Kapitel 4

Die innerlichen Folgen

Celebnîn schreckte hoch.

„Keine Sorge, du hattest nur einen Alptraum."

Sie sah sich um. Sie lag immer noch im Bett. Legolas saß neben ihr und sah sie besorgt an. „Ist alles in Ordnung?"

Ängstlich sah Celebnîn in Legolas´ Augen und plötzlich war es ihr, als ob sie in diesem Moment einen Teil ihres Traumes wieder vor sich sah. Es war die Szene, inder Legolas sich von ihr abgewandt hatte.

„Celebnîn?" Lange sah sie in seine Augen und ganz tief darin erblickte sie was Legolas wirklich dachte, welche Gedanken tief in ihm drinnen verborgen waren. Und es schmerzte, es schmerzte mehr als alle körperlichen Leiden, die sie bis jetzt empfunden hatte.

Langsam begannen sich Celebnîns Augen mit Tränen zu füllen.

Legolas sah sie weiterhin besorgt und fragend an, doch die Gedanken dahinter trafen sie hart. Sie konnte es nicht mehr ertragen, wollte nicht weiterhin diesem Blick standhalten müssen. Nicht länger wollte sie es ertragen. Also sprang sie auf und rannte eilig aus dem Zimmer.

So schnell wie es in ihrem Zustand möglich war, lief sie aus dem Schloss hinaus in den Wald. Kalte Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie immer tiefer in den Wald rannte. Doch ihre Umgebung zog nur wie ein Schatten oder ein dunkler Schleier an ihr vorbei. Zu verwirrt war sie, als dass sie ihre Umgebung wahrgenommen hätte.

Nach einer ganzen Weile, in der sie einfach nur geradeaus gelaufen war, blieb sie endlich stehen. Ihre Kraft war am Ende, sie war seelisch völlig am Boden zerstört. Weinend fiel sie zu Boden und kauerte sich an einem Baumstamm zusammen.

Ich bin entehrt, ich bin nichts mehr wert.´

Sie hatte ihre Jungfräulichkeit verloren, bevor sie einen Bund durch eine Heirat besiegelt hatte. Sie war nun eine Schande der Gesellschaft, niemand würde sie jetzt noch akzeptieren, auch Legolas würde sie nicht mehr so sehen wie früher. Erst jetzt fiel ihr diese Tatsache auf. Erst jetzt, nachdem sie jemanden ihr Leid gezeigt hatte.

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Legolas war geschockt und überrascht als Celebnîn plötzlich aus dem Zimmer lief. Er rief mehrmals nach ihr, doch wollte sie ihn anscheinend nicht hören. Also beschloss er ihr zu folgen, aber er war zu langsam, denn als er aus dem Schloss kam war sie bereits im Wald verschwunden.

„Celebnîn! Celebnîn, komm zurück!" Doch sie kam nicht.

Legolas war verzweifelt. Umgehend lief er in den Stall und stieg auf sein Pferd. Nachdem er aus den Stallungen geprescht war, ritt er im schnellen Gallopp in den Wald. Ständig nach ihr rufend durchstreifte er das Gebiet. Er musste sie finden.

Was hab ich nur falsch gemacht? Was ist mit ihr?´

Es wurde bald dunkel und in ihrem Zustand war Celebnîn der Kälte und den Gefahren hilflos ausgeliefert. Sein Wille sie endlich zu finden wurde mit jeder Sekunde stärker, und wie froh wäre er gewesen, wenn er sie endlich erblickt hätte.

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Noch immer rannen Tränen über ihr Gesicht. Und noch immer schämte sie sich für sich selbst. Celebnîn begann heftig zu schluchzen und sie zitterte am ganzen Leib.

Es dauerte lange bis sie sich halbwegs beruhigt hatte. Erst danach bemerkte sie, wie tief sie in den Wald gelaufen war.

Ein kalter Wind umwehte sie und erst jetzt fiel Celebnîn auf, dass sie immernoch ihr Nachtkleid aus weißer Seide trug. Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen.

Ich bin nicht mehr berechtigt diese Farbe zu tragen.´

Am liebsten wollte sie das Kleid von sich reißen, doch jetzt musste sie froh sein, dass sie wenigstens dieses dünne Gewand trug, denn es wurde immer kälter und langsam begann sie zu frieren.

Was soll ich jetzt nur tun? Wo soll ich jetzt noch hin?´

Legolas wusste nun, dass sie entehrt war und Celebnîn wusste, dass er es bald seinem Vater erzählen würde, er musste es tun.

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Legolas´ Sorge wurde immer größer. Er wusste nicht was er tun sollte, wo er sie suchen sollte. Eigentlich wusste er überhaupt nichts mehr. Sein Sinn war wie vernebelt von der erdrückenden Sorge um Celebnîn. War sie vielleicht wieder beim Bergsee? Nein, da konnte sie zu Fuß nicht hin, das wäre viel zu weit.

Vor allem machte ihm zu schaffen, dass er nicht wusste weshalb sie fortgelaufen war. Sie hatte ihm nur in die Augen gesehen, doch anscheinend schien sie darin etwas entdeckt zu haben, das sie sehr traurig gemacht hatte und das sie dazu gebracht hatte, aus dem Palast zu laufen. Oder waren es nur die Nachwirkungen des Alptraumes?

Wieso läufst du vor mir davon, Melamin(1)?´

Traurig ritt er weiter. Er konnte nur hoffen sie bald zu finden.

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Celebnîn war völlig erschöpft und müde. Beinahe hätte sie sich in den Schlaf geweint, doch dann hatte sie sich selbst aufgeweckt. In diesem dunklen Wald wollte sie nicht einschlafen. Hier lauerten Gefahren, denn sie war zu tief hineingegangen.

