5. ...und das Leben geht weiter
April
„Ich ertrage Berlin nicht mehr – jedenfalls nicht im Moment!", dachte Lisa bei sich. Es gab keine Ecke in dieser Stadt, die sie nicht an das erinnerte, was passiert war! Selbst Ihr Elternhaus war voller nun trauriger Bilder der Vergangenheit.
Das hielt sie nicht länger durch! Und
dann ständig die Angst, dass sie plötzlich David, den
Seidels oder jemandem von Kerima gegenüberstand!
Rokko hatte
Berlin im September verlassen, das hatte sie von ihren Eltern
erfahren. Wohin, das wusste niemand genau.
Sobald diese Sache hier ausgestanden ist, würde auch sie ihre Koffer packen und abreisen! Aber wohin? Das war die Frage! Egal! Es würde sich schon ein Platz für einen Neuanfang für sie finden.
„Frau
Plenske?"
Die Stimme ihrer Anwältin riss Lisa aus ihren
Gedanken.
„Ja? Entschuldigung, ich war abgelenkt."
„Schon
gut! Tja, wie gesagt – ich werde Ihnen bei Ihrer Scheidung nicht
helfen können."
„Wie? Aber wieso? Geht es um das
Trennungsjahr? Oder hat Dav..., mein Mann sie bereits als Anwältin
engagiert?"
Die Anwältin hob beschwichtigend die
Hände.
„Nein, nein, nichts dergleichen, Frau Plenske.
Sie
können sich einfach nur nicht scheiden lassen, weil Sie nicht
verheiratet sind – jedenfalls nach dem Gesetz."
Lisas Augen
wurden groß.
„Also, ich habe Ihren Fall noch mal geprüft.
Am 1. September letzten Jahres fand nur die kirchliche Trauung statt,
richtig?"
Lisa nickte.
„Gut. Nun die entscheidende Frage:
Haben Sie und Herr Seidel sich davor oder danach, in Deutschland oder
im Ausland, noch einmal trauen lassen? Von einem Standesbeamten,
einem Friedensrichter oder ähnlichem?"
Lisa war wie vor
den Kopf gestoßen.
Rokko hatte die standesamtliche Trauung
in Ottawa vorbereitet.
Und David? Natürlich! Sie hatten sich
vorgenommen, sich bei einem Friedensrichter in Sydney noch einmal das
Ja-Wort zu geben. Doch dazu war es nicht mehr gekommen...
Lisa
schüttelte langsam den Kopf.
„Genau das ist der Punkt,
Frau Plenske. Entscheidend ist immer noch die standesamtliche
Trauung."
„Und was ist mit der kirchlichen Hochzeit? Der
Urkunde?"
„Nun, das ist das zweite Thema. Evangelisch?"
Lisa nickte wieder.
„Gut, das macht die Sache leichter. Ich
werde mich noch etwas mehr in diese Thematik vertiefen müssen –
Ihr Fall ist sehr unüblich – aber soviel kann ich Ihnen schon
jetzt sagen: Mit Zustimmung eines speziellen Kirchenbeauftragten und
nach Ablauf einer bestimmten Frist ist es möglich, dass auch der
Eintrag ins Kirchenbuch gelöscht wird."
Lisa war immer noch wie betäubt, als sie 15 Minuten später vor der Kanzlei ihrer Anwältin stand.
Sie war gar nicht verheiratet! Und
ihre Ehe mit David war zusammengeschrumpft zu einer dreimonatigen
Kurzzeitaffäre!
Seit zwei Wochen – seit ihre Eltern sie
heimgebracht hatten - bereitete sie sich innerlich auf eine
Scheidungsschlacht mit David vor. Und nun – nichts! Sie wusste
nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.
Wie im Traum lenkte
sie ihre Schritte in ein Café – sie brauchte erst mal eine
Stärkung.
Lisa bestellte sich einen Tee und setzte sich an
einen Fensterplatz. Sie nippte an der heißen Flüssigkeit
und sah hinaus in das schmuddelige Aprilwetter. Langsam kam Ordnung
in ihre Gedanken.
