickte.

"Wir sind gekommen, weil unsere Anwesenheit von sämtlichen Mannschaftsmitgliedern von Gryffindor ausdrücklich erwünscht war." erklärte Sirius steif und Peter entging nicht, dass er sich leicht vor James stellte, so als wollte er ihn vor McGonagall verstecken.

McGonagall zog die Augenbrauen hoch.

"Und dürften wir erfahren was sämtliche Mannschaftsmitglieder zu diesem Wunsch getrieben hat?"

Peter öffnete den Mund, aber dieses Mal wurde er unterbrochen.

"Wer von euch soll das Gedächtnis verloren haben?" fragte Mme Pomfrey, die mit Fitzlonan im Schlepptau durch die offene Bürotür kam. "James Potter? - Oh!" machte sie angesichts der Szene und blieb stehen.

i"Wie bitte?"/ikam es von McGonagall, die sofort ein zweites iPst!/ikassierte und sich nach James umsah, der schräg hinter Sirius Rücken einigermaßen verwirrt das Kommen und Gehen verfolgte.

"Sie haben das Gedächtnis verloren, Mr Potter?" wiederholte McGonagall ungläubig und sah ihn einen Moment lang an.

"Das ist ein Witz.", stellte sie schließlich fest.

James' Augen vereengten sich und zum ersten Mal an diesem Nachmittag klang seine heisere Stimme nicht neutral.

"Für wie witzig halten Sie mich hier eigentlich alle?" - "Hey...!"

Mme Aeson hatte sich unbemerkt durch die Betten zu ihm durch geschlängelt und ihm leicht gegen seine unförmige, linke Schläge getippt.

"Aha. Das tut also weh.", bemerkte sie sachlich, "Hm...das habe ich mir schon gedacht."

"Ihn hat kurz vor Spielende ein Klatscher erwischt.", erklärte Fitzlonan beflissen und das Interesse von Mme Aeson und Mme Pomfrey wirkte schlagartig geweckt.

"Was?", sagte Mme Pomfrey und drehte sich zu ihm um. "Warum hast du das nicht gleich gesagt?"

"Tatsächlich?", fragte Aeson James, "Das ist ja interessant."

Die beiden Heilerinnen tauschten einen fachmännischen Blick.

"Nun, nachdem Sie zur Klärung dieser Angelegenheit beigetragen haben muss ich Sie bitten die Ruhe des Krankenflügels nicht weiter zu stören und sich wie die übrigen Gryffindors in ihre Schlafsäle zu begeben.", schaltete sich McGonagall ein und Peter, der ihre Anwesenheit fast vergessen hatte, zuckte zusammen.

"Das wäre in der Tat gut." bemerkte Mme Pomfrey. "James, du kommst mit uns."

Einen Moment lang war nur das Rauschen des Regens zu hören, dann schubste Sirius James leicht an.

"Sie meint dich."

"Oh."

James sprang vom Bett und ging zögerlich auf Mme Pomfrey und Mme Aeson zu, die in Richtung Büro gingen hinter dem sich das Behandlungszimmer befand.

"Mr Lupin, Mr Pettigrew? Hab ich mich nicht klar ausgedrückt? iMr Black!/i Das ist die falsche Richtung!"

Sirius, der im Begriff war James zu folgen, sah McGonagall widerwillig an.

"Aber ich will wissen was los ist!"

"Das werden Sie noch früh genug erfahren. Kommen Sie jetzt!"

Fast so zögerlich wie James, der über die Schulter unsichere Blicke zu ihnen warf, ließen sich die Herumtreiber von McGonagall in Richtung Ausgang manövrieren.

Kurz bevor er die Tür durchquert hatte, fiel Peter etwas an ihm auf, dass er vorher nicht bemerkt hatte.

Während James in den Lichtkegel der Fackel neben der Bürotür trat, erhellte der gelbe Feuerschein kurz die Rückseite seines purpurroten Trikots und Peter brachte dieser Anblick zum Zusammenzucken.

Denn im Gegensatz zu den anderen Trikots fehlten bei diesem die großen, goldenen Buchstaben.

Er trug ein Trikot ohne Namen.