2. Rückkehr in die Realität
Januar
„Na, wie war Dein Spaziergang?" Ella kam die Treppe hinunter, als Rokko das Haus betrat. „Schön, die frische Luft tut mir wirklich gut." Rokko legte Schal und Mantel ab und sah dann zu seiner Schwester hoch. Er hatte sich auch äußerlich verändert in den letzten Wochen. Er trug jetzt wieder einen Bart und sein Gesicht war schmaler und kantiger geworden. Die größte Veränderung jedoch war in seinen Augen vonstatten gegangen: Der früher oft verschmitzte und vorwitzige Blick war einem ruhigeren und abwarteten Ausdruck gewichen. Ella seufzte leise. Wie stark musste seine Liebe für diese Frau sein, dass ihr Verrat ihn so tief traf. Rokko schien ihre Gedanken gelesen zu haben, denn er lächelte schief und sagte „Es wird schon. Mach Dir keine Gedanken."
Tumultartiger Lärm
vor der Haustür ließ die Geschwister herumfahren. Draußen
waren gleichzeitig 3 Wagen vorgefahren und deren Insassen begrüßten
sich fröhlich. Einen Moment später flog die Haustür
auf und die Eltern traten lachend und schwatzend zusammen mit Daniel
ein. „Hey, Rokko, schau mal, wen ich Dir mitgebracht habe!",
grinste Rokkos Schwager und gab den Blick frei auf einen jungen,
schlaksigen Mann, der hinter ihm durch die Tür kam.
„André,
Mensch, wo kommst Du denn her?" Rokko umarmte seinen alten
Schulfreund stürmisch.
„Na, ich muss doch mal schauen, was
unser Einsiedler so treibt!"
Eine Viertelstunde später
hatten sich die Kowalskis und ihr Gast im
Wohnzimmer niedergelassen und unterhielten sich angeregt.
André
räusperte sich.
„Du, Rokko?", sprach er seinen Freund
an. „Ich bin nicht ganz ohne Hintergedanken hierher gekommen." Er
hielt einen Moment inne.
„Ich weis ja nicht, ob Du schon wieder
arbeiten willst ...", sprach er vorsichtig das empfindliche Thema
an.
Die Gespräche am Tisch verstummten. Rokko blickte nach
unten.
Als er wieder den Kopf hob hatte sein Gesicht einen
bitteren Ausdruck. „Nein, André, frei von der Leber weg. Du
hast ja Recht, es wird Zeit, dass ich wieder arbeite. Also, was hast
Du vorzuschlagen?"
André zögerte kurz, nickte
und unterbreitete dann Rokko seine Idee.
Er würde in ein
paar Wochen ein Tonstudio in Hamburg übernehmen – primär
Hörspiele und –bücher. Die PR-Arbeit für das Studio
wurde bisher von einer Werbeagentur erledigt, was André aber
ändern wollte. „Also, Rokko, was hältst Du davon, für
mich die PR-Abteilung aufzubauen? Über Dein Gehalt werden wir
und sicher einig und ich lasse Dir in allen Entscheidungen vollkommen
freie Hand."
Rokko hatte den Kopf wieder gesenkt und starrte
auf seine Handflächen.
Hamburg – warum nicht? Er würde
seine Familie häufig sehen können. Und der Aufbau einer
ganzen Abteilung war eine verlockende Aufgabe.
Rokko atmete tief
durch und sah seinem Freund ins Gesicht.
„Okay - ich bin dabei.
Wann soll es losgehen?"
Die Anwesenden, die der
Unterhaltung atemlos gelauscht hatten, lächelten nun
überglücklich.
Rokko Kowalski hatte das Tal der Tränen
durchschritten.
Rokko Kowalski wollte zurück ins Leben.
„Frau Seidel?"
Lisa zuckte zusammen, als sie diesen
Namen hörte und drehte sich langsam um. Ein älterer Mann in
dunklem Anzug erhob sich aus einem der Clubsessel in der Hotellobby
und kam auf sie zu.
„Frau Elisabeth Maria Seidel, geborene
Plenske?"
Lisa nickte, schlang die Arme um ihren Oberkörper
und blickte zu Boden.
„Gestatten, Manuel Hoffmann, Deutsches
Honorarkonsulat.", sagte der Mann freundlich und überreichte
Lisa seine Visitenkarte.
„Wir haben Sie gesucht, Frau Seidel."
Lisa begann zu zittern.
„Bitte – sagen Sie – diesen Namen –
nicht!", brachte sie halb keuchend hervor.
Manuel Hoffmann riss
verwundert die Augen auf. Er war froh gewesen, die Vermisste so
schnell und wohlbehalten gefunden zu haben. Und nun stand sie vor ihm
– zittern und verängstigt wie ein aus dem Nest gefallenes
Vogelküken.
Er erahnte ein menschliches Drama hinter diesem
Fall und väterliche Gefühle erwachten in ihm.
„Na,
na, mein Kind, setzen wir uns doch erst einmal."
Er drückte
die junge Frau in einen Sessel und nahm gegenüber Platz. Auf
einen Wink von ihm servierte der Kellner 2 Tassen Kaffee und zog sich
dann zurück. Bis auf die Rezeptionistin am Empfang waren sie nun
allein in der Lobby.
Er beobachtete die junge Frau ruhig und
wartet, bis sie sich wieder gefangen hatte.
Nach einer Weile
fragte Lisa tonlos, "Schicken Sie mich jetzt wieder zurück zu
ihm?"
Manuel Hoffmann brauchte einen Moment um zu verstehen,
was sie meinte.
„Aber nein – „(er zögerte)"
Elisabeth – Sie sind eine erwachsene Frau und können tun und
lassen was Sie wollen. Es gibt nur ein paar Menschen die sich um Sie
sorgen – Ihre Eltern..."