Gesetzlich war sie also ledig. Und die
Eintragung im Kirchenbuch konnte ab dem 01. September 2007 gelöscht
werden. Lisa würde dafür noch ein Gespräch mit dem
Pastor über sich ergehen lassen müssen, aber das war zu
schaffen meinte Ihre Anwältin. Auch David würde eine
entsprechende Aufforderung bekommen. Aber ob er ihr nachkam, brauchte
Lisa nicht zu kümmern.
„Lisa?"
Sie sah
erschrocken hoch. „Jürgen!"
„Kann ich mich zu Dir
setzen?"
„Ja, sicher."
Sie schwiegen sich eine Weile
an.
„Seit wann bist Du zurück?"
„Seit zwei
Wochen."
„Ich habe gehört, was passiert ist."
„So?
Kerima Flurfunk? Na ja, dumm gelaufen!", Lisa lächelte bitter.
„Lisa," , Jürgen ergriff ihre Hand, „wenn ich geahnt
hätte, dass so was passiert, ich..."
„Was hättest
Du? Mich zur Rede gestellt? Mir die Hochzeit mit David ausgeredet?
Lass uns ehrlich sein: Mich hätte damals nicht einmal eine
Dampfwalze aufhalten können. Lass gut sein! Ich habe mir diesen
Schlamassel ganz allein eingebrockt."
Wieder Schweigen.
„Und
was willst Du jetzt machen? Dich scheiden lassen?"
„Nein."
„Willst Du zurück zu ihm?"
„Auch nicht."
„Und
was dann?"
Lisa seufzte und sah ihrem alten Freund ins Gesicht.
„Ich kann mich nicht von David Seidel scheiden lassen, weil ich
nicht mit David Seidel verheiratet bin."
Dann erzählte
sie, was sie gerade von der Anwältin erfahren hatte.
Nach
ihrem Bericht starrte Jürgen sie mit offenem Mund an.
„Also
echt, Lisa, so was kann auch nur Dir passieren! -
Kann ich was
für Dich tun?"
„Ja, Du könntest mich heimbringen.
Nach dem Schock habe ich Angst, auf dem Weg dahin in Ohnmacht zu
fallen."
Jürgen zahlte, sie nahmen ihre Jacken und liefen
zu S-Bahn.
Zur selben Zeit fuhr sich auch David in Richtung
Göberitz. Er wusste, dass Lisas Eltern an diesem Tag nicht
zuhause waren und er wollte mit Lisa alleine sprechen.
In den
vergangenen Wochen hatten ihm seine Eltern und auch die neue
PR-Chefin von Kerima die Hölle heiß gemacht.
Der
Artikel im Januar war wie ein Lauffeuer durch die Branche gegangen
und als wenig später herauskam, dass Lisa David wegen eines
Seitensprungs während der Hochzeitsreise verlassen hatte, waren
die Seidels – und damit Kerima – das Gespött der gesamten
Berliner Gesellschaft geworden.
Schadensbegrenzung – das war
nun das Gebot der Stunde!
David musste noch einmal mit Lisa
reden. Vielleicht könnten sie sich irgendwie arrangieren. Er
mochte sie ja auch sehr. Und sie wusste doch, dass ein Seitensprung
bei ihm nichts zu bedeuten hatte – Lisa würde schließlich
seine Ehefrau bleiben! Außerdem es war auch im Sinne von
Kerima, dass sie sich wieder versöhnten.
Gemeinsam waren
Jürgen und Lisa nach Göberitz gefahren. Jürgen hatte
es mit ein paar Scherzen sogar geschafft, Lisa ein wenig zum Lachen
zu bringen. Als sie nun um die letzte Straßenecke vor dem Haus
der Plenskes bogen, sah er hoch und hielt abrupt an.
„Ach du
Schreck!"
„Was ist denn?", Lisa folgte seinem Blick und sah
ihren (ja, was eigentlich? – Nun-doch-nicht-Ehemann?) David etwas
verloren mit einem Blumenstrauß in der Hand vor ihrer Haustür
stehen.
