6. Amors Erben – Eine Idee wird geboren
Mai
Lisa saß in ihrem neuen Büro
und ließ die letzten Wochen Revue passieren.
In den ersten
Tagen in Hannover war sie aus dem Staunen nicht heraus gekommen.
Olgas „Haus" hatte sich als eine prachtvolle Villa
herausgestellt, die den Vergleich mit der der Seidels nicht zu
scheuen brauchte. Ihre „Einliegerwohnung" war kein ungemütliches
Kellerloch, sondern ein wunderschönes und geräumiges
Gartenhäuschen mit allem Komfort.
Und Olgas „kleiner
Verlag" entpuppte sich als ein renommiertes Unternehmen mit rund
eintausend Angestellten und einer über hundertjährigen
Tradition.
Olga nahm sie auf wie eine lang vermisste Enkelin und
sie verstanden sich, als würden sie sich schon seit Lisas
Kindheit kennen.
Nicht, dass sie viel Zeit zum plauschen gehabt hätten. Olga hatte Lisa vom ersten Tag im Verlag an hart rangenommen und sie konnte kaum glauben, wie viel man in drei Wochen über das Verlagswesen im Allgemeinen und Kinderbüchern im Speziellen lernen konnte. Oft dauerte ihr Arbeitstag 16 oder 18 Stunden und abends fiel sie nur noch todmüde ins Bett. Aber sie war froh über dieses Pensum, denn es half ihr, wenigstens nicht ständig an Rokko zu denken. Dennoch spukte er ihr immer wieder im Kopf herum. Mehr als einmal hätte sie bei Entscheidungen gerne seinen Rat konsultiert und nach seiner Meinung gefragt.
Nun saß sie also hier, als persönliche Assistentin der „Generalin", wie die alte Dame augenzwinkernd von ihren Angestellten genannt wurde, und besprach zu ersten Mal alleinverantwortlich mit einer der Lektorinnen die Neuerscheinungen für den kommenden Herbst. Der Verlag war auf Kinder- und Jugendbücher spezialisiert und Lisa machte es von Anfang an einen Heidenspaß, in den fantasievollen Manuskripten herumzuschmökern.
„Lisa?"
„Oh, Barbara, ich
war einen Moment abgelenkt!", sie lächelte ihr Gegenüber
entschuldigend an.
„Kein Problem! Also, das Script von Berends
finde ich wirklich gelungen dieses Mal. Collins, Mohr und Anderson
sind auch toll geworden. Und diese Alsmann – kaum zu glauben, dass
das ihr Erstlingswerk ist!"
„Du hast Recht. Bei ihr sollten
wir wirklich über einen Folgevertrag nachdenken. Gut, diese fünf
also auf jeden Fall. Wie sieht es mit den Scripts aus, die diese
Woche reingekommen sind?"
„Da sind wir noch nicht ganz
durch."
„Gut, dann besprechen wir die beim nächsten Mal!
Wir haben ja noch Zeit.", Lisa klappte ihre Mappe zusammen.
„Wie
sieht´s aus? Gehen wir noch eine Kaffee trinken?"
„Gerne!",
Barbara lächelte.
Die neue „rechte Hand" der Generalin
war sehr beliebt bei den Mitarbeitern. Sie war zu jedermann
freundlich und verbindlich, nahm ihre Mahlzeiten mit allen anderen in
der Kantine ein und sonderte sich auch sonst in keiner Weise von der
restlichen Belegschaft ab. Ob sie überhaupt wusste, welche
Schlüsselstellung sie innehatte?
Barbara und ein paar
anderen war aber auch Lisas trauriger und melancholischer Blick
aufgefallen, mit dem sie manchmal ins Leere starrte – was wohl
dahinter steckte?
Es gab zwar Gerüchte um eine unglückliche
Liebe und eine gescheiterte Ehe, aber niemand wusste wirklich etwas.
Und Lisa schwieg, was ihr Privatleben anging.
Fünfzehn
Minuten später saßen sie in der Cafeteria und widmeten
sich genüsslich ihrem Kaffee.
Sie unterhielten sich eine
Weile über Barbaras Erfahrungen als Lektorin und über die
Qualitäten verschiedener Autoren.
„Ich wünschte, wir
könnten die „Anna"-Bücher noch mal ins Programm
nehmen!", sagte Barbara.
„Die „Anna"-Bücher?"
„Ja, die sind wunderschön! Der Vater der Generalin hat sie
in den 20er Jahren geschrieben. Sie haben das Unternehmen erst groß
gemacht. Aber seit seinem Tod hält sie die Manuskripte unter
Verschluss."
„Und wie lang ist das her?"
„Ich glaube,
so um die fünfzig Jahre. Ich habe die Bücher mal vor Jahren
in einer kleinen Bücherei gefunden und konnte sie wenigstens
lesen – wirklich, die schönsten Geschichten, die mir je unter
die Augen gekommen sind! Aber sie antiquarisch zu bekommen, ist so
gut wie unmöglich!"
„Ich habe sie endlich!",
Alessandro stürmte gutgelaunt in die Wohnung und wedelte mit
einem Stück Papier in seiner Hand.
„Was hast Du endlich?",
Hannah stand am Zeichentisch. Sie versuchte verzweifelt, das
Wegflattern ihrer Entwürfe zu verhindern – ein hoffnungsloses
Unterfangen, da sie zuvor einen großen Ventilator angestellt
hatte, um sich bei den brütenden italienischen Temperaturen
wenigstens ein wenig zu erfrischen. Entnervt stellt sie das Gerät
ab.
