Kapitel 6 Ein Ausweg
Diese Augen... Diese Augen, die nur noch Böses ausstrahlten! Sie konnte sie nicht mehr vergessen. Jetzt da sie endlich über die Ereignisse in Calentawar hinweggekommen war, jetzt da sie endlich wieder glücklich sein konnte, musste er kommen und alles wieder zerstören.
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Celebnîn stand am Balkon und blickte in die Ferne. Warum musste alles so schwer sein? Was hatte sie nur getan, dass ihr ihr Glück genommen wurde? Erst starb ihr Verlobter und dann wurde sie... Sie konnte an dieses Wort nichteinmal denken ohne, dass sich ihr Brustkorb völlig zuschnürrte.
Was soll ich nur tun?´
Legolas hatte ihr nach langem Zögern erzählt, was Arod zu ihm gesagt hatte. Es würde zum Krieg kommen... und das nur ihretwegen. Legolas könnte in diesem Krieg sterben, so viele würden sterben und es wäre ihre Schuld. Sie konnte diesen Gedanken nicht ertragen. Niemand sollte sein Leben für sie lassen, niemand.
Celebnîn sah auf. Ein leichter Wind umspielte sie. Es war Mittag und bald würde man sie zum Essen erwarten. Sie wusste was danach kommen würde... Sie würde mit Legolas und seinem Vater über alles sprechen müssen, sie würde dem König alles erzählen müssen! Und danach würde man sie hinausschicken und der König und der Prinz würden über eine Kriegsstrategie beraten.
Das wollte sie nicht. Sie wollte nicht, dass es zum Krieg kam.
Celebnîn war verzweifelt. Was sollte sie tun?
Nach langem Nachdenken kam sie zu dem Schluß, dass es nur eine Möglichkeit gab, das alles zu verhindern...
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Legolas schritt nachdenklich den Gang entlang. Er sollte Celebnîn zum Essen holen und danach würden sie reden...
Wenn er an Celebnîns Leid dachte, schmerzte sein Herz. Sie war so verletzlich, hatte solche Angst. Wie konnte man so ein schönes Wesen nur verletzen? Wie kann man ihr nur weh tun? Wie konnte Arod ihr nur weh tun!
Bei diesem Gedanken staute sich wieder Wut in Legolas auf und er ballte die Fäuste. Es war alles Arods Schuld!
Er kam zu Celebnîns Zimmer und klopfte an ihre Tür. Niemand antwortete. Schlief sie vielleicht?
Vorsichtig öffnete er die Tür und sah in das Zimmer. Der Wind wehte einige Blätter durch das geöffnete Fenster hinein und ein kühler Lufthauch umfasste ihn.
Legolas sah sich um, doch Celebnîn war nicht da. Auch im Bad war keine Spur von ihr. War sie vielleicht bereits zum Speisesaal gegangen?
Er wollte gerade gehen, als einen Zettel ihm entgegenflatterte. Legolas fing ihn auf und las was darauf stand.
Mein geliebter Legolas,
Ich weiß, du wirst mich bereits suchen, doch wenn du diesen letzten Brief liest, werde ich nicht mehr hier sein. Es tut mir leid, aber ich kann nicht zulassen, dass wegen mir ein Krieg ausbricht. Ich will nicht, dass jemand für mich stirbt...
Du weißt, ich liebe dich und ich werde dich für immer lieben, doch zu unserer allerbeiden Besten muss ich zu Arod gehen.
Bitte versuche nicht mich aufzuhalten, ich will,l dass du ein schönes Leben hast, ohne Sorgen. Am Besten wird es sein, wenn du mich vergisst, auch wenn es mir sehr wehtut, dir das zu sagen.
Ich liebe dich,
Deine Celebnîn
Geschockt starrte Legolas den Brief an. Sie wollte ihn verlassen? Sie wollte zu Arod!Er konnte das nicht zulassen! Er musste ihr folgen! Und ob sie es wollte oder nicht, er würde sie zurückbringen.
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Ein letztes Mal blickte sie auf den Palast zurück. Hier musste sie ihren Geliebten zurücklassen, diesen schönen Ort würde sie nie wieder sehen... Es tat weh, aber es gab keine andere Möglichkeit, sie musste gehen und sie musste sich beeilen, denn sie wusste, dass Legolas ihr folgen würde. Doch er durfte sie nicht aufhalten, es war ihre Entscheidung und sie war die einzig richtige. Wegen ihr sollte kein Krieg ausbrechen.
Elen war die einzige, die sie begleitete. Die schwarze Stute war immer für sie da, aber auch sie würde Celebnîn verlassen müssen, denn sie wollte nicht, dass Elen wegen ihr leiden musste.
In schnellen Gallopp ritt sie durch den Wald. Ihre Emotionen hielt sie dabei zurück, sie musste lernen, ihre Gefühle zu verdrängen, nichts mehr an sich heran zu lassen. Nur so konnte sie die Zeit bei Arod irgendwie überstehen.
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Der weiße Hengst gab sein Bestes. Legolas presste sich an ihn, um die höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen.
Er würde Celebnîn einholen. Sie war schon so oft fortgelaufen, doch er hatte sie immer gefunden. Auch diesmal würde er sie zurückholen. Er liebte sie, er würde ihr nicht erlauben, sich zu opfern.
Die Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch das dichte Geäst. Es lag ein leichter Nebel über dem Boden.
Legolas konnte nur hoffen, den richtigen Weg zu nehmen, denn Spuren konnte er wegen des Nebels nicht erkennen.
Es tat weh. Noch nie hatte er einen solchen Schmerz empfunden. Celebnîn wollte ihre Liebe einfach aufgeben. Sein Herz schmerzte so sehr.
