7. Kann Dich nicht vergessen, Dich nicht aus meinem Herzen brechen
Juni
Anfang Juni
fuhr Rokko nach Hannover. Er hatte von einem jungen, talentierten
Grafiker erfahren, der dort lebte und der nachdem, was Rokko wusste,
perfekt in sein PR-Team passen würde.
Nach dem Treffen, das
recht produktiv verlaufen war – der Grafiker war recht angetan von
seinem Angebot und sagte ihm eine Entscheidung für die kommende
Woche zu – schlenderte Rokko durch die Innenstadt. Er wollte sich
noch eine Kleinigkeit zu essen besorgen, bevor er nach Hamburg zurück
fuhr.
Zufrieden dachte er über die vergangenen Monate nach. Er hatte für das Studio ein produktives kleines PR-Team zusammengestellt und die Umsatzzahlen des Labels zeigten, dass sie auf dem richtigen Weg waren.
Sein Liebesleben lag derweil
weiter brach. Sicher, er war in den letzten Wochen diverse Male mit
André abends aus gewesen und hatte das Nachtleben unsicher
gemacht.
Es hatte auch einige kleine Flirts mit hübschen
Frauen gegeben, aber keine dieser Frauen kam gegen Lisa an. Eine
ähnlich faszinierende und einzigartige Person hatte er bisher
nicht wieder getroffen.
Lisa – da war sie wieder!
Rokko
merkte, dass er in den letzten Tagen wieder häufiger an sie
dachte. Aber an seine Lisa - Lisa Plenske. Die, die es vor dem 1.
September gab.
Verwundert stellte er fest, dass er keinen Schmerz
mehr bei dem Gedanken an diese Lisa empfand. Es war eher so etwas wie
Wehmut und eine stille Sehnsucht. Wie bei dem Gedanken an einen
geliebten Menschen, von dem man wusste, dass man ihn nie mehr
wiedersehen würde.
Sie war zu einer bittersüßen
Erinnerung geworden.
Davids Ehefrau Lisa Seidel hingegen verachtete er, aber diese Frau spielte in seinem Leben auch keine große Rolle.
Ihm war bewusst, dass er dabei an ein und dieselbe Frau dachte, aber auf diese Weise konnte er sich mit der Vergangenheit arrangieren ohne für immer zu trauern. Und er konnte sich endlich wieder für die schönen Erinnerungen an Lisa öffnen.
Er hielt am Schaufenster einer großen
Buchhandlung und widmete sich der Auslage. Eines der Bücher fand
sein Interesse und er beschloss, in den Laden zu gehen und das Werk
genauer zu studieren. Nach einer Weile fand er das Buch, las sich den
Klappentext durch und ging zur Kasse.
Als er beim Verlassen des
Geschäfts die Kinderbuch-Abteilung passierte, stockte ihm der
Atem. Instinktiv zog er sich hinter ein Regal zurück.
Lisa!
Sein Herz raste.
Sie war es wirklich!
Lisa stand
zusammen mit einem älteren Mann, der wie der Geschäftsführer
aussah, in der Kinderbuch-Abteilung und hielt einige großformatigen
Bilderbücher in der Hand. Die beiden unterhielten sich, aber er
konnte nicht verstehen, worüber sie sprachen.
Rokko hatten
sie noch nicht bemerkt.
Lisa war zauberhaft wie immer.
Sie
trug ein dunkles Kostüm und die Haare zum Pferdeschwanz
gebunden. „Eigentlich zu schlicht für eine Seidel.", dachte
er bei sich.
Was um alles in der Welt macht sie in Hannover?
Was sollte er tun? Auf sie zugehen und sie begrüßen?
Nein! Irgendwas in ihm sträubte sich dagegen. Also beobachtete
er sie weiter.
Jetzt überreichte sie dem Mann die Bücher
und reichte ihm die Hand. Sie schien sich zu verabschieden.
Als
sie aus dem Laden ging, folgte Rokko ihr in sicherem Abstand. Er
wusste nicht, warum er das tat. Er ließ sich in diesem Moment
nur von seinem Instinkt leiten.
Einige Straßen weiter stieg
sie in den Fond einer großen Limousine, die von einem Chauffeur
gelenkt wurde.
„Eine von den Seidel-Kutschen!", dachte Rokko.
Aber warum hatte der Wagen dann ein Hannoveraner Kennzeichen???
Als
das Auto davon gerauscht war, ging Rokko wieder zurück in die
Einkaufspassage.
Er war vollkommen verwirrt. Nach einigem Suchen
fand er ein kleines Eiscafé und setzte sich hinein. Beim
Kellner bestelle er einen großen Espresso, dann stützte er
seine Arme auf dem Tisch ab und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
In Rokkos Kopf herrschte das absolute Chaos. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Lisas Anblick ihn wieder so aufwühlen würde! Er dachte, er hätte mit der Geschichte abgeschlossen. Offensichtlich nur in der Theorie.
