3. Amors Erben – Wandeln Engel auch auf Erden?
Februar
„Hannah, bist Du
wahnsinnig? Ich könnte meinen Job verlieren!"
Alessandro
drehte sich entrüstet zu seiner neuen Freundin um, die mit einem
flehenden Blick auf dem Sofa seiner Mailänder Wohnung saß.
„Wer ist das überhaupt, dieser Kowas..., Kowal...?"
„Kowalski. Robert Konrad „Rokko" Kowalski", Hannah
seufzte und lehnte sich in die Kissen zurück.
„Ein
ehemaliger Lover von Dir? Muss ich mir Sorgen machen?" Alessandro
goss zwei Gläser Orangensaft ein, reichte seiner Freundin eines
davon und setzte sich dann neben sie auf die Couch.
„Nein",
antwortete Hannah leise, „nur ein alter Arbeitskollege."
Sie
dachte versonnen an diesen grauenvollen Tag, der nun schon ein halbes
Jahr in der Vergangenheit lag. Der traurige Rokko Kowalski, der nach
Lisas Abfuhr von dannen gezogen war.
Einem inneren Impuls folgend
wollte sie ihm erst nach, ihn irgendwie trösten. Doch sie war
ein weiteres, ein letztes Mal Kim gefolgt, die sie mit einem lasziven
„Komm" in die Kirche gezogen hatte.
Seit dem brodelten
die Schuldgefühle in Ihr – auch der Umzug nach Mailand hatte
daran nichts geändert.
Nach Wochen des Nachdenkens war sie
zu einem Entschluss gekommen. Sie wollte sich bei ihm entschuldigen –
für die Rolle, die sie bei diesem unwürdigen Spiel gespielt
hatte. Sie wusste, sie konnte damit nichts wieder gut machen, aber
sie war es ihm, der sie immer gut behandelt hatte, schuldig.
Damit
kam die nächste Schwierigkeit auf – Rokko Kowalski hatte
Berlin verlassen. Wohin, das wusste keiner. Hugo hatte zwar so was
von Tibet behauptet, aber das hielt Hannah für ein Gerücht.
Da traf es sich gut, dass Hannahs neuer Freund, Alessandro
Farnese, Beamter bei der Mailänder Kriminalpolizei war.
Wer,
wenn nicht er, konnte Rokko Kowalskis Aufenthaltsort herausbekommen?
Hannah atmete tief durch, setzte sich auf und sah ihrem Freund
tief in die Augen. „Bitte Alessandro, hilf mir. Es ist sehr
wichtig! Ich muss für eine alte – Schuld – Abbitte leisten."
Alessandro sah Hannah in die Augen – es war ihr sehr ernst, das
sah er. „Also gut, ich werde sehen, was sich machen lässt."
Er hatte noch ein paar Kontakte zu Kollegen in München.
Vielleicht konnten die helfen.
Eine dankbare Hannah fiel ihm um
den Hals.
Lisa hatte nun schon einige Tage auf See verbracht. Sie hatte sich nicht an den Landausflügen beteiligt und nicht einmal im Speisesaal gegessen. Wenn sie sich an Deck traute, dann nur wie jetzt eingekuschelt in eine Wolldecke auf einem Liegestuhl ruhend und ihren Gedanken nachhängend.
„Nun finde ich Sie
endlich mal, meine Liebe!"
Eine kleine, rundliche ältere
Dame nahm auf dem Liegestuhl neben ihr Platz. Lisa blinzelte und
musterte sie. So hatte sie sich als Kind Miss Marple vorgestellt.
Die grauen Haare zu einem adretten Dutt am Hinterkopf drapiert
und ein kleines, fältchenreiches Gesicht, überstrahlt von
einem Paar porzellanblauer Augen, die sie vergnügt anleuchteten.
„Oh, entschuldigen Sie, ich bin unhöflich – Olga
Johanson mein Name. Ich bin ihre Tischnachbarin – wenn Sie sich mal
beim Abendessen blicken lassen würden. Wissen sie, es ist nicht
schön, jeden Abend allein am Tisch zu sitzen."
„Oh,
Entschuldigung", brachte Lisa verblüfft hervor.
Die alte
Dame lachte. „So schlimm ist das nun auch wieder nicht. Aber ich
denke, das vorzügliche Essen auf diesem Schiff würde mir
noch mehr schmecken, wenn ich in Gesellschaft einer so reizenden
jungen Person wie Ihnen wäre!"
„Ich glaube nicht, dass
ich eine so gute Gesellschaft bin.", antwortete Lisa leise.
Olga
Johanson sah Lisa einen Moment in die Augen. Ernst sagte sie: „Ja
ich sehe. Sie haben Kummer, großen Kummer."
