Kapitel 3 Nachwirkungen

Legolas öffnete die Augen. Noch nie zuvor hatte er so viel Wut, Hass und Entsetzen verspürt. Noch nie hatte er jemand so gerne foltern und umbringen wollen.

Sein Körper bebbte, er war schweißgebadet. Noch immer hielt er Celebnîns Hand, welche zitterte und ganz weis war.

Er sah Celebnîn an. Ihr ganzer Körper zitterte stark, ihre Augen waren noch geschlossen und ihre Stirn war ganz feucht von Schweiß.

Legolas streichelte besorgt die Hand seiner Geliebten. „Celebnîn, Melteth nin, wach auf, es ist vorbei." Doch sie öffnete die Augen nicht. Ihr Körper begann nur noch stärker zu bebben. Sie flüstere leise und verzeifelt. „Legolas... Legolas."

Legolas zog sie in seine Arme, versuchte ihr Zittern zu stoppen. „Im sí, Meleth nin(1). Bitte wach auf." Doch sie schien ihn nicht zu hören. „Amin anta lle, Legolas!(2)"

Legolas wusste nicht was er tun konnte, sie wachte nicht auf, ihre Stirn war trotz der Schweißperlen ganz kalt und ihre Haut ganz blass. Ihr Zittern ließ sich von ihm nicht lindern. Er hatte Angst um sie, so schreckliche Angst, sie würde das nicht überstehen.

Verzweifelt rief er um Hilfe und er wurde zum Glück gehört. Ein junger Diener öffnete nach kurzer Zeit besorgt die Tür und sah mit Entsezten die Szene, die sich vor ihm Abspielte.

„Holt einen Heiler! Bitte beeilt Euch!" Der junge Elb nickte und verließ schnell das Zimmer.

Legolas versuchte Celebnîn zu zudecken um sie zu wärmen, doch durch ihr starkes Zittern rutschte die Decke immer wieder hinunter.

Endlich kam der Diener wieder ins Zimmer gestürmt, gefolgt von einem Heiler. Es war ein erfahrener, blonder Elb, der besorgt zu Legolas lief.

„Bitte helft Celebnîn, bitte helft ihr!" Noch immer drückte Legolas sie fest an sich um ihr Zittern zu unterbinden, doch dadurch zittere er nur mit.

Der Heiler nickte. „Legt sie nieder." Legolas legte Celebnîn vorsichtig nieder und versuchte sie fest zu halten.

Der Heiler holte ein kleines Fläschchen mit einer roten Flüssigkeit hervor und flüsste Celebnîn den Trank so gut es ging ein. Kurz danach beruhigte sich ihr Körper und sie lag wieder still im Bett.

„Sie hat sich überanstrengt, ihr Körper hält das nicht durch, mein Prinz. Sie braucht jetzt unbedingt Ruhe und sie darf sich nie wieder so anstrengen. Hätte sie noch ein paar Minuten weiter so gezittert, wäre sie wohl an der Anstrengung gestorben. Ihr müsst jetzt gut auf sie aufpassen." Legolas nickte. Er würde sie ab jetzt sowieso nicht mehr aus den Augen lassen, damit sie soetwas schreckliches nie wieder durchleben musste.

Celebnîn schlief drei Tage und drei Nächte lang und Legolas wich nicht von ihrer Seite. Er wachte über sie, tupfte ihr den Schweiß von der Stirn und versuchte ihr ein wenig Wasser ein zu flößen.

Der Heiler, dessen Name Angaráto war, kam immer wieder und untersuchte sie. Ernst nickte er Legolas zu. „Sie wird wieder gesund, aber sie hat anscheinend auch seelisch viel davongetragen zu haben, ihr solltet in nächster Zeit viel für sie da sein." „Das werde ich."