„Na Du bist mir gut! Erst liegst Du mir wochenlang in
den Ohren, ich soll Dir die Adresse von diesem Kovas..., Kowals...,
na ja, diesem Werbeheini aus Berlin besorgen, jetzt habe ich es
endlich geschafft und Du weißt schon nicht mehr wovon ich rede.
Du bist...", weiter kam er nicht. Hannah war ihm jubelnd um den
Hals geflogen!
Sie riss ihm den Zettel aus der Hand und studierte
ihn – in Hamburg war Rokko also gelandet!
„So, und jetzt
erzählst Du mir aber endlich, was es mit diesem Kerl auf sich
hat!", sagte Alessandro und zog sie auf die Couch.
Hannah ließ
sich in seine Arme fallen und sah ihn an. Sie nickte. Ja, es war
Zeit, ihn einzuweihen – sonst kam er wirklich auf falsche Gedanken.
Also erzählte sie ihm die „Geschichte von der falschen
Hochzeit", wie sie es nannte – die Geschichte von Lisa, David und
Rokko.
Alessandro lauschte ihr gespannt.
Als sie zu Ende
erzählt hatte, wiegte er bedächtig den Kopf.
„Und
weißt Du, ob die beiden glücklich sind? Ich meine Lisa und
David?"
„Keine Ahnung, aber ich kann es mir ehrlich gesagt
nicht vorstellen. David Seidel ist ein netter Kerl, ohne Frage!
Aber
er war immer etwas – flatterhaft – was Frauen angeht.
Und
Lisa gehört halt zu den Menschen, die denken, Liebe kann den
Charakter eines Menschen total umkrempeln."
„Genauso wie ich
früher!", dachte sie bei sich und schmerzhaft kam für
einen Moment die Erinnerung an Marc in ihr hoch.
Alessandro
dachte angestrengt nach.
„Vielleicht solltest Du genau das
herausfinden!", sagte er langsam.
„Was meinst Du?"
„Ich
meine," , er drehte sich zu ihr und nahm ihre Hände in seine,
„Du solltest heute Abend zwei Briefe schreiben. Einen nach Hamburg
– wie geplant. Und einen nach Berlin – um herauszufinden, was ich
Dich eben gefragt habe."
Hannah sah ihn lange an, dann nickte
sie.
„Du meinst, wir sollen Amor spielen?"
Alessandro
schüttelte den Kopf. „Nein, es ist noch zu früh, sich
darüber Gedanken zu machen. Aber ich denke, es wäre gut,
wenn wir ein paar Informationen hätten."
Als es dunkel
und die Luft kühler geworden war, zog sich Hannah mit ihrem
Schreibzeug auf den Balkon zurück.
Sie hatte sich
entschlossen, den „Berliner Brief" an Hugo zu schreiben. Ebenso,
wie sie früher in Ehrfurcht neben ihm versunken war, wusste sie
heute, ihn zu nehmen und genau die Informationen aus ihm
herauszukitzeln, die sie interessierten.
Schnell flog ihr Stift
über das Papier hinweg und nach einer Viertelstunde faltete sie
ihren Brief zusammen und klebte den Umschlag zu.
Der zweite
Brief gestaltete sich schwieriger. Nur mühsam brachte sie die
Zeilen aufs Papier.
Mit einem Lächeln erinnerte Sie sich,
dass sie am Polterabend mit Rokko Brüderschaft getrunken hatte –
das würde die Sache vielleicht leichter machen!
Sie begann
den Brief ganz zwanglos. Erzählte ihm vom Umzug nach Mailand,
dem neuen Job, ihrem Leben hier, von Alessandro.
Aber sie vermied
es, zu erklären, wie sie seine neue Anschrift herausgefunden
hatte. Das klang vielleicht doch etwas zu aufdringlich.
Als sie bei der dritten Seite angelangt war, atmete sie tief durch – jetzt wurde es ernst. Sie schrieb:
„Rokko, ich möchte
Dir sagen, dass ich mich sehr schäme.
Damals, bei Eurer
Hochzeit, hätte ich etwas tun sollen, als Lisa Dich
fortgeschickt hat.
Ich weiß nicht, ob ich etwas erreicht
hätte, aber ich weiß, dass ich etwas hätte tun
sollen. Oder Dir zumindest beistehen sollen. Aber ich bin stumm
geblieben und habe einfach zugesehen.
Und das war falsch. Das
weiß ich heute.
Leider gibt es keine Möglichkeit, die
Dinge rückgängig zu machen.
Rokko, das einzige was mir
bleibt, ist, Dich um Entschuldigung zu bitten. Ich hoffe, Du kannst
mir verzeihen!
Hannah"
Sie las noch einmal die letzten Zeilen durch, dann faltete sie auch dieses Schreiben zusammen und verschloss den Umschlag.
Am nächsten Morgen musste
Alessandro zum Frühdienst.
Mir Hannahs Briefen in der Hand
passierte er auf dem Weg zur Arbeit eine antike Statue von Amor und
Psyche.
Einem innern Instinkt folgend hielt er kurz inne,
legte er die Umschläge zu Füßen der Figuren ab und
sprach ein kurzes, stilles Gebet.
Dann nahm er die Briefe wieder
auf und warf sie in den Briefkasten.