Lisa sah
verschämt zu Boden. Die alte Dame schien die Fähigkeit zu
besitzen, ihr direkt bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken.
Jetzt
griff sie mit der einen Hand tröstend Lisas Hände, hob mit
der anderen ihren Kopf an, so dass sie in ihr Gesicht sehen konnte.
„Wissen Sie, ich bin nur eine alte Frau. Aber ich habe in
meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass man den Kummer am Besten
überwindet, wenn man darüber redet."
„Ich kann
nicht!", sagte Lisa leise.
„Ich weis, so was braucht Zeit!"
Olga nickte und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
In
den nächsten Tagen schloss sich Lisa immer mehr der alten Dame
an. Sie plauderten an Deck über Nichtigkeiten, tranken gemeinsam
Kaffee und sprachen über die Reise. Als Olga bemerkte, dass Lisa
nur wenig von ihrem Leben preisgeben mochte, begann sie von ihrem
eigenen zu berichten.
Dass sie einen kleinen Verlag in Hannover
betrieb, den sie von ihrem Vater geerbt hatte, dass sie keine
Angehörigen mehr hatte und dass sie sich einmal im Jahr eine
Seereise gönnte.
„Ist gut für mein Asthma!", sagte
sie augenzwinkernd.
Und sie erzählte von den vielen
exotischen Orten, die sie besucht hatte.
„Wissen Sie, meine
Liebe, in den ersten 60 Jahren meines Lebens habe ich Hannover kaum
verlassen – und wenn, dann habe ich meist nur Hotels und
Konferenzräume gesehen. Erst danach habe ich kennen lernen
dürfen, wie herrlich bunt und vielseitig die Welt doch ist."
Nach einiger Zeit hatte Olga Lisa dazu gebracht, im Speisesaal zu Abend zu essen. Während des Essens beobachtete die alte Frau ihre Tischnachbarin. Die gemütliche Atmosphäre des Saals, der freundlich Service und das gute Essen schienen die junge Frau etwas zu entspannen, aber sie aß wie ein Spatz und ihr Blick wirrte immer wieder ängstlich und scheu durch den Saal.
Olga seufzte. Gleich was Lisas Geheimnis war, gleich
welche Schuld sie zu Recht oder zu Unrecht mit sich herumtrug, es
musste etwas geschehen! Denn wenn das nicht passierte, würde es
nicht mehr lange dauern und Lisa würde unter ihrem eigenen Druck
zusammenbrechen.
Energisch setzte sich Olga auf und winkte den
Stewart heran. Sie unterhielt sich einige Minuten flüsternd mir
ihm, dann nickte dieser freundlich und sagte verbindlich: „Natürlich
Frau Johanson, ich werde umgehend die notwendigen Anweisungen geben."
Als der Stewart sich entfernt hatte, fragte Lisa mehr aus
Höflichkeit als aus Neugier, worum es in dem Gespräch
gegangen war.
„Oh, nur ein paar Vorbereitungen für unseren
Schlummertrunk nachher. Aber nun essen Sie doch endlich etwas, meine
Liebe, sie beleidigen sonst den Koch!"
Folgsam nahm Lisa Gabel
und Messer.
Nach dem Dessert leerte der Speisesaal langsam.
Auch Lisa und Olga standen auf und gingen an Deck. Einige Minuten
lehnten sie sich an die Reling. Es war spürbar kälter
geworden. An nächsten Nachmittag schon würde die „Queen
Mary" Hamburg erreichen.
Olga fröstelte. Sie wickelte ihr
Tuch enger um die Schultern und zog Lisa leicht am Ärmel.
„Kommen Sie, meine Liebe!"
Sie führte Lisa in
einen der kleinen Aussichtsräume, von denen man das Meer aus dem
Warmen heraus durch große Panoramafenster beobachten konnte.
Der Stewart hatte bereits das Licht gedimmt und dafür
gesorgt, dass die beiden unter sich waren. Jetzt servierte er zwei
Gläser Rotwein und zog sich dann mit einem diskreten Kopfnicken
zurück.
Die beiden Frauen setzten sich. Eine Weile widmeten
sie sich ihrem Wein und sahen still in die sternenklare Nacht hinaus.
Dann beugte Olga sich leicht vor und sah Lisa in die Augen.
„So, meine liebe Lisa, nun erzählen Sie der alten Olga
Johanson endlich was ihnen so schwer auf der Seele liegt und ihr
Gewissen so belastet!"