Lisas Kopf fuhr hoch. „Mama,
Papa", flüsterte sie.
„Na sehen Sie, ist doch noch Leben
in Ihnen.", lächelte er sie jovial an. Lisa sah zur Seite.
„Nein, ich habe kein Recht mehr auf Leben. Ich habe den Mann,
der mich über alles geliebt hat gedemütigt und verletzt.
Und dann habe ich einen Mann geheiratet, für den ich immer nur
eins war – eine Trophäe!"
Der Botschaftsmitarbeiter
war entsetzt von so viel Resignation. Er ergriff die Hände der
jungen Frau und sie blickte ihn scheu an.
„Jetzt hören Sie
mir mal gut zu! Wenn Sie diesen Mann – diesen anderen Mann -
wirklich lieben und er Sie, dann werden Sie wieder zusammenfinden.
Glauben Sie einem alten, gläubigen Mann, mein Kind. Wenn der da
oben zwei Herzen füreinander auserwählt hat, dann führt
er sie auch zusammen. Die Straße dahin mag zwar manchmal etwas
holprig sein, aber sie führt unabänderlich dazu, dass sich
diese zwei Herzen finden!"
Lisa umarmte ihn spontan. Und er,
für den sie bis vor wenigen Minuten nur ein „Fall" war,
drückte sie väterlich an sich.
„So, und nun wird
es Zeit, dass wir uns über Deine Heimreise unterhalten." Das
„Du" kam ihm ganz spontan und sie widersprach auch nicht.
Ihm
kam eine Idee. „Ich weiß, dass Du nicht ganz unvermögend
bist ..." Lisa sah ihn irritiert an.
„Morgen macht hier die
„Queen Mary" fest, sie fährt noch ein paar andere Ziele an
und läuft dann Hamburg an. Vielleicht solltest Du da eine
Passage buchen. Dann hast Du Zeit, Deine Gedanken zu ordnen und wir
können Deinen Eltern sagen, dass Du auf dem Weg nach Hause
bist."
Lisa ließ sich wieder in den Sessel fallen.
„Und David?"
„Dein Mann?" Lisa nickte.
„Nun,
wir können Deinen Eltern sagen, dass sie ihm berichten können,
dass Du in Sicherheit und auf dem Weg nach Hause bist, aber ihm nicht
mitteilen, auf welchem Weg Du heimkommst."
Einige Stunden
später klingelte am anderen Ende der Welt – einem kleinen Ort
bei Berlin – ein Telefon. Helga war auf dem Sofa eingenickt und
schreckte nun hoch. Sie griff nach dem Telefon und meldete sich.
„Frau Plenske? Mein Name ist Manuel Hoffmann vom Deutschen
Honorarkonsulat in Auckland. Ich habe gute Neuigkeiten für Sie:
Wir haben Ihre Tochter gefunden. Sie ist gesund und wohlauf."
Helga sank auf das Sofa zurück.
„Sie – wo –
k-k-kann ich mit sprechen?", brachte sie stotternd hervor.
„Aber
natürlich. Sie sitzt mir gegenüber. Ich geb´ sie
Ihnen!" Dann ein kurzes Knacken in der Leitung und einen Moment
später drang Lisas Stimme dünn und ängstlich durch das
Mikro.
„Mama?"
„Lisa, Mäuschen, mein Liebes! Geht
es Dir gut? Oh Gott, ich bin so froh, dass Du am Leben bist."
In
diesem Moment betrat Bernd das Wohnzimmer.
Ihm hatten die letzten
Wochen merklich zugesetzt. Er war aschfahl im Gesicht und er hatte
deutlich abgenommen. Helga winkte ihn hektisch zu sich heran und er
sah schon an ihrem strahlenden Gesicht, das es gute Neuigkeiten gab –
endlich!
Flüsternd unterrichtete sie ihn, wer da am anderen
Ende der Leitung war und augenblicklich kehrte auch auf Bernds
Gesicht und in sein Herz das Glück zurück.
Sich das
Telefon teilend sprachen sie sehr lange mit ihrer Tochter am anderen
Ende der Welt.
Sie sicherten ihr ihre volle Unterstützung bei ihren Reiseplänen zu. Wie sie wieder nach Hause kam, überließen sie ihr – wenn sie denn nur heim kam und in Sicherheit war.
Nur in einem Punkt stimmte Bernd nicht mit
den Ansichten seiner Tochter überein – in seinen Augen könnte
sich David ruhig noch eine Weile um seine Bald-Exfrau sorgen – er
tat das in seinen Augen wenig genug. Seine Meinung zu David Seidel
hatte sich in den letzten Wochen gründlich geändert.
Doch
Lisa nahm ihrem Vater das Versprechen ab, David wie abgesprochen zu
informieren.
Zwei Tage später standen Lisa und Manuel
Hoffmann am Check-in der „Queen Mary" am Hafen von Auckland.
Sie
hatte die letzten Tage genutzt um noch einige Kleidungsstücke
für Lisa zu besorgen und sogar noch die Zeit gefunden, die Stadt
zu erkunden.
„So, Lisa (er kannte inzwischen ihren Rufnamen),
jetzt wird es Zeit, Abschied zu nehmen."
Der alte Mann lächelte
und legte der jungen Frau väterlich die Hand auf die Schulter.
„Und denke daran: Die Liebe findet die Liebe! Gib´ nicht auf
– und erzwinge nichts!"
Lisa nickte unter Tränen. Ihr
war dieser Mann in der kurzen Zeit ans Herz gewachsen. Sie umarmten
sich noch einmal zum Abschied, dann ergriff Lisa beherzt ihre
Reisetasche und begab sich an Bord.
