Kapitel 7 Beratungen

Celebnîn sah Legolas nach. Ihre Emotionen, die sie vorher verschlossen hatte, stiegen wieder in ihr auf.

„Legolas! Legolas, warte!" Doch er blieb nicht stehen. Sie hatte ihn zu sehr enttäuscht. Würde er sie jetzt verlassen? Würde er jetzt wirklich ihre Liebe aufgeben?

Verzweifelt lief sie ihm nach. Sein Pferd hatte die Geschwindigkeit nicht verschnellert, es schritt immer noch langsam davon. „Legolas, bitte!" Doch er sah nicht zurück.

Celebnîn begann schneller zu laufen, sie musste ihn einholen. Sie liebte ihn doch! Tränen stiegen ihr in die Augen. Ihre geschwächten Beine konnten sie kaum noch tragen. Da stolperte sie über einen Stein und fiel zu Boden.

'Legolas, es tut mir Leid'

Sie lag im Gras und weinte. Sie hatte ihn verloren. Ihn, der sich immer um sie gekümmert hatte, der sie nie aufgegeben hatte. Ihn, ihr Geschenk des Himmels. Sie hatte ihn verloren.

Der scharfe Stein hatte ihr eine Schnittwunde zugefügt, doch diesen Schmerz spürte sie kaum, sie spürte nur noch den in ihrem Herzen.

'Was habe ich nur getan?'

„Es tut mir so leid", flüsterte sie ins kalte Gras.

„Ich weiß."

Celebnîn sah auf. Legolas hatte sich zu ihr gekniet. Er wischte ihr die Tränen von den Wangen. Erleichtert fiel Celebnîn ihm um den Hals. „Es tut mir so leid, Legolas. Ich wusste nicht was ich angerichtet hatte. Bitte gib unsere Liebe nicht auf..." Langsam streichelte er durch ihr Haar. „Das werde ich nicht, wenn du es nicht tust." Sie sah ihn an.

Legolas blickte in ihre mit Tränen gefüllten Augen. „Ich werde es nicht tun, es tut mir leid. Ich liebe dich!" Er lächelte sie an. „Ich liebe dich auch, Melamin."

Er entdeckte das Blut an ihrem Knöchel. „Komm her." Behutsam nahm er ihr Bein und sah sich ihre Schnittwunde an. Es war keine tiefe Wunde, sie musste nur gereinigt werden und würde schnell wieder verheilen. Er nahm eine kleine Tinktur aus seiner Flasche und goss ein paar Tropfen über die Wunde. Er merkte wie sie sich vor Schmerz ein wenig verspannte. „Keine Sorge, es ist gleich vorbei."

Nachdem die Essenz eingewirkt hatte, nahm Legolas Celebnîn auf seine Arme. Sie sah ihn verwirrt an. „Was tust du?" Er lächelte sie an. „Vertrau mir." Behutsam setzte er sie auf sein Pferd, dann pfiff er und Elen kam auf ihn zu. Er nahm ihr ihr elbisches Zaumzeug ab und setzte sich danach hinter Celebnîn. Seine Arme schlangen sich um ihren zarten Körper und seine Hände nahmen die Zügel auf. „Ich will nicht, dass du mir noch mal davonläufst." Sie lächelte und drehte sich zu ihm um. „Keine Angst, das tue ich nie wieder." Sie küsste ihn und Legolas spürte endlich wieder ihre warmen, zarten Lippen auf den seinen.

°°°°°°

Celebnîn war sehr unbehaglich zumute. Nervös bewegte sie sich in ihrem Sessel und konnte ihren Blick nur am Boden halten.

Sie hatte alles erzählt und diesmal hatte sie es wirklich erzählt und nicht auf andere Weise dargestellt. Es war schwer gewesen diese grauenhaften Ereignisse in Worte zu fassen und noch schlimmer diese Worte zu sagen. Sie wusste, dass der König und der Prinz sie ansahen. Sie spürte die durchdringenden Blicke der beiden und das machte sie nur noch nervöser.

