Kapitel 11 Trauer, Tod und ein großer Irrtum

Legolas fühlte sich irgendwie ausgelaugt. Es war ein ganz neues Gefühl, dass er bis jetzt nicht kannte. Normalerweise machten ihm lange Nächte und anstrengende Ritte nichts aus, schließlich wurde er dafür trainiert und hatte schon schlimmeres erlebt. Aber diesmal waren es nicht die körperlichen Anstrengungen die ihm zu schaffen machten, es war die Sehnsucht nach seiner Frau. Je mehr er sich wünschte bei ihr zu sein, je sinnloser und anstrengender kam ihm dieser Kreuzzug vor.

Seufzend wusch sich Legolas sein Gesicht mit Wasser ab und blickte wieder einmal auf die Landkarten, obwohl er sie bereits auswendig kannte.

Es war auch ein Problem, dass sie nie auf Gegner trafen und kämpfen konnten, sie hatten bis jetzt nur brennende, zerstörte Dörfer und verletzte oder getötete Unschuldige angetroffen, das deprimierte sie, da sie noch nicht die Möglichkeit hatten die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Sie gaben ihr Bestes um den Opfern zu helfen, doch sie konnten nicht viel verrichten, da sie nicht das nötige Werkzeug und genug Heiler bei sich hatten.

Überhaupt war es Legolas unklar wieso Arod diese Dörfer angriff. Es gab keinen Grund dafür. Diese Dörfer verwalteten sich großteils selbst und die Menschen und Elben, die hier lebten hatten fast nichts mit Celebnîn oder ihm zu tun. Natürlich war Legolas klar, dass ihn Arod so provozieren wollte, aber er hatte nicht erwartet, dass sein ehemaliger Freund eine solche Grausamkeit gegenüber Unschuldigen an den Tag legen konnte.

Sanft strich Legolas mit seinen Fingern über die Kette, die er ständig um den Hals trug, er wusste, dass Celebnîn die andere Hälfte trug und das gab ihm Sicherheit und ein schönes Gefühl. Es war das einzige was ihm neben Celebnîns Briefen ein Lächeln entlocken konnte. Wie sehr er sie doch vermisste...

Weitere drei Tage vergingen und die Truppen trafen wieder nicht auf ihre Gegner. Legolas wusste nicht warum diese sich vor ihnen versteckten, vielleicht wussten sie ja doch, dass sie wenig Chancen gegen die geübten Soldaten seines Königreiches hatten.

„Ich halte es hier nicht mehr aus!" Wütend warf Celebnîn eine Vase zu Boden und ignorierte den geschockten Blick Silmarwens. „Ich kann hier nicht untätig herumsitzen, schließlich wird dieser Krieg meinetwegen geführt." „Aber versteht doch, es ist zu gefährlich für Euch dort hinaus zu gehen." Celebnîn warf Silmarwen einen wütenden Blick zu. „Legolas hat mich gelehrt mich zu verteidigen. Ich kann gut mit Pfeil und Bogen umgehen und das Schwert ist mir auch nicht unbekannt!" Silmarwen setzte zu einem neuen Gegenargument an, doch Celebnîn kam ihr zuvor. „Ich will doch gar nicht gegen Arods Soldaten kämpfen. Legolas hat mir von den zerstörten Dörfern und den Verletzten geschrieben, ich will doch nur helfen!" Silmarwen blieb stumm. Celebnîn wusste, dass sie den Wunden Punkt der Heilerin getroffen hatte, auch sie wollte helfen, sie war schließlich dazu ausgebildet. Nach einer kurzen Weile antwortete sie kleinlaut. „Ich auch, aber der König wird nie erlauben..." „Der König kann mir nicht befehlen. Er hat nicht das Recht mich einzusperren, auch wenn ich seine Schwiegertochter bin. Ich will ja auch nicht alleine gehen. Ein paar Wachen werden mich begleiten." „Ihr dürft mich nicht vergessen, Prinzessin, ich werde auch mit Euch gehen." Celebnîn lächelte ihr zu, Silmarwen war ihr eine gute Freundin geworden. „Das würde mich sehr freuen, Silmarwen, aber rede mich bitte nie wieder mit Prinzessin an, das kann ich nicht ausstehen." Silmarwen nickte lächelnd.

Schon am nächsten Morgen brachen sie auf. Thranduil war bei weitem nicht so leicht zu überzeugen wie Silmarwen, aber schließlich sah auch er ein, dass er sie nicht aufhalten konnte und so brach Celebnîn mit Silmarwen und vier Soldaten auf.

Es war ein langer Ritt und Celebnîn wusste nicht genau wohin sie zuerst sollten. Legolas hatte von mehreren zerstörten Dörfern berichtet. Das erste war drei Tagesritte vom Schloss entfernt. Celebnîn beschloss, dass sie dort beginnen würden. Sicher waren sie nur sechs Personen, von denen nur eine zur Heilerin ausgebildet war, doch trotzdem war sich Celebnîn sicher, dass sie helfen konnten. Der König konnte leider nicht mehr Soldaten entbehren, da sie das Schloss beschützen mussten.

Sie waren nun schon den halben Tag unterwegs und Celebnîn erwartete, dass sie erst am nächsten Abend eines der betroffenen Dörfer erreichen würden, doch schließlich kam es anders.

Am späten Nachmittag sahen sie dunklen Rauch über den Wipfeln der Bäume und Celebnîn durchlief ein kalter Schauer. Tief im Inneren begann sie schlimmes zu ahnen. Sie trieb ihr Pferd an schneller zu werden.

Ihr Herz schlug schnell, ihr wurde heiß und kalt zugleich. Ihre Hände zitterten vor Aufregung und ihr Atem verlief in schnellen Stößen.