Lisa atmete tief durch – jetzt war es also soweit!
Sie wandte sich an Jürgen: „Danke fürs
heimbringen, den Rest schaffe ich alleine!"
„Bist Du sicher?
Soll ich nicht lieber hier noch einen Moment stehen bleiben –
sicherheitshalber?"
„Nein, ich glaube, das wird nicht nötig
sein!", sie lächelte und umarmte ihn zum Abschied.
Dann
ging sie auf David zu.
„Lisa!", David wolle sie in den
Arm nehmen, doch sie wehrte ab.
„Die sind für Dich!",
sagte er etwas unsicher und drückte ihr einen Strauß
Tulpen in die Hand.
„Danke. Was willst du hier?"
„Ich,
ich wollte mit Dir reden. Weißt Du, vielleicht können wir
uns ja irgendwie wieder zusammenraufen, uns arrangieren – ich
meine, schon wegen Kerima!"
Lisa sah David traurig an. Wie ein
Häufchen Elend stand er vor ihr – mit hängenden Schultern
und Dackelblick. Sie konnte kaum begreifen, warum dieser Mann lange
Zeit eine so wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt hatte.
Sie
seufzte und sah ihm in die Augen – ein letztes Mal.
„Du wirst
noch Post von meiner Anwältin bekommen, aber da Du schon mal da
bist, kann ich es Dir ja auch gleich sagen: Unsere Ehe ist ungültig.
Unsere kirchliche Hochzeit ist ohne eine standesamtliche Trauung
unwirksam – und eine standesamtliche Trauung wird es zwischen Dir
und mir nicht mehr geben."
Sie atmete noch einmal tief durch.
Was Sie ihm jetzt noch zu sagen hatte, tat ihr trotz allem weh.
„Und
jetzt geh´, David Seidel, geh´ – ich wünsche Dir
ein schönes Leben!"
Dann machte sie auf dem Absatz kehrt
und lief ins Haus. Den Blumenstrauß ließ sie dabei
achtlos zu Boden fallen.
Sekunden später hatte sie die
Tür hinter sich geschlossen und lehnte sie sich kurz mit dem
Rücken dagegen. Dieser Teil war geschafft.
Als nächstes
würde sie ihre Eltern über den Stand der Dinge unterrichten
und ihnen ihre Umzugspläne schonend beibringen müssen.
Aber zunächst sollte sie sich vielleicht entscheiden,
wohin die Reise gehen würde! Sie ging in ihr Zimmer, griff nach
ihrem Filofax und warf sich aufs Bett. Als sie den Terminkalender
öffnete, flatterte ein Stück Papier heraus. Lisa hob ihn
auf und starrte auf die Adresse, die darauf stand.
Das war es!
Was hatte Olga beim Abschied gesagt?
„Wenn Sie einen
Tapetenwechsel brauchen, dann kommen Sie einfach zu mir nach
Hannover. Mein Haus ist groß genug und ein bisschen Hilfe im
Geschäft kann ich immer gebrauchen!"
Beherzt stand sie
auf und ging hinunter zum Telefon. Sie wählte die Nummer, die
auf dem Zettel notiert war und schon nach zweifachem Klingeln drang
die vertraute Stimme an ihr Ohr: „Olga Johanson am Apparat!"
Olga war hoch erfreut, von ihrer jungen Freundin zu hören.
Und noch mehr erfreute sie, dass Lisa ihr Angebot, für eine
Weile zu ihr nach Hannover zu ziehen, annehmen wollte.
Sie
verabredeten, dass Olga Lisa in der kommenden Woche erwarten durfte
und dass Lisa zum ersten Mai ganz offiziell eine Anstellung als ihre
Assistentin aufnehmen würde. Dann verabschiedeten sie sich
herzlich.
Lisa blieb auf dem Sofa sitzen und dachte nach –
wie sollte sie nun ihre Entscheidung den Eltern beibringen?