Lisa wusste nicht, was es war. Der schwere Wein, Olgas liebevolle, ruhige Stimme oder die Schuldgefühle und die Angst, die schon so viele Wochen auf ihr lagen und nun nicht mehr unterdrückbar an die Oberfläche strebten.
Sie
begann zu erzählen. Erst stockend, dann immer flüssiger.
Seit ihrem Bewerbungsgespräch bei Kerima. Sie verschwieg nichts
und beschönigte nichts.
Ihre unerfüllte Liebe zu David
– der unverhohlene Spott und die Verachtung der Kollegen –
Jürgens treue Freundschaft – der ewige Kampf mit den von
Brahmbergs – dann ihr beruflicher Aufstieg – wie sie sich immer
wieder vorgenommen hatte, sich David aus dem Kopf zu schlagen – und
dann doch wieder seine Eskapaden gedeckt hatte – schließlich
ihre Freundschaft zu David – seine Liebeserklärung – seine
Entführung – und – Rokko.
Sie zog scharf die Luft ein.
Rokko! Ihre Stimme wurde leiser, weicher.
Fast
automatisch musste sie lächeln, als sie an ihn dachte.
Rokko
– wie er sie regelmäßig in den Wahnsinn getrieben hatte,
weil er sich an keine Regel hielt – seine Liebeserklärung auf
dem Minigolfplatz - wie sie ihn nach ein paar Tagen verlassen hatte,
um mit David zusammen zu sein – wie er ihr trotz allem beistand,
sie immer wieder aufrichtet – ihre erste gemeinsame Nacht – die
Geschichte von dem weißen Schlafanzug – wie sie schließlich
seinen Antrag angenommen hatte – der Abend ihrer Verlobung, der
Ring seiner Großmutter - und wie sie ihm immer wieder
versichert hatte, dass er es war, den sie wollte, bis zur Kirche, bis
zum Altar.
Lisa fühlte, wie sich ein Schleier über
ihrem Herzen zu lichten begann.
In ihr sträubte sich etwas,
den Rest der Geschichte zu erzählen, aber sie wusste, dass sie
den Weg nun zu Ende gehen musste.
Stockend berichtete sie davon, wie sie Rokko vor der Kirche seinen Ring zurückgegeben hatte. Wie er traurig gegangen war und sie, anstatt ihn zu trösten, gar nicht schnell genug in die Kirche zurückkommen konnte um David zu heiraten.
Dann berichtete sie von dem Ende. Davids Betrug und ihre Flucht. Jetzt hatte sie endlich begriffen, wie er wirklich war – ein notorischer Schürzenjäger und Egoist. Im Grunde wusste sie das von Anfang an, sie hatte es nur nie wirklich wahrhaben wollen. Dachte, sie könnte ihn ändern, ihn „bessern"!
In diesem Moment brach die Erkenntnis wie eine
Welle über sie hinein: Nicht David war der wirkliche Betrüger
– sie war es!
Sie schlug die Hände vors Gesicht und
begann, bitterlich zu weinen – nicht mehr vor Selbstmitleid,
sondern vor Scham.
Sie war es gewesen, die unbedingt ihr
Spielzeug haben wollte und dafür die Gefühle eines anderen
mit Füßen getreten hatte.
Sie war nicht besser als die
kreuzdumme Sabrina, die oberflächliche Kim oder ihr eigener
egoistischer Ehemann David.
Wenn sie ehrlich mit sich war, musste
sie zugeben, dass sie sogar schäbiger war als die drei zusammen.
Sabrina, Kim, David – sie hatten nie etwas anderes gelernt, als
sich das zu nehmen, was sie gerade begehrten - ohne sich dabei viel
um ihre Mitmenschen zu scheren.
Aber sie, Lisa, wusste es
doch besser!
Ihre Eltern brachten ihr ihr ganzes Leben bei, wie
man aufrecht und ehrlich durchs Leben geht, rücksichtsvoll ist
und die Gefühle des anderen achtet.
Und das, all die Dinge
die ihr heilig waren, verriet sie in einer einzigen Sekunde, um einem
Traum hinterher zujagen, der sich als Alptraum entpuppte.
Aber
sie musste ja allen beweisen, dass sie, Lisa Plenske, in der Lage
war, den großen Casanova David Seidel vor den Altar zu locken!
Genauso wie dieser beweisen wollte, dass er jede Frau bekommen
konnte!
- Nein, mit Liebe hatte das wirklich nicht viel zu tun!
Zumindest nicht mit der Art von Liebe, die Rokko ihr gezeigt
hatte: Uneigennützig, warmherzig, aufopferungsvoll.
Wie
konnte sie nur so blind gewesen sein?