Sie hatte nicht erwartet, dass Arods Truppen schon so nahe ans Schloss gedrungen waren. Und da Legolas nicht berichtet hatte, dass dieses Dorf verwüstet worden war, hatte sie auch keine Ahnung was sie erwarten würde. Waren vielleicht noch feindliche Soldaten hier, gab es noch Kampfhandlungen und wie schwerwiegend waren die Ausmaße der Zerstörung?

Dann kamen sie auf die Lichtung, zum Dorf. Als die Pferde aus dem Schatten der Bäume traten erstarrten sie. Celebnîn hielt vor Schreck den Atem an.

Vor ihr lagen die qualmenden Überreste des kleinen Dorfes. Es war nur noch Schutt und Asche. Celebnîn sprang von ihrem Pferd und ging ungläubig auf die Trümmer zu. Das kann nicht sein... sie haben doch nichts mit uns zu tun... sie haben nichts mit dem Krieg zu tun!´

Plötzlich überweltigten sie ihre Gefühle und ein Strom von Tränen übergoss sich über ihre Wangen, doch gleichzeitig mit den Tränen kam auch die Wut. Sie versuchte sich zu beherrschen und ballte die Fäuste, bis ihre Knöchel weiß wurden. Doch mitten in dieser Wut erinnerte sie sich an Aredhel, eine entfernte Verwandte, die sie zum letzten Mal vor drei Jahren gesehen hatte, von der sie aber wusste, dass sie in diesem Dorf lebte.

„Nein..." Verzweifelt lief sie auf die Schutthaufen zu. „Aredhel!" Die Verzweiflung stieg in ihr hoch. „Aredhel!" Sie suchte die Trümmer ab, hob Bretter hoch und rief immer verzweifelter nach ihrer Cousine zweiten Grades.

Nachdem auch sie endlich ihre Erstarrung lösen konnten, begannen die Soldaten und Silmarwen ihr zu helfen.

Sie fanden zehn Frauen, zwölf Männer und acht Kinder, die schwere Verletzungen aufwiesen. Drei Männer und zwei Frauen waren nicht mehr zu retten. Und ein kleines Mädchen starb in Silmarwens Armen.

Erst nach einer Stunde fand Celebnîn Aredhel. Sie lag in der Asche eines Hauses, ein schweres Brett lag auf ihren Beinen und auf dem Kopf hatte sie eine blutende Wunde. Celebnîn lief zu ihr und rief die Wachen zu sich. Sie hoben ihr das Brett von den Beinen, sodass Celebnîn sie vorsichtig umdrehen konnte, da sie mit dem Rücken zu ihr gewandt lag.

Aredhels Atem war sehr schwach und keuchend. Ihre Augen starrten geradeaus, ihr Gesicht war blass und blutverschmiert.

Celebnîn streifte ihr liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht. „Aredhel, es wird alles gut, ich bin hier."

Doch als Silmarwen, als gelernte Heilerin die Verletzungen der jungen Elbin sah, wusste sie, dass Aredhel dies nicht überstehen würde.

Celebnîn tupfte das Blut von Aredhels Stirn. „Weißt du noch, als wir uns das letzte Mal sahen nanntest du mich eingebildet und hast mich beschuldigt nie zur Rechten Zeit am rechten Ort zu sein... aber jetzt bin ich da." Doch Aredhel schien Celebnîn nicht zu hören. Sie hatte die Augen geschlossen und wand sich vor Schmerz. Celebnîn sah Silmarwen wütend an. „Was stehst du so untätig da? So hilf ihr doch!" Doch da begann Aredhel schon schwer zu husten, aus ihrem Mund lief Blut. Mit zitternder Stimme sprach Celebnîn sie an. „Du musst durchhalten, hörst du, wir müssen unseren Streit doch noch bereinigen!" Doch Aredhel hörte sie nicht mehr, sie war in die Dunkelheit geglitten und würde nie mehr ins Leben zurückkehren. Verzweifelt schüttelte Celebnîn den toten Körper der jungen Elbin. „Nein! Das kannst du nicht machen! Lass mich nicht alleine!"

Silmarwen legte ihre Hand auf Celebnîns Schulter. Doch Celebnîn wollte nicht fort. Sie hatte mit Leid und Tod gerechnet, aber nicht mit dem Tod einer Verwandten. „Dieses Monster!" Ihre Stimme war sehr leise und gebrochen. Ihre Kräfte und ihre Hoffnung schienen zu schwinden.

Bald drangen auch die Wachen zum Aufbruch. „Es ist hier nicht sicher, Mylady. Wir wissen nicht wo Arod und seine Truppen sind." Schließlich lies sich Celebnîn von Silmarwen hochziehen und ging. Sie kamen nicht mehr weit, da die Dämmerung bereits hereinbrach. Deshalb beschlossen die Soldaten die Nacht in einem der wenigen noch stehenden Häusern des Dorfes zu verbringen, im jetzt leer stehenden Rathaus.

Celebnîn war völlig erschöpft. Obwohl es erst früher Abend war stieg sie sofort in ihr Bett, ohne vorher etwas zu essen. Nachdem sie einige Stunden geschlafen hatte schrack sie plötzlich mit einer erschreckenden Erkenntnis hoch. Sie lief zu den Soldaten, die Wache hielten während Silmarwen noch die Verletzten versorgte. „Legolas reitet in die falsche Richtung! Dieses Dorf wurde zerstört nachdem er und seine Truppen hier durch kamen! Er muss umkehren!" Auch den Soldaten wurde dieser Fehler klar und einer erklärte sich bereit sofort zu den Truppen zu stoßen und ihnen zu berichten.

Legolas hielt Inne. Irgendetwas sagte ihm, dass etwas nicht stimmte.