Sie
saß immer noch so da, als Helga und Bernd einig Stunden später
nach Hause kamen. Es war spät geworden und die Eltern waren mehr
als verwundert, ihre Tochter im unbeleuchteten Wohnzimmer
vorzufinden.
„Mäuschen, was machst Du denn hier? Geht es
Dir nicht gut?"
„Schnattchen? Is Dir watt?"
Lisa
lächelte. „Nein, Mama, Papa, es ist alles in Ordnung! Bitte
setzt Euch – ich muss mit Euch reden!"
Die Eltern setzten
sich und Lisa informierte sie zunächst darüber, was die
Anwältin gesagt hatte. Helga und Bernd waren nicht weniger
sprachlos als Jürgen. Bernd ging zum Schrank, holte seinen
Selbstgebrannten und schenkte den Dreien ein.
Lisa wartete, bis
die beiden ihre Gläser geleert hatten.
„Es gibt noch
etwas – David war heute hier. Er wollte sich mit mir versöhnen,
sich arrangieren..."
Bernd knirschte mit den Zähnen.
Lisa
lächelte ihn an. „Lass nur Papa! Ich habe ihn weg geschickt!"
Er sah seine Tochter überrascht an – sie war plötzlich
so ruhig, so erwachsen geworden!
Lisa sah auf ihre Hände.
Jetzt würde der schwerste Teil kommen.
„Mama, Papa, ihr
müsst versprechen, dass Ihr mir nicht böse seid...",
Helga und Bernd sahen ihre Tochter verwundert an, „... aber ich
muss für eine Weile fort von hier."
Sie erklärte
ihnen, dass sie in Berlin an jeder Ecke von den Gespenstern der
Vergangenheit gejagt wurde. Und dass sie selbst hier, in dem Haus, in
dem sie aufgewachsen war, keine Ruhe fand.
Während sie
sprach, hatten ihre Eltern ihre Hände gefasst und hielten sich
auch aneinander fest. Dann saßen sie eine Weile schweigend im
Kreis zusammen. Jeder hielt die Hand des anderen.
Eine bleierne
Traurigkeit senkte sich über die Drei.
„Wo willst Du
denn hingehen?", fragte Helga.
„Nach Hannover. Ich kann dort
am Ersten eine neue Stellung antreten."
Wieder schwiegen sie.
„Jut, wenn Du meenst, datt hilft Dir, denn machen wir datt so!"
Bernd hatte bei diesen Worten das Gefühl, sein Herz würde
entzweireißen, aber er wusste, dass es nicht anders ging.
Wieder einmal verfluchte er Kerima und die Seidels.
Die
Entscheidung war getroffen und so machten sich Lisa und ihre Eltern
in den nächsten Tagen daran, die nötigen Vorbereitungen zu
treffen.
Lisa packte ihre Sachen zusammen und Bernd besorgte
einen Anhänger, um die wenigen Dinge, die Lisa mitnehmen wollte,
nach Hannover fahren zu können. Olga hatte ihr eine möblierte
Einliegerwohnung in ihrem Haus angeboten, also nahm Lisa nur
Kleidung, Bücher und ein paar persönliche Dinge mit. Was
sie zusätzlich brauchen würde, wollte sie sich in Hannover
kaufen.
Ihren Eltern war dieser Weg sehr recht, denn so könnten
einige von Lisas Sachen zurückbleiben und ihnen zumindest das
Gefühl geben, ihre Tochter käme jeden Moment heim.
Am
folgenden Mittwoch bestieg Lisa mit zwei Taschen bewaffnet den ICE
nach Hannover. Den Rest ihrer Sachen würde ihr Vater am
folgenden Wochenende zusammen mit Jürgen mit dem Auto
nachbringen.
Ihre Eltern standen am Bahngleis und zwangen sich,
nicht zu weinen. Lisa winkte ihnen noch einmal durch das Fenster zu,
dann setzte sich der Zug bereits in Bewegung.
Lisa lehnte sich in
den Sitz zurück – sie war auf dem Weg in ihr neues, noch
unbekanntes Leben.