Angaráto flößte Celebnîn jeden morgen und jeden Abend wieder den roten Entspannungstrank ein und bot Legolas, der ebenfalls schon etwas mitgenommen aussah einen Schlaf- oder Entspannungstrank an. Doch Legolas wollte nicht von Celebnîns Seite weichen, schließlich war er auch mitschuldig n ihrer Überanstrengung.

Immer wieder kam Legolas´ besorgter Vater, fragte wie es ihm und Celebnîn ging und bot Legolas an ihn für ein paar Stunden ab zu lösen, damit er sich ausruhen konnte, doch Legolas lehnte ab.

Diese ständige Sorge um ihn machte ihn wütend. Um ihn brauchte man sich nicht kümmern! Er war doch nicht krank! Seine große Liebe benötigte Aufmerksamkeit, nicht er!

Nie wieder würde er Celebnîn alleine lassen, er würde sie nie wieder aus den Augen lassen. In der Zeit, in der er sie bewachte musste er ständig an die Geschehnisse in Calentawar denken. Dafür würde Arod büßen müssen, so leicht würde er nicht damit davon kommen. Er würde bestraft werden und Legolas würde die Bestrafung eigenhändig durchführen.

Arod würde Celebnîn nie wieder zu Gesicht bekommen und ihr nie wieder etwas antun können! Legolas würde ihn zu Rechenschaft ziehen!

Am Morgen des vierten Tages regte Celebnîn sich. Legolas, der neben ihr gerade fast eigeschlafen wäre bemerkte das sofort und nahm ihre Hand.

„Celebnîn, Meleth nin, wach auf." Und tatsächlich, sie öffnete endlich die Augen. Legolas erstrahlte vor Freude. Sie schien etwas verwirrt. „Legolas..." „Ich bin hier, Celebnîn." Sie sah ihn an und beruhigte sich. „Wie geht es dir, Melethril(3)?" Sie brachte erst nur ein leises Flüstern heraus. „Gut, da du hier bist." Ein leichtes Lächeln erhellte ihr blasses Gesicht.

Sie war noch sehr schwach. „Was ist passiert?" Er strich sanft über ihre Wange. „Du hast dich überanstrengt." „Wie lange habe ich geschlafen?" „Drei Tage, aber wir können glücklich sein, dass dir nicht mehr passiert ist."

Plötzlich wurde sie ernst. „Hast du es gesehen?" Er nickte. Eine Träne löste sich und lief über ihre Wange, Legolas stoppte sie. „Keine Sorge, Meleth nin, ich bin jetzt bei dir. Ich werde dich beschützen und Arod wird für das was er dir angetan hat bezahlen."

In ihren blauen Augen spiegelte sich jetzt Verzweiflung und Angst wider. „Wie meinst du das? Er darf nicht davon erfahren, dass du es weißt."

Legolas verstand Celebnîn nicht, wollte sie nicht, dass Arod dafür bestraft wurde?

„Aber Celebnîn, er muss bestraft werden, wir dürfen ihm das nicht durchgehen lassen." Celebnîn setzte sich entsetzt auf. „Nein, Legolas! Er wird uns töten, er wird dich töten! Du hast gehört was er gesagt hat!" Dann bekam sie einen leichten Schwindelanfall und sank zurück. Legolas strich ihr besorgt durchs Haar. „Du darfst dich nicht so anstrengen. Beruhige dich, wir werden alles besprechen wenn du wieder gesund bist. Ruh dich aus und schlafe noch etwas, ich bleibe bei dir."

Celebnîn lief durch Arods Schloss. Die Gänge waren menschenleer, alles schien dunkel und kuhl. Ein Dunst der Angst lag in der Luft und die Spannung, die in der Luft lag war deutlich zu spüren. Celebnîn suchte verzweifelt nach dem Ausgang, doch das Schloss schien aus einem einzigen Labyrinth von Gängen zu bestehen.

Sie versuchte eine Tür auf zu machen, doch sie war verschlossen. Nervös und hektisch versuchte es an der nächsten Tür, doch auch diese war nicht zu öffenen.