Es trat erst eine lange Stille ein, nachdem sie fertig wurde, und es schien so als würde diese Stille ewig andauern. Doch dann brach der König die unangenehme Ruhe. „Er will also den Krieg..." Seine Worte klangen nachdenklich und überlegt. „Ein weiterer Krieg soll also stattfinden, so kurz nach dem Sieg über den dunklen Herrscher."

Legolas spürte, dass sein Vater an dem Grund des Krieges zweifelte. „Vater, ich liebe Celebnîn. Und ich werde nicht zulassen, dass man ihr noch einmal so etwas antut." Thranduil blickte auf. Legolas wusste, dass er jetzt prüfte, ob Legolas wirklich so viel an Celebnîn lag.

„Ich verstehe... nun denn, dann werde ich Herrn Elrond informieren müssen. Auch er soll erfahren was Arod verbrochen hat, vor allem, da er beauftragt wurde auf Celebnîn aufzupassen."

Celebnîn sah auf. Das nun auch noch. Elrond sollte jetzt auch erfahren, was passiert war. Auch er sollte jede Einzelheit hören.

Leise seufzte sie. Diese Ereignisse erschienen ihr wie ein langer, dunkler Alptraum.

Auch Thranduil schien schwer an der Last der Entscheidung zu einem weiterem Krieg zu tragen zu haben. „Nun... wenn es wirklich zu einem weiteren Krieg kommen soll, müssen wir Vorbereitungen treffen."

Für Celebnîn schien dies das Zeichen zu sein, den Raum zu verlassen, in Politik und derartigen Vorbereitungen war sie keine große Hilfe. Thranduil und Legolas schienen das genauso zu sehen und nickten, als sie aufstand. „Ich werde mich jetzt zurückziehen." Ihre Worte klangen müde und besorgt. Celebnîn merkte, dass die letzten Tage und vor allem dieses lange Gespräch an ihren Kräften genagt hatten. Langsam stand sie auf und verließ den Raum.

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Celebnîn saß vor einem kleinen Teich im Garten des Schlosses und versank in Gedanken.

Der Wind streichelte sanft ihre Haut und die wärmende Mittagssonne ließ ihre blasse Haut ein wenig schimmern.

Immer noch konnte sie sich nicht mit dem Gedanken, dass andere wegen ihr kämpfen und vielleicht sterben würden nicht abfinden. Es schien so sinnlos. Wegen einer Person sollten Kämpfe stattfinden. Aber langsam verstand sie, dass dies früher oder später wohl sowieso passiert wäre. Diese Konkurrenz, die zwischen Arod und Legolas herrschte, machte eine Freundschaft beinahe unmöglich. Und da beide so einen hohen Stand besetzten, waren Konflikte in dieser Größenordnung voraussehbar.

'Und trotzdem komme ich mir schuldig vor.'

Wieder entwich ihr ein leiser Seufzer.

Celebnîn stand auf, doch sie konnte keinen Schritt machen, denn ihr wurde plötzlich so schwindelig, dass sie sich wieder setzen musste. Alles drehte sich ein wenig und ihr wurde heiß.

„Ist alles in Ordnung, Mylady?"

Celebnîn sah auf. Ein weibliches Gesicht lächelte ihr entgegen, Celebnîn sah sie etwas verschwommen.

„Mir ist ein wenig schwindelig..."

Die Elbe schien eine Heilerin sein, denn sie hielt ihr ein kleines Fläschchen entgegen. „Das hilft Euch."

Celebnîn trank den süßen Inhalt und fühlte sich gleich viel besser. „Danke." Jetzt konnte sie die junge Elbe auch erkennen. Sie war eine Heilerin und arbeitete im Schloss, Celebnîn hatte sie schon öfter gesehen.

„Mein Name ist Silmarwen, Mylady. Ihr hattet nur Kreislaufprobleme, die sind leicht zu heilen." Celebnîn nickte. Sie verspürte jetzt nur noch Müdigkeit.

„Ich denke, ich brauche einfach nur etwas Ruhe." „Soll ich Euch helfen?" „Nein, Danke. Dank Eurem Mittel kann ich jetzt alleine gehen." Celebnîn lächelte Silmarwen an und ging.