Vor Kälte zitternd erhob sie sich. Die Arme hatte sie verschränkt und presste sie eng an sich, um die Wärme möglichst in ihrem Körper zu halten. Es war so kalt und sie konnte sich kaum noch auf den Füßen halten. Ihr Kreislauf war durch das lange Liegen und Schlafen völlig geschwächt. Ihre Muskeln fühlten sich seltsam an und ihre Augen fielen ihr fast zu.

Über viele Wurzeln stolpernd bewegte sie sich langsam vorwärts. Als sie hochsah bemerkte sie, dass der Mond schon hoch am Himmel stand.

Es war unheimlich, sie hatte ständig das Gefühl, verfolgt zu werden. Jeder Schritt kostete sie viel Kraft und lange würde das alle nicht durchhalten.

Ich kann nicht mehr, ich kann mich nicht so anstrengen.´

Erschöpft gab sie auf. Ihre Füße waren ganz wund, da die Wurzeln ihre Haut aufgeschürft hatten.

Sie sank langsam zu Boden und kauerte sich eng zusammen, um keine Wärme zu verlieren. Traurig sah sie zu den Sternen hoch, die über ihr leuchteten. Die Bäume versperrten ihr großteils die Sicht, doch sie konnten sie nicht ganz daran hindern, den dunklen Nachthimmel zu sehen.

Valandil, was ist nur aus mir geworden?´ Eine letzte kleine Träne entwich aus ihrem Auge, bevor sie vor Erschöpfung einschlief.

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Der Morgen begann zu grauen, als Celebnîn erwachte. Sie saß noch an der selben Stelle, doch zu ihrer Verwunderung war sie mit einem dunklen Umhang zugedeckt und vor ihr sah sie einen weißen Hengst grasen.

Erst nachdem sie ihre Umgebung wahrgenommen hatte, erkannte sie, dass zwei Arme sich behutsam um sie gelegt hatten. Sie sah auf und merkte, dass sie mit dem Kopf auf Legolas´ Brust lag. Er schlief noch und sie konnte seinen gleichmäßigen Atem hören.

Er hat mich also doch gefunden. Er hat mich nicht im Stich gelassen.´

Wie hatte sie auch glauben können, Legolas würde sie je im Stich lassen, das würde er nie tun, aber dennoch, auch er würde sie nicht mehr so sehen wie früher. Die alte Ungewissheit keimte wieder in ihr auf und trübte damit das Wiedersehen ihres Geliebten.

Traurig seufzte sie leise, aber nicht leise genug, denn Legolas erwachte.

Legolas öffnete die Augen und sah zu Celebnîn herab. Sie war wach und sah ihm unsicher in die Augen. Wie unschuldig sie war, er konnte ihr nicht böse sein. Er war so glücklich gewesen, als er sie endlich gefunden hatte. Sie hatte sich ganz klein gemacht und an einen Baum gedrängt. Selbst im Schlaf hatte sie vor Kälte gezittert.

Er erinnerte sich wie erleichtert sie geseufzt hatte, als er sie in die Arme genommen und mit seinem Umhang zugedeckt hatte.

Doch nun war sie wach und er wollte erfahren wieso sie fortgelaufen war.

„Celebnîn..."

Er musste nicht mehr sagen, sie verstand ihn.

Vorsichtig löste sie sich aus seinem Griff, sodass sie ihm in die Augen sehen konnte. In Celebnîns wunderschönen blauen Augen spiegelte sich eine große Traurigkeit wider.

„Es tut mir Leid, dass ich weggelaufen bin."

Er lächelte sie aufmunternd an. „Ist schon gut, ich möchte nur den Grund dafür erfahren."

Sie schluckte. „Weißt du, ich..." Sie brach ab. Besorgt sah er sie an. „Naro enî tress chîa, Celebnîn.(2)"

Celebnîn seufzte, ihre Stimme war sehr leise und zittrig. „Du weißt, was die Leute über Elbinnen denken, die vor ihrer Vermählung ihre Jungfräulichkeit verlieren."

Legolas war überrascht über das was sie sagte. „Ich möchte nicht, dass du schlecht über mich denkst." Sie sah zu Boden, konnte ihn nicht mehr in die Augen sehen. Zu groß war die Scham, die sie empfand.

„Glinno nin(3)", Legolas' Stimme klang auffordernd, aber dennoch unglaublich zärtlich, „Es ist nicht deine Schuld. Niemand wird dir etwas vorwerfen. Und ich denke niemals schlecht über dich."

Sie sah ihn an und ihre Augen füllten sich abermals mit Tränen: „Furos...(4)"

Er streichelte ihr Wange. „Nein, ich liebe dich. Ich verurteile dich nicht für das, was geschehen ist. Ich beschuldige Arod, nicht dich. Mach dir keine Vorwürfe." Endlich lächelte sie ihn an, doch sie schien immer noch unsicher zu sein.

Legolas schlang seine Arme um Celebnîns Taille und zog sie vorsichtig näher an sich heran. „Du darfst dir nicht die Schuld geben für das, was passiert ist." „Aber..."

Bestimmend legte er ihr die Hand auf den Mund. „Nein, Celebnîn, du trägst keinerlei Schuld."

Sie nickte leicht lächelnd. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und flüsterte leise „Ich liebe dich, Legolas."

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Melamin – Geliebte
Naro enî tress chîa, Celebnîn. – Erzähle mir deine Sorgen, Celebnîn
Glinno nin – Sieh mich an.
Furos... – Du lügst...

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Danke sehr an meine Beta Narawain, die mir sehr geholfen hat. Und alles Gute an Sybilla für ihre Prüfungen!