Lisas Körper wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Sie ging in diesen Minuten mitten durch die Hölle – und Olga konnte nichts weiter tun als bei ihr zu sitzen und ihr sanft über den Rücken zu streicheln. Lisa musste sich ihren Dämonen stellen – je eher sie das tat, desto früher konnte sie auch ihr Leben neu ordnen.
In Lisa Kopf rasten die Gedanken. Ja, sie hatte ihre Strafe
zu Recht erhalten.
Sie hatte einen wundervollen, liebenswerten
und herzensguten Menschen verraten und gedemütigt – es war nur
gerecht, dass auch sie verraten und gedemütigt worden war!
Nur
einer hatte in diesem Spiel zu Unrecht gelitten – Rokko! Vor ihrem
inneren Auge tauchte sein Gesicht auf – lächelnd und mit
funkelnden Augen. Ihr war, als könnte sie sein Aftershave
riechen und fühlen wie er sie in seine Armen nahm und sie an
sich zog.
Das Gesicht in ihren Armen vergraben und unter Tränen
flüsterte sie leise vor sich hin:
„Bitte vergib mir,
Rokko, bitte, bitte vergib mir! Ich weis, dass ich das nie wieder gut
machen kann! Ich habe Dir so Unrecht getan! Ich bin vom Weg
abgekommen und habe Dich so verletzt! Wenn ich nur wüsste, wie
ich Dir zeigen könnte, wie sehr ich bereue! Ich war so dumm, so
unsagbar dumm!"
Eine Weile saßen sie so beieinander. Lisa weinte in sich zusammengekauert still vor sich hin und Olga streichelte ihr tröstend den Rücken. Als sie merkte, dass sich Lisa langsam beruhigte, nahm sie die junge Frau bei den Schultern und sah ihr ins Gesicht.
„Und deshalb verkriechen
Sie sich auch wie ein verwundetes Tier? Weil sie Angst haben, ihr
Mann David könnte hier auftauchen, nicht wahr?" Lisa nickte.
„Und dieser andere Mann, Rokko, wünschen sie sich, dass er
jetzt hier wäre?"
„Das darf ich mir nicht wünschen.",
sagt Lisa leise und sah nach unten.
Olga lächelte traurig.
Wie sehr sich diese junge Frau quälte!
„Ach Kindchen,
wünschen darf man sich doch alles!
Sagen sie mir, würden
sie Ihren Rokko jetzt, in diesem Moment, gerne bei sich haben?"
Lisas Kopf hob sich leicht und eine stille Sehnsucht lag in ihrem
Blick.
Ein Bild entstand vor ihren Augen. Rokko in seinem
Verlobungsanzug in dem Korbstuhl ihr gegenüber. Nachdenklich,
leicht zurückgelehnt, den Kopf abgestützt von zwei Fingern
der rechten Hand, der rechte Ellenbogen auf der Sessellehne ruhend.
Rokko, wie er ihrer Seelenbeichte der letzten Minuten gelauscht
hatte, der Blick fragend, abwartend.
Rokko, wie er sich jetzt
ganz leicht vorbeugte, die Hände ineinander verschränkte
und ihr mit einem leisen Lächeln zu verstehen gab, dass sich
alles zum Guten wenden würde.
Lisa nickte langsam und ihre
Augen füllten sich wieder mit Tränen. „Ja, ich hätte
ihn jetzt gern bei mir.", sagte sie leise.
Olga zog sie
liebevoll in ihre Arme und wiegte sie wie ein Kind.
„Dann,
kleine Lisa, wird auch alles wieder gut!", sagte sie sanft und es
klang wie ein Versprechen.
Nach ein paar Minuten bemerkte
Olga, wie Lisa mehr und mehr in sich zusammensackte. Sie schob die
junge Frau einige Zentimeter von sich weg und sah, dass sie
vollkommen am Ende ihrer Kräfte war. Ihre Beichte schien ihr die
letzte Energie geraubt zu haben und die Weinkrämpfe hatten ihren
Körper vollkommen ausgelaugt.
Olga lächelte sie an. „Es
wird Zeit für Sie, ein wenig zu schlafen, meine Liebe. Sie
müssen wieder Kraft tanken!"
Widerstandslos ließ
sich Lisa von Olga auf ihre Kabine und zu Bett bringen. Sie war viel
zu müde, viel zu kraftlos, viel zu leer. Sie wollte nur noch
schlafen.
Als Olga sie zudeckte, war sie schon in einen tiefen,
traumlosen Schlummer gesunken.
In der Tür drehte sich
die alte Frau noch einmal und betrachtete die schlafende Lisa.
„Willkommen,", sagte sie leise, „willkommen, Lisa Plenske,
am ersten Tag vom Rest Deines Lebens!"
