8. Amors Erben – Es gibt auch Engel ohne Flügel
Juli
Kopfschüttelnd
drehte Hannah Hugos Brief zwischen den Fingern.
„Es ist nicht
zu fassen, es ist einfach nicht zu fassen…"
Sie lief unruhig
im Wohnzimmer auf und ab.
„Was ist nicht zu fassen?",
Alessandro schloss die Balkontür und kam auf seine Freundin zu.
Hannah wedelte mit dem Brief. „Hier, von Hugo! Den habe ich
heute bekommen. Es ist nicht zu glauben! Sie sind gar nicht
verheiratet! Er hat längst schon wieder ´ne Neue und sie
hat Berlin mit unbekanntem Ziel verlassen!"
„Stop, Stop, Stop!", bremste Alessandro den wirren Redefluss seiner Freundin, „Jetzt beruhige Dich erst mal und dann erzähle der Reihe nach. Bei Deinem Gerede wird einem ja ganz schwindelig!"
Hannah
ließ sich auf das Sofa fallen.
„Hier, ließ selber!"
Alessandro setzte sich neben sie und studierte den Brief, den sie
ihm gereicht hatte.
„Gibst Du mir noch mal Rokkos Brief?"
Hannah reicht ihm die Zeilen, die sie wenige Tage zuvor erreicht
hatten.
Er widmete sich auch diesem Schreiben und legte es dann
mit einem Seufzer neben Hugos Brief auf den Wohnzimmertisch.
Hugos
Brief war angefüllt von Tratschereien und Gerüchten in der
Modewelt im Allgemeinen und Kerima im Speziellen.
Genüsslich
und detailreich berichtete er auch von der Trennung des
Kerima-Traumpaares. Es war auch viel dummes Zeug dabei, aber die
dazwischen geschilderten Fakten zeichneten ein trauriges Bild der
vergangenen Monate.
David Seidel hatte seine junge Ehefrau
also bei erster Gelegenheit betrogen. Sie war daraufhin fortgelaufen
und hatte sich wochenlang versteckt. Im Frühjahr war sie dann
traurig und desillusioniert nach Berlin zurückgekehrt. Ein
Versöhnungsversuch von Davids Seite war gescheitert und
daraufhin hatte er sein altes Lotterleben wieder aufgenommen. Und
kurz nachdem herausgekommen war, dass ihre Trauung unwirksam war,
hatte Lisa die Stadt mit unbekanntem Ziel verlassen.
Jeder
Versuch der Seidels, ihren Aufenthaltsort zu ermitteln, war an dem
erbitterten Widerstand der Plenskes gescheitert. Es schien, als wäre
zwischen den beiden Familien inzwischen ein regelrechter Krieg
ausgebrochen.
Rokkos Zeilen dagegen waren wesentlich
verhaltener. Nur der letzte Absatz machte Alessandro stutzig:
Er
schien von dem, was in der Zwischenzeit in Berlin geschehen war,
keine Ahnung zu haben!
Und wenn ihn sein Instinkt nicht trügte,
empfand dieser Mann noch eine ganze Menge für Lisa Plenske.
„Also, wenn Du mich fragst – da geht was!", Alessandro
grinste Hannah verschwörerisch an.
Hannah verstand seinen
Blick und erwiderte ihn mit einem Funkeln in den Augen.
„Und,
was schlägst Du vor?"
„Nun, als erstes schlage ich mal
vor Du nimmst Dir übernächste Woche ein paar Tage frei und
begleitest mich zu dem Profiling-Symposium – das findet nämlich
in Hamburg statt!
Dann schlage ich vor, Du greifst Dir Dein
Schreibzeug und kündigst diesem Rokko unseren Besuch an. Wäre
doch gelacht, wenn wir ihm nicht ein wenig auf den Zahn fühlen
könnten!
Ich werde derweil noch einmal meine Kontakte
spielen lassen und herausfinden, wo diese Lisa steckt."
Alessandro
hatte Spaß an diesem Spiel gefunden.
Rechtzeitig zur Abreise hatte sie auch Lisas neue Adresse – bei ihr hatte es wesentlich schneller funktioniert als bei Rokko!
„Rokko in
Hamburg, Lisa in Hannover – wenn ich abergläubisch wäre,
würde ich jetzt glauben, das ist ein Zeichen!", Hannah packte
ein paar letzte T-Shirts in ihrer Reisetasche.
„Wer weiß?
Vielleicht ist es das auch. Vielleicht suchen sie ja unterbewusst
immer noch die Nähe des Anderen? Ich meine, so etwas soll es ja
geben, so eine Art „unbewusste Verbindung"."
Hannah
kicherte leise. „Du klingst schon wie Lisa!
Aber irgendwie
gefalle ich mir in der Rolle als Liebesengel!"
Alessandro
kam auf sie zu und nahm sie liebevoll in den Arm.
„Eins nach
dem anderen. Jetzt lass uns aber erst mal nach Hamburg fahren und
diesen Rokko unter die Lupe nehmen. Danach können wir
beratschlagen, wie es weitergeht."