Langsam ergriff sie die Panik, sie wollte hier raus! Nie wieder wollte sie sich hier finden, nie wieder!

Immer weiter, immer schneller lief sie die langen Gänge entlang, in der Hoffnung hinter der nächsten Ecke den Ausgang zu finden.

Jede Sekunde schien eine Ewigkeit zu dauern, sie schien kaum noch vom Fleck zu kommen. Jeder Gang schien gleich, als würde sie ständig im Kreis herum laufen.

Dann began sich alles zu drehen, ihr wurde schwindelig, die Wände um sie herum schienen zu schaukeln. Sie wurde auf den Boden geworfen kroch zu einer Wand und presste sich an sie. Im ganzen Korridor und direkt über ihr zerbarsten die Scheiben der Fenster. Celebnîn schrie auf und versuchte ihren Kopf durch ihre Hände zu schützen.

Der Wind kam nun durch die Fenster und weiße Vorhänge ballten sich gespenstisch in den Korridor.

Celebnîn zitterte am ganzen Leib. Sie wollte nur noch hinaus, nur noch weg.

Der eisige Wind fegte herbstliche Blätter in den Gang. Die Blätter wirkten tot und rauh. Sie verliehen dem Gang einen kalten hauch des Todes und Verderbens.

Celebnîn hatte Angst auf zu sehen, etwas schreckliches zu entdecken, eine Schatten der durch die Gänge huschte.

Schließlich stand sie aber doch auf, blickte sich ängstlich um. Hinter jedem Vorhang konnte sich eine Gefahr verbergen. Am liebsten wollte sie sich in ein Eck verkriechen und dort warten bis jemand sie holte. Sie wollte am selben Fleck bleiben und auf die Rettung warten, doch es führte kein Weg daran vorbei. Sie musste an den Vorrhängen vorbei und es weiter versuchen.

Celebnîn schloss die Augen und lief los. Sie spürte wie sie durch die Vorhänge lief, verfing sich fast in einem. Dann hatte sie es endlich geschafft, wenigstens durch diesen Gang war sie durch. Doch vor ihr lag nun der nächste.

Plötzlich hörte sie Schritte, der Schatten einer Person tauchte am Boden hinter einer Ecke auf. Celebnîn begann zu laufen. In Panik sah sie immer wieder hinter sich, sodass sie das Ende des Ganges vor sich nicht bemerkte und gegen eine plötzlich aufgetauchte Tür prallte. Es war der Ausgang! Und durch ein kleines Fenster in der Tür konnte sie sehen, dass Legolas direkt vor ihr stand. Sie hatte es geschafft! Legolas würde sie beschützen! Doch als sie versuchte die Tür zu öffnen, war diese verschlossen!

Ängstlich blickte sie zurück. Vom Ende des Korridors kam jemand auf sie zu, sie konnte ihn noch nicht erkennen, doch sie wusste dass er nicht freundlich gesinnt war.

Panisch rüttelte sie an der Tür und hämmerte gegen das Fenster. Legolas sollte ihr helfen, die Tür aufbrechen! Doch er stand nur da, mit einem traurigen und enttäuschten Gesichtsausdruck. Der Schatten kam immer näher! „Legolas! Legolas, hilf mir!" Doch er drehte sich traurig um und ging.

Celebnîn war verzweifelt. Warum ließ Legolas sie im Stich!

Langsam wandte sie sich um. Die bedrohliche Gestalt war jetzt nur noch fünf Meter vor ihr. Und dann erkannte sie sein Gesicht. Es war Arod! Und er kam mit diesem bösartigen Gesicht auf sie zu, war nur noch zwei Meter von ihr entfernt. Er streckte seine Hand nach ihr aus, griff nach ihr. „NEIN!"

(1) Im sí, Meleth nin – Ich bin hier, meine Liebe

(2) Amin anta lle, Legolas! – Ich brauche dich, Legolas!

(3) Melethril – Geliebte