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Legolas schien erst spät in sein Zimmer zu gehen, Celebnîn hörte wie er seine Tür öffnete. Die langen Beratungen schienen ihn wohl sehr ermüdet zu haben, denn Celebnîn hörte nach kurzer Zeit nichts mehr aus dem Nebenzimmer, was wohl bedeutete, dass er bereits schlief.

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Am nächsten Morgen erschienen weder der König noch Legolas zum Frühstück. Celebnîn hatte erfahren, dass sie sich mit den königlichen Beratern im Arbeitszimmer eingeschlossen hatten.

Langsam machte sie sich Sorgen, so lange Gespräche konnten nichts gutes bedeuten. Außerdem wollte sie Legolas sehen, an seiner Seite konnte sie ihre Sorgen vergessen und sie hoffte, dass ihm es genauso ging.

Der Tag verging sehr langsam und Celebnîn hörte nichts von Legolas. Die Gespräche dauerten weiter an und niemand hörte etwas aus dem Arbeitsraum. Nur ein paar Diener wurden hineingelassen, um Essen und Getränke zu bringen, doch diese hörten auch nicht, worüber gerade gesprochen wurde und selbst, wenn sie etwas gehört hätten, hätten sie nichts erzählt.

Celebnîn verbrachte fast den ganzen Tag, damit sich Sorgen und Gedanken zu machen. Sie saß die meiste Zeit im Schlossgarten, doch als sie diese Unwissenheit dann langsam nicht mehr aushielt, beschloss sie, Elen zu holen und einen kleinen Ausritt zu machen.

Der Wald hatte eine beruhigende Atmosphäre. Die Vögel zwitscherten leise und der Wind streichelte die Blätter der Bäume. Die Geräusche des Waldes umgaben Celebnîn und halfen ihr ihre Sorgen beiseite zu lassen.

Elen schritt gemächlich über den weichen Boden. Celebnîn hatte keine Ahnung wie lange sie jetzt unterwegs war, aber sie genoss die frische Luft und die Ruhe, die hier herrschte.

Die Sonne war noch hoch am Himmel, deshalb machte sich die junge Elbe keine Sorgen zu spät zurückzukommen.

Nach einer Weile beschloss Celebnîn zu ihrem Haus zu reiten und dort nach dem Rechten zu sehen.

Das Haus stand groß und einsam vor ihr. Es wirkte traurig und verlassen. Langsam ging Celebnîn zur Haustüre. Sie war sich erst nicht sicher ob sie wirklich dort hinein wollte, doch als sie vor der Tür stand, stutzte sie.

Die Tür stand einen Spalt breit offen. Celebnîn wusste genau, dass sie die Tür beim Verlassen des Hauses verschlossen hatte.

Sie holte einen Dolch, den sie zur Sicherheit mit sich trug, hervor und öffnete vorsichtig die Haustüre. Langsam und bereit sich zu wehren, falls es nötig war, schritt sie in das dunkle Haus. Es war schummrig und staubig hier drinnen, da Celebnîn die Läden der Fenster geschlossen hatte und hier lange nicht mehr gelüftet wurde.

Sie stieß die Fenster auf, sodass Licht in die Räume kam. Es sah nicht so aus, als ob etwas entwendet wurde. Einige Möbel standen anders ausgerichtet als sonst, aber alles war noch da.

Celebnîn ging die Treppen hoch in ihr Schlafzimmer. Das Bett sah benutzt aus und ihre Schränke waren durchwühlt worden.

Sie schritt zu ihrer Kommode und öffnete die Lade. Ihr Schmuck war ebenfalls nicht entwendet worden, doch nach einiger Zeit merkte sie, dass doch etwas fehlte. Ihre Lieblingskette, die sie von Valandil geschenkt bekommen hattem war nicht mehr zu finden. Die geschwungene Kette hatte einen blauen Edelstein in Form einer Träne.

Aber warum sollte jemand gerade diese Kette stehlen und den anderen Schmuck zurücklassen?