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Liebe ist wie eine Blume.Vernachlässigt man sie, so stirbt sie,
pflegt man sie, so blüht sie auf.
Doch manchmal muss man die Blume zurücklassen, um sie zu retten,
manchmal muss man die Liebe aufgeben,
um den geliebten Menschen vor einem dunklen Schicksal zu bewahren.
Manchmal bleibt nur ein Weg,
der des Vergessens.
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Der Wind wehte durch ihr Haar. Die Sonne strahlte auf sie herab. Und der Geruch des grünen Grases stieg ihr in die Nase.
Sie hatte den Düsterwald verlassen und musste ihre Liebe hinter sich lassen. Sie musste vergessen.
Celebnîns Blick wurde starr. Sie achtete nicht wirklich darauf, wo sie hinritt, Elen wusste den Weg. Sie sah geradeaus in die weite Wiesenlandschaft, sah aber gleichzeitig nichts. Es wurde dunkel, dunkel um ihr Herz. Der Schmerz übernahm die Kontrolle, es war der Prozess des Vergessens. Sie würde nun ihre Liebe für Legolas vergessen und auch die für Valandil. Es würde nicht lange dauern und sie wusste nicht mehr, was Liebe ist. Sie würde nie mehr lieben können, aber auch nie mehr hassen. Alles würde vergehen und sie würde in einer Welt aus Dunkelheit und Schatten leben. Eine Welt, in der niemand sie erreichen konnte, in der sie niemand verletzen konnte. Eine Welt des Vergessens.
Immer dunkler wurde es um sie herum. Die Sonne war fast völlig verschleiert. Bald würde es vorbei sein. Sie spürte nichts außer die Kälte.
Doch kurz bevor es vorbei war, kurz bevor sie in die andere Welt hinübergeglitten war, erstrahlte ein helles, warmes Licht vor ihr.
Das Licht wurde immer heller und Celebnîn wurde geblendet. Die Kälte um ihr Herz begann zu verschwinden, es tat weh, es tat so weh. Das Licht brannte in ihren Augen. Es zwang sie wieder zurückzukehren, die verschleierte Welt zu verlassen.
Sie schrie fast vor Schmerz, doch kurz bevor es unerträglich wurde, wachte sie auf.
Elen war stehen geblieben. Celebnîn lag nur noch auf ihrem Rücken. Alles war verschwommen, alles so blendend hell.
Sie war erschöpft. Ihr Herz schmerzte noch immer. Langsam rutschte sie endgültig von Elens Rücken und fiel in das weiche Gras.
Schwer atmend lag sie da, die Sonne blendete sie, um sich herum drehte sich alles.
Elen legte sich zu ihr nieder und stupste sie behutsam an.
Die Sonne war ein verschommener Punkt. Da trat etwas in das Sonnenlicht. Ein Schlauch mit Wasser wurde ihrem Mund zugeführt und sie trank ein paar Schlucke.
Dann schlief sie ein. Ihr Körper musste sich erholen.
Als Celebnîn aufwachte war alles wieder klar. Über ihr leuchteten die Sterne und der Mond strahlte in weißem Glanz.
Sie war zugedeckt und ihr Pferd lag noch immer neben ihr. Sanft streichelte sie Elen, die daraufhin zufrieden schnaubte.
Langsam stand sie auf. Sie war etwas wakelig auf den Beinen, aber sonst ging es ihr gut.
Ein paar Meter entfernt sah sie eine Person im Gras sitzen. Sie hatte ihr den Rücken zugekehrt, doch Celebnîn wusste wer es war.
Vorsichtig schritt sie an die Person heran. „Legolas?" Doch sie bekam erstmal keine Antwort. Erst nach einer Weile, nachdem sie schon zweifelte ob es wirklich Legolas war, meldete er sich zu Wort.
„Ich verstehe nicht wieso du das getan hast." Er hatte noch immer den Rücken zu ihr gekehrt.
„Legolas, ich... Ich wollte nicht, dass dir etwas passiert."
Erst jetzt drehte er sich zu ihr und sie konnte große Enttäuschung in seinem Gesicht sehen. „Du wolltest dich aufgeben und damit auch mich. Du hattest vor alles zu vergessen. Wie konntest du das nur tun? Wie kannst du unsere Liebe nur vergessen wollen?" Celebnîn traf Legolas´ Enttäuschung hart. Sie hatte ihn sehr verletzt.
„Es tut mir Leid, aber ich musste es tun. Und ich muss zu Arod gehen, ich liebe dich, aber ich muss dich verlassen." Er stand auf und sah ihr in die Augen. Celebnîn konnte nicht ertragen, ihn so zu sehen. Es tat weh und sie konnte nicht verstehen wie sie ihn verlassen könnte, wenn er sie so ansah.
„Du gibst also auf. Du flüchtest."
„Ich muss es tun..."
„Dann geh." Das hatte sie nicht erwartet. „Wenn du glaubst es gibt keinen Ausweg, dann geh. Auch ich empfinde Schmerzen, Celebnîn. Auch mein Herz kann zerbrechen, ob du es glaubst oder nicht. Ich kann dich nicht mehr aufhalten und ich will es auch nicht mehr. Wenn du unsere Liebe aufgeben willst, kann ich nichts dagegen tun. Gibst du mich auf, so muss ich dich aufgeben."
Er wandte sich um und ging. Enttäuscht stieg er auf sein Pferd. Celebnîn war geschockt. Sie hatte das nicht erwartet. Ihr Herz begann zu schmerzen und sie begriff endlich was sie Legolas mit ihrem Verschwinden angetan hatte.
Sie konnte nur noch zusehen, wie er langsam davonritt.