Aus den Lautsprechern des Cafés ertönte ein alter Rio Reiser Song:
„Ich seh Dich kommen, aber Du gehst vorbei.
Doch
jetzt tut's nicht mehr weh.
Nee, jetzt tut's nicht mehr weh.
Und alles bleibt stumm
Und kein Sturm kommt auf wenn ich Dich
seh."
„Schwachsinn!", dachte er bei sich und sprach in Gedanken den unsichtbaren Sänger an, „Das mag bei Dir klappen, aber in mir sieht's ganz anders aus!"
Nach einer guten
halben Stunde hatte sich Rokko wieder einigermaßen beruhigt.
Lisa war jetzt Davids Frau. Vielleicht erwarteten sie bereits
Nachwuchs. Die beiden waren sicher geschäftlich in der Stadt und
der Wagen gemietet.
Und er, Rokko, war wahrscheinlich schon
längst aus Lisas Erinnerung verschwunden.
Seufzend stand er
auf, beglich seine Rechnung und machte sich auf den Weg zu seinem
Wagen.
Am frühen Abend kehrte Rokko in seine Wohnung
zurück. Nachdem er sich einen Kaffee gemacht hatte, sah er die
Post durch. Zwischen den üblichen Rechnungen und Werbeprospekten
fiel ihm ein hellgrüner Umschlag mit fremdländischer Marke
ins Auge.
Italien! Wer schrieb ihm denn aus Italien? Irritiert
drehte er den Brief um, um den Absender zu lesen.
Hannah
Reffrath!
Rokko schüttelte den Kopf. Unschlüssig wiegte
er den Umschlag einen Moment lang in seiner Hand. Dann warf er ihn
ungeöffnet auf den Schreibtisch – nein, sein Bedarf an
Berlin-Erinnerungen war für heute mehr als gedeckt.
Er schnappte sich Jacke und Schlüssel und verließ die Wohnung. Vielleicht würde ein Besuch bei André ihn auf andere Gedanken bringen.
Rokko nahm sich vor, in nächster Zukunft jeden Gedanken an Lisa in die hinterste Ecke seines Herzens zu verbannen. Er war offensichtlich doch noch nicht soweit, sich mit seiner Erinnerung an sie auseinander zusetzen.
Lisa konnte in
dieser Nacht nicht schlafen. Hellwach lag sie in ihrem Bett und vor
ihrem inneren Auge zogen immer wieder die Bilder vom Nachmittag an
ihr vorbei.
Als sie nach dem Geschäftstermin mit Olgas
Limousine wieder in den Verlag zurückfahren wollte hatte sie ihn
für den Bruchteil einer Sekunde aus dem Heckfenster gesehen –
wie er auf dem Bürgersteig stand und dem Wagen nachstarrte.
Sie
war nicht in der Lage gewesen, zu reagieren und einen Wimpernschlag
später war er auch schon aus ihrem Blickfeld verschwunden –
Rokko!
Zwei Wochen darauf machte sich Rokko mal wieder daran,
seinen Schreibtisch aufzuräumen.
Er sah die verschiedenen
Unterlagen durch, die sich darauf stapelten, warf einen Teil weg und
sortierte den Rest in Aktenordner.
Als letztes fiel ihm
Hannahs Brief wieder in die Hände. Das Erlebnis von Hannover
hatte er inzwischen einigermaßen verdaut.
So entschloss er
sich, den Brief zu lesen.
Auf dem Weg zum Sofa öffnete er
den Umschlag und entnahm ihm einige Blätter. Sich auf die Couch
fläzend begann er zu lesen.
Es war ein reizender, sehr lieb
geschriebener Brief und an einigen Stellen musste Rokko leise
schmunzeln.
Als er jedoch beim letzen Absatz angekommen war,
wurde sein Blick ernst und er richtete sich wieder auf.
„Sie
entschuldigt sich bei Dir!", dachte er bei sich, „Die kleine
Hannah ist die einzige, die den Mut und den Anstand hat, sich bei Dir
zu entschuldigen."
Rokko stand auf und ging zurück zum Schreibtisch. Er wollte ihr zurückschreiben. Ihr für ihren Brief danken und ihr mitteilen, das er ihre Entschuldigung annahm. Schnell flog sein Stift über das Papier.
Dann überlegte er kurz und setzte noch einen letzten Absatz unter den Brief:
„Sollten Du und Alessandro irgendwann mal in Hamburg sein,
würde ich mich über ein gemeinsames Abendessen sehr freuen,
wir haben uns sicher viel zu erzählen!
Nur eine Bedingung
muss ich daran knüpfen:
Bitte lass für alle Zeit Lisa &
David Seidel und das, was am ersten September in Berlin geschehen
ist, unerwähnt.
Ich denke, Du hast dafür Verständnis!
Grüße,
Rokko"
Am nächsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit steckte er den Brief ein.
